Werner Stangls Lehrtext.Sammlung
WWW: http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at:4711/LEHRTEXTE/Lehrtexte.html
Der download dieses Textes und die Spiegelung auf dem server http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/ erfolgte ausschließlich zu Lehr- und Dokumentationszwecken bzw. zur Gewährleistung einer gewissen Stabilität der Informationen und berührt nicht das Copyright der jeweiligen AutorInnen! Damit soll den userInnen (StudentInnen, SchülerInnen) die Nachprüfbareit der Originalquellen ermöglicht werden, die im internet aufgrund der Dynamik des Entstehens und Vergehens von pages selten gegeben ist.
Falls sich AutorInnen durch diese Form der Dokumentation in ihrem Urheberrecht verletzt fühlen, bitte eine mail an den webmaster: werner.stangl@jku.at
Diese Seite gehört zu "Werner Stangls homepage der internetunterstützen Lehre": http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at:4711/default.html
DAS JAHRHUNDERT DER ENTDECKUNGEN
Freud und die Erforschung des Ichs
Nichts hat den Blick auf
das menschliche Dasein so verändert wie die Lehren Freuds. Doch
seine Psychoanalyse bleibt umstritten: für die einen
Schlüssel zur Seele, für die anderen Scharlatanerie. Im
Zeitalter der Psychokulte sind Millionen weiter auf der Suche nach
sich selbst.
Mehr als eine Theorie der Seele
Von Peter Gay
Wir alle sprechen die Sprache Freuds, ob wir es wissen oder nicht, ob wir ihn hoch verehren oder tief verachten. Die psychoanalytische Lehre, oder zumindest der psychoanalytische Jargon, ist unaustilgbarer Bestandteil unserer Welt geworden. Wir sprechen von Ödipuskomplexen, Sublimierung, Penisneid, Ambivalenz oder von Repression, vielleicht ohne die geringste Ahnung, woher diese Worte stammen oder ob wir sie richtig anwenden. Kurz: Freud ist berühmt.
|
"Liebe ist angeboren" Freud-Enkelin Sophie Freud "Mein Großvater meinte ja, daß die beiden Triebe, Sexualität und Aggression, unbedingt zusammengehören, gleichsam aus gleicher Quelle gespeist werden. Ich dagegen bin der Meinung, daß speziell die in Gewalt ausartende Aggression kein natürlicher Trieb ist, sondern eine fehlgeleitete Entwicklung. Unser gesamtes Jahrhundert scheint in Gewalt eingebettet zu sein, auch Sex wird fast nur gewaltsam gelebt. Dabei ist wirklich frei und gleichberechtigt gelebter Sex etwas sehr Liebevolles, Friedliches. Mit Erich Fromm meine ich, daß der Mensch nicht instinktiv aggressiv ist, daß Aggression keine biologische Notwendigkeit ist, sondern von Menschen entwickelt wird, die sich wehren wollen. Liebe als Zuneigung ist eher angeboren als Feindseligkeit gegenüber anderen Menschen, meint Fromm im Gegensatz zu meinem Großvater, der etwa Kriege als fast unvermeidliche Konsequenz des menschlichen Aggressionstriebs interpretiert."
Sophie Freud, 74, arbeitete als Psychologieprofessorin am Simmons College in Boston und ist eine harte Kritikerin der klassischen Psychoanalyse ihres Großvaters. |
Berühmt, aber nicht beliebt. In den zwanziger Jahren, als er dem allgemeinen Publikum ein Begriff wurde, war er ,,Dr. Sex", der Arzt, der in sexueller Promiskuität das unfehlbare Heilmittel für neurotische Beschwerden sah. Daß dies eine grobe Entstellung der Freudschen Lehre war, ist erst später klar geworden. Und bis heute bleibt er oberflächlichen Angriffen und tendenziösen Vorbehalten ausgesetzt.
Unsere seelische Welt ist einfach undenkbar ohne ihn und wird es auch bleiben, jedoch in einer Weise, die Freud selbst nur verwirrt oder verärgert hätte. Er hat vorausgesagt, daß seine Theorien nicht ohne Anhänger bleiben würden, besonders in den Vereinigten Staaten. Anhänger, die, so fürchtete er aber auch, seine psychoanalytischen Einsichten über kurz oder lang ruinieren würden.
Dazu ist es nicht gekommen, jedoch der Einfluß Freuds und dessen kulturelle Bedeutung sind heute so umstritten wie vor einem Jahrhundert, als er seine ersten psychoanalytischen Schriften veröffentlichte.
Freuds Leben ist so kontrovers wie seine Lehre, und seine unerbittlichsten Gegner versuchen seit langem, die letztere mit oft schlecht begründeten Anekdoten aus dem ersten zu diskreditieren. War er ein Papst, der über seiner Gemeinde thronte? Ein Diktator, der keinen Widerspruch tolerieren konnte? Ein Lügner, der seine Fallstudien "korrigierte", bevor er sie der Öffentlichkeit unterbreitete, und noch dazu ein untreuer Ehemann, der mit seiner Schwägerin eine Liebesaffäre hatte? Dann kann seine große "Erfindung", die Psychoanalyse, auch nichts taugen. So urteilen seine Feinde, unlogisch in ihrem Zorn.
Sigismund Schlomo Freud (er hat seinen jüdischen Vornamen nie verwendet und seinen Rufnamen schon als junger Student abgekürzt) kam am 6. Mai 1856 in dem mährischen Städtchen Freiberg, dem heutigen Príbor in Tschechien, zur Welt. Als Erstgeborener Amalia Freuds ist er immer ihr Liebling geblieben. Amalia war Jacob Freuds dritte Frau, 20 Jahre jünger als ihr Mann, gut aussehend, selbstbewußt und nicht wenig herrschsüchtig. Freuds Vater war ein kleiner, beinah mittelloser Textilhändler, dem es im Lauf der Jahre langsam pekuniär besserging, besonders nachdem die Familie Freud 1860 in Wien Fuß fassen konnte.
Es war eine jüdische Familie, in der die religiöse Observanz jedoch eine ziemlich kleine Rolle spielte. Sigmund Freud selbst wurde schon als Halbwüchsiger ein aggressiver Atheist und hat diese Haltung niemals aufgegeben. Seine Bereitschaft, sich ohne Gott durch das Leben zu schlagen, bedeutete allerdings nicht, daß er sich nicht zum Judentum bekannt hätte.
Seine jüdischen Mitbürger, die sich assimilieren wollten und sich aus Berechnung taufen ließen, verabscheute Freud zutiefst. Er hatte zwar, wie er mehrfach betonte, sowenig für die jüdische wie für alle anderen Religionen übrig. Besonders in seinen letzten Lebensjahren war er jedoch geneigt, ein geheimnisvolles ererbtes jüdisches Element in seinem Wesen zu erkennen und zu begrüßen, ein Element, das irgendwie die Jahrhunderte überlebt hatte. Und auf diese Erbschaft war er stolz.
"Ich habe nie begriffen", schrieb er 1925 in seiner "Selbstdarstellung", "warum ich mich meiner Abkunft, oder wie man zu sagen begann, Rasse, schämen sollte." Wann auch immer der Antisemitismus sein häßliches Haupt erhob 1873 an der Universität Wien, 1897, als der Antisemit Karl Lueger Bürgermeister von Wien wurde, in den zwanziger Jahren, als die Nazis in Deutschland zu lärmen begannen , es mangelte Freud nie an Courage. In einem Interview im Jahre 1926 er war 70 faßte er seine Haltung klar und bündig zusammen: "Meine Sprache ist deutsch. Meine Kultur, meine Bildung sind deutsch. Ich betrachtete mich geistig als Deutschen, bis ich die Zunahme des antisemitischen Vorurteils in Deutschland und Deutschösterreich bemerkte. Seit dieser Zeit ziehe ich es vor, mich einen Juden zu nennen."
Zum Stolz seiner Eltern zeigte sich der junge Freud brillant und frühreif. In der Schule und im Gymnasium war er meistens der Primus. Auch als Student ab 1873 an der Universität Wien enttäuschte er seine Familie und seine Professoren nicht. Seine frühesten Arbeiten beweisen eine außerordentliche Auffassungsgabe, einen intellektuellen Wagemut und ein Talent für lesbare, oft originelle Prosa.
Er wollte Jura studieren, aber das, was er "eine Art von Wißbegierde" nannte, eine Leidenschaft, die keine Grenzen kannte, bewegte ihn, auf Medizin umzusatteln. Die Aussicht, Arzt zu werden, erfreute ihn nicht besonders; doch hoffte er, den Geheimnissen des seelischen Lebens, die ihn schon als jungen Mann fasziniert hatten, auf die Spur zu kommen. Nur seine finanzielle Misere und seine Leidenschaft für Martha Bernays, in die er sich 1881 verliebte, veranlaßten ihn schließlich, eine private Praxis zu eröffnen, so daß er 1886 endlich heiraten konnte.
Bald spezialisiert auf das, was man in jenen Jahren unter der vagen Rubrik "Neurasthenia" verstand, begann Freud, von seinen neurotischen Patienten meist Patientinnen zu lernen. Er fing an, ihre (und auch seine) Träume niederzuschreiben, und es wurde ihm klar, daß ein schweigsames und geduldiges Zuhören ergiebige Resultate in der Psychotherapie bringen kann. 1895 analysierte er seinen ersten Traum, bekannt als der Traum von "Irmas Injektion", den er später in seinem ersten Meisterwerk, "Die Traumdeutung" (1900), als ein Modell benutzte, um zu erklären, wie er als erster Psychoanalytiker der Welt Träume interpretieren konnte und wie solche Interpretationen dem Verstehen von Neurosen dienen können.
In den neunziger Jahren hatte er auch entdeckt, wie stark sexuelle Wünsche und Ängste die Krankheitsgeschichte seiner Patienten beeinflußten. Ein heikles Thema, das die meisten Ärzte seiner Zeit mit größter Vorsicht vermieden. Freud kannte solche Hemmungen nicht. Einige Jahre lang vertrat er sogar die extreme These, daß sexueller Mißbrauch von Kindern alle Neurosen verursache.
1897 mußte er die Unhaltbarkeit dieser Erklärung zugeben. Es war ein schwieriger Moment für Freud. Schlimmer noch, dieser Fehlschlag seiner sensationellen These konfrontierte ihn, wie schon mehrfach vorher, mit einer persönlichen Niederlage: Er war über 40 Jahre alt, Vater von sechs Kindern mit einem ziemlich schwankenden Einkommen. Sein Leben lang sah er sich als ehrgeizigen Wissenschaftler, der unbedingt etwas Außerordentliches leisten, etwas entdecken wollte, das ihn berühmt und finanziell unabhängig machen würde.
Glücklicherweise war es typisch für Freuds Charakter, daß er fruchtbare Konsequenzen aus dieser Episode ziehen konnte: Sie zeigte ihm den Weg zu einer bisher vernachlässigten seelischen Tätigkeit, der Phantasie, die für den Psychoanalytiker genauso "wirklich" ist wie eine realistische Erfahrung. Das einzigartige Experiment, das er in diesen Jahren unternahm, eine Selbstanalyse, wurde seine Einführung in die dunkle Welt der Psychoanalyse.
Zugegeben, er hatte seine Vorgänger. Man denke an den Heiligen Augustin, an Montaigne oder an Rousseau, vielleicht an Goethe. Aber keiner von ihnen hatte das Abenteuer der Selbstprüfung so weit getrieben, so systematisch verfolgt wie Freud. Das Rohmaterial für diese Analyse bildeten seine eigenen Fehlleistungen, seine Träume, seine obskursten Gedankengänge. Die erste Psychoanalyse blieb somit eine rein interne Angelegenheit: Sie war ein ernstes Spiel, für das er erst die Regeln erfinden mußte und das für seine Findigkeit und seine Offenheit steht.
Dann, im November 1899 (mit dem Impressum 1900), veröffentlichte Freud schließlich sein bis dahin wichtigstes Buch, das mit seiner Selbstanalyse eng verbunden war, "Die Traumdeutung". Es war überraschend sowohl in der Konzeption als auch in der Ausführung. Freud, jetzt schon ein renommierter Neurologe, hatte viele Jahre einer großangelegten Studie über eine allgemeine menschliche Erfahrung gewidmet: Alle Menschen träumen und haben immer geträumt.
Freuds strategische Absicht bei der Wahl seines Themas war klar: Er hatte nicht weniger im Sinn, als das Fundament einer universalen Psychologie zu legen, und er konnte das am besten mit einem Thema bewirken, das jeder Leser am eigenen Leib oder besser, in seiner eigenen Seele erfahren hatte. Kompliziert wie "Die Traumdeutung" sein mag, mit ihren reichen Beispielen, ihren sorgfältigen Analysen von der unbewußten Taktik des Träumers, von dem berühmten, schwersten, letzten Kapitel des Buches ganz zu schweigen, das Werk bietet eine im Grunde einfache Erklärung des Traumes an: Er zeigt mit allen seinen Umwegen, allen seinen Verzerrungen und innerer Zensur verborgene Wünsche als erfüllt.
Fünf Jahre später erschien eine weitere Stütze der Psychoanalyse, sein zweites Meisterwerk: "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie", ein Thema, das ihn schon lange beschäftigt hatte. Anfangs sehr schmal, wurde die berühmte Studie mehrfach neu aufgelegt und mit jeder neuen Auflage erweitert. Ruhig und überlegt erläuterte Freud die "Perversionen" ohne moralischen Affekt und reihte sie in den breiten Fächer des "normalen" Liebeslebens ein. Die "Drei Abhandlungen" waren Freuds Tribut, den er dem Sexualtrieb zollte. Seither ist die Libido nicht mehr vernachlässigt worden.
Mittlerweile hatte Freud seine ersten Anhänger gefunden. Von 1902 an hatte sich eine kleine, langsam wachsende Gruppe jeden Mittwochabend in Freuds Wohnung versammelt, rauchte starke Zigarren und diskutierte Freuds Ideen anhand von Interpretationen von Romanen und Fallstudien.
Freud selbst machte sich 1905 daran, seine eigenen Fallstudien herauszubringen. Fünf von diesen vieldiskutierten Fällen, unter ihnen das immer noch heißumstrittene "Bruchstück einer Hysterie-Analyse", der sogenannte Fall Dora, werden in psychoanalytischen Instituten noch heute als beispielhaft oder wenigstens als wegweisend gelesen. Und in diesen Jahren wandte sich Freud auch anderen Gebieten menschlicher Tätigkeit zu, jeweils bestrebt, die Psychoanalyse als eine allgemeine Psychologie anzuwenden.
In dieser vielversprechenden Atmosphäre ließ die Organisation einer kleinen internationalen Schar von Psychoanalytikern nicht lange auf sich warten. Freuds System hatte Anhänger in anderen Ländern gewonnen, besonders in Großbritannien, der Schweiz und den Vereinigten Staaten, und es schien an der Zeit, Tagungen und Zeitschriften ins Leben zu rufen.
Aber schon vor dem Ersten Weltkrieg machten sich mehrere von Freuds Getreuen selbständig, um ihre eigenen Schulen zu gründen. Diese Selbstbefreiung ging nicht ohne gegenseitige Vorwürfe und Bissigkeit ab. Die renommiertesten unter den "Abtrünnigen" waren der Wiener Arzt und Sozialist Alfred Adler, der mit seiner optimistischen "Individualpsychologie" Freuds zentraler Bedeutung von triebgebundener Sexualität und Aggression widersprach, und der weit respektierte Zürcher Psychotherapeut Carl Gustav Jung, für den in seiner eigenen "Analytischen Psychotherapie" die Sehnsucht des Menschen nach Verschmelzung mit einem höheren Selbst im Mittelpunkt stand.
Freud ließ Adler gehen, ohne viel zu trauern. Andererseits war 1912 die "Desertion" Jungs ein besonders schwerer Verlust und schmerzte ihn sehr. Er hatte Jung als seinen "Kronprinzen" aufs Panier gehoben und als seinen Nachfolger auserkoren. Jung war, im Unterschied zu Freuds Wiener Anhängern, kein Jude, und Freud war auf jeden Fall bedacht, seine Errungenschaften als Seelenforscher nicht als eine jüdische Wissenschaft abgetan zu sehen.
Er hatte aber kaum erwarten können, daß im heikelsten Gebiet der Seelenforschung, in dem man ungeniert über die privatesten Angelegenheiten diskutieren konnte, alles friedlich verlaufen würde. Das menschliche Sexualleben war ein Gebiet, in dem auch die bestinformierten Spezialisten, manchmal sogar Freud, im dunkeln tappten. Fortwährende Einstimmigkeit zu erwarten war reine Utopie.
Die Zwiste, die die Psychoanalytiker entzweiten, wurden nicht nur von unterschiedlichen theoretischen, sondern auch von therapeutischen Ansätzen ausgelöst. Von Anfang an war die Psychoanalyse für Freud mehr als eine Theorie der Seele. Sie war in der therapeutischen Praxis geboren und nahm den Verlauf und die Resultate psychoanalytischer Behandlung als echte Beweise oder Widerlegungen von Aspekten der Theorie.
Diskussion von Fällen auf analytischen Tagungen oder an neugegründeten Instituten waren Wege, Fragen zur Methode aufzuwerfen und zu klären. Und von 1911 an, allen Zerwürfnissen in Wien und Zürich zum Trotz, machte sich Freud daran, seinen Kollegen, mit rund einem halben Dutzend von Aufsätzen, Ratschläge zu erteilen.
Diese Artikel waren offen didaktisch, als Anweisungen für Psychoanalytiker gedacht. Seither ist in der analytischen Praxis viel geschehen. Diese Texte jedoch, kurz, klar, witzig, über den ersten Tag der Behandlung, der Handhabung von Träumen während der Analyse, über die "Übertragungsliebe" des zu Analysierenden für seinen (oder ihren) Analytiker und andere Themen sind, wenngleich nicht unumstritten, aktuell geblieben; sie haben dem Analytiker immer noch viel zu sagen.
Obwohl diese Artikel als die Gesetze der Psychotherapie gelten sollten, hielt sich Freud oft nicht daran, sondern ignorierte sie, wenn es ihm paßte. So fing er kurz nach dem Ersten Weltkrieg an, seine Lieblingstochter Anna zu analysieren, eine grobe Verletzung der Grundregel, daß ein Analytiker nie gute Freunde, geschweige denn Verwandte auf die Couch legen soll, weil damit die notwendige Distanz zwischen Analytiker und Analysand nicht vorhanden ist. Es war, als ob er seine Anna keinem anderen Analytiker anvertrauen konnte, als ob Freud Freud nicht gelesen hätte.
Die vier Kriegsjahre, in denen er um seine drei Söhne in der österreichischen Armee bangte, hatten ihm auch ungesuchte, in der Tat unwillkommene Freizeit gegeben, die er genutzt hatte, seine fundamentalen Theorien durch- und umzudenken und dem Gebäude der Psychoanalyse seine endgültige Form zu geben endgültig wenigstens aus Freuds Sicht. In zwei Abhandlungen, "Jenseits des Lustprinzips" (1920) und "Das Ich und das Es" (1923), legte er die Struktur der Seele dar. Sie besteht so Freud aus drei Instanzen:
Das "Es" ist das geheime, unzugängliche Reservoir, das aus Angeborenem sowie aus Verdrängtem besteht, sich dem Bewußtsein des Menschen völlig entzieht und sich nur indirekt, durch Träume, Symptome und Fehlleistungen bemerkbar macht.
Das "Ich" andererseits, obwohl auch teilweise unbewußt, setzt sich zusammen aus vernünftigem Kontakt mit der Außenwelt und aus Abwehrmechanismen, die Menschen vor überwältigenden Reizen schützen sollen. Ohne das Ich gibt es keine Selbstkontrolle, keine Zivilisation.
Endlich, drittens, das "Über-Ich", das dem Gewissen ähnlich ist, obwohl ein Teil dieser Instanz ebenfalls unbewußt bleibt. Hauptsächlich hier spielen sich die inneren Konflikte ab, unter denen auch die gesundesten Menschen leiden müssen.
Bis in sein sechstes Lebensjahrzehnt hinein hatte sich Freud guter Gesundheit erfreut, doch 1923 erkrankte er an Rachenkrebs. Der passionierte Zigarrenraucher, der ohne seine Havanna nicht auskam, kaum klar denken konnte, war gezwungen, sich in den folgenden 16 Jahren mehr als 30 schmerzhaften Eingriffen zu unterziehen. Es fiel ihm schwer, klar zu sprechen. So beauftragte er seine Tochter Anna, die sich inzwischen einen Namen als Kinderanalytikerin gemacht hatte und des Vaters hochgeschätzte und geliebte "Ananuensis" geworden war, ihn bei feierlichen Anlässen oder bei Kongressen zu vertreten. Doch Freud hörte nicht auf, zu analysieren und einflußreiche Aufsätze zu schreiben.
Die meistgelesenen unter ihnen waren "Die Zukunft einer Illusion" (1927), sein endgültiges Fazit über die Religion, und "Das Unbehagen in der Kultur" (1930), eine brillante Zusammenfassung seiner politischen Philosophie. Dieser Essay über die Kultur steht im Zeichen dieser unruhigen Jahre und der wachsenden Bedrohung durch die Nazis in Deutschland.
Im März 1938, fünf Jahre nachdem Hitler Kanzler geworden war, mußte Freud erleben, wie sein Wien, eine Großstadt, die er haßte und liebte, von deutschen Truppen besetzt wurde. Hitler war triumphierend nach Österreich zurückgekehrt. Nach wenigen Tagen, nach brutalen Mißhandlungen von Juden in den Straßen der größeren Städte, wurde Österreich vom Nazi-Reich Deutschland annektiert. Alt und krank und nachdem seine Tochter Anna von der Gestapo verhört worden war, entschied sich Freud, nach England auszuwandern. Und dort, in London, am 23. September 1939, ist er, um seine Sprache zu benutzen, in Freiheit gestorben.
Sein Tod war wie sein Leben eine mutige Entscheidung, mit der er eine gewisse Kontrolle über sein Schicksal behielt. Sicher, daß er dem Sterben nah war, bat er seinen Arzt Max Schur, die Angelegenheit mit seiner Tochter Anna zu besprechen und, falls sie zusagte, ihm genug Morphium zu spritzen, daß das baldige Ende unvermeidlich war. Freuds Tod war ein stoischer Selbstmord mit ärztlicher Beihilfe.
Zwei Ideen stellte Sigmund Freud bei den Grundlagen der Psychoanalyse in den Vordergrund: die Allmacht der Kausalität und die Unvermeidlichkeit der Konflikte.
Erstens: Freud sieht die menschliche Seele als einen Bestandteil der Natur. Die Regeln, denen sie folgt, sind schwer zu ergründen. Es ist die Hauptaufgabe der psychoanalytischen Forschung, sie zu entdecken. Kurz: Das Seelenleben unterliegt kausalen Gesetzen wie alle anderen natürlichen Phänomene.
Es gibt zwar Zufälle in Freuds Welt, alle sind aber unvorhergesehene Konsequenzen von Ursachen, die sich überkreuzt haben. Keine Resultate ohne Ursachen. Das bedeutet, daß seelische Vorgänge wie Träume, Fehlleistungen und Symptome, so bizarr und sinnlos sie erscheinen mögen, alle ihre Ursachen haben.
Zugegeben, diese kausalen Zusammenhänge sind keineswegs alle gleich einflußreich. Und um mit dem berühmten geflügelten Wort zu reden, das Freud vermutlich nie ausgesprochen hat: Manchmal ist eine Zigarre nur eine Zigarre. Freud hatte eine Art Landkarte zur Entschlüsselung dieses Labyrinths entwickelt, die den Weg von der Unverständlichkeit zur Verständlichkeit weisen kann.
Dabei ist die Arbeit des Psychoanalytikers aber nicht eine Sinngebung des Sinnlosen, denn was zunächst unsinnig erscheint, ist doch sinnvoll, muß aber erst aus seinem Versteck hervorgelockt werden. Auch wenn keine kausalen Zusammenhänge im geistigen Leben zu entdecken sind, müssen sie trotzdem irgendwo verborgen existieren. Und Freud benützte diese Folgerung als einen Beweis nicht den einzigen für sein heute noch umstrittenes Postulat einer dynamischen inneren Region, das Unbewußte, in die die Menschen unangenehme und angsterregende Ideen und Wünsche aus dem Bewußtsein treiben und auf diese Weise versuchen, sie loszuwerden. Freuds Fachbegriff dafür ist "Verdrängung".
Er sieht den Menschen als ein Tier, das wünscht. Die hartnäckigsten seiner Triebe, Libido und Aggression, tun ihr Äußerstes, ihr ungeduldiges leidenschaftliches Drängen in Wirklichkeit zu übersetzen, und das so schnell wie möglich. Von den frühesten Lebensmonaten des Kleinkindes an verweigert das Leben ihm aber viele seiner Wünsche oder zwingt es, sie auf irgendeine Weise einzuschränken.
Eltern, Kindermädchen, Geschwister und später Lehrer, Geistliche oder andere Autoritäten sorgen für solch eine Anpassung an die Kultur. So wird das menschliche Leben zu einem ständigen Kompromiß. Es zwingt das Kind, auf Nahrung zu warten, seine Wut im Zaum zu halten, seine Geschlechtsteile nicht anzurühren und dergleichen mehr. Erziehung ist zu großen Teilen eine Schule der Entsagung, des Sich-Bescheidens.
Zweitens: All dies bringt, so Freuds zweite Grundlage der Psychoanalyse, unvermeidlich innere Konflikte mit sich. Als Pessimist von Beruf hat er das innere Leben als einen beinah ständigen, oft erschöpfenden Kampf gesehen. Das Beste, was der Mensch erhoffen kann, ist ein Waffenstillstand zwischen dem Verlangen der Triebe und dem Widerstand der Kultur. Und dieser Widerstand, den das heranwachsende Kind in sich aufnimmt "internalisiert" , gibt dem dringendsten seiner Wünsche den Anschein der Obszönität oder Kriminalität.
In der positiven, einfachen Version des Ödipuskomplexes tötet der Sohn seinen Vater und schläft mit seiner Mutter kaum respektable Wünsche. Deshalb lernt das Kind, solche Wünsche soweit wie möglich von sich zu weisen, sie aus dem Bewußtsein zu verbannen wie Freud sagt, sie zu "verdrängen".
Diese beiden Grundregeln sind aus Freuds Sicht allgemeingültig. Kritiker haben ihm unhistorisches Denken vorgeworfen, da, nach seiner Darstellung, die alten Griechen, die sogenannten primitiven Völker der Südsee und die modernen Wiener nur triviale Unterschiede aufweisen würden. Das ist ein Mißverständnis. In Freuds Psychologie gibt es Grundtendenzen des menschlichen Lebens, die immer und überall unwandelbar sind, sich aber sehr unterschiedlich ausdrücken können.
In einer wichtigen Stelle in seiner "Traumdeutung", die bisher nicht genug beachtet worden ist, zeigt Freud, daß etwas so Grundsätzliches wie der Ödipuskomplex nicht immer in derselben Form erscheint: "In der veränderten Behandlung des nämlichen Stoffes", in Sophokles' "König Ödipus" und Shakespeares "Hamlet", "offenbart sich der ganze Unterschied im Seelenleben der beiden weit auseinanderliegenden Kulturperioden, das säkulare Fortschreiten der Verdrängung im Gemütsleben der Menschheit."
"Die Psychoanalyse", schrieb Freud 1913, "hat zwar die individuelle Psyche zum Objekt genommen, aber bei der Erforschung derselben konnten ihr die affektiven Grundlagen für das Verhältnis des einzelnen zur Gesellschaft nicht entgehen."
Wie wir schon an Freuds "Traumdeutung" gesehen haben, machte sein Ehrgeiz nicht an der Couch halt. In dem Aufsatz über "Das Interesse an der Psychoanalyse" nannte er beispielhafte Forschungsgebiete wie Philosophie, Sprachwissenschaft, Biologie, psychologische Entwicklungsgeschichte, Kulturgeschichte, Kunstwissenschaft, Soziologie und Pädagogik. Trotz dieser Versuche hat Freud nur wenige theoretische Ansätze für die psychoanalytische Behandlung solcher Forschungsgebiete gemacht. So ist seine "Massenpsychologie und Ich-Analyse" (1921), in der er Beobachtungen über die erotischen Grundlagen der Formierung von Gruppen macht, nicht mehr als ein interessanter, wertvoller Ansatz geblieben.
In den ersten Sätzen behauptet er: "Der Gegensatz von Individual- und Sozial- oder Massen-Psychologie, der uns auf den ersten Blick als sehr bedeutsam erscheinen mag, verliert bei eingehender Betrachtung sehr viel von seiner Schärfe. Im Seelenleben des einzelnen kommt ganz regelmäßig der andere als Vorbild, als Objekt, als Helfer und als Gegner in Betracht, und die Individualpsychologie ist daher von Anfang an auch gleichzeitig Sozialpsychologie in diesem erweiterten, aber durchaus berechtigten Sinne." Diese Sätze lesen sich wie eine Aufforderung, der aber die psychoanalytische Zunft bis heute nicht gefolgt ist.
Bleibt die Frage, warum Freud, ein Jahrhundert nachdem er seine ersten bahnbrechenden psychoanalytischen Ideen entwickelt hat, als Mensch wie als Theoretiker so umstritten geblieben ist und es wahrscheinlich auch bleiben wird.
Seine schärfsten Gegner haben ihn als einen Scharlatan abgetan, einen Zauberer mit verführerischen Phrasen, der in dem traurigen Reich des seelischen Leidens herumgepfuscht hat, einen intellektuellen Hochstapler, der das Glück gehabt habe, unkritische Verehrer zu finden.
Aber diese Kritik leidet genau an jenen Fehlern, die Freuds Bewunderern vorgeworfen worden sind: Leichtfertigkeit und Dogmatismus. Es ist nicht uninteressant, daß in letzter Zeit die Psychologie, von der Freud lange Jahre pauschal abgelehnt wurde, zentrale Elemente der psychoanalytischen Lehre aufnimmt, manchmal sogar auch Freuds Namen erwähnt.
Zweifellos stehen die Theorien der Psychoanalyse wie alle anderen wissenschaftlichen Theorien unter dem Zwang ständiger Revision. Sie erfordert Offenheit, die besonders im Rausch der ersten Jahre der Psychoanalyse allzu viele Analytiker blind vernachlässigt haben "Wenn's im Freud steht, muß es wahr sein." Sie ist aber nicht mehr aktuell: Die Psychoanalyse hat sich nicht von Freud, sondern vom Zerrbild eines Übermenschen befreit.
Weniger emotional beladene Tadler haben sich vorsichtiger ausgedrückt. Sie behaupten, daß Freuds Menschenbild keine Allgemeingültigkeit habe, sondern nur auf seine eigene bürgerliche Klasse und seine eigene Stadt Wien zutreffe.
Diese Behauptung ist leicht zu widerlegen: In mehr als 40 Jahren psychoanalytischer Praxis hatten Amerikaner, Engländer, Franzosen, Russen, Deutsche und Österreicher, sowohl Christen als Juden, sowohl Männer als Frauen, auf Freuds --- S.105 Couch gelegen. Je besser man Freud kennt, desto komplizierter müssen unsere Aussagen über ihn sein.
Es gibt freilich auch politische Gründe, sich gegen Freuds Ideen aufzulehnen. Feministinnen haben ihm vorgeworfen, daß er sich in drei späten Aufsätzen zur weiblichen Sexualität herablassend über "das Weib" ausgelassen hat. Ihre Irritation ist nicht unberechtigt. Seine Behauptung, daß das "Über-Ich" der Frau seichter, weniger anspruchsvoll sei als das des Mannes kurz: daß die Frau leichter lüge als der Mann ist nicht nur arrogant, sondern auch vollkommen unsinnig. Es ist keineswegs nur ein Ausdruck der Political correctness, daß heute Psychoanalytiker Freuds Ausführungen über die Psyche der Frau einstimmig ablehnen.
Freud war ein Mensch mit Widersprüchen, ein guter Bürger des viktorianischen Zeitalters. Man erkennt es an seinen Möbeln, seinem Geschmack in Literatur und Kunst. Zur gleichen Zeit aber war er man denke an seine Vorschläge für eine freiere Sexualität und seine Weigerung, Homosexuelle als Verbrecher, Sünder, Degenerierte oder Geisteskranke einzuschätzen ein Radikaler, ein Bourgeois, der Bomben in seinem Wohnzimmer herstellte.
Wie steht es heute um Freud, und wie wird es morgen um ihn stehen? Die erste Frage ist schwer, die zweite unmöglich zu beantworten. Die neue Hirnforschung bedroht die Freudschen Lehren. Während bisher die Umgebung für das seelische Leben verantwortlich gemacht wurde, scheint jetzt alles Natur, alles Ererbtes zu sein.
Es ist aber noch zu früh, über die Psychoanalyse den Stab zu brechen. Seit einiger Zeit setzen sich Analytiker und Gehirnforscher zusammen, um zu entdecken, was diese beiden weit auseinanderklaffenden Wissenschaften gemein haben. Vielleicht wird ein Freud der Zukunft eine physiologische Psychologie oder eine psychologische Physiologie formulieren, welche die Einsichten beider Seiten zu einer großen Synthese zusammenfassen kann.
Freud selbst hielt die "talking cure" keineswegs für unfehlbar. In seinem unvollendeten letzten Buch "Abriß der Psychoanalyse", an dem er im Londoner Exil bis zu seinem Tod arbeitete, schrieb er ausdrücklich: "Die Zukunft mag uns lehren, mit besonderen chemischen Stoffen die (geistigen) Energiemengen und deren Verteilungen im seelischen Apparat direkt zu beeinflussen. Vielleicht ergeben sich noch ungeahnte andere Möglichkeiten der Therapie; vorläufig steht uns nichts Besseres zu Gebote als die psychoanalytische Technik, und darum sollte man sie trotz ihrer Beschränkungen nicht verachten."
Freud hätte den scheinbar unaufhaltsamen Siegeszug der Pharmakologie in den USA mit Skepsis, aber auch mit einer gewissen Sympathie verfolgt und wohl hauptsächlich Einspruch gegen die einseitigen Angriffe auf sein Menschenbild oder seine Theorien über die psychische Entwicklung des Geistes erhoben.
Der Streit um Freuds Erbe ist nie nur ein Disput zwischen Anhängern und Gegnern der Psychoanalyse gewesen. Der Klub der Analytiker hat, besonders nach Freuds Tod, Mitglieder aufgenommen, die sich zwar bekämpften, aber auch behaupteten, daß sie Freuds Ideen nicht entwerten, sondern nur weiterentwickeln wollten. Schließlich fanden sie, und zwar mit Recht, daß Freuds Theorien revisionsmöglich, aber auch revisionswürdig seien.
Die Debatte zwischen Freudschen Richtungen wurde überall, besonders in England, mit Schärfe geführt. 1943 und 1944 lieferten sich die Mitglieder der British Psycho-Analytical Society erbitterte Auseinandersetzungen.
In Frage standen die klinischen und theoretischen Überzeugungen von drei Lagern. Es wäre zu einfach, sie "Schulen" zu nennen, da sich die Richtungen überschnitten: die Kleinianer, die sich, der ungarischen Psychoanalytikerin Melanie Klein folgend, auf die sogenannte präödipale Phase des Kleinkindes konzentrierten; die sogenannte B-Gruppe, die Klein-Kontrahentin Anna Freud am nächsten stand und "orthodox" blieb; und die "Unabhängigen", die die "object relations theory" entwickelten und damit der Behauptung, daß der Einfluß der Triebe auf das seelische Leben unvergleichlich stark ist, entgegentreten. Die Debatten auf Freudschem Boden gehen weiter.
Nur eine Schule, die sozialistisch angehauchte Neo-Freudianische, hat ihre Aktualität verloren. In den fünfziger Jahren hatte Erich Fromm, ihr bekanntester Repräsentant, versucht zu beweisen, daß das seelische Unglück hauptsächlich dem Kapitalismus entspringe und daß daher in einer "vernünftigen" Sozialordnung die Neurosen und die Aggressivität wenn nicht verschwinden, so wenigstens gemindert werden würden. Keine andere psychoanalytische Schule glaubt das heute noch.
Zum Teil ist die Frage Freud eine Frage der Zeit. Die feindselige Haltung ihm gegenüber, die seit den siebziger Jahren mehr und mehr Terrain erobert hat, ist in vieler Hinsicht eine Reaktion auf eine Art alte Liebesaffäre zwischen dem Meister und seinen Schülern, die vor 40, 50 Jahren überhandgenommen hatte, besonders in den Vereinigten Staaten.
Freudsche Paradigmen wurden idealisiert; sie erschienen vielen Sozialwissenschaftlern als das Universalheilmittel für Neurotiker und auch für "neurotische Gesellschaften". Der Gang zum Analytiker war en vogue. Und am Ende kam natürlich, was kommen mußte: die Enttäuschung. Überschätzung konnte nur der Unterschätzung weichen.
Letztlich scheint es mir klar, daß Freud, soviel er auch in uns steckt und zur geistigen Ausrüstung des modernen Menschen beigetragen hat, nie wirklich populär werden wird. Denn Freud ist ein Pessimist, wenn es um die menschliche Natur geht. Die Konflikte, die das Individuum zu einem Gegner der Familie, der Gesellschaft und des Selbst machen, sind unheilbar. Um dieser grimmigen Tatsache zu entfliehen, suchen die Menschen Vergessen in Tagträumen, Rausch, Einsamkeit, Liebe oder in der eitlen Hoffnung, den Tod zu überwinden.
Aber Freud, der als junger Mann schon mit gutem Grund glaubte, daß seine Ideen den Schlaf der Menschheit stören würden, war nicht geneigt, diese Illusionen zu nähren. Es "sinkt mir der Mut", schrieb er im "Unbehagen in der Kultur", "vor meinen Mitmenschen als Prophet aufzustehen, und beuge mich ihrem Vorwurf, daß ich ihnen keinen Trost zu bringen weiß, denn das verlangen sie im Grunde alle, die wildesten Revolutionäre nicht weniger leidenschaftlich als die bravsten Frommgläubigen."
So hat Freud gelebt, und so ist er gestorben. Aber für einen Großteil der Menschheit ist eine solche Lebensphilosophie zu schwer, als daß sie auszuhalten wäre.
Der
Autor
Peter Gay, 1923 als Peter Fröhlich in Berlin geboren und
später mit seinen jüdischen Eltern vor den Nazis nach
Amerika geflohen, lehrte von 1969 bis 1993 Geschichte an der Yale
University. Der Historiker mit psychoanalytischer Ausbildung wurde
1987 mit seinem Monumentalwerk "Freud. Eine Biographie für
unsere Zeit" (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 904 Seiten) zum
international bekannten Freud-Interpreten.
LITERATUR
JOHN FARRELL: "Freud's Paranoid Quest. Psychoanalysis and Modern Suspicion". New York University Press, New York 1996; 276 Seiten Kritische Studie über Freuds Texte und Persönlichkeit.
KRISTA FEDERSPIEL, INGEBORG LACKINGER KARGER: "Kursbuch Seele. Was tun bei psychischen Problemen? BeratungˇSelbsthilfeˇMedikamente. 120 Psychotherapien auf dem Prüfstand". Kiepenheuer und Witsch, Köln 1996; 544 Seiten Ausführliches Nachschlagewerk zu Therapieformen und Anlaufstellen.
ERNST FREUD, LUCIE FREUD UND ILSE GRUBRICH-SIMITIS (Hrsg.): "Sigmund Freud. Sein Leben in Bildern und Texten". Insel Verlag, Frankfurt am Main 1989; 352 Seiten Eine gut ausgestattete Bildbiographie.
COLIN GOLDNER: "Psycho: Therapien zwischen Seriosität und Scharlatanerie". Pattloch Verlag, Augsburg 1997; 424 Seiten Kritische, gut recherchierte Beschreibung und Beurteilung alternativer Therapieangebote.
RICHARD WEBSTER: "Why Freud was Wrong. Sin, Science and Psychoanalysis". Harper Collins Publishers, London 1995; 672 Seiten Detailreiche, besonders kritische Studie über Freuds Werk und Persönlichkeit.
RICHARD WOLLHEIM: "Freud". Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1972; 209 Seiten Immer noch hochinteressante biographisch-intellektuelle Studie.
DER SPIEGEL 53/1998 - Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags