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Jugendliche und
Drogen
Eine aktuelle Situationsanalyse und verschiedene Ansätze der
Drogenprävention und -behandlung von Jugendlichen.
von Dr. Sonja SKOF nach einem Vortrag von Dr. Renate BROSCH
Im Rahmen eines Fachvortrags von Dr. Renate Brosch vom Anton Proksch Institut am 4. 6. 1996 wurde eine aktuelle Situationsanalyse und verschiedene Ansätze der Drogenprävention und -behandlung von Jugendlichen vorgestellt. Bei dieser Veranstaltung der Sektion Pädagogische Psychologie im Berufsverband der Österreichischen Psychologinnen und Psychologen konnte eine kleine Gruppe sehr interessierter und auf diesem Gebiet erfahrenen Psychologinnen und Psychologen begrüßt werden. Die Ausführungen geben eine kurze Zusammenfassung über den Vortrag wieder.
Zur aktuellen Lage
Der jüngste Drogentote in Wien war erst 13 Jahre alt. Laut
Statistik geht das Alter des illegalen Drogenkonsums immer weiter die
Altersstufen hinunter. Es werden in Österreich 10 - 20.000
Suchtkranke (illegale Drogen) geschätzt. Weiters soll zwischen
erlaubten Rauschdrogen (wie Alkohol und Nikotin) und illegalen Drogen
(wie Haschisch, Heroin etc.) unterschieden werden.
Der Jugendliche im
Spannungsfeld
1. Das soziale Umfeld ist zu beachten.
2. Wie eingrenzend und destruktiv werden Eltern erlebt.
3. Die religiöse Zugehörigkeit bzw. die traditionellen
Kirchen spielen eine immer geringere Rolle.
4. Die persönlichen Ressourcen wie eigene Stärken und
Fähigkeiten werden entweder überbewertet und total
gefördert oder kaum erkannt und wenig gefördert.
Das Elternhaus spielt neben der Gleichaltrigengruppe eine wichtige Rolle.
Weiters stehen der Konsum von Alkohol bei Jugendlichen und weniger
Experimente mit Heroin im Vordergrund. Die Erwachsenen werden als
wenig kompetente und ehrliche Vorbilder von den Jugendlichen erlebt
(vgl. das Einhalten von Rauchverboten).
Beginn einer
Suchtentwicklung
Sucht ist ein dynamischer Prozeß. Es beginnt mit einem
euphorischen Anfangsstadium, dem sogenannten "honey moon" (dzt.
leichte Verfügbarkeit von Drogen), geht vom sporadischen
(Unterschätzung und Ignoranz der negativen Folgen) zum
regelmäßigen Konsum über (Beschränkungsrituale:
nur am Abend, in der Freizeit etc.). Die Reduzierung des Kontakts zu
drogenfreien Personen findet sich bereits in einem fortgeschrittenen
Suchtstadium.
Die Wirkung der Droge
Sie entlastet von Problemen, reduziert die Angst, gibt Entspannung,
Betäubung oder erhöht den Antrieb. Weiters ist ein
gesteigertes Selbstwertgefühl, Euphorie und Rausch möglich.
Die Bewußtseinserweiterung führt zur
Selbstüberschätzung, Konfliktvermeidung im Beruf und in der
Familie, zum Rückzug und zur Passivität. Es kommt zu einer
Reduktion der Individualität und Kreativität, ohne
daß dies als Verlust erlebt wird.
Bei gesteigertem Konsum kommt es zu folgenden
Verhaltensänderungen:
1. Zunehmende Diskrepanzen zwischen Selbstwahrnehmung und Realität (ideales und reales Selbstbild),
2. Abnahme der Fähigkeit Frustration, Unlust, Angst, Schmerz, Spannung etc. zu ertragen (Kleinkindverhalten),
3. Verleugnung der Abhängigkeit und der bestehenden Probleme,
4. Verlagerung nach außen (Externalisierung),
5. Störungen der Konzentrationsfähigkeit, der Gedächtnisleistungen, des Reaktionsvermögens und
6. Reduzierung der psychischen Funktionen zum Lustgewinn und zur Unlustabwehr auf Drogenkonsum. KONSUMGEWOHNHEITEN VERÄNDERN SICH:
* Wochenzeiten können nicht mehr eingehalten werden (die Droge wird auch zu Hause genommen),
* es kommt zu einem Leistungsabfall,
* die Kontakte im drogenfreien Milieu gehen zurück (Ausgrenzung findet statt),
* das Finanzieren von höheren Dosierungen geht nicht mehr so leicht,
* es folgt der langsame Einstieg in die Kleinkriminalität
(psychologische Moment des Nervenkitzels der Drogenbeschaffung bei
Jugendlichen) SUCHT: Der Konsument muß
Suchtentzugserscheinungen vermindern. Die körperliche und
seelische Stimmung ist abhängig vom Drogenkonsum
(Stimmungslabilität, Reizbarkeit, Stimmungswechsel, aggressive
Durchbrüche, Autoaggression, Selbstmordversuche). Es kommt zur
Abnahme der körperlichen Leistungsfähigkeit bis zum
Ausbrechen eines psychoorganischen Syndroms, welches reversibel
ist.
Das Karrieremodell der
Sucht:
1. Probieren und Drogeneinstieg: Motive für den
Erstkonsum sind: Neugierde, Unlustreduktion, hedonistische
Orientierung des Identitätsstrebens, Lebensalter,
Adoleszenzkrisen, Identitätsdiffusion.
2. Drogengebrauch und Bindung an die Referenzgruppe. Motive für das Aufrechterhalten des Drogenkonsums sind: soziale Verstärker, psychologische Ursachen, Herausbildung einer Gegenkultur und Identifikation mit deren Werten, Normen und Tabus, Stigmatisierung durch die Gesellschaft (verändertes Äußeres).
3. Drogenbindungsphase: Motive für eine Drogenbindung
sind: pharmakologische Wirkung der Droge (Dosissteigerung,
Toleranzbildung), Angst vor dem Entzugssyndrom,
Stigmatisierungsprozesse.
Systeme,
in denen Jugendliche betreut werden:
1. Elternsystem: Herkunftsfamilie, Teilfamilien, Stieffamilien,
Pflege- und Adoptivfamilien,
2. pädagogische Einrichtungen: Schulbereich, Arbeitsstelle, Lehre, usw,
3. psychotherapeutisch orientierte Institutionen: Child Guidance Kliniken, Familienberatungs- und Therapieeinrichtungen,
4. Jugendämter, Sozialämter, Behörden,
5. freizeitorientierte Einrichtungen: Jugendclubs, Sportvereine etc.,
6. Organmedizinisch orientierte Einrichtungen,
7. psychiatrische, heilpädagogische und kinderpsychiatrische Einrichtungen,
8. Gerichte, Exekutive.
Der
drastische Wandel in der Prävention
Es gilt im Vorfeld etwas Sinnvolles zu tun, wobei das
Pubertätsalter ein wenig breitenwirksam erforschtes
Erziehungsgebiet darstellt. Es kam zu einem Paradigmenwechsel in der
Drogenprävention (USA verlor den Drogenfeldzug: Reduzierung des
Drogenangebotes): Heute versucht man nicht mehr abzuschrecken (vgl.
Film über Christiane F.) sondern es wird der Gesundheitsgedanke
und die Gesundheitsförderung (soziale, psychische und physische)
in den Vordergrund gestellt (vgl. Gesundheitsprojekte der WHO:
Gesunde Bevölkerung bis ins Jahr 2000). Alles ist erlaubt, was
der Gesundheit dient. Weiters soll der Jugendliche konfliktfähig
gemacht werden.
Mögliche
Richtlinien für Suchtprävention
1. Konsequenter, aber toleranter Erziehungsstil,
2. Positives loben, Schwieriges weniger beachten und schrittweise verändern,
3. In konfliktbehafteten Gesprächen auch Beachtung der Emotionalität, nicht nur der Logik, geben,
4. Förderung des Erkennens und der Bewältigung von Belastung,
5. Föderung des Selbstvertrauens und der Selbstsicherheit ("Neinsagen" können muß zu Hause gelernt werden),
6. Föderung guter Kommunikationsfähigkeit (Reden, Musikmachen, Theaterspielen, Streiten), 7. Gefühle wahrnehmen und darüber sprechen können,
8. Kritischer Umgang mit bewußtseinsverändernden Substanzen,
9. Vorbildwirkung bedenken,
10. Sinnlichkeit, Kreativität, Lust und Freiheit vermitteln,
gestatten und fördern (puritanistische Abstinenz führt zum
Drogengebrauch).
Im Umgang mit Drogen gibt es keine Patentrezepte. Wichtig ist,
daß jeder einzelne in seinem Umfeld ansetzt. Wenn einem
Menschen geholfen werden kann, ist das schon sehr viel. Weiters
sollten die Kindeseltern von ihren Schuldgefühlen entlastet und
zur Kooperation gewonnen werden. Für den Berater gilt: Den
Jugendlichen nicht alleine in die Drogenberatungsstelle schicken,
sondern immer in Begleitung einer Bezugsperson. Weiters gibt es
Selbsthilfegruppen für Eltern von drogensüchtigen
Jugendlichen. In diesen Gruppen kann gegenseitige Unterstützung
erfolgen und erlernt werden, auf eigene Bedürfnisse wieder zu
sehen. Leider gibt es in der Phase der Pubertät von seiten der
Eltern eine große Hilflosigkeit zu bemerken. Entweder es wird
ein striktes Freizeitprogramm dem Jugendlichen geboten oder
überhaupt nichts. Die Jugendlichen können mit
unstrukturierter Zeit oft kaum mehr etwas anfangen.
Weiters empfiehlt es sich viele kleine regionale Projekte für
Jugendliche zu starten, wobei eigene Ideen und Kreativität
gefragt sind (vgl. Infotage für Lehrer und andere im sozialen
Bereich und mit Jugendlichen beschäftigten Personen, Projekt:
Bewegte Schule in Wiener Neustadt, Streetballprojekte in Wien usw.).
Das Bundesministerium für Gesundheit hat ein Computerprogramm
zur Suchtprävention herausgebracht. Dieses kann u.a. an Schulen
eingesetzt werden. Weitere Projekte an Schulen sind über die
ÖBIG Servicestelle (Tel. 0222/51561/79) zu erfahren. Es wurde
auch eine Infostelle für Suchtprävention (MA 15) in Wien
installiert (Kontakttelefon: 0222/53114). Das
gesundheitsfördernde Zentrum des pädagogischen Institutes
des Bundes in Wien (Kontakttelefon: 0222/60118/4267) gibt
Auskünfte über Projekte im Gesundheitsbereich. Eine
Broschüre des Bundesministeriums für Gesundheit und
Konsumentenschutz zum Thema Sucht ist ebd. zu beziehen. In ihr sind
alle wichtigen Adressen und Telefonnummern enthalten.
LITERATURLISTE:
BASTIAN Johannes (Hg): Drogenprävention und Schule.
Bergmann+Helbig Verlag, Hamburg 1992
BROSCH Renate/JUHNKE Günther (Hg): Jugend und Sucht. Orac
Verlag, Wien 1995
BROSCH Renate/JUHNKE Günther (Hg): Sucht in Österreich.
Orac Verlag, Wien 1993
KINDERMANN Walter:Droge, Abhängigkeit,
Mißbrauch,Therapie.Droemer Knaur Verlag, München 1991
PRAUSE Gerhard:Genies in der Schule.dtv Taschenbuch
PRIEBE Botho:Sucht- und Drogenvorbeugung mit Kindern und Jugendlichen
in Elternhaus und Schule. Beltz Verlag 1994
SCHIFFER E.: Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde. Beltz
Verlag, Weinheim 1993
SEDLAK Franz: Einladung zur Psychohygiene. Pädagogischer Verlag
Eugen Kettterl 1994
TÄSCHNER Karl Ludwig:Drogen, Rausch und Sucht.Trias Verlag
1994
WAIBEL Eva Maria: Von der Suchtprävention zur
Gesundheitsförderung in der Schule.Peter Lang Verlag, Frankfurt
1992
WAIBEL Eva Maria: Erziehung zum Selbstwert. Auer Verlag,
Donauwörth 1994
Dr. Sonja SKOF
Saubersdorferg. 70
2700 Wr. Neustadt