- Querverweis: Foto wird über obs versandt -
Hamburg (ots) - Jung sein 1997 - das ist keine unbeschwerte
Verlängerung der Kindheit mehr. Schon Schüler fühlen sich heute vom
Problem der Arbeitslosigkeit bedroht. Die Befürchtung, eines Tages
ohne Job dazustehen, rangiert bei den 12- bis 24jährigen inzwischen
vor allen anderen ngsten. Prinzipiell durchaus engagementbereit,
fehlt es den jungen Menschen an geeigneten Organisationen und
Strukturen, in denen sie etwas bewirken können. Sie halten sich daher
vielfach an ihre eigenen Stile und jugendspezifischen Kulturen, die -
einem gesamtgesellschaftlichen Trend folgend - immer diffuser und
flexibler werden. Konfrontiert mit der Gefahr der Arbeitslosigkeit
und mit dem Eindruck, von der Politik im Stich gelassen zu sein,
blickt die heutige Jugend mit sehr gemischten Gefühlen in die
Zukunft. Den politischen Institutionen traut die junge Generation
eine Lösung der großen gesellschaftlichen Probleme nicht zu. Sie
fühlt sich einflußlos und entwickelt ihre eigenen Mechanismen zur
Problembewältigung. Die herkömmlichen Deutungen ihres Verhaltens als
"unpolitisch", "übertrieben individualistisch" und "egoistisch"
werden den tatsächlichen Gegebenheiten - einem individuell
zugeschnittenen, teilweise sehr zielstrebigen Engagement - nicht
gerecht.
Zu diesen Ergebnissen kommt die 12. Shell Jugendstudie "Jugend '97
- Zukunftsperspektiven - Gesellschaftliches Engagement - Politische
Orientierungen", die am 13. Mai in Berlin der Öffentlichkeit
vorgestellt wurde. Die Autoren, Arthur Fischer vom Institut Psydata,
Frankfurt am Main, und Prof. Dr. Richard Münchmeier von der Freien
Universität Berlin, haben mit einem Wissenschaftlerteam anhand von
2.100 mündlichen Befragungen, 60 Tiefeninterviews und 19
biografischen Porträts untersucht, wie es um das gesellschaftliche
und politische Engagement der 12- bis 24jährigen Jugendlichen in
Deutschland bestellt ist. "Es wurde vermieden, vorab zu definieren
und festzulegen, was unter gesellschaftlichem oder politischem
Engagement zu verstehen sei, wer als engagiert oder desengagiert zu
gelten habe. Vielmehr sollten die Jugendlichen größtmögliche Chancen
haben, ihr Verständnis selber zu äußern", beschreiben die Autoren das
Konzept ihrer Forschungsarbeit. Sie bedienten sich dabei - der
Tradition der Shell Jugendstudien folgend - nicht der bloßen
Meinungsbefragung, da diese keine Prognosen über das Verhalten
Jugendlicher zuläßt.
Nach Meinung von Jugendforscher Fischer "ist das Vorurteil der
'Politikverdrossenheit' der Jugend nicht haltbar. Eher kann man von
einer 'Jugendverdrossenheit' der Politik sprechen. Die Distanz
Jugendlicher zu gesellschaftlichen Organisationen und Institutionen
ist jedoch kein Anzeichen für mangelndes Engagement."
Für Professor Münchmeier zeigt die Studie: "Jugendliche haben
heute zwar bessere Bildungs- und Vorbereitungs-Chancen als frühere
Generationen und damit also bessere Bedingungen für ihre Jugendphase.
Sie stehen jedoch vor größeren Problemen als früher, ihre
Qualifikationen beruflich umzusetzen und ihre Zukunft zu gestalten.
Ihre Chancen für das Erwachsenwerden sind schlechter geworden."
Mit der Herausgabe der 12. Shell Jugendstudie setzt die Deutsche
Shell die Reihe von Studien fort, die seit 1953 Bestandsaufnahmen
jugendlicher Lebenseinstellungen und Werthaltungen in Deutschland
liefern.
Hauptprobleme der Jugendlichen
Sehr deutlich geht aus der Studie hervor, daß Jung sein heute
nicht mehr die unbeschwerte Zeit des Lernens, Ausprobierens und
Sich-Vorbereitens auf den Ernst des Lebens, nämlich die
Berufstätigkeit, ist. "Wenn die Arbeitsgesellschaft zum Problem wird,
dann muß auch die Jugendphase als Phase der biografischen
Vorbereitung auf diese Gesellschaft zum Problem werden", lautet die
Aussage der Autoren. So nannte fast jeder zweite Befragte - ob
männlich oder weiblich, in Ost- oder Westdeutschland - auf die offen
gestellte Frage nach den "Hauptproblemen der Jugendlichen heute" das
Thema Arbeitslosigkeit. Die Autoren fanden darin eine Art "prägende
Generationenerfahrung" der heute 12- bis 24jährigen. In
Ostdeutschland wird der Mangel an Lehrstellen als das zweite große
Problem empfunden.
Nach einer generellen Einschätzung ihrer persönlichen
Zukunftsaussichten befragt, entschieden sich 51 Prozent der
Jugendlichen für die Antwortvorgabe "gemischt, mal so - mal so", 14
Prozent sehen ihre persönliche Zukunft "eher düster". Nur noch rund
ein Drittel der Jugendlichen blickt "eher zuversichtlich" in die
Zukunft. In der 11. Shell Jugendstudie 1992 hatte noch die Mehrheit
aller Befragten (59 Prozent) Optimismus gezeigt.
Die Jugendlichen sind sich einig: Von der Politik sind keine
Lösungen ihrer Probleme zu erwarten. Auf die Frage, ob es in der
Zukunft "für alle einen angemessenen Arbeitsplatz geben" und "die
Arbeitslosigkeit verschwinden" wird, antworteten nur sieben Prozent
mit "wahrscheinlich" und lediglich ein Prozent mit "bestimmt".
Nicht die Politikverdrossenheit der Jugend, sondern die
Jugendverdrossenheit der Politik wird zur Frage
Gering ausgeprägt ist die Neigung der Jugend, sich in der Politik
zu engagieren. Von einer wachsenden Politikverdrossenheit möchten die
Autoren der Shell Studie dennoch nicht sprechen. Ihre Erkenntnisse
legen eine differenziertere Betrachtungsweise nahe. So scheinen
beispielsweise bislang unterstellte Zusammenhänge, etwa zwischen
politischem Wissen und Engagementbereitschaft, zunehmend
aufzuweichen. Gerade die Jugendlichen, die gut Bescheid wissen und
sehr reflektiert argumentieren, zeigten in den Interviews eine große
Skepsis, ob Engagement etwas bewirkt und diese Mühen sich auszahlen.
Die Jugendlichen sehen ihre Interessen durch die Politik der
Erwachsenen nicht mehr gewahrt und erleben ihre eigenen
Einflußmöglichkeiten als sehr eingeschränkt. Nicht die Jugendlichen
sind an Politik desinteressiert, sondern sie unterstellen im
Gegenteil, daß die Politik an ihnen nicht interessiert sei.
Im Parteiensystem der Bundesrepublik findet die junge Generation
daher wenig Anknüpfungspunkte. 38 Prozent der Befragten fühlen sich
keiner Partei nahe. Aber auch die Sympathie für einzelne Parteien
zeigt weniger klare Konturen. So äußern z. B. CDU/CSU-Anhänger auch
Sympathie für Umweltschutzgruppen, die Anhänger von Bündnis 90/Die
Grünen stehen kommerziellen Jugendstilen nicht mehr so strikt
ablehnend wie früher gegenüber. Insgesamt genießen die politischen
Parteien von allen gesellschaftlichen Organisationen am wenigsten
Vertrauen. Nur neun Prozent aller Befragten entschieden sich auf
einer fünfteiligen Skala von "sehr wenig" bis "sehr viel" Vertrauen
bei den Parteien für die beiden oberen Werte.
Deutlich besser bewerten die Jugendlichen die Vertrauenswürdigkeit
bürgerschaftlicher Organisationen, die Zukunftsthemen von
Jugendlichen aufgreifen, wie Umweltschutzgruppen (68 Prozent haben
"viel" oder "sehr viel" Vertrauen), Menschenrechtsgruppen (51
Prozent) und Bürgerinitiativen (37 Prozent). Doch auch solchen
Gruppen schließen sich nur wenige Jugendliche fest an. Lediglich drei
Prozent der Befragten sind Mitglied einer Umweltschutz- oder
Menschenrechtsorganisation, weniger als ein Prozent gehören einer
Bürgerinitiative an.
Engagement muß etwas bringen
Insgesamt zeigt sich also, daß Jugendliche zwar durchaus bereit
zum gesellschaftlichen Engagement sind, aber nur dort, wo sie ein
befriedigendes Ergebnis erwarten können und sich mit ihren
Bedürfnissen und Problemen wiederfinden.
Als Voraussetzungen für ihr Engagement nannten die Jugendlichen
unter anderem: "muß ich mitbestimmen können, was ich genau tue",
"will ich meine besonderen Fähigkeiten einbringen können" und "muß
das Ziel in angemessener Form erreicht werden". Während diese
"zielorientierte Motivation" vor allem bei den über 15jährigen eine
große Rolle spielt, ist für das Engagement der Jüngeren besonders
wichtig, daß "Freunde mitmachen", daß "es etwas anderes ist, als ich
in der Schule mache", daß "mir keiner Vorschriften macht". Diese
"nutzenorientierte Motivation" hat vor allem einen sozialen Aspekt.
Finanzielle Entschädigung oder Freizeitausgleich spielen für die
Befragten wider Erwarten nur eine nachrangige Rolle.
In einem Punkt herrscht bei den Jugendlichen große Einigkeit: Das
Engagement muß Spaß machen! Spaß bedeutet aber nicht einfach
selbstbezogenes Vergnügen, sondern die Freude am Erleben der eigenen
Wirksamkeit, die Freude daran, etwas bewegen zu können - ob in der
Partei, der Gewerkschaft, der Kirche oder der Feuerwehr.
Erfolgserlebnisse machen Laune und stimulieren zu weiterem
Engagement. Daß der Unterschied zwischen Gemeinnutz und Eigennutz
dabei kleiner ist, als mancher denkt, geht ebenfalls aus der Studie
hervor. Nicht selten ist es das private Hobby, welches den Weg ins
gemeinnützige Engagement ebnet. Und andererseits steht
gesellschaftliches Engagement oftmals auch im Dienste individueller
Lebensgestaltung; hier und heute, eben auch im Blick auf die Zukunft.
Jugendkulturen: eher Gegengewicht als Gegenentwurf
Nach wie vor spielen für Jugendliche subkulturelle Gruppenstile
eine große Rolle, besonders für ihre Freizeit und kulturelle
Orientierung. Aber sie verlieren zunehmend ihre Bedeutung als
Visionen und Formen einer besseren und jugendgemäßeren Gesellschaft.
Viele jugendkulturelle Stile haben an politischem Gehalt verloren.
Sie weisen eher diffuse, flexible Formen auf und sind schnellebig.
Spaß, Zerstreuung und Unterhaltung beim unkomplizierten Umgang mit
Gleichgesinnten stehen im Vordergrund: Die Gruppenstile sind mehr ein
Gegengewicht als ein Gegenentwurf zur heutigen Gesellschaft. Sie sind
ein Gegengewicht gegen die Schwierigkeiten der alltäglichen
Lebensbewältigung und die unsicheren Zukunftsperspektiven.
Heutige Jugendliche, so fanden die Forscher heraus, probieren im
rascheren Wechsel verschiedene Stilrichtungen aus. So verstanden ist
die Bereitschaft, sich mit jugendkulturellen Stilen umfassend zu
identifizieren, leicht rückläufig. Eine geringere Identifikation ist
vor allem bei politisch spezifischen und sozialen Protestbewegungen
(wie Öko-Bewegungen, Menschenrechtsgruppen, Skinheads und
Hausbesetzer) zu beobachten. Nicht dagegen bei kommerzialisierten,
lebensstilorientierten Gruppenstilen (wie Fußball- und
Disco-Fankulturen).
Der geringeren Identifikation steht oftmals jedoch eine vermehrte
Sympathie gegenüber. So zeigt sich etwa bei der Umweltbewegung eine
deutliche Verlagerung vom Identifikations- in den Sympathiebereich.
Charakteristisch für die heutige Jugend scheint weniger die Haltung
des überzeugten Mitglieds und Akteurs zu sein, sondern eher die
Position des Zuschauers und begrenzten Nutzers, also die Haltung des
Ausprobierens und Experimentierens. Bei politisch-sozialen Stilen
schließt das auch die Haltung "Aktionismus, wenn erforderlich" ein.
Methodik der 12. Shell Jugendstudie
Die vom Institut Psydata, Frankfurt am Main, in Zusammenarbeit mit
dem Lehrstuhl für Sozialpädagogik an der Freien Universität Berlin
erstellte 12. Shell Jugendstudie basiert auf drei methodischen
Säulen:
- einer qualitativen Studie (60 mehrstündige explorative
Interviews), die dazu diente herauszufinden, wie Jugendliche für sich
selbst Politik und gesellschaftliches Engagement und damit die
Fragestellungen der Gesamtstudie definieren;
- einer Porträtstudie (19 biografische Porträts), in der
Jugendliche in ausführlichen Gesprächen von ihren Lebenserfahrungen,
Wünschen und Aktivitäten berichteten;
- einer quantitativen Studie (2.100 halbstandardisierte mündliche
Befragungen), in der Einstellungen und Aktivitäten im Bereich von
Politik/(gesellschaftlichem)Engagement erfragt und Daten zur
Lebenssituation der Jugendlichen erhoben wurden.
Bei der qualitativen und der quantitativen Studie handelt es sich
um typische "Querschnittstudien". Sie stellen Phänomene in ihrem
Zusammenhang mit aktuellen Konstellationen und gesellschaftlichen
Ursachen dar. Über die biografischen und sozialisatorischen Ursachen
können sie aber keine Aussage machen.
Die biografischen Porträts dagegen bilden eine Art
"Längsschnittstudie", weil hier Jugendliche aus ihrer Perspektive
heraus die Gründe für das Auftreten oder Nichtauftreten bestimmter
Denk- oder Verhaltensweise in ihrem Lebenslauf schildern.
Diese Teilstudien wurden organisatorisch und personell streng
getrennt durchgeführt, um eine Gegenkontrolle der Ergebnisse zu
ermöglichen.
Diskussionsforum für Jugendliche im Internet
Um allen Interessierten eine Möglichkeit zur Beteiligung an der
öffentlichen Diskussion der Studienergebnisse zu bieten, hat der
Fachbereich 12 der Freien Universität Berlin ein Diskussionsforum im
Internet eingerichtet. Interessenten können sich über die Internet
Adresse http://www.deutsche-shell.de/jugend/ in das Forum
einwählen. Es soll - nicht nur Jugendlichen - die Möglichkeiten
bieten, Ergebnisse und Aussagen der Studie miteinander zu
diskutieren. Hier sollen auch Teile der 12. Shell Jugendstudie
abrufbar sein.
ots Originaltext: Deutsche Shell AG
Im Internet recherchierbar: http://www.newsaktuell.de
Rückfragen bitte an:
Deutsche Shell Aktiengesellschaft
Information und Presse
Rainer Winzenried
Tel.: 040-63 24 56 50
Fax: 040-63 24 56 52
|