Werner Stangls Lehrtext.Sammlung
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Sexualerziehung an Österreichs Schulen
Auszüge aus der Studie "Effizienz und Effektivität der Sexualerziehung an Öster reichs Schulen einschließlich der Durchführungsmöglichkeiten und Akzeptanz von Maßnahmen im Bereich der HIV/AIDS-Prävention" (Ludwig Boltzmann Institut für Gesundheitspsychologie der Frau im Auftrag des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst, 1992/93).
"Es ist schwierig, Kinder und Jugendliche bei der individuellen Wahrnehmungser weiterung ihrer Umwelt zu unterstützen, während gleichzeitig die Gefahr lauert, daß sich in der Form der (Sexual)erziehung nur wieder eigene Normen und Werte der ErzieherInnen/LehrerInnen (un)bewußt widerspiegeln ..."
"... Daher ist es unerläßlich, als LehrerIn/ErzieherIn/BeraterIn die jeweils eigenen Standpunkte zu kennen ... Die Definitionen zur Sexualität spiegeln politische Positio nen wider, geben Aufschluß über das jeweilige Menschenbild und das erwünschte Gesellschaftsmodell ..." "... Richtschnur aller Sexualerziehung muß die Einsicht sein, daß Augenblicke des Glücks des Heranwachsenden nicht ausschließlich einem künf tigen Glück geopfert werden dürfen. Diese These impliziert die Anerkennung jedes Heranwachsenden, seine Sexualität zu akzeptieren. Emanzipierende Sexualerziehung steht im Dienste der Befreiung des Individuums von gesellschaftlichen Zwängen ... Sexualerziehung muß wissenschaftlich fundiert, rational begründet und insbesondere frei von Herrschaftsansprüchen und Mythenbildung sein ... Sexualerziehung hat nicht die Aufgabe, einengend und verbietend auf das Sexualleben zu wirken, sondern den Jugendlichen zu Genuß und Liebe zu befähigen ..."
"... eine wissenschaftliche Grundlage für weiterführende Maßnahmen im Bereich der Sexualerziehung zu schaffen und zwar mittels Dokumentation
- des Ist-Zustandes der Sexualerziehung (Einsatz des Medienpaketes, Anwendbarkeit, nderungswünsche, Aktualität etc.),
- sowie des Bewußtseinszustandes der Bevölkerung zu dieser Thematik, Auswirkun gen der Sexualerziehung auf Jugendliche und Familie, Wünsche und Bedürfnisse, etc.)
Die dabei erzielten Ergebnisse sollen einen Ausgangspunkt für weiterführende Maß nahmen (Aktualisierung des Material- und Medienkoffers, Schwerpunktaktivitäten im Bereich der Lehrerfortbildung, etc.) zur Unterstützung der Sexualerziehung an Österreichs Schulen bilden."
1. Quantitative (für die statistische Auswertung konzipierte) Fragebogenerhebung bei Schuldirektoren:
"Insgesamt wurden 978 Fragebögen an die Schuldirektoren/Inn/en der per Zufall ausgewählten Schulen versendet, und zwar österreichweit. Der Rücklauf betrug ca. 50 Prozent. Nach Absprache wurden folgende Schulen in die Untersuchung miteinbezo gen: Hauptschule, Sonderschule, AHS/ORG, Polytechnische Lehrgänge, Berufsschu le, Berufsbildende mittlere/höhere Schule, Anstalt der Lehrer/Erzieherbildung."
2. Qualitative (großteils ohne festgelegte Antwortvorgaben) Interviews mit Leh rern, Schülern und Eltern:
"Im Gegensatz zur quantitativen Befragungsform ist die qualitative Studie durch ihren kleineren und in der Regel nicht repräsentativen Stichprobenumfang abgehoben." Es wurden "... qualitative Tiefeninterviews mit 75 Lehrern, 120 Schülern (mit einem Durchschnittsalter von 17 Jahren) und 120 Eltern durchgeführt."
Aus den Angaben der Schulleiter/innen läßt sich folgendes ablesen:
- Ein eher untergeordneter Stellenwert der Sexualerziehung in österreichischen Schu len läßt sich an Hand folgender Ergebnisse ableiten: "An zwei Dritteln der befragten Schulen ist Sexualerziehung, Unterrichtsgestaltung sowie Verwendung der Unter richtsmaterialien sowie die Frage der Fortbildung kein Thema der Lehrerkommuni kation. Eine spezielle Lehrerfortbildung zu dieser Thematik wird entsprechend in eher geringem Ausmaß frequentiert. 17% der befragten Schulen geben an, daß an ihren Schulen Fortbildung zu dieser Problematik nicht stattfindet. (...) Die Beurtei lung der Fortbildung ist bei der Hälfte der Befragten indifferent. Nur ein Viertel äu ßert sich positiv."
- "Die Verwendung der beiden Unterrichtsmaterialien ..." (Medien vulgo "Sexkoffer" I und II) "... wird eher vorsichtig eingestuft: Ein Drittel der Befragten schätzt, daß einer von zehn Lehrern die Materialien verwendet, deutlich mehr (3 von 10 Lehrern) im Sonderschulbereich sowie im Polytechnikum." (...)
- "Überwiegend wird Sexualerziehung im Biologieunterricht thematisiert (gefolgt vom Religions- bzw. Deutschunterricht). Ein fächerübergreifendes Unterrichtsprin zip läßt sich mit hoher Übereinstimmung nicht bestätigen."
- "Am häufigsten kommt Teil 1 die Videokassette: `Wunder des Lebens`zur Anwen dung (zwei Drittel aller Angaben). Ebenso arbeitet jede zweite Schule mit den Over head-Folien aus Teil 1. Ein Drittel der Befragten verwendet aus dem Teil 2 den Ver hütungskoffer." (...)
- "Die Hälfte aller Befragten wünscht sich allerdings Ergänzungen aus dem Thema bereich: `Gewalt in der Familie, AIDS und sexueller Mißbrauch`." (...)
- "Kommunikation und Zusammenarbeit mit den Eltern erfolgt zur Hälfte der An gaben bei den Elternabenden. 18% der befragten Schulen haben jedoch keine Kom munikation mit den Eltern."
"Die Einstellung zur Kondomverteilung ..." (an den Schulen) "... zum Zwecke der AIDS-Prävention ist bei der Hälfte der Befragten explizit negativ zu bezeichnen. Ein Drittel der Befragten gibt dazu keine Angaben, lediglich 2 Prozent stünden diesen Initiativen positiv gegenüber."
"Deutlich favorisiert werden übereinstimmend allerdings AIDS- Informationsver anstaltungen durch Zusammenarbeit mit Experten."
Kondomverteilung an Schulen:
Lehrer/innen: "66% der befragten Lehrer/innen lehnen eine Kondomverteilung an den Schulen ab, jeder zehnte Lehrer steht der Kv.a.S. positiv, 21% neutral gegenüber."
Schüler/innen: "45% der Jugendlichen befürworten die Kondomverteilung an den Schulen, 40% sprechen sich dagegen aus."
Eltern: "Im Zusammenhang mit der AIDS-Prävention gab es eine öffentliche Diskus sion, ob Kondome an den Schulen verteilt werden sollen. Zu diesem Thema zeigt sich eine eindeutige Ablehnung (55%) von seiten der Eltern."
Einstellung zum Geschlechtsverkehr unter 18 Jahren:
Lehrer/innen: "61% der befragten Lehrer/innen stehen dem Gv. u. 18J. neutral ge genüber, 10% lehnen ihn ab und nur 17% sind positiv dazu eingestellt."
Schüler/innen: "60% der befragten Jugendlichen stehen d. Gv. u. 18J. positiv gegen über, rund ein Viertel nimmt eine ambivalente Haltung ein und 10% lehnen ihn ab."
Eltern: "Die Hälfte der befragten Eltern stehen dem Gv. u. 18J. positiv gegenüber, 22% lehnen ihn ab und 26% nehmen eine neutrale Haltung ein. 16% der Eltern leh nen generell den Gv. u. 18J. ab, wobei 22% davon das Fehlen der Reife und eine psychische Überforderung betonen."
Religionsunterricht:
Lehrer/innen: "70% der Lehrer/innen erwarten von der Kirche bzw. dem Religions unterricht eine Art Hilfestellung bei Problemen in Partnerschaft und Sexualität, vor allem im emotionalen, moralischen und ethischen Bereich."
Schüler/innen: "Mehr als drei Viertel (77%) der befragten Schüler/innen sind der Ansicht, daß es nicht Aufgabe der Kirche bzw. des Religionsunterrichtes sei, eine Art Hilfestellung bei Problemen in Partnerschaft und Sexualität zu geben."
Eltern: "Ein Drittel der befragten Eltern erwartet von der Kirche bzw. dem Reli gionsunterricht eine Art Hilfestellung bei Problemen in Partnerschaft und Sexualität. (...) Zwei Drittel der befragten Eltern sind der Meinung, daß es nicht Aufgabe der Kirche sei bzw. diese überfordere (...) Als Gründe werden mangelnde Erfahrung (19%) und falsche Moral und Unehrlichkeit (11%) genannt. 19% der Eltern finden die Kirche bzw. den Religionsunterricht zu konservativ und voller Verbote.