PROSEMINAR - HYPOTHESEN IN WISSENSCHAFT UND DENKEN - SS1999 Zurück zur Hauptseite
Prof. Rudolf Groner - Dr. Bernd Kersten
Autorin dieses Beitrags: Barbara Schmid

Der wissenschaftliche Erkenntnisfortschritt .
Kriterien der Bewährung und Verwerfung von Theorien.
Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme.

  1. Die Protagonisten: Kuhn, Popper und Lakatos
  2. Die Problemsituation der Wissenschaftstheorie nach dem Zusammenbruch des Rechtfertigungsdenkens
  1. Der klassische Intellektualismus
  2. Der klassische Empirismus
  3. Der Skeptizismus
  4. Der Probabilismus
  1. Falsifikationismus
  1. Dogmatischer Falsifikationismus
  2. Naiver methodologischer Falsifikationismus
  3. Raffinierter methodologischer Falsifikationismus

4. Forschungsprogramme nach Lakatos

4.1. Positive Heuristik

4.2. Negative Heuristik

4.3. Beispiel: Das Forschungsprogramm von Prout

5. Die Duhem-Quine -These

6. Zusammenfassung / Fazit / Diskussion
7. Literaturverzeichnis

 

  1. Die Protagonisten: Kuhn, Popper, Lakatos

Im folgenden werden kurz die für das Verständnis dieser Ausführungen wichtigen Philosophen, sowie deren wissenschaftstheoretische Ausrichtungen, vorgestellt.

 

Lakatos, Imre

  • geboren am 9. November 1922
  • gestorben am 2. Februar 1974
  • Nationalität: Ungarn

Die Spezialgebiete von Lakatos waren die Philosophie der Physik und die Philosophie der Mathematik. Er war grundsätzlich ein Anhänger von Poppers Wissenschaftsmodell, hatte jedoch eine weniger enge Auffassung vom Begriff der Prüfung, als Popper: "Important critisism is always constructive: There is no refutation without a better theory." Und: "Criticism does not- and must not- kill as fast as Popper imagined"

Wenn ein Wissenschaftler ein Gegenbeispiel für eine Theorie findet, will dieses Gegenbeispiel die Theorie nicht falsifizieren, sondern ist nach Lakatos ein heuristischer Angriff für die betroffene Theorie.

Forschungsprogramme sieht er als Schlüssel zum Verständnis des wissenschaftlichen Fortschritts. Ein Forschungsprogramm besteht aus einem nicht falsifizierbaren harten Kern und einen Schutzgürtel aus Problemlösestrategien, Hilfshypothesen und Anfangsbedingungen (Beispiel Newton: harter Kern=Gravitationsgesetze und Gesetze der Bewegung; Problemlösetechniken=mathematische Verfahren; Hilfshypothesen und Anfangsbedingungen=Theorie der atmosphärischen Strahlenbrechung, geometrische Optik).

 

Kuhn, Thomas Samuel

  • geboren am 18. 7. 1922 in Cincinnati

Kuhn begreift Wissenschaft nicht als kumulativen Fortschrittsprozess, sondern als Unternehmen, das verschiedene Phasen durchläuft und von Diskontinuitäten und Brüchen gekennzeichnet ist. Er sieht die Wissenschaft als Evolutionsprozess, durchsetzt mit "wissenschaftlichen Revolutionen". Kuhn macht aufgrund seines Studiums der Wissenschaftsgeschichte die Aussage, dass die Kriterien dafür, was als wissenschaftliche Theorie gelten darf, historischer Natur seien. Ein wissenschaftliches Paradigma bleibt nach Kuhn unangetastet und unreflektiert, bis Anomalien auftreten und das herrschende Paradigma in einer wissenschaftlichen Revolution von einem neuen Paradigma abgelöst wird. Es findet kein kontinuierlicher Erkenntnisfortschritt statt; eine Paradigmawechsel ist nach Kuhn ein irrationaler Vorgang (Paradigma = Mehr oder weniger bewußtes Vorverständnis von einem wissenschaftlichen Gegenstand, bzw. von der zur Anwendung kommenden Forschungsmethode). Einander ablösende Paradigmen sind miteinander inkommensurabel (=unvergleichbar). Ein neues Paradigma folgt entwickelt sich nicht aus dem bisherigen Paradigma, so dass kein kontinuierlicher Erkenntnisfortschritt stattfinden kann. Eine Verschleierung dieser Tatsache findet statt durch Verwendung derselben Begriffe, jedoch mit unterschiedlichen Bedeutungen (z.B. newtonsche Mechanik vs. relativistische Mechanik).

Kuhn kritisiert Poppers kritischen Rationalismus und methodologischen Falsifikationismus, indem er die Unmöglichkeit der rationalen Festlegung von Kriterien, unter denen man gewillt ist, seine wissenschaftliche Position aufzugeben, betont. Nach Popper ist der wissenschaftliche Fortschritt induktiv und rational, nach Kuhn ist er nicht-induktiv und nicht-rational. Für Kuhn ist die wissenschaftliche Revolution irrational, weil die einzig mögliche Form der Rationalität seiner Ansicht nach das Rechtfertigungsdenken ist. Popper hat neue, von der Rechtfertigung unabhängige Maßstäbe zur Theorienbildung und Verwerfung entwickelt. Er hat das Problem der Begründung durch das Problem des fehlbar-kritischen Wachstums ersetzt.

 

Popper, Karl

Popper tritt, im Gegensatz zu Kuhn, für die Festlegen jener Bedingungen, unter denen man gewillt ist, seine Position aufzugeben, ein.

Im Sinne des Kritischen Rationalismus werden Theorien durch Widerlegungsversuche getestet, anstatt durch Belegexperimente abgesichert. Dies entspricht dem Vorgehen des methodologischen Falsifikationismus.

Empirische Theorien sind nach Popper durch Beobachtung nicht zu beweisen, denn die Existenz eines Gegenbeispiels kann nie ausgeschlossen werden (=Induktionsproblem). Keine empirische Theorie ist induktiv beweisbar, deshalb ist alles empirische Wissen nur Vermutungswissen (=Fallibilismusvorbehalt ). Mit Widerlegungsversuchen erhält man Kenntnisse über die Wahrheitsnähe der bewährten Theorien.

Der kritische Rationalismus begegnet durch seinen Versuch, bestehendes zu widerlegen, totalitären oder dogmatischen Ideologien

 

2. Die Problemsituation der Wissenschaftstheorie nach dem Zusammenbruch des Rechtfertigungsdenkens

Die Rechtfertigungsdenker verstehen unter Wissen bewiesenes Wissen. Sie fordern wissenschaftliche Redlichkeit, was bedeutet, dass nichts Unbewiesenes behauptet werden darf. Da die deduktive Logik keine Tatsachen beweisen, sondern nur Wahrheit von einem Gegenstand auf andere übertragen kann, stellte sich für die Rechtfertigungsdenker folgende Frage: Welcher Art sollen die Axiome sein, deren Wahrheit mit nicht-logischen Mitteln bewiesen werden kann?

 

2.1. Klassische Intellektualisten / Rationalisten lassen verschiedene, wirkungsvolle, nicht logische Beweisarten zu, z.B. Offenbarung, intellektuelle Intuition, Erfahrung (a priori Prinzipien). Dadurch werden wissenschaftliche Aussagen jeder Art beweisbar.

2.2 Klassische Empiristen akzeptieren als Axiome nur eine kleine Menge von Tatsachenaussagen, deren Wahrheitswert durch die Erfahrung begründet wird. Diese Axiome bilden die empirische Basis. Mit Hilfe der induktiven Logik schließen die klassischen Empiristen vom Einzelfall auf eine Gesamtheit von Fällen.

2.3. Skeptizisten behaupten, dass es kein bewiesenes Wissen gibt und dass Erkenntnis deshalb unmöglich ist. Wissen ist demnach nichts weiter als "animalischer Glaube".

2.4. Probabilisten verlangen, dass man für jede vorgebrachte Theorie die empirischen Erfahrungsdaten und die daraus folgende Wahrscheinlichkeit der Theorie spezifiziert (=Wahrscheinlichkeitskalkül).

Die Erkenntnis der Fallibilität, d.h. der prinzipiellen Fehlbarkeit aller wissenschaftlichen Theorien, erschüttert das Lager der Rechtfertigungsdenker. Wie soll die wissenschaftliche Erkenntnis fortschreiten, wenn es offenbar kein bewiesenes Wissen gibt?

 

3.) Falsifikationismus

Übersicht: Richtungen des Falsifikationismus

 

Falsifikationismus

 

  • dem Induktivismus entgegengesetzte Position
  • Hypothesen oder Naturgesetze lassen sich nicht durch Tatsachenaussagen verifizieren (Reihe der Tatsachenaussagen ist weder abschliessbar, noch liegt eine Kriterium dafür vor, wann sie als abgeschlossen betrachtet werden kann)
  • Wenn Beobachtungen auftreten, die zu den aus den Hypothesen abgeleiteten Sätzen im Widerspruch stehen, wird die Hypothese verworfen

 

Dogmatischer Falsifikationismus Methodologischer Falsifikationismus

 

3.1 Dogmatischer Falsifikationismus: Dies ist die schwächste Variante des Rechtfertigungsdenkens. Es wird von einer unfehlbaren empirischen Basis ausgegangen. Eine Theorie ist dann wissenschaftlich, wenn sie bewiesene Tatsachenaussagen beinhaltet oder auf empirischen Tatsachen basiert, und damit falsifizierbar ist. Nicht falsifizierbare Theorien gelten als metaphysisch.

Nach Lakatos ist der dogmatische Falsifikationismus unhaltbar, weil er auf folgenden Annahmen basiert:

  • Es existiert eine natürliche psychologische Grenze zwischen theoretischen und spekulativen Sätzen. Diese Annahme wird durch die Psychologie falsifiziert: Es gibt keine Wahrnehmung, die nicht von Erwartung durchsetzt ist, und deshalb gibt es keine natürliche Abgrenzung zwischen spekulativen und theoretischen Sätzen.
  • Theorien können durch Beobachtung bewiesen werden. Dieser Satz wird durch die Logik falsifiziert. Erfahrungen können einen Satz nicht beweisen weil über den Wahrheitswert von Beobachtungssätzen nicht zweifelsfrei entschieden werden kann. Ein Zusammenstoß zwischen Theorie und Tatsachenaussage ist nur ein Widerspruch, keine Falsifikation. Bei der ersteren ist etwas mehr Phantasie im Spiel, als bei der letzteren.
  • Wissenschaftlich ist eine Theorie nur dann, wenn sie eine empirische Basis hat (Abgrenzungskriterium). Dieser Satz wird durch die Methodik falsifiziert. Jede neue Theorie sagt Ereignisse voraus, die zum gegebenen Zeitpunkt möglicherweise der Empirie (noch) nicht zugänglich sind. Es ist also auf Grund des Abgrenzungskriteriums nicht möglich, auf die Wissenschaftlichkeit einer Theorie zu schließen.

 

Das Aufkommen des methodologischen Falsifikationismus bedeutete die Aufgabe der utopischen Vorstellung, dass wissenschaftliche Theorien beweisbar sein müssen. Wie der Name dieser wissenschaftstheoretischen Richtung sagt, ist die Falsifikation hier eine Methode, die dazu geeignet ist, wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt zu ermöglichen.

Der methodologische Falsifikationismus ist eine Ableitung des Konventionalismus.

Im folgenden werden kurz die in der Darstellung aufgeführten philosophischen Richtungen erläutert:

KONVENTIONALISMUS

 

 

  • Passivistische Erkenntnistheorien: Wahres Wissen besteht aus dem Eindruck der Natur auf einen völlig trägen Verstand.
  • Aktivistische Erkenntnistheorien: Wir können das Buch der Natur ohne geistige Tätigkeit/ ohne Interpretationen im Lichte unserer Erwartungen nicht lesen.
  • Konservative Aktivisten: Wir leben und sterben im Gefängnis unseres begrifflichen Gerüsts. Je länger eine Theorie besteht, desto weniger Gewicht haben Widerlegungsversuche. Es werden Festsetzungen gemacht über raum-zeitlich allgemeine Sätze.
  • Revolutionäre Aktivisten: Begriffliche Gerüste können entwickelt und durch bessere ersetzt werden, bzw. durch Kritik zerstört werden.
  • Simplizismus (Duhem): Eine Theorie zerfällt durch fortwährende Reparaturen und Halteoperationen. Sobald die Einfachheit einer Theorie nicht mehr gegeben ist, verschwindet sie. Hier bleibt viel subjektiver Spielraum zum dogmatischen Festhalten an einer Theorie.
  • Methodologischer Falsifikationismus (Popper): Festsetzungen über raum-zeitlich singuläre Sätze. Wahrheitswert einer Theorie wird, im Gegensatz zum dogmatischen Falsifikationismus, durch Übereinkunft entschieden. Es wird nicht mehr von einer unfehlbaren empirischen Basis ausgegangen.

 

  1. Naiver methodologischer Falsifikationismus

Lakatos nennt den methodologischen Falsifikationismus nach Popper "naiven methodologischen Falsifikationismus". Er kritisiert gewisse Annahmen des naiven methodologischen Falsifikationismus, erkennt jedoch auch dessen Potential. Indem er Ansätze dieser wissenschaftstheoretischen Richtung präzisiert und weiterentwickelt, entsteht der raffinierte methodologische Falsifikationismus nach Lakatos.

Folgende Kriterien sind charakteristisch für den naiven methodologischen Falsifikationismus nach Popper:

  • Die empirische Basis, auf der ein Wissenschaftler sein Gerüst von Theorien aufbaut, ist nicht unfehlbar.
  • Bestehende Theorien werden bei der Entwicklung / Überprüfung neuer Theorien probeweise als wahr / unproblematisch akzeptiert (Basissätze=unwiderlegbare raum-zeitliche Bedingungen). Lakatos macht hierzu die Feststellung, dass der Entscheid über die Akzeptierbarkeit einer Theorie als unproblematisch dem subjektiven Entscheid des betreffenden Wissenschaftlers überlassen bleibe.
  • Eine Theorie muß eine empirische Basis haben, d.h., sie muß gewisse beobachtbare Sachverhalte verbieten.
  • Eine Theorie ist falsifiziert, wenn ein Beobachtungssatz als ihr widersprechend interpretiert wird.

 

  1. Raffinierter methodologischer Falsifikationismus

Lakatos beabsichtigt mit seinem raffinierten methodologischen Falsifikationismus, die Kriterien zu spezifizieren, die erfüllt sein müssen, damit eine bestehende Theorie durch eine neue Theorie ersetzt werden kann. Nach Lakatos ist eine Theorie dann wissenschaftlich, wenn:

  • sie einen Gehaltsüberschuss gegenüber einer bisher vorherrschenden Theorie hat (neuartige Tatsachen, neue Kriterien der Verwerfung). Die Erfüllung dieses Kriteriums kann durch eine a-priori-Analyse (Vergleich der neuen mit der alten Theorie) überprüft werden.
  • ein Teil des Gehaltsüberschusses einer neuen Theorie wissenschaftlich bewährt ist. Die Erfüllung dieses Kriteriums muß durch empirische Prüfungen, die unbestimmte Zeit in Anspruch nehmen, festgestellt werden.
  • sich Teilbereiche der alten Theorie, die durch die neue Theorie nicht verworfen werden, in der neu aufgestellten Theorie wiederfinden.

Unter Problemverschiebung versteht Lakatos die Modifikation einer Theorie durch (teilweise ) Ersetzung der Theorie durch eine neue Theorie oder durch Hinzufügen von Hilfshypothesen. Eine Problemverschiebung ist aber nur dann sinnvoll., wenn sie zumindest theoretisch, besser auch empirisch progressiv ist. Degenerative Problemverschiebungen sind zu vermeiden.

 

Übersicht: Problemverschiebung

theoretisch progressiv Voraussagen einer neuen, unerwarteten Tatsache (empirischer Gehaltsüberschuss)
empirisch progressiv Tatsächliche Entdeckung neuer Tatsachen, ein Teil des emp. Gehaltsüber-

schusses bewährt sich.

Progressiv sowohl theoretisch als auch empirisch bewährt
degenerativ sowoh theoretisch als auch empirisch nicht bewährt

Nach Lakatos gibt es keine Falsifikation einer Theorie, bzw. von Teilen einer Theorie, ohne die Bereitstellung einer neuen Theorie. Das Problem der Bewertung von Theorien wird dadurch umgewandelt in das Problem der Bewertung von Theorienreihen. Nur eine Reihe von Theorien, nicht eine isolierte Theorie, kann wissenschaftlich/unwissenschaftlich genannt werden. Lakatos bevorzugt den Begriff "Beseitigung" an Stelle von "Widerlegung", weil das Beseitigen einer Theorie nicht impliziert, dass diese nicht wahr oder falsch ist. Die Beseitigung einer Theorie ist eine methodische Vorgehensweise und nicht ein Entscheid über wahr und falsch.

 

4. Forschungsprogramme nach Lakatos

Ein Forschungsprogramm beinhaltet methodologische Regeln, welche die Vorgehensweise eines Wissenschaftlers bei der Entwicklung von und bei der Kritik an Theorien festlegen.

 

  • Negative Heuristik
  • Ein Wissenschaftler, der der negativen Heuristik folgt, modifiziert nicht den harten Kern seiner Theorie, sondern verändert die Hilfshypothesen, bzw. fügt der Theorie neue hinzu. Die negative Heuristik verbietet es auch, den modus tollens auf den harten Kern einer Theorie zu richten. Beseitigungsversuche müssen auf den Schutzgürtel aus Hilfshypothesen umgelenkt werden. Diese Regel wird so lange beibehalten, wie der bewährte empirische Gehalt des Schutzgürtels zunimmt. Der Grund des Zusammnbruchs eines Forschungsprogrammes ist demnach logisch und empirisch, aber nicht ästhetisch, wie bei Duhem.

     

  • Positive Heuristik
  • Folgt ein Forscher der positiven Heuristik, bildet er keinen Schutzgürtel aus Hilfshypothesen um seine Theorie, sondern modifiziert die Theorie selbst laufend im Hinblick auf sein wissenschaftliches Ziel. Aktuellen und potentiellen Beseitigungsversuchen begegnet er durch Änderungen und Anpassungen seines theoretischen Modells.

    Nach Lakatos ist die positive Heuristik der negativen vorzuziehen, da sie auf Grund ihrer methodischen Vorgehensweise eher geeignet ist, den Erkenntnisfortschritt voranzutreiben. Die Gefahr, ein unüberschaubares Gebilde aus Hilfshypothesen zu produzieren, besteht bei der positiven Heuristik nicht, sie impliziert in erster Linie progressive Problemverschiebungen.

    1. Beispiele

    In der Psychologie existierennach meinem bescheidenen Wissen keine Theorien, die in ein Forschungsprogramm eingebettet sind. Vielmehr bestehen Ansammlungen von Alternativtheorien, die ein bestimmtes Phänomen auf jeweils unterschiedliche Arten erklären. Die Regel, dass Wissen aus bereits bestehenden Theorien, das nicht falsifiziert wurde, in die neue Theorie aufgenommen werden muß, wird meist nicht eingehalten. Eine gute Illustration für diese Tatsache bieten die Emotionstheorien von James&Lange (1985) und Schachter&Singer (1962). Die verschiedenen Theorien postulieren unterschiedliche Wege des Zustandekommens von Emotionen, ohne jedoch eine logischen Bezug zu, und eine Weiterentwicklung der, bereits bestehenden Theorien zu versuchen.

    Ein weiteres Beispiel bietet die Gedächtnispsychologie. Die abwechselnde Poatuklerung von Einspeichermodellen (z.B. Ebbinghaus H.,1885; Craik F.M.&Lockhart R.S., 1972) und Mehrspeichermodellen (z.B. Atkinson R.C.&shiffrin R.M., 1971; unklar: Baddeley A.D., 1992) geschah nicht nach einer vollständigen Falsifizierung des jeweils anderen Konzeptes, sondern auf Grund der teilweise empirisch untermauerten Vermutung, dass Ein-, bzw. Mehrspeichermodelle gewisse empirische Beobachtungen besser erklären könnten. Nach wie vor gibt es unter den Gedächtnispychologen Verfechter beider theoretischer Richtungen, eine Integration der fruchtbaren Anteile beider Richtungen scheint schwierig zu sein.

    Lakatos betont, dass ein Forschungsprogramm nie ausschließlich der positiven Heuristik folgen könne, und dass immer beide Heuristiken im Prozeß der Theorieentwicklung eine Rolle spielten. Es macht jedoch den Anschein, als ob in der Psychologie die negative Heuristik und das einsame, etwas sture "vor sich hinwursteln" einzelner Wissenschaftler oder Wissenschaftlergruppen, deutlich übervertreten sei.

    Die positive Heuristik nach Lakatos eröffnet die Chance speditiver und integrativer progressiver Problemverschiebungen in Richtung wissenschaftlicher Ziele und Visionen. Sie verlangt nicht, dass eine Theorie beim ersten Auftreten einer Anomalie völlig umgekrempelt wird. Der Forscher soll sein Ziel im Auge behalten und seine Theorie unter Berücksichtigung und Antizipation möglicher Anomalien in Richtung Ziel weiterentwickeln.

     

    1. Die Duhem-Quine-These

     

    Lakatos illustriert mit der Duhem-Quine-These die unterschiedlichen Auffassungen, die Popper und Duhem&Quine vom Begriff der Prüfung haben. Indem er sich bei dieser Kontroverse eher auf die Seite von Duhem&Quine stellt, unterstreicht er noch einmal seine Position als raffinierter methodologischer Falsifikationist.

    Die schwache Interpretation der Duhem-Quine-These besagt, dass es nicht möglich ist eine getrennte Komponente eines theoretischen Systems zu widerlegen. Die starke Interpretation schließt jede rationale Auswahlregel zwischen Alternativen aus. Die starke Interpretation läßt sich mit keiner Form des methodologischen Falsifikationismus vereinigen. Die folgenden Ausführungen gehen von der schwachen Interpretation der Duhem-Quine-These aus.

    Zusammenfassung der Duhem-Quine-These

    Beispiel:

     

    1, h2, h3,..., hn, l1, l2, l3,..., ln

    Beobachtung: *0*

    Implikation: Nicht-0

    Versuch: Wiederherstellung der Konsistenz durch Änderung eines Satzes im deduktiven Modell.

     

    Prüfung nach Popper

    Prüfung nach Duhem&Quine

    *0* widerspricht einer finiten, wohl spezifizierten Konjunktion von Prämissen T >> 0&T kann nicht wahr sein

    0&T kann eine Änderung auch ausserhalb von 0&T herbeiführen. Sie kann einem entfernteren Teil unserer Kenntnisse widersprechen.

     

    Theorien

    -h1:"Wenn ein Faden mit einem Gewicht belastet wird, das seine Ziehfestigkeit übersteigt, dann reißt der Faden."

    -h2:"Das für die Ziehfestigkeit des Fadens charakteristische Gewicht ist ½ Kilo."

    Randbedingung

    -l1:"Das Gewicht, das diesen Faden belastet hat, war 1kg."

    Beobachtung

    -*0*:"Der in Raum-Zeit-Position P gehängte Faden wurde mit einem Eisengewicht von 1kg belastet und er riß nicht."

    Problem

    Es geht um die Wiederherstellung der Konsistenz innerhalb des deduktiven theoretischen Systems durch Adjustierungen innerhalb oder außerhalb des deduktiven Systems.

    Mögliche Adjustierungen außerhalb des deduktiven Systems

    - Randbedingung nicht erfüllt: Es befand sich ein verborgener Magnet an der Decke des Labors, so dass der Faden teilweise vom Eisengewicht entlastet wurde.

    - Hilfshypothese: Ziehfestigkeit hängt von der Feuchtigkeit des Fadens ab und der Faden war feucht, so dass er mehr Gewicht tragen kann.

    - Randbedingung nicht erfüllt: Das Gewicht wurde mit einer ungenauen Wage gewogen und war in Wirklichkeit weniger schwer.

    - Randbedingung nicht erfüllt: Der Faden riß, aber die Assistenten des betreffenden Professors reportierten aus Gründen persönlicher Abneigung gegen den Professor, der Faden sei nicht gerissen

    - Hilfshypothese: Es gibt verschiedene Arten von Fäden. Der im Experiment verwendete Faden war ein "Superfaden" und "Superfäden" reißen nicht.

     

    Mögliche Adjustierung innerhalb des deduktiven Systems

    -ergänzende theoretische Annahmen: h2: Das für die Ziehfestigkeit des Fadens charakteristische Gewicht ist ½ Kilo, wenn die Raumtemperatur exakt 16° Celsius beträgt

    Schlußfolgerung

    Nach Popper müßte das obenstehende deduktive Modell auf Grund der inkonsistenten Beobachtung entweder verworfen, oder mit Hilfe einer Adjustierung, die Änderungen innerhalb des deduktiven Modells herbeiführt, wieder zum Stimmen gebracht werden. Nach Duhem & Quine kann "jede Behauptung für wahr gehalten werden, was auch kommen mag, wenn wir hinreichend drastische Adjustierungen anderswo im System durchführen...Umgekehrt ist eben deshalb keine Behauptung vor einer Revision gesichert". Lakatos bringt diese Aussage auf den Punkt, indem er sagt, dass jeder Test eine Herausforderung an die Gesamtheit unseres Wissens darstellt. Popper seinerseits kritisierte dieses "holistische Dogma" des "globalen Charakters aller Prüfungen".

     

    6. Zusammenfassung / Fazit / Diskussion

    Der naive Falsifikationist glaubt, dass eine widerspruchsvolle Klasse von Sätzen zerlegt werden muß in die zu prüfende Theorie, in einen akzeptierten Basissatz und

    in unbezweifelte Hintergrundkenntnisse. Dieses naive Vermuten, das der Zerlegung zu Grunde liegt, ist willkürlich und kein ernstzunehmendes Härtungsverfahren.

    Der raffinierte Falsifikationist erlaubt die Ersetzung beliebiger Teile von Theorien, solange diese Ersetzung in progressiver Weise geschieht. Negative Entscheidungsexperimente spielen hier keine Rolle. Es geht um die progressive Erweiterung von Forschungsprogrammen unter Beibehaltung des wissenschaftlichen Ziels.

    Die Frage ist welcher Aspekt stärker gewichtet werden soll, die Poppersche Wahrheitsnähe oder der instrumentale Aspekt einfallsreicher Forschungsprogramme nach Lakatos zur Auffindung neuer Tatsachen und zur Bereitstellung zuverlässiger Prognosen.

     

    7. Literaturverzeichnis

  • Lakatos I. & Musgrave A.: Criticisms and the growth of knowledge: Cambridge: University of Cambridge Press, 1970. (Darin insbes.: Lakatos I., Falsification and he methodology of scientific research programs.)
  • www.hausarbeiten.mikro.net/data/
    bw...1-wissenschaftl-erkenntnisfortschritt.htm
  • (Mies A. (1996): Der wissenschaftliche Erkenntnisfortschritt, Kriterien der Bewährung und Verwerfung von Theorien - eine Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme. Seminararbeit, vorgelegt bei Prof. Dr. J. Hentze an der technischen Universität Carolo Wilhelmina Braunschweig.)
  • http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/INTERN...SBLAETTERORD/
    WISSENSCHAFTORD/Lakatos.htm
    (Zusammenfassung von: Lakatos I.:Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme, 1970)
  • Prechtl P., Burkard F.P. (Hrsg.): Metzler-Philosophie-Lexikon: Begriffe und
  • Definitionen. Stuttgart: Metzler (1996).

     

    Homepage des Lehrstuhls für Wahrnehmung und Kognition der Universität Bern
    URL dieser Seite: http://visor.unibe.ch/SS99/Hypothesen/0706.htm
    last update 23.06.99 by
    cw