Werner Stangls Lehrtext.Sammlung
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Platon - Politeia. Siebentes
Buch
In der Übersetzung von Friedrich
Schleiermacher
Stephanus / Burnet 514a - 541b
I. Nächstdem, sprach ich, vergleiche dir unsere Natur in bezug
auf Bildung und Unbildung folgendem Zustande.
Sieh nämlich Menschen wie in einer unterirdischen,
höhlenartigen Wohnung, die einen gegen das Licht geöffneten
Zugang längs der ganzen Höhle hat. In dieser seien sie von
Kindheit an gefesselt an Hals und Schenkeln, so daß sie auf
demselben Fleck bleiben und auch nur nach vornhin sehen, den Kopf
aber herumzudrehen der Fessel wegen nicht vermögend sind. Licht
aber haben sie von einem Feuer, welches von oben und von ferneher
hinter ihnen brennt. Zwischen dem Feuer und den Gefangenen geht
obenher ein Weg, längs diesem sieh eine Mauer aufgeführt,
wie die Schranken, welche die Gaukler vor den Zuschauern sich
erbauten, über welche herüber sie ihre Kunststücke
zeigen. - Ich sehe, sagte er. - Sieh nun längs dieser Mauer
Menschen allerlei Gefäße tragen, die über die Mauer
herüberragen, und Bildsäulen und andere steinerne und
hölzerne Bilder und von allerlei Arbeit; einige, wie
natürlich, reden dabei, andere schweigen. - Ein gar wunderliches
Bild, sprach er, stellst du dar und wunderliche Gefangene. - Uns ganz
ähnliche, entgegnete ich. Denn zuerst, meinst du wohl, daß
dergleichen Menschen von sich selbst und voneinander etwas anderes zu
sehen bekommen als die Schatten, welche das Feuer auf die ihnen
gegenüberstehende Wand der Höhle wirft? - Wie sollten sie,
sprach er, wenn sie gezwungen sind, zeitlebens den Kopf unbeweglich
zu halten! - Und von dem Vorübergetragenen nicht eben dieses? -
Was sonst? - Wenn sie nun miteinander reden könnten, glaubst du
nicht, daß sie auch pflegen würden, dieses Vorhandene zu
benennen, was sie sähen? - Notwendig. - Und wie, wenn ihr Kerker
auch einen Widerhall hätte von drübenher, meinst du, wenn
einer von den Vorübergehenden spräche, sie würden
denken, etwas anderes rede als der eben vorübergehende Schatten?
- Nein, beim Zeus, sagte er. - Auf keine Weise also können diese
irgend etwas anderes für das Wahre halten als die Schatten jener
Kunstwerke? - Ganz unmöglich. - Nun betrachte auch, sprach ich,
die Lösung und Heilung von ihren Banden und ihrem Unverstande,
wie es damit natürlich stehen würde, wenn ihnen folgendes
begegnete. Wenn einer entfesselt wäre und gezwungen würde,
sogleich aufzustehen, den Hals herumzudrehen, zu gehen und gegen das
Licht zu sehen und, indem er das täte, immer Schmerzen
hätte und wegen des flimmernden Glanzes nicht recht
vermöchte, jene Dinge zu erkennen, wovon er vorher die Schatten
sah, was meinst du wohl, würde er sagen, wenn ihm einer
versicherte, damals habe er lauter Nichtiges gesehen, jetzt aber, dem
Seienden näher und zu dem mehr Seienden gewendet, sähe er
richtiger und, ihm jedes Vorübergehende zeigend, ihn fragte und
zu antworten zwänge, was es sei? Meinst du nicht, er werde ganz
verwirrt sein und glauben, was er damals gesehen sei doch wirklicher,
als was ihm jetzt gezeigt werde? - Bei weitem, antwortete er. -
II. Und wenn man ihn gar in das Licht selbst zu sehen nötigte,
würden ihm wohl die Augen schmerzen, und er würde fliehen
und zu jenem zurückkehren, was er anzusehen imstande ist, fest
überzeugt, dies sei weit gewisser als das Letztgezeigte? -
Allerdings. - Und, sprach ich, wenn ihn einer mit Gewalt von dort
durch den unwegsamen und steilen Aufgang schleppte und nicht
losließe, bis er ihn an das Licht der Sonne gebracht
hätte, wird er nicht viel Schmerzen haben und sich gar ungern
schleppen lassen? Und wenn er nun an das Licht kommt und die Augen
voll Strahlen hat, wird er nichts sehen können von dem, was ihm
nun für das Wahre gegeben wird. Freilich nicht, sagte er,
wenigstens sogleich nicht. - Gewöhnung also, meine ich, wird er
nötig haben, um das Obere zu sehen.
Und zuerst würde er Schatten am leichtesten erkennen, hernach
die Bilder der Menschen und der andern Dinge im Wasser, und dann erst
sie selbst. Und ebenso, was am Himmel ist und den Himmel selbst
würde er am liebsten in der Nacht betrachten und in das Mond-
und Sternenlicht sehen, als bei Tage in die Sonne und in ihr Licht. -
Wie sollte er nicht! - Zuletzt aber, denke ich, wird er auch die
Sonne selbst, nicht Bilder von ihr im Wasser oder anderwärts,
sondern sie selbst an ihrer eigenen Stelle anzusehen und zu
betrachten imstande sein. - Notwendig, sagte er. - Und dann wird er
schon herausbringen von ihr, daß sie es ist, die alle Zeiten
und Jahre schafft und alles ordnet in dem sichtbaren Raume und auch
von dem, was sie dort sahen, gewissermaßen die Ursache ist. -
Offenbar, sagte er, würde er nach jenem auch hierzu kommen. -
Und wie, wenn er nun seiner ersten Wohnung gedenkt und der dortigen
Weisheit und der damaligen Mitgefangenen, meinst du nicht, er werde
sich selbst glücklich preisen über die Veränderung,
jene aber beklagen? - Ganz gewiß. - Und wenn sie dort unter
sich Ehre, Lob und Belohnungen für den bestimmt hatten, der das
Vorüberziehende am schärfsten sah und sich am besten
behielt, was zuerst zu kommen pflegte und was zuletzt und was
zugleich, und daher also am besten vorhersagen konnte, was nun
erscheinen werde, glaubst du, es werde ihn danach noch groß
verlangen und er werde die bei jenen Geehrten und Machthabenden
beneiden? Oder wird ihm das Homerische begegnen und er viel lieber
wollen "das Feld als Tagelöhner bestellen einem dürftigen
Mann" und lieber alles über sich ergehen lassen, als wieder
solche Vorstellungen zu haben wie dort und so zu leben? - So, sagte
er, denke ich, wird er sich alles eher gefallen lassen, als so zu
leben. - Auch das bedenke noch, sprach ich. Wenn ein solcher nun
wieder hinunterstiege und sich auf denselben Schemel setzte,
würden ihm die Augen nicht ganz voll Dunkelheit sein, da er so
plötzlich von der Sonne herkommt? - Ganz gewiß. - Und wenn
er wieder in der Begutachtung jener Schatten wetteifern sollte mit
denen, die immer dort gefangen gewesen, während es ihm noch vor
den Augen flimmert, ehe er sie wieder dazu einrichtet, und das
möchte keine kleine Zeit seines Aufenthaltes dauern, würde
man ihn nicht auslachen und von ihm sagen, er sei mit verdorbenen
Augen von oben zurückgekommen und es lohne nicht, daß man
versuche hinaufzukommen; sondern man müsse jeden, der sie
lösen und hinaufbringen wollte, wenn man seiner nur habhaft
werden und ihn umbringen könnte, auch wirklich umbringen? - So
sprächen sie ganz gewiß, sagte er. -
III. Dieses ganze Bild nun, sagte ich, lieber Glaukon, mußt du
mit dem früher Gesagten verbinden, die durch das Gesicht uns
erscheinende Region der Wohnung im Gefängnisse gleichsetzen und
den Schein von dem Feuer darin der Kraft der Sonne; und wenn du nun
das Hinaufsteigen und die Beschauung der oberen Dinge setzest als den
Aufschwung der Seele in die Gegend der Erkenntnis, so wird dir nicht
entgehen, was mein Glaube ist, da du doch dieses zu wissen begehrst.
Gott mag wissen, ob er richtig ist; was ich wenigstens sehe, das sehe
ich so, daß zuletzt unter allem Erkennbaren und nur mit
Mühe die Idee des Guten erblickt wird, wenn man sie aber
erblickt hat, sie auch gleich dafür anerkannt wird, daß
sie für alle die Ursache alles Richtigen und Schönen ist,
im Sichtbaren das Licht und die Sonne, von der dieses abhängt,
erzeugend, im Erkennbaren aber sie allein als Herrscherin Wahrheit
und Vernunft hervorbringend und daß also diese sehen muß,
wer vernünftig handeln will, es sei nun in eigenen oder in
öffentlichen Angelegenheiten. - Auch ich, sprach er, teile die
Meinung, so gut ich eben kann. - Komm denn, sprach ich, teile auch
diese mit mir und wundere dich nicht, wenn diejenigen, die bis
hierher gekommen sind, nicht Lust haben, menschliche Dinge zu
betreiben, sondern ihre Seelen immer nach dem Aufenthalt oben
trachten; denn so ist es ja natürlich, wenn sich dies nach dem
vorher aufgestellten Bilde verhält. - Natürlich freilich,
sagte er. - Und wie? Kommt dir das wunderbar vor, fuhr ich fort,
daß, von göttlichen Anschauungen unter das menschliche
Elend versetzt, einer sich übel gebärdet und gar
lächerlich erscheint, wenn er, solange er noch trübe sieht
und ehe er sich noch an die dortige Finsternis hinreichend
gewöhnt hat, schon genötigt wird, vor Gericht oder
anderwärts zu streiten über die Schatten des Gerechten oder
die Bilder, zu denen sie gehören, und dieses auszufechten, wie
es sich die etwa vorstellen, welche die Gerechtigkeit selbst niemals
gesehen haben? - Nicht im mindesten zu verwundern! sagte er. -
Sondern, wenn einer Vernunft hätte, fuhr ich fort, so würde
er bedünken, daß durch zweierlei und auf zweifache Weise
das Gesicht gestört sein kann, wenn man aus dem Licht in die
Dunkelheit versetzt wird und wenn aus der Dunkelheit in das Licht,
Und ebenso, würde er denken, gehe es auch mit der Seele und
würde, wenn er eine verwirrt findet und unfähig zu sehen,
nicht unüberlegt lachen, sondern erst zusehen, ob sie wohl, von
einem lichtvolleren Leben herkommend, aus Ungewohnheit verfinstert
ist oder ob sie, aus größerem Unverstande ins Hellere
gekommen, durch die Fülle des Glanzes geblendet wird; und so
würde er dann die eine wegen ihres Zustandes und ihrer
Lebensweise glücklich preisen, die andere aber bedauern; oder,
wenn er über diese lachen wollte, wäre sein Lachen nicht so
lächerlich als das über die, welche von obenher aus dem
Lichte kommt. Sehr richtig gesprochen, sagte er.
IV. Wir müssen daher, sprach ich, so hierüber denken, wenn
das Bisherige richtig ist, daß die Unterweisung nicht das sei,
wofür einige sich vermessen sie auszugeben. Nämlich sie
behaupten, wenn keine Erkenntnis in der Seele sei, könnten sie
sie ihr einsetzen, wie wenn sie blinden Augen ein Gesicht einsetzten.
- Das behaupten sie freilich, sagte er. - Die jetzige Rede aber,
sprach ich, deutet an, daß dieses der Seele eines jeden
einwohnende Vermögen und das Organ, womit jeder begreift, wie
das Auge, nicht anders als mit dem gesamten Leibe zugleich sich aus
dem Finstern ans Helle wenden konnte, so auch dieses nur mit der
gesamten Seele zugleich von dem Werdenden abgeführt werden
muß, bis es das Anschauen des Seienden und des
glänzendsten unter den Seienden aushalten lernt. Dieses aber,
sagten wir, sei das Gute; nicht wahr? - Ja. - Hiervon nun eben,
sprach ich, mag sie wohl die Kunst sein, die Kunst der Umlenkung, auf
welche Weise wohl am leichtesten und wirksamsten dieses Vermögen
kann umgewendet werden, nicht die Kunst, ihm das Sehen erst
einzubilden, sondern als ob es dies schon habe und nur nicht recht
gestellt sei und nicht sehe, wohin es sollte, ihm dieses zu
erleichtern. Das leuchtet ein, sagte er. - Die andern Tugenden der
Seele nun, wie man sie zu nennen pflegt, mögen wohl sehr nahe
liegen denen des Leibes; denn in der Wirklichkeit früher nicht
vorhanden, scheinen sie erst hernach angebildet zu werden durch
Gewöhnungen und Übung; die des Erkennens aber mag wohl
vielleicht einem Göttlicheren angehören, wie es scheint,
welches seine Kraft niemals verliert, nur aber durch Lenkung
nützlich und heilbringend oder auch unnütz und verderblich
wird. Oder hast du noch nicht auf die geachtet, die man böse
aber klug nennt, wie scharf ihr Seelchen sieht und wie genau es
dasjenige erkennt, worauf es sich richtet, daß es also kein
schlechtes Gesicht hat, aber dem Bösen dienen muß und
daher, je schärfer es sieht, um desto mehr Böses tut. -
Allerdings, sagte er. -Ebendieses indes an einer solchen Natur, wenn
sie von Kindheit an gehörig beschnitten und das dem Werden oder
der Zeitlichkeit Verwandte ihr ausgeschnitten worden wäre, was
sich wie Bleikugeln an die Gaumenlust und andere Lüste und
Weichlichkeiten anhängt und das Gesicht der Seele nach unten
wendet, würde dann, hiervon befreit, sich zu dem Wahren
hinwenden und dann bei denselben Menschen auch dieses auf das
schärfste sehen, eben wie das, dem es jetzt zugewendet ist. -
Natürlich, sagte er. - Und wie, sprach ich, ist nicht auch dies
natürlich und nach dem bisher Gesagten notwendig, daß
weder die Ungebildeten und der Wahrheit Unkundigen dem Staat
gehörig vorstehen werden noch auch die, welche man sich
immerwährend mit den Wissenschaften beschäftigen
läßt? Die einen, weil sie nicht einen Zweck im Leben
haben, auf welchen zielend sie alles täten, was sie tun für
sich und öffentlich; die andern, weil sie gutwillig gar nicht
Geschäfte werden betreiben wollen, in der Meinung, daß sie
noch immer auf den Inseln der Seligen leben und also abwesend sind. -
Richtig, sagte er. - Uns also, als den Gründern der Stadt,
sprach ich, liegt ob, die trefflichsten Naturen unter unsern
Bewohnern zu nötigen, daß sie zu jener Kenntnis zu
gelangen suchen, welche wir im vorigen als die größte
aufstellten, nämlich das Gute zu sehen und die Reise
aufwärts dahin anzutreten; aber wenn sie dort oben zur
Genüge geschaut haben, darf man ihnen nicht erlauben, was ihnen
jetzt erlaubt wird. Welches meinst du? - Dort zu bleiben, sprach ich,
und nicht wieder zurückkehren zu wollen zu jenen Gefangenen,
noch Anteil zu nehmen an ihren Mühseligkeiten und
Ehrenbezeigungen, mögen diese nun geringfügig sein oder
bedeutend. Also, sagte er, wollen wir ihnen Unrecht zufügen und
schuld daran sein, daß sie schlechter leben, da sie es besser
könnten?
V. Du hast wieder vergessen, Freund, sprach ich, daß der
Gesetzgeber sich nicht dieses angelegen sein läßt,
daß ein Geschlecht im Staat sich ausgezeichnet wohl befinde,
sondern daß er im ganzen Staate Wohlsein muß
hervorzubringen suchen, indem er die Bürger ineinanderfügt
und sie teils überredet, teils nötigt, einander mitzuteilen
von dem Nutzen, den jeder dem gemeinen Wesen leisten kann, und indem
er Männer dieser Art dem Staate selbst zuzieht, nicht um sie
hernach gehen zu lassen, wohin jeder will, sondern um sich selbst
ihrer für den Verein des Staates zu bedienen. - Richtig, sagte
er; das hatte ich freilich vergessen. - Betrachte nun, o Glaukon,
fuhr ich fort, daß wir den bei uns sich bildenden Philosophen
kein Unrecht tun werden, sondern ganz Gerechtes gegen sie
aussprechen, wenn wir ihnen zumuten, für die andern Sorge zu
tragen und sie in Obhut zu halten. Wir werden ihnen nämlich
sagen, daß die in andern Staaten Philosophen werden,
billigerweise an den Arbeiten in denselben keinen Teil nehmen; denn
sie bilden sich zu solchen von freien Stücken wider Willen der
jedesmaligen Verfassung, und das sei ganz billig, daß, was von
selbst gewachsen ist, da es niemandem für seine Kost
verpflichtet ist, auch nicht Lust hat, jemandem Kostgeld zu bezahlen.
Euch aber haben wir zu eurem und des übrigen Staates Besten wie
in den Bienenstöcken die Weisel und Könige erzogen und
besser und vollständiger als die übrigen ausgebildet, so
daß ihr tüchtiger seid, an beidem teilzunehmen. Ihr
müßt also nun wieder herabsteigen, jeder in seiner
Ordnung, zu der Wohnung der übrigen und euch mit ihnen
gewöhnen, das Dunkle zu schauen, Denn gewöhnt ihr euch
hinein, so werdet ihr tausendmal besser als die dortigen sehen und
jedes Schattenbild erkennen, was es ist und wovon, weil ihr das
Schöne, Gute und Gerechte selbst in der Wahrheit gesehen habt,
Und so wird uns und euch der Staat wachend verwaltet werden und nicht
träumend, wie jetzt die meisten von solchen verwaltet werden,
welche Schattengefecht miteinander treiben und sich entzweien um die
Obergewalt, als ob sie ein gar großes Gut wäre. Das Wahre
daran ist aber dieses, der Staat, in welchem die zur Regierung
Berufenen am wenigsten Lust haben zu regieren, wird notwendig am
besten und ruhigsten verwaltet werden, der aber entgegengesetzte
Regenten bekommen hat, auch entgegengesetzt. - Ganz gewiß,
sagte er. - Meinst du nun, daß unsere Zöglinge uns
ungehorsam sein werden, wenn sie dies hören, und sich nicht
jeder an seinem Teil im Staate werden mitplagen wollen, die
übrige viele Zeit aber miteinander im Reinen wohnen?
Unmöglich! antwortete er; denn nur Gerechtes fordern wir ja von
den Gerechten. Auf alle Weise jedoch werden sie nur recht, wie zu
etwas Notwendigem, jeder zu seiner Amtsführung gehen, ganz das
Gegenteil von denen, die jetzt in den Staaten regieren. -Denn so
verhält es sich, Freund, sprach ich. Wenn du denen, welche
regieren sollen, eine Lebensweise ausfindest, welche besser ist als
das Regieren, dann kannst du es dahin bringen, daß der Staat
wohl verwaltet werde; denn in einem solchen allein werden die
wahrhaft Reichen regieren, die es nicht an Golde sind, sondern woran
der Glückselige reich sein soll, an tüchtigem und
vernunftmäßigem Leben. Wenn aber Hungerleider und Arme an
eigenem Gut an die öffentlichen Angelegenheiten gehen, in der
Meinung, von dorther Gutes an sich reißen zu müssen, so
geht es nicht. Denn wird die Verwaltung etwas, worum man sich
reißt und schlägt, so muß ein solcher einheimischer
und innerer Krieg die Kriegfahrenden selbst und den übrigen
Staat verderben. - Vollkommen richtig, sagte er. - Kennst du nun,
sprach ich, eine andere Lebensweise, welche aus der bürgerlichen
Gewalt wenig macht, als die der echten Philosophie? - Keine, beim
Zeus, sprach er. - Nun aber sollen ja nicht Liebhaber des Regierens
dazu gelangen, weil sie sonst als Mitbewerber darum streiten werden.
- Freilich. - Welche andere also willst du nötigen, mit der
Fürsorge für den Staat sich zu befassen, als welche sowohl
dessen am kundigsten sind, wodurch ein Staat gut verwaltet wird, als
auch welche zugleich andere Belohnungen kennen und eine andere
Lebensweise als die staatsmännische? - Keine andere, sagte er.
-
VI. Willst du also, daß wir nun schon dieses überlegen,
auf welche Weise wir zu solchen gelangen und wie man sie ans Licht
heraufbringt nach Art einiger, von denen erzählt wird, sie seien
aus der Unterwelt zu den Göttern hinaufgestiegen? Wie sollte ich
nicht wollen! sagte er. - Das ist nun freilich, scheint es, nicht wie
sich eine Scherbe umwendet, sondern es ist eine Umlenkung der Seele,
welche aus einem gleichsam nächtlichen Tage zu dem wahren Tage
des Seienden jene Auffahrt antritt, welche wir eben die wahre
Philosophie nennen wollen. - Allerdings. - Also müssen wir
sehen, welche unter allen Kenntnissen eine solche Kraft habe? - Wie
sollten wir nicht! - Welche Wissenschaft, o Glaukon, könnte wohl
ein solcher Zug sein für die Seele von dem Werdenden zu dem
Seienden? Dieses aber fällt mir eben noch ein, indem ich rede.
Sagten wir nicht, unsere Herrscher müßten notwendig in
ihrer Jugend wackre Kriegskämpfer sein? - Das sagten wir. - Also
muß ja wohl die Wissenschaft, die wir suchen, auch dieses noch
dazu haben außer jenem. - Was denn? - Kriegerischen
Männern nicht unbrauchbar zu sein. - Das muß sie, wenn es
angeht. - In der Gymnastik und Musik aber sind sie uns ja zuvor schon
unterwiesen worden. - So war es, sagte er. - Und die Gymnastik hat es
doch ganz mit einem Werdenden und Vergänglichen zu tun, denn sie
führt Aufsicht über Wachstum und Verfall des Leibes. -
Offenbar. - Diese also wäre nicht die gesuchte Wissenschaft. -
Freilich nicht. - Aber etwa die Musik, wie wir sie früher
beschrieben haben? - Aber die war ja, sagte er, ein Gegenstück
zur Gymnastik, wenn du dich erinnerst. Sie erzog durch
Gewöhnungen unsere Wächter, mittels des Wohlklanges eine
gewisse Wohlgestimmtheit, nicht Wissenschaft, ihnen
einflößend und mittels des Zeitmaßes die
Wohlgemessenheit, woneben sie in Reden noch anderes diesem
Ähnliches hatte, mochten es nun die fabelhafteren sein oder die
der Wahrheit verwandteren; eine Wissenschaft aber, die zu demjenigen
gut ist, was du jetzt suchst, war wohl gar nicht in ihr. - Auf das
genaueste, sprach ich, bringst du mir es in Erinnerung. Denn
dergleichen hatte sie in der Tat nicht. Aber, bester Glaukon, wo
wäre nun eine solche? Die Künste dünkten uns doch
insgesamt unedel zu sein? - Freilich. Also was für eine andere
Kenntnis bleibt uns noch übrig, wenn Musik, Gymnastik und
Gewerbekünste ausgeschlossen sind? - Wohl, sagte ich, wenn wir
außer diesen nichts mehr finden können, so laß uns
etwas von dem nehmen, was sich auf sie alle bezieht. - Was doch? -
Wie jenes Gemeine, dessen alle Künste und Verständnisse und
Wissenschaften noch dazu bedürfen, was auch jeder mit zuerst
lernen muß. - Was denn? sagte er. Jenes Schlichte, sprach ich,
die Eins und Zwei und Drei zu verstehen; ich nenne es aber, um es
kurz zusammenzufassen, Zahl und Rechnung. Oder ist es damit nicht so,
daß jegliche Kunst und Wissenschaft daran teilnehmen muß?
- Gar sehr, sagte er. - Nicht auch, sprach ich, die Kriegskunst? -
Diese nun ganz notwendig, sagte er. - Wenigstens, sagte ich, den
Agamemnon stellt doch in der Tragödie Palamedes überall als
einen ganz lächerlichen Feldherrn dar. Oder besinnst du dich
nicht, daß er sagt, nachdem er die Zahl ausgemittelt, habe er
die Ordnungen dem Heer eingerichtet vor Ilion und die Schiffe und
alles andere gezählt, als ob sie vorher wären
ungezählt gewesen und Agamemnon, wie es scheint, nicht einmal
gewußt habe, wieviel Füße er hatte, wenn er ja nicht
zählen konnte. Und was für ein Feldherr muß er also
wohl gewesen sein? - Ein gar abgeschmackter, sagte er, wenn das wahr
ist.
VII. Wollen wir also nicht festsetzen, daß für einen
Kriegsmann Zählen und Rechnenkönnen eine notwendige
Kenntnis sei? - Diese wohl vorzüglich, sagte er, wenn er nur
etwas von den Aufstellungen verstehen, ja wenn er nur ein Mensch sein
soll. - Denkst du nun, sprach ich, über diese Kenntnis ebendas,
was ich? - Was denn? - Sie mag wohl zu dem auf die Vernunfteinsicht
Führenden, was wir suchen, ihrer Natur nach gehören,
niemand aber sich ihrer recht als eines auf alle Weise zum Sein
Beziehenden bedienen. - Wie, sagte er, meinst du das? - Ich will
versuchen, sprach ich, deutlich zu machen, wie es mir vorkommt. Wie
ich aber bei mir selbst unterscheide, was ein Leitungsmittel zu dem
ist, wovon wir reden, und was nicht, das betrachte zuerst mit mir,
und stimme dann bei oder stimme ab, damit wir auch dieses deutlicher
sehen, ob es ist, wie mir ahnt. - Zeige es nur, sagte er. - Ich zeige
dir also, sprach ich, wenn du es siehst, in den Wahrnehmungen
einiges, was gar nicht die Vernunft zur Betrachtung auffordert, als
werde es schon hinreichend durch die Wahrnehmung bestimmt, anderes
hingegen, was auf alle Weise jene herbeiruft zur Betrachtung, als ob
dabei die Wahrnehmung nichts Gesundes ausrichte. - Offenbar, sagte
er, meinst du, was sich nur von ferne zeigt und was nach Licht und
Schatten gezeichnet ist. Diesmal, sprach ich, hast du gar nicht
getroffen, was ich meine. - Was also, sagte er, meinst du denn? -
Nicht auffordernd, sprach ich, ist das, was nicht in eine
entgegengesetzte Wahrnehmung zugleich ausschlägt; was aber dazu
ausschlägt, setze ich als auffordernd, weil die Wahrnehmung nun
dieses um nichts mehr als sein Gegenteil kundgibt, sie mag nun von
nahem darauf zukommen oder von weitem. So wirst du aber wohl
deutlicher sehen, was ich meine. Dies, sagen wir also, wären
drei Finger, der kleinste und hier der andere und der mittlere. - Ja,
sagte er. - Und denke, daß ich, von ihnen als in der Nähe
Gesehenen rede. Betrachte mir aber nun dieses an ihnen. - Was doch? -
Ein Finger ist offenbar jeder von ihnen auf die gleiche Weise, und
insofern ist es ganz einerlei, ob man ihn in der Mitte sieht oder am
Ende und ob er weiß ist oder schwarz, stark oder dünn, und
was noch mehr dergleichen, denn durch alles dieses wird die Seele der
meisten nicht aufgefordert, die Vernunft weiter zu fragen, was wohl
ein Finger ist; denn nirgends hat ihnen derselbe Anblick gezeigt,
daß ein Finger auch das Gegenteil von einem Finger ist. -
Freilich nicht, sagte er. - Dies wäre also offenbar nicht die
Vernunft auffordernd oder aufregend. - Offenbar nicht. - Wie aber
ihre Größe und Kleinheit? Sieht auch sie das Gesicht
hinreichend und so, daß es ihm keinen Unterschied macht, ob
einer in der Mitte liegt oder am Ende? Und erkennt ebenso Dicke und
Dünnheit, Weichheit und Härte das Gefühl? Und zeigen
nicht ebenfalls die andern Sinne dergleichen alles nur mangelhaft an?
Oder geht es nicht jedem Sinne so, daß zuerst der über das
Harte gesetzte Sinn auch über das Weiche gesetzt sein muß
und der Seele wahrnehmend Hartes und Weiches als dasselbe meldet? -
So ist es, sagte er. - Muß nun nicht hierbei die Seele
zweifelhaft werden, als was ihr doch die Wahrnehmung das Harte
andeutet, wenn sie doch dasselbe weich nennt, und so auch die des
Leichten und Schweren, als was doch leicht und schwer, wenn sie doch
das Schwere als leicht und das Leichte als schwer kundgibt. -
Freilich, sagte er, müssen diese Aussagen der Seele gar
wunderlich erscheinen und näherer Betrachtung bedürftig. -
Natürlich also versucht die Seele bei dergleichen, zuerst
Überlegung und Vernunft herbeirufend, zu erwägen, ob jedes
solche Angemeldete eins ist oder zwei. - Natürlich. - Und
erscheint es als zwei, so ist doch jedes von beiden ein anderes und
eins. - Ja. - Und wenn jedes von beiden eins ist und beide zwei, so
erkennt sie doch zwei gesonderte, denn ungesondert würde sie
nicht zwei erkennen, sondern eins. - Richtig. - Großes freilich
und Kleines, sagten wir, sah auch das Gesicht, aber nicht gesondert,
sondern als ein Vermischtes. Nicht wahr? - Ja. - Um aber dieses
deutlich zu machen ward die Vernunft genötigt, ebenfalls
Großes und Kleines zu sehen, nicht vermischt, sondern getrennt,
also auf entgegengesetzte Weise wie jenes. - Richtig. - Und nicht
wahr, von daher fiel es uns zuerst ein, danach zu fragen, was wohl
recht das Große und Kleine ist? - Allerdings. - Und so nannten
wir dann das eine das Erkennbare, das andere das Sichtbare. - Ganz
richtig, sagte er. -
VIII. Dieses nun wollte ich auch jetzt sagen, daß einiges
auffordernd für die Vernunft ist, anderes nicht; was
nämlich in die Sinne fällt zugleich mit seinem Gegenteil,
als auffordernd setzend; was aber nicht, als nicht erregend für
die Vernunft. - Jetzt verstehe ich es schon, sagte er, und es
dünkt mich auch so. - Wie nun die Zahl und die Einheit, zu
welchem von beiden scheinen sie dir zu gehören? - Ich weiß
nicht, sagte er. - Berechne es nur, sprach ich, nach dem
Vorhergesagten. Denn wenn die Einheit deutlich genug an und für
sich gesehen oder von sonst einem Sinne ergriffen wird, so
könnte sie dann keine Hinleitung sein zum Wesen, eben wie wir
von dem Finger sagten. Wenn aber mit ihr zugleich immer irgendein
Widerspiel von ihr gesehen wird, so daß kein Ding mehr eins zu
sein scheint, als auch das Gegenteil davon; dann wäre schon eine
weitere Beurteilung nötig und die Seele würde müssen
darüber bedenklich werden und den Gedanken in sich aufregend
untersuchen und weiter fragen, was doch die Einheit selbst ist. Und
so gehörte dann die Beschäftigung mit der Einheit unter
jene leitenden und zur Beschauung des Seienden hinlenkenden. - Eben
dieses aber, sagte er, hat die Wahrnehmung, die es mit dem Eins zu
tun hat, ganz besonders an sich.
Denn wir sehen dasselbe Ding zugleich als eines und als unendlich
vieles. - Wenn nun die Eins, sprach ich, so wird wohl die gesamte
Zahl eben dieses an sich haben. - Allerdings. Das Zählen aber
und Rechnen hat es ganz und gar mit der Zahl zu tun. - Freilich. -
Dies also zeigt sich als leitend zur Wahrheit. - Auf ganz
vorzügliche Weise. - Und gehört also unter die Kenntnisse,
die wir suchten. Denn dem Krieger ist es seiner Aufstellungen wegen
notwendig, dieses zu verstehen; dem Philosophen aber, weil er sich
dabei über das Sichtbare und das Werden erheben und das Wesen
ergreifen muß, oder er ist doch nie der eigentliche Rechner. -
So ist es, sagte er. Unser Staatswächter aber ist ein Krieger
und ein Philosoph. Wie sollte er nicht! - So wäre denn die
Kenntnis ganz geeignet, o Glaukon, sie gesetzlich einzuführen
und die, welche an dem Größten im Staate teilhaben sollen,
zu überreden, daß sie sich an die Rechenkunst geben und
sich mit ihr beschäftigen, nicht auf gemeine Weise, sondern bis
sie zur Anschauung der Natur der Zahlen gekommen sind durch die
Vernunft selbst, nicht Kaufs und Verkaufs wegen wie Handelsleute und
Krämer darüber nachsinnend, sondern zum Behuf des Krieges
und wegen der Seele selbst und der Leichtigkeit ihrer Umkehr von dem
Werden zum Sein und zur Wahrheit. - Sehr wohl gesprochen, sagte er. -
Und nun, sprach ich, begreife ich auch, nachdem die Kenntnis des
Rechnens so beschrieben ist, wie herrlich sie ist und uns
vielfältig nützlich zu dem, was wir wollen, wenn einer sie
des Wissens wegen betreibt und nicht etwa des Handels wegen. - Wieso?
sagte er. - Dadurch ja, was wir eben sagten, wie sehr sie die Seele
in die Höhe führt und sie nötigt, mit den Zahlen
selbst sich zu beschäftigen, nimmer zufrieden, wenn einer ihr
Zahlen, welche sichtbare und greifliche Körper haben,
vorhält und darüber redet. Denn du weißt doch, die
sich hierauf verstehen, wenn einer die Einheit selbst in Gedanken
zerschneiden will, wie sie ihn auslachen und es nicht gelten lassen;
sondern wenn du sie zerschneidest, vervielfältigen jene wieder,
aus Furcht, daß die Einheit etwa nicht als eins, sondern als
viele Teile angesehen werde. - Ganz richtig, sagte er. - Was meinst
du nun, Glaukon, wenn jemand sie fragte, ihr Wunderlichen, von was
für Zahlen redet ihr denn, in welchen die Einheit so ist, wie
ihr sie wollt, jede ganz jeder gleich und nicht im mindesten
verschieden und keinen Teil in sich habend, was, denkst du,
würden sie antworten? Ich denke dieses, daß sie von denen
reden, welche man nur denken kann, unmöglich aber auf irgendeine
andere Art handhaben. - Siehst du also, sprach ich, Lieber, wie
notwendig diese Kenntnis uns in der Tat sein muß, da sie die
Seele so offenbar nötigt, sich der Vernunft selbst zu bedienen
zum Behuf der Wahrheit selbst? - Gar sehr freilich, sagte er, teile
sie dieses. - Und wie hast du wohl dieses schon bemerkt, wie die,
welche von Natur Zahlkünstler sind, auch in allen andern
Kenntnissen sich schnell fassend zeigen, die von Natur Langsamen
aber, wenn sie im Rechnen unterrichtet und geübt sind, sollten
sie auch keinen andern Nutzen daraus ziehen, wenigstens darin alle
gewinnen, daß sie in schneller Fassungskraft sich selbst
übertreffen. - So ist es, sagte er. - Und gewiß auch, wie
ich denke, wirst du nicht leicht vieles finden, was dem Lernenden und
Übenden soviel Mühe machte als eben diese. Gewiß
nicht. - Aus allen diesen Gründen also dürfen wir die
Kenntnis nicht loslassen, sondern die edelsten Naturen müssen
darin unterwiesen werden. - Ich stimme ein, sagte er. -
IX. Dies eine also, sprach ich, stehe uns fest. Das andere aber, was
damit zusammenhängt, wollen wir auch sehen, ob uns das etwas
nützt? - Welches? fragte er, oder meinst du die Meßkunst?
- Eben diese, sprach ich. - Was nun an ihr auf das Kriegswesen Bezug
hat, sagte er, so ist wohl offenbar, daß dieses nützt.
Denn um Lager abzustecken, feste Plätze einzunehmen, das Heer
zusammenzuziehen oder auszudehnen und für alles, was die
Richtung des Heeres in den Gefechten selbst und auf den Märschen
betrifft, wird es einen großen Unterschied machen, ob einer ein
Meßkünstler ist oder nicht. - Zu dem allen, sagte ich, ist
freilich ein sehr kleiner Teil der Rechenkunst und der Meßkunst
hinreichend; der größere und weiter vorschreitende Teil
derselben aber, laß uns zusehen, ob der einen Bezug hat auf
jenes, nämlich zu machen, daß die Idee des Guten leichter
gesehen werde. Es trägt aber, sagten wir, alles dasjenige hierzu
bei, was die Seele nötigt, sich nach jener Gegend hinzuwenden,
wo das Seligste von allem Seienden sich befindet, welches eben sie
auf jede Weise sehen soll. Richtig gesprochen, sagte er. - Also wenn
die Meßkunst uns nötigt, das Sein anzuschauen, so nutzt
sie; wenn das Werden, so nutzt sie nicht. - Das behaupten wir
freilich. - Und dieses, sprach ich, wird uns wohl niemand, wer nur
ein weniges von Meßkunst versteht, bestreiten, daß diese
Wissenschaft ganz anders ist, als die, welche sie bearbeiten,
darüber reden. Wieso? - Sie reden nämlich gar
lächerlich und notdürftig; denn es kommt heraus, als ob sie
etwas ausrichteten und als ob sie eines Geschäftes wegen ihren
ganzen Vortrag machten, wenn sie quadrieren, verlängern,
zusammennehmen und was sie sonst für Ausdrücke haben; die
ganze Sache aber wird bloß der Erkenntnis wegen betrieben. -
Allerdings, sagte er. - Und ist nicht auch noch dies
einzuräumen? - Was doch? - Daß wegen der Erkenntnis des
immer Seienden, nicht des bald Entstehenden, bald Vergehenden? -
Leicht einzuräumen, sagte er. Denn offenbar ist die
Meßkunst die Kenntnis des immer Seienden. - Also, Bester,
wäre sie auch eine Leitung der Seele zum Wesen hin und ein
Bildungsmittel philosophischer Gesinnung, daß man nämlich
oben habe, was wir jetzt gar nicht geziemend nach unten halten. - So
sehr als möglich tut sie das. - So sehr als möglich
müssen wir also, sprach ich, darauf halten, daß dir die
Leute in deinem Schönstaate der Geometrie nicht unkundig seien.
Und auch der Nebengewinn davon ist nicht unbedeutend. - Welcher? -
Dessen du erwähntest in bezug auf den Krieg; ja auch bei allen
andern Kenntnissen, um sie vollkommener aufzufassen, wird ein
gewaltiger Unterschied sein zwischen denen, die sich mit Geometrie
abgegeben haben und die nicht. - Ein gänzlicher, beim Zeus,
sagte er. -
Also diese zweite Kenntnis wollen wir unserer Jugend aufgeben. - Das
wollen wir. -
X. Und wie? Die Sternkunde etwa als die dritte? Oder meinst du nicht?
- Ich gewiß, sagte er. Denn die Zeiten immer genauer zu
bemerken. der Monate sowohl als der Jahre, ist nicht nur dem Ackerbau
heilsam und der Schiffahrt, sondern auch der Kriegskunst nicht
minder. - Wie anmutig du bist sprach ich, daß du scheinst die
Leute zu fürchten, sie möchten meinen, du wolltest
unnütze Kenntnisse aufbringen. Das aber ist die Sache, nichts
Geringes, jedoch schwer zu glauben, daß durch Jede dieser
Kenntnisse ein Sinn der Seele gereinigt wird und aufgeregt, der unter
andern Beschäftigungen verlorengeht und erblindet, da doch an
dessen Erhaltung mehr gelegen ist als an tausend Augen; denn durch
ihn allein wird die Wahrheit gesehen. Die nun dieser Meinung auch
sind, werden deine Rede, es ist nicht zu sagen wie, vortrefflich
finden; die aber hiervon noch nichts irgend gemerkt haben, werden
ganz natürlich glauben, daß du nichts sagest. Denn einen
anderen Nutzen, der der Rede wert wäre, sehen sie nicht dabei.
So sieh nun lieber gleich, zu welchen von beiden du redest, oder ob
du für keinen von beiden Teilen, sondern dein selbst wegen
vorzüglich die Sache untersuchst, nur aber niemanden
mißgönnen willst, wer etwa noch einen Nutzen davon haben
kann. - So, sprach er, will ich am liebsten vorzüglich mein
selbst wegen reden sowohl als auch fragen und antworten. - So lenke
denn, sprach ich, wieder zurück. Denn nicht richtig haben wir
jetzt eben das Nächste an der Meßkunde angegeben. Wieso?
fragte er. - Indem wir, sprach ich, nach der Fläche gleich den
Körper in Bewegung nahmen, ohne ihn zuvor an und für sich
betrachtet zu haben. Und es wäre doch recht, gleich nach der
zweiten Ausdehnung die dritte zu nehmen. Diese hat es aber zu tun mit
der Ausdehnung des Würfels und mit allem, was Tiefe hat. -
Richtig, sagte er. Aber dies, o Sokrates, scheint noch nicht gefunden
zu sein. - Und zwar, sprach ich, aus doppelter Ursache; sowohl weil
kein Staat den rechten Wert darauf legt, wird hierin nur wenig
erforscht bei der Schwierigkeit der Sache, als auch bedürfen die
Forschenden eines Anführers, ohne den sie nicht leicht etwas
finden werden, und der wird sich zuerst schwerlich finden, und wenn
er sich auch fände, würden ihm, wie die Sache jetzt steht,
die, welche in diesen Dingen forschen, weil sie sich selbst zuviel
dünken, nicht gehorchen. Wenn aber ein ganzer Staat sich an die
Spitze stellte, der die Sache gehörig zu schätzen
wüßte, so würden sowohl diese gehorchen als auch die
Sache würde, wenn anhaltend und angestrengt gesucht, wohl ans
Licht kommen müssen, wie sie sich verhält, da sie schon
jetzt, wiewohl von den meisten gar nicht geachtet, sondern eher
gehemmt, und von den Forschenden selbst, welche die rechte Einsicht
nicht haben, nur so weit, als sie nützlich ist, dennoch dem
allem zum Trotz vermöge ihres innern Reizes gedeiht, und man
sich gar nicht wundern muß, daß sie so weit ans Licht
gekommen ist. Anziehend, sagte er, ist sie freilich ganz besonders.
Aber erkläre mir noch deutlicher, was du eben meintest. Die
ganze Lehre von den Ebenen nanntest du doch Geometrie. - Ja, sprach
ich. - Und dann zunächst ihr erst die Astronomie, darauf aber
lenktest du um. Eilfertig, sprach ich, alles recht schnell
durchzunehmen, verspätete ich mich vielmehr. Denn da die
Methode, die Tiefe oder das Körperliche zu finden, das
nächste war, übersprang ich diese, weil es mit der
Untersuchung noch lächerlich steht, und nannte zunächst der
Meßkunde die Sternkunde, die es mit der Bewegung des
Körperlichen zu tun hat. - Richtig gesprochen. - So wollen wir
denn, sprach ich, die Sternkunde als die vierte setzen, als
würde die jetzt ausgelassene sich schon einstellen, wenn nur ein
Staat sich darum bekümmerte. - Natürlich! sagte er. Und was
du mir eben tadeltest, o Sokrates, wegen der Sternkunde, daß
ich sie auf gemeine Art gelobt, so will ich sie jetzt, so wie du sie
auch treibst, loben. Denn das dünkt mich jedem deutlich,
daß diese die Seele nötigt, nach oben zu sehen, und von
dem Hiesigen dorthin führt. Vielleicht, sprach ich, ist es jedem
deutlich außer mir; denn mir scheint es nicht so. - Sondern
wie? - Daß sie wie sich jetzt die, welche sich als Philosophie
erheben wollen, mit ihr beschäftigen, gerade unterwärts
sehen macht. - Wie meinst du das? fragte er. - Gar vornehm, sprach
ich, scheinst du mir die Kenntnis von dem, was droben ist, bei dir
selbst zu bestimmen, was sie ist. Denn du wirst wohl auch, wenn einer
Gemälde an der Decke betrachtet und hinaufgereckt etwas
unterscheidet, glauben, daß der mit der Vernunft betrachtet und
nicht mit den Augen. Vielleicht nun ist deine Ansicht die rechte,
meine aber einfältig. Denn ich kann wieder nicht glauben,
daß irgendeine andere Kenntnis die Seele nach oben schauen
mache als die des Seienden und Unsichtbaren; mag einer nun nach oben
gereckt oder nach unten blinzelnd hiervon etwas lernen, Wenn aber
einer, auch noch so sehr nach oben gereckt, nur irgend Wahrnehmbares
in sich aufzunehmen trachtet, so leugne ich sogar, daß er etwas
lerne, weil es von nichts dergleichen eine Wissenschaft gibt, und
daß je seine Seele aufwärts schaue, sondern nur
unterwärts, und wenn er auch ganz auf dem Rücken liegend in
die Höhe guckte zu Wasser und zu Land.
XI. Da ist mir recht geschehen, sagte er, und wohlverdient hast du
mich gescholten, Aber wie meinst du, müsse man die Sternkunde
anders lernen als jetzt geschieht, wenn sie mit den Augen für
das, was wir meinen, erlernt werden soll? - So, sprach ich, daß
man diese Gebilde am Himmel, da sie doch im Sichtbaren gebildet sind,
zwar für das Beste und Vollkommenste in dieser Art halte, aber
doch weit hinter dem Wahrhaften zurückbleibend, in was für
Bewegungen die Geschwindigkeit, welche ist, und die Langsamkeit,
welche ist, sich nach der wahrhaften Zahl und allen wahrhaften
Figuren gegeneinander bewegen und, was darin ist, forttreiben,
welches alles nur mit der Vernunft zu fassen ist, mit dem Gesicht
aber nicht. Oder meinst du etwa? - Keineswegs wohl. -Also, sprach
ich, jene bunte Arbeit am Himmel muß man nur als Beispiele
gebrauchen, um jenes nämlich zu erlernen, wie wenn einer auf des
Daidalos oder eines anderen Künstlers oder Malers vortrefflich
gezeichnete und fleißig ausgearbeitete Vorzeichnungen trifft.
Denn wenn einer, der sich auf Meßkunde versteht, diese sieht,
so wird er wohl finden, daß sie vortrefflich gearbeitet sind,
aber lächerlich doch diese im Ernst darauf anzusehen, als ob man
darin das Wesen des gleichen oder doppelten oder irgendeines anderen
Verhältnisses fassen könnte. Wie sollte das nicht
lächerlich sein! sagte er. - Meinst du nun nicht, sprach ich, es
werde dem wahrhaft Sternkundigen ebenso ergehen, wenn er die
Bewegungen der Gestirne betrachtet? Er werde zwar glauben, so
vortrefflich, als nur immer dergleichen Werke zusammengesetzt sein
können, sei gewiß von dem Bildner des Himmels dieser, und
was in ihm ist, auch zusammengesetzt; aber das Verhältnis der
Nacht zum Tage und dieser zum Monat und des Monates zum Jahr und der
andern Gestirne zu diesen und unter sich, meinst du nicht, er werde
den für ungereimt halten, welcher behauptet, diese erfolgten
immer auf die gleiche Weise, ohne je um das mindeste abzuweichen, da
sie doch Körper haben und sichtbar sind, und man müsse auf
jede Weise versuchen, an ihnen das Wesen zu erfassen? Das dünkt
mich nun auch, sprach er, da ich dich höre. - Also, sprach ich,
um uns der Aufgaben zu bedienen, welche sie darbietet, wollen wir wie
die Meßkunde so auch die Sternkunde herbeiholen, was aber am
Himmel ist, lassen, wenn es uns anders darum zu tun ist, wahrhaft der
Sternkunde uns befleißigend, das von Natur Vernünftige in
unserer Seele aus Unbrauchbarem brauchbar zu machen. - Da gibst du
vielmal mehr zu tun, als jetzt bei der Sternenkunde geschieht. - Und
ich denke wohl, sagte ich, wir werden es mit allem andern ebenso
einrichten müssen, wenn wir als Gesetzgeber etwas nutz sein
wollen.
XII. Aber was hast du nun noch in Erinnerung zu bringen von hierher
gehörigen Kenntnissen? - Nichts jetzt sogleich, sagte er. - Aber
die Bewegung selbst, sprach ich, stellt uns nicht eine, sondern
mehrere Arten dar; sie nun insgesamt mag ein Sachkundiger
auszuführen wissen, die aber auch uns gleich auffallen, deren
sind zwei. - Was für welche? - Es scheinen ja, sprach ich, wie
für die Sternkunde die Augen gemacht sind, so für die
harmonische Bewegung die Ohren gemacht, und dieses zwei
verschwisterte Wissenschaften zu sein, wie die Pythagoräer
behaupten und wir zugeben, oder wie sonst tun? - Zugeben. - Also,
sprach ich, weil das eine weitläufige Sache ist, wollen wir nur
von jenen vernehmen, was sie darüber sagen und ob noch etwas
anderes zu diesem; wir aber wollen außer dem allen das Unsrige
wohl in acht nehmen. - Was doch? - Daß nicht unsern
Zöglingen einfalle, etwas hiervon unvollständig zu lernen,
so daß es nicht jedesmal dahinausgeht, worauf alles führen
soll, wie wir eben von der Sternkunde sagen. Oder weißt du
nicht, daß sie es mit der Harmonie ebenso machen? Wenn sie
nämlich die wirklich gehörten Akkorde und Töne
gegeneinander messen, mühen sie sich eben wie die Sternkundigen
mit etwas ab, womit sie nicht zustande kommen. - Bei den
Göttern, sagte er, und gar lächerlich halten sie bei ihren
sogenannten Heranstimmungen das Ohr hin, als ob sie den Ton von
seinem Nachbar ablauschen wollten, da denn einige behaupten, sie
hätten noch einen Unterschied des Tones und dies sei das
kleinste Intervall, nach welchem man messen müsse, andere aber
leugnen es und sagen, sie klängen nun schon ganz gleich, beide
aber halten das Ohr höher als die Vernunft. - Du, sprach ich,
meinst jene Guten, welche die Saiten ängstigen und quälen
und auf den Wirbeln spannen. Damit aber die Erzählung nicht zu
lang werde, will ich dir die Schläge mit dem Hammer und das
Ansprechen und Versagen und die Sprödigkeit der Saiten, diese
ganze Geschichte will ich dir schenken und leugne, daß diese
Leute etwas von der Sache sagen, sondern vielmehr jene, von denen wir
eben sagten, wir wollten sie der Harmonie wegen befragen. Denn diese
hier machen es ebenso wie jene Astronomen, nämlich sie suchen in
diesen wirklich gehörten Akkorden die Zahlen, aber sie steigen
nicht zu Aufgaben, um zu suchen, welches harmonische Zahlen sind und
welches nicht, und weshalb beides. - Das ist auch, sagte er, eine gar
wunderliche Sache. - Sehr nützlich allerdings, sprach ich,
für die Auffindung des Guten und Schönen; wenn man sie aber
auf andere Weise betreibt, ganz unnütz. - Wahrscheinlich wohl,
sagte er. -
XIII. Ich meinesteils denke, fuhr ich fort, wenn die Bearbeitung der
Gegenstände, die wir bis jetzt durchgegangen sind, auf deren
Gemeinschaft unter sich und Verwandschaft gerichtet ist und sie
zusammengebracht werden, wie sie zusammengehören, so kann diese
Beschäftigung schon etwas beitragen zu dem, was wir wollen, und
ist dann keine unnütze Mühe; wenn aber nicht, so ist sie
unnütz. - So ahnet auch mir, sagte er, aber das ist ein gar
großes Werk, o Sokrates. - Schon das Vorspiel, sprach ich, oder
was meinst du? Oder wissen wir nicht, daß alles dies nur das
Vorspiel ist zu der Melodie, welche eigentlich soll erlernt werden?
Denn du meinst doch nicht, daß, die in diesen Dingen stark
sind, schon die Dialektiker sind? - Nein, beim Zeus, außer nur
gar wenige von denen, die mir bekannt geworden. - Aber auch das doch
nicht, daß solche, die nicht einmal vermögen, irgend Rede
zu stehen oder zu fordern, irgend etwas wissen werden von dem, was
man wie wir sagen, wissen muß? - Auch das gewiß nicht,
sagte er. - Also dieses, o Glaukon, ist nun wohl die Melodie oder der
Satz selbst, was die Dialektik ausführt? Von dem auch, wie er
nur mit dem Gedanken gefaßt wird, jenes Vermögen des
Gesichts ein Abbild ist, von welchem wir sagten, daß es
bestrebt sei, auf die Tiere selbst zu schauen und auf die Gestirne
selbst, ja zuletzt auch auf die Sonne selbst. So auch wenn einer
unternimmt, Rede zu geben, der zielt ohne alle Wahrnehmung nur
mittels des Wortes und Gedankens auf das selbst, was jedes ist; und
wenn er nicht eher abläßt, bis er, was das Gute selbst
ist, mit der Erkenntnis gefaßt hat, dann ist er an dem Ziel
alles Erkennbaren, wie jener dort am Ziel alles Sichtbaren. Auf alle
Weise. - Und diesen Weg, nennst du den nicht den dialektischen? - Wie
sonst? - Die Lösung aber von den Banden und die Umwendung von
den Schatten zu den Bildern selbst und zum Licht und das
Hinaufsteigen aus dem unterirdischen Aufenthalt an den Tag und dort
auf die Tiere und Pflanzen selbst zwar und auf das Licht der Sonne
nur mit Unvermögen hinschauen, wohl aber auf deren Abbilder im
Wasser, hier aber auf göttliche Abbilder und Schatten des
Seienden, nicht der Bilder Schatten, welche durch ein anderes in
Vergleich mit der Sonne ebensolches Licht abgeschattet wären, -
das ist die Kraft, welche die gesamte Beschäftigung mit den
Künsten besitzt, welche wir durchgenommen haben; und solche
Anleitungen gewähren sie dem Besten in der Seele zum Anschauen
des Trefflichsten unter dem Seienden, wie dort dem
Untrüglichsten am Leibe zu der des Glänzendsten in dem
körperlichen und sichtbaren Gebiet. - Ich, sprach er, nehme es
so an; wiewohl es mir gar schwer scheint, es anzunehmen, dann aber
auch wieder schwer, es nicht anzunehmen. Doch, denn man muß das
ja nicht diesmal nur hören, sondern noch gar oft darauf
zurückkommen, laß uns setzen, dies verhielte sich, wie
eben gesagt wird, und laß uns nun zu dem Satz selbst gehen und
ihn ebenso durchnehmen, wie wir das Vorspiel durchgenommen haben.
Sprich daher, welches ist das eigentümliche Wesen der Dialektik,
in was für Arten zerfällt sie und welches sind die Wege zu
ihr; denn diese wären es nun endlich, dünkt mich, die dahin
führen, wo für den Angekommenen Ruhe ist vom Wege und Ende
der Wanderschaft. - Du wirst nur, sprach ich, lieber Glaukon, nicht
mehr imstande sein zu folgen! Denn an meiner Bereitwilligkeit soll es
nicht liegen, und du sollst nicht mehr nur ein Bild dessen, wovon wir
reden, sehen, sondern die Sache selbst, so gut sie sich mir
wenigstens zeigt; ob nun richtig oder nicht, das darf ich nicht
behaupten, aber daß es etwas solches gibt, muß behauptet
werden. Nicht wahr? - Notwendig. - Nicht auch, daß allein die
Kraft der Dialektik es dem zeigen kann, welcher der erwähnten
Dinge kundig ist, sonst aber es nicht möglich ist? Auch dies,
sagte er, darf man behaupten. - Und dies wenigstens, sprach ich, wird
uns wohl niemand bestreiten, wenn wir sagen, daß, was jegliches
selbst sei, dies keine andere Wissenschaft sucht ordentlich von allem
zu finden, sondern alle anderen Künste sich entweder auf der
Menschen Vorstellungen und Begierden beziehen oder auch mit
Hervorbringen und Zusammensetzen oder mit Pflege des Hervorgebrachten
und Zusammengesetzten zu tun haben, die übrigen aber, denen wir
zugaben, daß sie sich etwas mit dem Seienden befassen, die
Meßkunde und was mit ihr zusammenhängt, sehen wir wohl,
wie sie zwar träumen von dem Seienden, ordentlich wachend, aber
es wirklich zu erkennen nicht vermögen, solange sie, Annahmen
voraussetzend, diese unbeweglich lassen, indem sie keine Rechenschaft
davon geben können. Denn wo von der Anfang ist, was man nicht
weiß, Mitte und Ende also aus diesem, was man nicht weiß,
zusammengeflochten sind, wie soll wohl, was auf solche Weise
angenommen wird, jemals eine Wissenschaft sein können? - Keine
gewiß! sagte er.
XIV. Nun aber, sprach ich, geht die dialektische Methode allein auf
diese Art, alle Voraussetzungen aufhebend, gerade zum Anfange selbst,
damit dieser fest werde, und das in Wahrheit in barbarischen Schlamm
vergrabene Auge der Seele zieht sie gelinde hervor und führt es
aufwärts, wobei sie als Mitdienerinnen und Mitleiterinnen die
angeführten Künste gebraucht, welche wir zwar mehrmals
Wissenschaften genannt haben, der Gewohnheit gemäß, die
aber eines andern Namens bedürfen, der mehr besagt als Meinung,
aber dunkler ist als die Wissenschaft - wir haben sie aber schon
früher irgendwo Verständnis genannt; indes, denke ich,
müssen die nicht über die Wörter streiten, denen eine
so große Untersuchung wie uns vorliegt. - Freilich nicht! sagte
er, sondern wenn eines nur das bestimmt bezeichnet für den
Vortrag, was man bei sich denkt. - Es beliebt uns also, sprach ich,
wie zuvor die erste Abteilung Wissenschaft zu nennen, die zweite
Verständnis, die dritte Glaube, die vierte Wahrscheinlichkeit;
und diese beiden zusammengenommen Meinung, jene beiden aber
Erkenntnis.
Und Meinung hat es mit dem Werden zu tun, Erkenntnis mit dem Sein;
und wie sich Sein zum Werden verhält, so Erkenntnis zur Meinung,
nämlich Wissenschaft zum Glauben und Verständnis zur
Wahrscheinlichkeit. Das Verhältnis dessen aber, worauf sich
diese beziehen, das Vorstellbare und Erkennbare, und die zweifache
Teilung, jedes von beiden wollen wir lassen, o Glaukon, um nicht in
noch vielmal größere Untersuchungen zu geraten als die
vorigen. - Mir meinesteils, sagte er, gefällt das übrige
alles, soweit ich folgen kann, gleichfalls. - Nennst du nun auch den
Dialektiker, der die Erklärung des Seins und Wesens eines jeden
faßt? Und wer die nicht hat, wirst du nicht von dem, inwiefern
er nicht imstande ist, sich und andern Rede zu stehen, insofern auch
leugnen, er habe hiervon Erkenntnis? - Wie könnte ich es wohl
behaupten? - Also auch ebenso mit dem Guten, wer nicht imstande ist,
die Idee des Guten, von allem andern aussondernd, durch
Erklärung zu bestimmen, und wer nicht, wie im Gefecht durch alle
Angriffe sich durchschlagend, sie nicht nach dem Schein, sondern nach
dem Sein zu verfechten suchend, durch dies alles mit einer
unüberwindlichen Erklärung durchkommt, von dem wirst du
auch weder, daß er das Gute selbst erkenne, behaupten wollen,
wenn es sich so mit ihm verhält, noch auch irgendein anderes
Gute; sondern wenn er irgendein Bild davon trifft, daß er es
durch Meinung, nicht durch Wissenschaft treffe und daß er,
dieses Leben verträumend und verschlummernd, ehe er hier erwacht
ist, in die Unterwelt kommt und vollkommen in den tiefen Schlaf
versinkt. - Beim Zeus, sagte er, gar sehr werde ich das alles sagen.
- Und deine eigenen Kinder, die du jetzt in unsrer Rede erziehst und
bildest, wenn du die je in der Wirklichkeit erzögest,
würdest du sie doch gewiß nicht lassen, wenn sie
unvernünftig wären, wie Figuren den Staat regieren und das
Wichtigste von ihnen abhängig machen? Freilich nicht. - Sondern
du wirst es ihnen zum Gesetz machen, derjenigen Bildung
vorzüglich nachzustreben, durch welche sie instand gesetzt
werden, soviel möglich als Wissende zu fragen und zu antworten.
- Dies Gesetz werde ich allerdings geben mit dir. - Scheint dir nun
nicht, sprach ich, die Dialektik recht wie der Sims über allen
anderen Kenntnissen zu liegen und über diese keine andere
Kenntnis mehr mit Recht aufgesetzt werden zu können, sondern es
mit den Kenntnissen hier ein Ende zu haben? - Mir wohl, sagte er.
-
XV. Nun ist dir also noch die Verteilung übrig, sprach ich wem
wir diese Kenntnisse mitteilen wollen und auf welche Weise? -
Offenbar, sagte er. - Erinnerst du dich nun noch unserer ersten
Auswahl der Herrscher, was für welche wir ausgewählt haben?
- Wie sollte ich nicht! sagte er. - Übrigens nämlich
meintest du, müsse man jene tapferen Naturen auswählen;
denn man müsse die Festesten und Tapfersten vorziehen und nach
Vermögen die Wohlgestaltesten. Außerdem aber müssen
wir nun noch suchen nicht nur edle und mutige von Gesinnung, sondern
auch die für diesen Unterricht günstigen Anlagen
müssen sie haben. - Und welche bezeichnest du als solche? -
Scharfb1ick, o Bester, sprach ich, müssen sie mitbringen und
nicht schwer lernen. Denn viel eher noch wird die Seele mutlos bei
schwierigen Kenntnissen als bei Leibesübungen. Denn die
Anstrengung ist ihr eigentümlicher, weil sie ausschließend
ist und sie sie nicht mit dem Körper teilt. - Richtig, sagte er.
- Und einen von gutem Gedächtnis müssen wir suchen, der
auch unermüdlich ist und außerordentlich arbeitslustig.
Oder wie meinst du sonst, werde einer jenes Körperliche alles
durcharbeiten können und noch so große Aufgaben des
Lernens und Nachdenkens vollenden? - Keiner gewiß, sagte er,
der nicht in jedem Sinne gut geartet ist. - Der jetzige Fehler
wenigstens, sprach ich, und die Geringschätzung ist der
Philosophie hieraus entstanden, daß man sich nicht gehörig
mit ihr abgibt; denn nicht Unechte sollten es tun, sondern Echte. -
Wie meinst du das? - Zuerst sagte ich, muß einer an der
Arbeitsamkeit nicht hinken, der sich mit ihr abgeben will, daß
er halb arbeitslustig ist und halb träge. Und so ist es doch,
wenn einer zwar die Leibesübungen liebt und die Jagd, und wo es
auf den Leib ankommt, sich gern anstrengt, aber weder lernlustig ist
noch hörlustig, noch forschlustig, sondern in dem allen sich
ungern anstrengt. Ebenso hinkt nun auch, wer seine Arbeitslust nur
auf die entgegengesetzte Seite geworfen hat. - Vollkommen richtig. -
Und werden wir nicht auch in bezug auf die Wahrheit eine Seele
für verstümmelt halten müssen, welche das freiwillige
Falsche zwar haßt, es nicht leidend an sich selbst und, wenn
andere lügen, in heftigen Unwillen geratend, das unfreiwillige
aber sich leicht gefallen läßt, und wenn man sie auf der
Unwissenheit ertappt, nicht unwillig wird, sondern gar lustig nach
Schweineart in der Dummheit herumsudelt. - Allerdings, sagte er. -
Auch was Besonnenheit anbelangt und Tapferkeit und Großmut und
alle Teile der Tugend, muß man nicht weniger darauf achten, wer
unecht ist und wer echt. Denn wer dergleichen nicht zu unterscheiden
weiß, es sei ein einzelner oder ein Staat, der hat dann, ohne
es zu wissen, Hinkende und Unechte, worin er nun eben auf solche
treffe, jener zu Freunden, dieser zu Anführern. - Gar sehr,
sagte er, verhält es sich so. - Wir aber müssen uns vor
allem der Art gewaltig hüten, so daß, wenn wir nur
Geradgliedrige und Geradsinnige zu so großen Unterweisungen und
Übungen zulassen und ausbilden, die Gerechtigkeit selbst uns
nicht wird tadeln können und wir den Staat und die Verfassung
retten werden; bringen wir aber Ungeschickte dazu, so werden wir ganz
das Gegenteil bewirken und der Philosophie noch mehr Gelächter
zuziehen. - Das wäre ja schmählich, sagte er. - Freilich,
sprach ich. Aber Lächerliches scheint auch mir gegenwärtig
begegnet zu sein. Was doch? - Ich vergaß, daß wir
scherzten, und habe die Rede zu scharf gespannt. Denn indem ich
sprach, blickte ich zugleich auf die Philosophie, und da ich sie so
unwürdig geschmäht sah, scheint mir, daß ich,
unwillig und ereifert über die Schuldigen, zu ernst gesprochen
habe, was ich sprach. - Nein, beim Zeus, sagte er, für mich
wenigstens als Zuhörer nicht. - Wohl aber für mich, sprach
ich, als Redner. Das aber laß uns nicht vergessen, daß
bei unserer ersten Wahl wir Alte gewählt haben, bei der jetzigen
dies aber nicht angehen wird. Denn es ist dem Solon nicht zu glauben,
daß alternd einer noch viel zu lernen vermag, sondern noch
weniger als zu laufen; vielmehr gehören alle großen und
anhaltenden Anstrengungen der Jugend. -Notwendig, sagte er. -
XVI. Was nun zum Rechnen und zur Meßkunde und zu allen
Vorübungen gehört, die vor der Dialektik hergehen sollen,
das müssen wir ihnen als Knaben vorlegen, indem wir jedoch die
Form der Belehrung nicht als einen Zwang zum Lernen einrichten. -
Warum nicht? - Weil, sprach ich, kein Freier irgendeine Kenntnis auf
knechtische Art erlernen muß. Denn die körperlichen
Anstrengungen, wenn sie auch mit Gewalt geübt werden, machen den
Leib um nichts schlechter, in der Seele aber ist keine erzwungene
Kenntnis bleibend. - Richtig, sagte er. - Nicht also mit Gewalt, o
Bester, sprach ich, sondern spielend beschäftige die Knaben mit
diesen Kenntnissen, damit du auch desto besser sehen könnest,
wohin ein jeder von Natur sich neigt. - Das hat wohl Grund, sagte er.
- Erinnerst du dich nun nicht, sprach ich, daß wir sagten, man
müsse die Knaben auch in den Krieg zu Pferde als Zuschauer
führen und, wenn es einmal sicher ist, sie auch ganz nahe
hinzubringen und sie Blut kosten lassen, wie man es mit den jungen
Hunden macht? - Dessen erinnere ich mich. - In allem diesen nun, in
den Anstrengungen, dem Unterricht und den Gefahren, muß man,
die jedesmal am tüchtigsten hineingehen, in eine gewisse Liste
eintragen. - In welchem Alter? fragte er. - Wenn sie, sprach ich, von
den notwendigen Leibesübungen losgesprochen werden. Denn diese
Zeit, währe sie nun zwei oder drei Jahre, kann unmöglich
noch etwas anderes ausrichten; denn Müdigkeit und Schlaf sind
dem Lernen feind, auch ist dies selbst nicht eine von den kleinsten
Prüfungen, wie sich jeder in den Leibesübungen zeigt. - Wie
sollte es nicht, Nach dieser Zeit aber, sprach ich, von zwanzig
Jahren an sollen die Vorzüglichen größere Ehre vor
den andern genießen, und die den Knaben zerstreut vorgetragenen
Kenntnisse müssen für sie zusammengestellt werden zu einer
Übersicht der gegenseitigen Verwandtschaft der Wissenschaften
und der Natur des Seienden. - Wenigstens, sprach er, wird nun das so
Erlernte fest sein, wem man es auch beigebracht hat. - Und, sagte
ich, die stärkste Probe, wo eine dialektische Natur ist und wo
nicht. Denn wer in diese Übersicht eingeht, ist dialektisch; wer
nicht, ist es nicht. - Ich stimme dir bei, sagte er. - Hierauf also,
sprach ich, wirst du achten müssen, und welche unter ihnen
dieses am meisten sind und beharrlich im Lernen, beharrlich auch im
Kriege und in allem Vorgeschriebenen, diese wiederum, wenn sie
dreißig Jahre zurückgelegt haben, aus den
Auserwählten auswählen und zu noch größeren
Ehren erheben, um, indem du sie durch die Dialektik prüfest, zu
sehen, wer von ihnen, Augen und die andern Sinne fahrenlassend,
vermag, auf das Seiende selbst und die Wahrheit loszugehen. Und hier
ist nun viele Behutsamkeit nötig, o Bester. - Weshalb
eigentlich? fragte er. - Merkst du denn nicht, sprach ich, das
jetzige Übel mit der Dialektik, wie groß es ist? - Welches
denn? - Daß sie ganz mit Gesetzwidrigkeit angefüllt ist. -
Das freilich, sagte er. - Glaubst du also, sprach ich, daß
denen etwas ganz Wunderbares begegnet, und verzeihst ihnen nicht? -
Wieso eigentlich? - Wie wenn, sprach ich, ein untergeschobenes Kind
bei großem Vermögen in einem vornehmen und ausgebreiteten
Geschlecht und unter vielen Schmeichlern erzogen wäre und wenn
es, ein Mann geworden, erführe, es sei nicht von diesen Eltern,
die dafür ausgegeben worden, die wahren aber nicht auffinden
könnte, kannst du wohl ahnen, wie dieser gegen die Schmeichler
und gegen die, welche ihn untergeschoben haben, gesinnt sein wird
zuerst in der Zeit, wo er noch nichts von den, Unterschieben
wußte, und dann wieder in der, wo er es weiß? Oder willst
du meine Ahnung davon hören? - Das letztere will ich. -
XVII. Ich ahne also, sprach ich, daß er Vater und Mutter und
die andern geglaubten Verwandte mehr ehren wird als die Schmeichler,
und weniger übersehen, wenn sie etwas bedürfen, weniger
auch etwas Gesetzwidriges gegen sie tun oder reden auch weniger ihnen
in großen Dingen ungehorsam sein als den Schmeichlern, in der
Zeit nämlich, wo er die Wahrheit noch nicht weiß. -
Natürlich. - Hat er aber das Wahre gemerkt, so ahne ich im
Gegenteil, er werde an Ehrfurcht und Bemühungen um jene
nachlassen, den Schmeichlern aber davon zulegen und ihnen bei weitem
mehr als zuvor folgen, ja, indem er sich schon unverhohlen zu ihnen
hält, ganz nach ihrem Willen leben, um jenen Vater aber und die
übrigen angeblichen Verwandten, wenn er nicht sehr rechtschaffen
ist von Natur, sich gar nichts kümmern. - Du beschreibst alles,
wie es geschehen wird, Aber wie bezieht sich nun dieses Bild auf
diejenigen, welche sich in jenes Gebiet des Denkens begeben? - So. Es
gibt doch bei uns Lehren von Gerechten und Schönen, unter denen
wir von Kindheit an erzogen worden sind wie von Eltern, ihnen
gehorchend und sie ehrend. - So ist es. - Gibt es nun nicht auch
andere diesen entgegengesetzte Bestrebungen, die Lust bei sich
führen und unseren Seelen zwar schmeicheln und sie anlocken,
aber doch diejenigen, die auch nur einigermaßen tauglich sind,
nicht überreden; sondern solche ehren jene väterlichen
Lehren und gehorchen denen? - Das gibt es. - Wie nun, sprach ich,
wenn einem, mit dem es so steht, eine Frage kommt und ihn fragt, was
das Schöne ist, und wenn er das antwortet, was er vom
Gesetzgeber gehört hat, die Rede ihn dann bestreitet und durch
öftere und vielfältige Widerlegungen ihn auf den Gedanken
bringt, als sei dieses um nichts mehr schön als
häßlich, und ebenso mit dem Gerechten und Guten und was er
am meisten in Ehren gehalten hat, wie, meinst du, wird er sich nach
diesem gegen jene verhalten, was Ehrfurcht und Folgsamkeit betrifft?
- Notwendig, sagte er, wird er sie weder mehr ebenso ehren noch ihnen
ebenso gehorchen. Wenn er nun, sprach ich, diese nicht mehr so
für ehrenwert und verwandt hält wie zuvor, aber auch das
Wahre nicht findet, kann er sich zu einer andern Lebensweise als
jener schmeichlerischen hinneigen? - Unmöglich, sagte er. - Ein
Unrechtlicher also wird er geworden zu sein scheinen aus einem
Rechtlichen. - Notwendig. - Muß dies nun nicht ganz
natürlich denen begegnen, die so an jene Untersuchungen geraten?
Und verdienen die nicht, wie ich eben sagte, alle Nachsicht? - Und
Mitleiden dazu, sagte er. - Also damit du dieses Mitleid nicht
nötig habest bei den Dreißigjährigen, so muß zu
diesen Untersuchungen auf die umsichtigste Weise geschritten werden.
- Gar sehr, sagte er. - Ist nun nicht schon dies, sprach ich, eine
sehr große Vorsicht, wenn sie sie nicht zu jung kosten
dürfen? Denn ich glaube, es wird dir nicht entgangen sein,
daß die Knäblein, wenn sie zuerst solche Reden kosten,
damit umgehen, als wenn es ein Scherz wäre, indem sie sie immer
zum Widerspruch lenken und den nachahmend, der sie widerlegt, wieder
andere widerlegen und ihre Freude daran haben, wie Hündlein
alle, die ihnen nahe kommen, bei der Rede zu zerren und zu rupfen. -
Ganz über die Maßen, sagte er. - Wenn sie nun viele
widerlegt haben und von vielen auch widerlegt worden sind, so geraten
sie gar leicht dahinein, nichts mehr von dem zu glauben, was sie
früher glaubten, und dadurch kommen denn sie und alles, was die
Philosophie betrifft, bei den übrigen in schlechten Ruf. - Sehr
wahr, sagte er. - Wer aber schon älter ist, sprach ich, wird an
solcher Torheit keinen Teil nehmen wollen, sondern lieber den, der
untersuchen und die Wahrheit ans Licht bringen will, nachahmen, als
den, der Scherz treibt und zum Scherz widerspricht, und so wird er
selbst achtbarer sein und auch die Sache zu Ehren bringen statt in
Unehre. - Richtig. - Und das vor diesem Gesagte ist auch alles aus
Vorsicht gesagt, daß man nur sittsame und ernste Naturen soll
an Untersuchungen teilnehmen lassen, und nicht so wie jetzt, der
erste beste, der gar nicht taugt, dazugelangen kann. - Allerdings,
sagte er. -
XVIII. Wird es nun hinreichen, daß sie bei diesen
Untersuchungen angestrengt und unablässig bleiben, ohne irgend
etwas anderes zu tun, sondern indem sie sich auf die umgewendete Art
wie früher mit dem Leibe doppelt soviel Jahre üben als
damals? - Meinst du also sechs oder vier? fragte er. - Einerlei!
sprach ich, nimm fünf. Aber nach diesem werden sie wieder in
jene Höhle zurückgebracht und genötigt werden
müssen, Ämter zu übernehmen im Kriegswesen und wo es
sich sonst für die Jugend schickt, damit sie auch an Erfahrung
nicht hinter den andern zurückbleiben, und auch hierbei
muß man sie noch prüfen, ob sie auch aushalten werden,
wenn sie so nach allen Seiten gezogen werden, oder ob sie abgleiten
werden. - Wieviel Zeit aber, fragte er, setzest du hierzu aus? -
Fünfzehn Jahre, sprach ich. Haben sie aber fünfzehn
erreicht, dann muß man, die sich gut gehalten und überall
vorzüglich gezeigt hatten in Geschäften und Wissenschaften
endlich zum Ziel führen und sie nötigen, das Auge der Seele
aufwärts richtend, in das allen Licht Bringende hineinzuschauen,
und wenn sie das Gute selbst gesehen haben, dieses als Urbild
gebrauchend, den Staat, ihre Mitbürger und sich selbst ihr
übriges Leben hindurch in Ordnung zu halten, jeder in seiner
Reihe, so daß sie die meiste Zeit der Philosophie widmen, jeder
aber, wenn die Reihe ihn trifft, sich mit den öffentlichen
Angelegenheiten abmühe und dem Staat zuliebe die Regierung
übernehme, nicht als verrichteten sie dadurch etwas
Schönes, sondern etwas Notwendiges. Und so mögen sie denn,
nachdem sie andere immer wieder ebenso erzogen und dem Staat andere
solche Hüter an ihrer Stelle zurückgelassen, die Inseln der
Seligen bewohnen gehen. Denkmäler aber und Opfer wird ihnen der
Staat, wenn auch die Pythia damit einverstanden ist, öffentlich
darbringen als guten Dämonen, wo nicht doch als seligen und
göttlichen Menschen. - Vortrefflich, o Sokrates, sagte er, hast
du uns die Herrscher wie ein Bildner dargestellt. - Und auch
Herrscherinnen, sprach ich, o Glaukon. Denn glaube ja nicht,
daß, was ich gesagt, ich von Männern mehr gemeint habe als
von Frauen, so viele sich von tüchtiger Natur darunter finden. -
Richtig, sagte er, wenn sie ja gleichen Teil an allem haben sollen
mit den Männern, wie wir ausgeführt haben. - Und gibst du
zu, daß, was wir von diesem Staat und seiner Verfassung gesagt
haben, nicht bloß fromme Wünsche sind, sondern Schweres
zwar, aber doch irgendwie möglich, nur auf keine andere Weise
als gesagt wurde, wenn wahrhafte Philosophen, die - einer oder
mehrere - zur Obergewalt im Staat gelangt sind, mit Verachtung der
jetzigen Vorzüge, weil sie dieses für unedel und nichts
wert halten, das Richtige und die von diesem ausgehenden Vorzüge
allein hochachten, für das Allergrößte und
Notwendigste aber das Gerechte, und diesem dienend und es
befördernd zur Einrichtung ihres Staates schreiten. - Wie aber?
fragte er. - So daß sie alle, welche über zehn Jahre alt
sind, hinausschicken auf das Land, und nur die jüngeren Kinder
zu sich nehmen, um sie, abgesehen von den jetzt geltenden Sitten, die
ja auch die Eltern haben, nach ihren eigenen Gebräuchen und
Gesetzen zu erziehen, welche so sind, wie wir damals ausgeführt
haben. Und so wird am schnellsten und leichtesten der Staat und die
Verfassung, die wir beschrieben, eingerichtet, selbst glücklich
sein und dem Volk, unter dem er besteht, die trefflichsten Dienste
leisten. - Gewiß, sagte er. Und wie es gehen könnte, wenn
es jemals gehen soll, dieses, o Sokrates, scheinst du mir
vortrefflich ausgeführt zu haben. - Ist also nun nicht, sprach
ich, unsere Rede vollständig von diesem Staat und dem ihm
ähnlichen und angemessenen Manne? Denn auch dieser steht nun
ganz deutlich vor uns, wie wir sagen werden, daß er sein
müsse. - Ganz deutlich, sagte er; und was du fragst, scheint mir
beendigt zu sein.