Werner Stangls Lehrtext.Sammlung
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Johann Heinrich Pestalozzi
(1746 - 1827)
Pestalozzis Brief an einen
Freund über seinen Aufenthalt in Stans (1799)
Freund! Ich erwache abermals aus meinem Traum, sehe abermals mein
Werk zernichtet und meine schwindende Kraft unnütz
verschwendet.
Aber so schwach, so unglücklich mein Versuch war, so wird es
jedem menschenfreundlichen Herzen wohltun, sich einige Augenblicke ob
demselben zu verweilen, und die Gründe zu überlegen, die
mich überzeugen, daß eine glückliche Nachwelt den
Faden meiner Wünsche sicher da wieder anknüpfen wird, wo
ich ihn lassen mußte.
Ich sah die ganze Revolution von ihrem Ursprung an für eine
einfache Folge der verwahrlosten Menschennatur an, und achtete
ihr Verderben für eine unausweichliche Notwendigkeit, um die
verwilderten Menschen zur Besonnenheit über ihre wesentlichsten
Angelegenheiten zurück zu lenken.
Ohne Glauben an das Äußere der politischen Form, die
sich die Masse solcher Menschen selber würde geben
können, hielt ich einige durch sie zur Tagesordnung
gebrachte Begriffe und rege gemachte Interessen für schicklich,
hie und da etwas für die Menschheit wahrhaft Gutes
anzuknüpfen.
Also brachte ich auch meine alten Volkserziehungswünsche, so
viel ich konnte, in Umlauf und legte sie vorzüglich mit dem
ganzen Umfang, in dem ich sie denke, in den Schoß Legrands,
(damals einer der Direktoren der Schweiz.) Er nahm nicht nur
Interesse dafür, sondern urteilte mit mir, die Republik
bedürfe der Umschaffung des Erziehungswesens unausweichlich, und
war mit mir einig: die größtmöglichste Wirkung der
Volksbildung könnte durch die vollendete Erziehung einer
merklichen Anzahl Individuen aus den ärmsten Kindern im Lande
erzielt werden, wenn diese Kinder durch ihre Erziehung nicht aus
ihrem Kreis gehoben, sondern durch dieselbe vielmehr fester an
denselben angeknüpft würden.
Ich beschränkte meine Wünsche auf diesen Gesichtspunkt.
Legrand begünstigte ihn auf alle Weise. Er fand ihn so wichtig,
[7] daß er einmal zu mir sagte: wenn ich auch von
meinem Posten abtrete, so geschieht es nicht, bis du deine Laufbahn
angetreten.
Da ich meinen Plan von der öffentlichen Erziehung der Armen im
dritten und vierten Teil von Lienhard und Gertrud (erste Ausgabe)
umständlich dargelegt, so wiederhole ich seinen Inhalt nicht.
Ich legte ihn mit dem ganzen Enthusiasmus sich nähernder
Hoffnungen dem Minister Stapfer vor. Er begünstigte ihn
mit der Wärme eines edlen, die Bedürfnisse der Volksbildung
aus den wesentlichsten und höchsten Gesichtspunkten umfassenden
Mannes. Eben dies tat auch der Minister des Innern
Rengger.
Meine Absicht war zu meinem Zweck im Zürichgebiet, oder Argau
ein Lokale zu wählen, das durch Vereinigung der Lokalvorteile,
der Industrie, der Landkultur, und der äußern
Erziehungsmittel, mir den Weg sowohl zur Ausdehnung meiner Anstalt,
als zur Vollendung ihrer innern Zwecke erleichterte. Aber das
Unglück von Unterwalden (im September 1798) entschied über
das Lokal, das ich wählen mußte. Die Regierung sah es als
dringend an, diesem Distrikt wieder aufzuhelfen, und bat mich
für einmal den Versuch meiner Unternehmung an einem Ort zu
machen, dem wahrlich alles mangelte, was den glücklichen Erfolg
derselben auf einige Weise befördern könnte.
Ich ging gern. Ich hoffte zu der Unschuld des Landes einen Ersatz
seiner Mängel, und in seinem Elend ein Fundament seiner
Dankbarkeit zu finden. Mein Eifer, einmal an den großen Traum
meines Lebens Hand anlegen zu können, hätte mich dahin
gebracht, in den höchsten Alpen, ich möchte sagen, ohne
Feuer und Wasser anzufangen, wenn man mich nur einmal hätte
anfangen lassen.
Die Regierung wies mir zwar das neue Gebäude der Klosterfrauen
(Ursulinerinnen) in Stans zur Wohnung an. Allein dieses war, als ich
schon ankam, teils noch nicht vollendet, teils zu dem Zwecke eines
Waisenhauses einer beträchtlichen Anzahl Kinder keineswegs
eingerichtet. Es mußte daher vor allem aus in brauchbaren Stand
gestellt werden. Dazu ließ die Regierung die nötigen
Anstalten treffen, und Rengger betrieb die Angelegenheiten mit
Aufwand, Kraft und Tätigkeit. Überhaupt ließ es mir
die Regierung an Geld zu den nötigen Einrichtungen der Sache
nicht fehlen. [8]
Bei allem Willen, und aller Unterstützung jedoch, forderten
diese Vorbereitungsanstalten wenigstens Zeit. Aber gerade diese fand
sich bei der Notwendigkeit, die Menge teils verwahrloster Kinder,
teils durch die vorhergehenden blutigen Ereignisse verwaister Kinder
schnell zu versorgen, am wenigsten.
Außer dem nötigen Geld mangelte es übrigens an allem,
und die Kinder drängten sich herzu, ehe weder Küche, noch
Zimmer, noch Betten für sie in Ordnung sein konnten. Das
verwirrte den Anfang der Sache unglaublich. Ich war in den ersten
Wochen in einem Zimmer eingeschlossen, das keine 24 Schuh ins
Gevierte hatte. Der Dunstkreis war ungesund, schlechtes Wetter schlug
noch dazu, und der Mauerstaub, der alle Gänge füllte,
vollendete das Unbehagliche des Anfangs.
Ich mußte im Anfang die armen Kinder wegen Mangel an Betten des
Nachts zum Teil heimschicken. Diese alle kamen denn am Morgen mit
Ungeziefer beladen zurück. Die meisten dieser Kinder waren, da
sie eintraten, in dem Zustand, den die äußerste
Zurücksetzung der Menschennatur allgemein zu seiner notwendigen
Folge haben muß. Viele traten mit eingewurzelter Krätze
ein, daß sie kaum gehen konnten, viele mit aufgebrochenen
Köpfen, viele mit Hudeln, die mit Ungeziefer beladen waren,
viele hager, wie ausgezehrte Gerippe, gelb, grinsend, mit Augen voll
Angst, und Stirnen voll Runzeln des Mißtrauens und der Sorge,
einige voll kühner Frechheit, des Bettelns, des Heuchelns und
aller Falschheit gewöhnt; andere vom Elend erdrückt,
duldsam, aber mißtrauisch, lieblos und furchtsam. Zwischen
hinein einige Zärtlinge, die zum Teil ehemals in einem
gemächlichen Zustand lebten; diese waren voll Ansprüche,
hielten zusammen, warfen auf die Bettel- und Hausarmenkinder
Verachtung, fanden sich in dieser neuen Gleichheit nicht wohl, und
die Besorgung der Armen, wie sie war, war mit ihren alten Geniesungen
nicht übereinstimmend, folglich ihren Wünschen nicht
entsprechend. Träge Untätigkeit, Mangel an Übung der
Geistesanlagen, und wesentlicher körperlicher Fertigkeiten waren
allgemein. Unter zehn Kindern, konnte kaum eins das Abc. Von anderm
Schulunterrichte, oder wesentlichen Bildungsmitteln der Erziehung war
noch weniger die Rede.
Der gänzliche Mangel an Schulbildung war indessen gerade das,
was mich am wenigsten beunruhigte; den Kräften der [9]
menschlichen Natur, die Gott auch in die ärmsten und
vernachläßigtesten Kinder legte, vertrauend, hatte mich
nicht nur frühere Erfahrung schon längst belehrt, daß
diese Natur mitten im Schlamm der Rohheit, der Verwilderung und der
Zerrüttung die herrlichsten Anlagen und Fähigkeiten
entfaltet, sondern ich sah auch bei meinen Kindern, mitten in ihrer
Rohheit diese lebendige Naturkraft allenthalben hervorbrechen. Ich
wußte, wie sehr die Not und die Bedürfnisse des Lebens
selbst dazu beitragen, die wesentlichsten Verhältnisse der Dinge
dem Menschen anschaulich zu machen, gesunden Sinn und Mutterwitz zu
entwickeln, und Kräfte anzuregen, die zwar in dieser Tiefe des
Daseins mit Unrat bedeckt zu sein scheinen, die aber vom Schlamme
dieser Umgebungen gereinigt, in hellem Glanze strahlen. Das wollte
ich tun. Aus diesem Schlamm wollte ich sie herausheben, und in
einfache, aber reine häusliche Umgebungen und Verhältnisse
versetzen. Ich war gewiß, es brauchte nur dieses, und sie
würden als höherer Sinn und höhere Tatkraft
erscheinen, und sich als Tüchtigkeit zu allem erproben, was nur
immer den Geist befriedigen, und das Herz in seiner innersten Neigung
ansprechen kann.
Ich sah also meine Wünsche erfüllt, und war überzeugt,
mein Herz werde den Zustand meiner Kinder so schnell ändern, als
die Frühlingssonne den erstarrten Boden des Winters.
Ich irrte mich nicht; ehe die Frühlingssonne den Schnee unserer
Berge schmelzte, kannte man meine Kinder nicht mehr.
Aber ich will mir nicht voreilen. Freund, ich will dich den Wachstum
meiner Pflanze zuschauen machen, wie ich oft am Abend meinen
Kürbis zuschaute, der schnell an meinem Gebäude
aufschoß, und dir auch den Wurm nicht verschweigen der oft an
den Blättern dieses Kürbis, und nicht selten auch an seinem
Herzen nagte.
Außer einer Haushälterin allein, ohne Gehilfen, weder
für den Unterricht der Kinder, noch für ihre häusliche
Besorgung, trat ich unter sie, und eröffnete meine Anstalt. Ich
wollte es allein, und ich mußte es schlechterdings, wenn mein
Zweck erreicht werden sollte. Auf Gottes Erdboden zeigte sich
niemand, der in meine Gesichtspunkte für den Unterricht, und die
Führung der Kinder hätte eintreten wollen. Auch kannte ich
damals beinahe niemand, der es auch nur hätte können. Je
gelehrter und gebildeter die meisten Menschen waren, mit denen
[10] eine Verbindung möglich gewesen, desto weniger
verstunden sie mich, und desto unfähiger zeigten sie sich die
Anfangspunkte auch nur theoretisch festzuhalten, auf die ich
zurück zu gehen suchte. Der ganze Gang ihrer Ansichten über
die Einrichtungen, über die Bedürfnisse der Unternehmung
u.s.w. waren meinen Ansichten durchaus fremd. Am meisten aber
widerstrebte ihnen der Gedanke und die Möglichkeit seiner
Ausführung, keine künstliche Hilfsmittel, sondern
bloß die die Kinder umgebende Natur, die täglichen
Bedürfnisse, und die immer rege Tätigkeit derselben selbst
als Bildungsmittel derselben zu benützen.
Und doch war es eben dieser Gedanke, auf den ich die ganze
Ausführung meines Unternehmens gründete. Er war auch der
Mittelpunkt, an den sich eine Menge anderer Gesichtspunkte anreihte,
und gleichsam daraus entwickelte.
Gebildete Schulleute konnten mir also nicht helfen. Mit rohen und
ungebildeten war natürlich noch weniger auszurichten. Ich hatte
keinen bestimmten und sichern Faden, den ich einem Gehilfen
hätte an die Hand geben, und eben so wenig eine Tatsache, einen
Gegenstand der Anschauung, an den ich meine Idee und meinen Gang
hätte versinnlichen können. Ob ich also wollte, oder nicht,
ich mußte erst eine Tatsache durch mich selbst aufstellen, und
durch das, was ich tat und vornahm, das Wesen meiner Ansichten klar
machen, ehe ich auf fremde Unterstützung in dieser Hinsicht
rechnen durfte. Es konnte mir in dieser Stellung im Wesentlichen kein
Mensch helfen. Ich mußte mir selbst helfen.
Meine Überzeugung war mit meinem Zweck Eins.
Ich wollte eigentlich durch meinen Versuch beweisen, daß die
Vorzüge, die die häusliche Erziehung hat, von der
öffentlichen müsse nachgeahmt werden, und daß die
letztere nur durch die Nachahmung der Erstern für das
Menschengeschlecht einen Wert hat.
Schulunterricht ohne Umfassung des ganzen Geistes, den die
Menschenerziehung bedarf, und ohne auf das ganze Leben der
häuslichen Verhältnisse gebaut, führt in meinen Augen
nicht weiter, als zu einer künstlichen Verschrumpfungsmethode
unseres Geschlechts.
Jede gute Menschenerziehung fordert, daß das Mutteraug in der
Wohnstube täglich und stündlich jede Veränderung des
[11] Seelenzustandes ihres Kindes mit Sicherheit in seinem
Auge auf seinem Munde und seiner Stirne lese.
Sie forderte wesentlich, daß die Kraft des Erziehers reine, und
durch das Dasein des ganzen Umfangs der häuslichen
Verhältnisse allgemein belebte Vaterkraft sei.
Hierauf baute ich. Daß mein Herz an meinen Kindern hänge
daß ihr Glück mein Glück, ihre Freude meine Freude
sei, das sollten meine Kinder vom frühen Morgen bis an den
späten Abend, in jedem Augenblick auf meiner Stirne sehen, und
auf meinen Lippen ahnden.
Der Mensch will so gerne das Gute, das Kind hat so gerne ein offenes
Ohr dafür; aber es will es nicht für dich, Lehrer, es will
es nicht für dich, Erzieher, es will es für sich selber.
Das Gute, zu dem du es hinführen sollst, darf kein Einfall
deiner Laune und deiner Leidenschaft, es muß der Natur der
Sache nach an sich gut sein und dem Kind als gut in die Augen fallen.
Es muß die Notwendigkeit deines Willens nach seiner Lage und
seinen Bedürfnissen fühlen, ehe es dasselbe will.
Alles, was es lieb macht, das will es. Alles, was ihm Ehre bringt,
das will es. Alles, was große Erwartungen in ihm rege macht,
das will es. Alles, was in ihm Kräfte erzeugt, was es
aussprechen macht, ich kann es, das will es.
Aber dieser Wille wird nicht durch Worte, sondern durch die
allseitige Besorgung des Kindes, und durch die Gefühle und
Kräfte, die durch diese allseitige Besorgung in ihm rege gemacht
werden, erzeugt. Die Worte geben nicht die Sache selbst, sondern nur
eine deutliche Einsicht, das Bewußtsein von ihr.
Vor allem aus wollte und mußte ich also das Zutrauen der
Kinder, und ihre Anhänglichkeit zu gewinnen suchen. Gelang mir
dieses, so erwartete ich zuversichtlich alles Übrige von selbst.
Freund, denke dir aber meine Lage, die Stimmung des Volks und der
Kinder, und fühle dann, welche Hindernisse ich dabei zu
überwinden hatte.
Das unglückliche Land hatte durch Feuer und Schwert alle
Schrecknisse des Krieges erfahren. Das Volk verabscheute
größtenteils die neue Verfassung. Es war erbittert gegen
die Regierung und hielt selbst ihre Hülfe für
verdächtig. Durch seinen von Natur melancholischen Charakter,
hing es, allem Fremden als Neuerung abgeneigt, mit bitterer und
mißtrauischer Hartnäckig[12]keit an dem ganzen
Umfange seines alten, auch noch so elenden Daseins.
Ich stand unter ihnen als ein Geschöpf der neuen verhaßten
Ordnung. Zwar nicht als ihr Werkzeug, aber als ein Mittel in der Hand
von Menschen, die sie sich auf der einen Seite im Zusammenhang mit
ihrem Unglück dachten, und von denen sie auf der anderen Seite
im Ganzen ihrer sich vielfach durchkreuzenden Ansichten, Wünsche
und Vorurteile unmöglich befriedigt werden konnten. Diese
politische Mißstimmung war dann noch durch eine eben so starke
religiöse Mißstimmung verstärkt. Man sah mich als
einen Iietzer an, der bei einigem Guten, das er den Kindern tue, ihr
Seelenheil in Gefahr bringe. Diese Leute hatten noch nie einen
Reformierten in irgend einem öffentlichen Dienst, will
geschweigen, als Erzieher und Lehrer ihrer Kinder in ihrer Mitte
wohnen, und in Tätigkeit gesehen, und der Zeitpunkt
begünstigte das religiöse Mißtrauen im innigsten
Zusammenhang mit dem politischen Zittern, Zagen, und zum Teil
Heucheln, das damals mehr als je, so lange Stanz steht, an der
Tagesordnung war.
Denke dir Freund, diese Stimmung des Volks, und dann meine so wenig
imponierende Kraft, und meine Lage. Denke dir, wie vielem ich
persönlich, beinahe öffentlich ausgesetzt sein mußte,
und wie viel Gutmütigkeit es unter diesen Umständen, selbst
bei diesem Volke bedurfte, um ungehindert meinen Gang fortgehen zu
können.
Indessen so drückend und stoßend die Hilflosigkeit, in der
ich mich befand, war, so war sie von einer anderen Seite dem Innern
meiner Zwecke günstig. Sie nötigte mich meinen Kindern
alles in allem zu sein. Ich war von Morgen bis Abend, so viel als
allein in ihrer Mitte. Alles, was ihnen an Leib und Seele Gutes
geschah, ging aus meiner Hand. Jede Hülfe, jede Handbietung in
der Not, jede Lehre, die sie erhielten, ging unmittelbar von mir aus.
Meine Hand lag in ihrer Hand, mein Aug' ruhte auf ihrem Aug'.
Meine Tränen flossen mit den ihrigen, und mein Lächeln
begleitete das ihrige. Sie waren außer der Welt, sie waren
außer Stanz, sie waren bei mir, und ich war bei ihnen. Ihre
Suppe war die meinige, ihr Trank war der meinige. Ich hatte nichts,
ich hatte keine Haushaltung, keine Freunde, keine Dienste um mich,
ich hatte nur sie. Waren sie gesund, ich stand [13] in ihrer
Mitte, waren sie krank, ich war an ihrer Seite. Ich schlief in ihrer
Mitte. Ich war am Abend der Letzte, der ins Bett ging, und am Morgen
der Erste, der aufstand. Ich betete und lehrte noch im Bett mit
ihnen, bis sie einschliefen, sie wollten es so. Alle Augenblicke mit
Gefahren einer gedoppelten Ansteckung umgeben, besorgte ich die
beinahe unbesiegbare Unreinlichkeit ihrer Kleider, und ihrer
Personen. Dadurch aber war es denn freilich auch allein möglich,
daß sich die Kinder allmählich, und einige innigst und so
weit an mich anschlossen, daß sie dem, was sie Dummes und
Verächtliches selber von ihren Eltern und Freunden gegen mich
hörten, widersprachen. Sie fühlten, daß mir Unrecht
geschah, und ich möchte sagen, sie liebten mich doppelt
dafür. Aber was hilfts, wenn die Küchlein in ihrem Nest
ihre Mutter lieben, wenn der Raubvogel, der ihnen allen den Tod
droht, täglich mit seiner Gewalt ob ihrem Neste schwebt!
Auch war die erste Wirkung dieser Grundsätze und dieses Tuns
nichts weniger als allgemein befriedigend, und konnte es nicht sein.
Die Kinder glaubten nicht so leicht an meine Liebe. Des
Müßiggangs, eines zügellosen Lebens, aller
Verwilderung, und ihrer unregelmäßigen Genüsse
gewohnt, und von der Hoffnung getäuscht, im Kloster nach
Klosterweise gefüttert zu werden, und müßig bleiben
zu können, beklagten sich bald mehrere ob der langen Zeit, und
wollten nicht bleiben. Mehrere redeten von einem Schulfieber, das die
Kinder befallen, wenn sie den ganzen Tag lernen sollten. Diese
Mißstimmung der ersten Monate wurde noch vorzüglich
dadurch befördert, daß die Abänderung der ganzen
Lebensart, die schlechte Witterung und die feuchte Kälte der
Klostergänge, zusammen schlug, mehrere Kinder krank zu machen.
Es riß bald allgemein ein mich beunruhigender Husten ein, und
ein Faulfieber, das in der ganzen Gegend herrschte, legte bald
mehrere Kinder ins Bette.
Dieses Fieber griff immer mit Erbrechen an; aber auch die
Abänderung der Speisen, ohne Fieber-Anfall veranlaßte oft
Erbrechen. Man schrieb es allgemein ihrer schlechten Beschaffenheit
zu, was, wie der Erfolg offenbar zeigte, eine Folge der
berührten vereinigten Umstände war. Kein Einziges starb
jedoch.
Und es wurde in der Folge vollends heiter, daß das
Übelbe[14]finden vieler Kinder zwar von der Nahrung
herkam; aber für ihre Gesundheit wirklich wohltätig war.:
Die Erfahrung war merkwürdig. Die Kinder hatten im Anfange gar
viel Habergrütze genossen. Das Volk schrieb allgemein den langen
eingerissenen Husten diesem Nahrungsmittel zu. Jetzt zeigte es sich,
daß es wahr war, aber nicht in dem Sinn, in welchem das Volk
von dem Haberschlürf als einem elenden Nahrungsmittel redete;
ich schrieb ihr selber das öftere Erbrechen meiner Kinder zu;
aber sie veranlaßte diese Wirkung nicht als schlechtes
Nahrungsmittel, sondern als Arznei. Die Beschaffenheit der Kinder war
durch vorhergehende schlechte Beschaffenheit ihrer Nahrung tief
verdorben; die wenigen, die gesund waren, trübten von Anfang,
aber nun auch die Verdorbenen. Sobald der Frühling da war,
blühten die Kinder allgemein und auffallend; nicht nur ihr
Wuchs, sondern auch ihre Farbe änderte sich sichtbar, schnell
und auf eine Art, wie Menschen nur nach glücklich gemachten
Kuren zunehmen; das ist so wahr, daß Geistliche und
Vorgesetzte, die sie später sahen, sich allgemein
äußerten, sie kannten die Kinder nicht mehr, so habe sich
ihr Aussehen gebessert.
Der krankhafte Zustand mehrerer dauerte indessen ziemlich lang, und
ward durch Einwirkung der Eltern noch verschlimmert. Du gutes Kind,
wie elend siehst du aus, ich vermag dich noch immer so gut zu
erhalten, als du's hier hast, komm du heim. So sprachen viele
Mütter, die mit ihren Kindern von Haus zu Haus bettelnd
herumzogen, laut vor allen Kindern, so bald sie in die Stube kamen.
Der Sonntag war mir über diesen Zeitpunkt ein schrecklicher Tag.
Da kamen solche Mütter, Väter, Bruder, Schwester zu ganzen
Haufen, zogen meine Kinder auf der Straße und in dem Haus in
alle Winkel, redeten meistens mit nassen Augen mit ihnen, dann
weinten meine Kinder auch, und wurden heimwehig. Bei Monaten war bald
kein Sonntag, da nicht mehrere weggelockt wurden; aber immer kamen
doch wieder andere. Es war bald wie ein Taubenhaus, darin bald eine
ein-, bald eine ausflog.
Man kann sich die Folgen dieses wechselnden Einundausfliegens in
einer solchen keimenden Anstalt denken.
Eltern und Kinder meinten bald persönlich mir eine Gnade zu
erweisen, wenn sie blieben; und ihrer viele fragten bei den
Kapuzinern und anderswo nach, ob ich doch auch gar nichts
[15] anders zu erhalten wisse, daß mir am Behalten
dieser Kinder so viel läge. Diese Leute nahmen allgemein an, ich
unterziehe mich nur aus Armut dieser Mühe, und diese
Voraussetzung gab ihrem Benehmen gegen mich natürlich eine
große Nonchalance.
Einige forderten mir sogar Almosen, wenn sie die Kinder da lassen
müßten, und sagten, es gehe ihnen jetzt gar viel ab, weil
sie dieselben beim Betteln nicht mehr bei sich hätten; andere
sagten mit dem Hut auf dem Kopf, sie wollen's noch ein paar Tage
probieren, andre wollten mir Bedingnisse vorschreiben, wie oft ich
sie zu ihnen heim lassen müßte.
So gingen Monate hin, ehe ich die Freude hatte, daß ein Vater
oder eine Mutter mir mit einem heitern dankvollen Auge die Hand
drückte. Die Kinder kamen früher zu sich selber. Ich habe
in diesem Zeitpunkte mehrere weinen gesehen, daß ihre Eltern
kamen und gingen, ohne mich zu grüßen, oder zu
behüten. Viele fühlten sich glücklich, und was auch
ihre Mütter zu ihnen sagten, antworteten sie ihnen: ich habe es
besser als zu Haus. Wenn ich einzeln mit ihnen redete, so
erzählten sie mir gern, wie unglücklich sie wären; die
einten, wie sie täglich in Zank und Streit leben
müßten, wie sie nie keinen ruhigen, freudigen Augenblick
hätten; die andern, wie sie oft tagelang keine Suppe, kein Brot
zu sehen bekämen; wieder andere, wie sie das Jahr durch in kein
Bett gekommen, noch andere, wie sie von einer Stiefmutter verfolgt,
und bald täglich mit Unrecht geschlagen würden. Und doch
liefen eben diese Kinder den Morgen darauf mit den Müttern
wieder fort.
Einige hingegen, nicht wenige, sahen bald, daß sie bei mir
etwas lernen, und etwas werden könnten, und blieben in der
Anhänglichkeit, und dem Eifer, den sie von Anfang zeigten,
standhaft. Es ging nicht lange, so zeigten diese eine so innige
Anhänglichkeit, und eine so herzliche Zuneigung, daß viele
aus Eifersucht nachahmten, was sie nicht fühlten.
Sichtbar waren die, welche entliefen, immer die schlechtesten und
unfähigsten.
Auch war ich sicher, man lockte mir die Kinder nur dann heim, wenn
sie von Ungeziefer und von ihren Hudeln befreit waren.. Denn offenbar
traten viele mit der bestimmten Absicht ein, sich reinigen und sich
kleiden zu lassen, und dann wieder zu gehen. [16]
Aber endlich setzte ihre eigene Überzeugung der Lieblosigkeit
ihres Eintretens ein Ziel. Die Anstalt wuchs immer an, so daß
ich 1799 bei achtzig Kinder hatte. Die meisten dieser Kinder hatten
gute, und einige ausgezeichnete Anlagen. Das Lernen war ihnen
meistens ganz neu, und sobald einige sahen, daß sie es zu etwas
bringen, so ward ihr Eifer unermüdet. Kinder, die in ihrem Leben
kein Buch in der Hand gehabt, kaum das Vaterunser und Ave Maria
auswendig konnten, kamen in wenig Wochen dahin, daß sie mit dem
größten Interesse vom frühen Morgen bis an den
späten Abend fast unablässig lernten. Sie gaben mir selbst
nach dem Nachtessen, insonderheit im Anfang, wenn ich sie fragte:
Kinder, wollt ihr jetzt lieber schlafen, oder lernen? gewöhnlich
zur Antwort: lernen. Das erkaltete freilich später, da sie
früher aufstehen mußten.
Aber der erste Eifer gab dem Ganzen seine Richtung, und dem Lernen
einen Erfolg, der meine Erwartungen selber weit übertraf.
Indessen hatte ich's dennoch unaussprechlich schwer. Eine gute
Organisation des Unterrichts zu treffen, war noch unmöglich.
Die Verwilderung der Einzelnen und die Verwirrung des Ganzen war mit
allem Zutrauen und mit allem Eifer noch nicht gehoben. Ich
mußte für die Ordnung des Ganges im Ganzen selbst noch ein
höheres Fundament suchen, und dasselbe gleichsam hervorbringen.
Ehe dieses Fundament da war, konnte sogar weder der Unterricht, noch
die Ökonomie und das Lernen der Anstalt gehörig organisiert
werden. Ich wollte auch das nicht. Beides sollte statt eines
vorgefaßten Planes viel mehr aus meinem Verhältnisse mit
den Kindern hervorgehen. Ich suchte auch darin höhere
Grundsätze und bildende Kräfte. Es sollte das Erzeugnis des
höheren Geistes der Anstalt und der harmonischen Aufmerksamkeit
und Tätigkeit der Kinder selbst werden, und aus ihrem Dasein,
ihren Bedürfnissen, und ihrem gemeinschaftlichen
Zusammenhänge unmittelbar hervorgehen. Es war überhaupt
weder das Ökonomische, noch irgend ein anderes
Äußeres, von dem ich in meinem Gange ausgehen, und womit
ich den Anfang machen konnte und sollte, meine Kinder aus dem Schlamm
und der Roheit ihrer Umgebungen, durch den sie in ihrem Innern selbst
gesunken und verwildert waren, heraus zu heben. Es war so wenig
möglich, gleich An[17]fangs durch Steifigkeit den Zwang
einer äußern Ordnung und Ordentlichkeit, oder durch ein
Einpredigen von Regeln und Vorschriften, ihr Inneres zu veredeln,
daß ich bei der Zügellosigkeit und dem Verderben ihrer
diesfälligen Stimmung sie vielmehr gerade dadurch von mir
entfernt, und ihre vorhandene wilde Naturkraft unmittelbar gegen
meine Zwecke gerichtet hätte. Notwendig mußte ich erst ihr
Inneres selbst und eine rechtliche und sittliche Gemütsstimmung
in ihnen wecken und beleben, um sie dadurch auch für das
Äußere tätig, aufmerksam, geneigt, gehorsam zu
machen. Ich konnte nicht anders, ich mußte auf den erhabenen
Grundsatz Jesu Christi bauen: macht erst das Inwendige rein, damit
auch das Äußere rein werde -- und wenn je, so hat sich
dieser Grundsatz in meinem Gange unwidersprechlich erprobt.
Mein wesentlicher Gesichtspunkt ging jetzt aller erst darauf, die
Kinder durch die ersten Gefühle ihres Beisammenseins, und bei
der ersten Entwicklung ihrer Kräfte zu Geschwistern zu machen,
das Haus in den einfachen Geist einer großen Haushaltung
zusammen zu schmelzen, und auf der Basis eines solchen
Verhältnisses und der aus ihm hervorgehenden Stimmung das
rechtliche und sittliche Gefühl allgemein zu beleben.
Ich erreichte diesen Zweck mit ziemlichem Glück. Man sah in
Kurzem bei siebzig so verwilderte Bettelkinder mit einem Frieden, mit
einer Liebe, mit einer Aufmerksamkeit und Herzlichkeit untereinander
leben, die in wenigen kleinen Haushaltungen zwischen Geschwistern
statt findet.
Meine diesfällige Handlungsweise ging von dem Grundsatz aus:
Suche deine Kinder zuerst weitherzig zu machen, und Liebe und
Wohltätigkeit ihnen durch die Befriedigung ihrer täglichen
Bedürfnisse, ihren Empfindungen, ihrer Erfahrung und ihrem Tun
nahe zu legen, sie dadurch in ihrem Innern zu gründen und zu
sichern, dann ihnen viele Fertigkeiten anzugewöhnen, um dieses
Wohlwollen in ihrem Kreise sicher und ausgebreitet ausüben zu
können.
Endlich und zuletzt komme mit den gefährlichen Zeichen des Guten
und Bösen, mit den Wörtern: Knüpfe diese an die
täglichen häuslichen Auftritte und Umgebungen an, und sorge
dafür, daß sie gänzlich darauf gegründet seien,
um deinen Kindern klarer zu machen, was in ihnen und um sie vorgeht,
um eine rechtliche und sittliche Ansicht ihres Lebens und ihrer
[18] Verhältnisse mit ihnen zu erzeugen. Aber wenn du
Nächte durchwachen müßtest, um mit zwei Worten zu
sagen, was andere mit zwanzig erklären, so laß dich deine
schlaflose Nächte nicht dauern.
Ich habe meinen Kindern unendlich wenig erklärt; ich habe sie
weder Moral, noch Religion gelehrt; aber, wenn sie still waren,
daß man eines jeden Atemzug hörte, dann fragte ich sie:
Werdet ihr nicht vernünftiger und braver, wenn ihr so seid, als
wenn ihr lärmt? Wenn sie mir an meinen Hals fielen, und mich
Vater hießen, fragte ich sie: Kinder, dürft ihr eurem
Vater heucheln? Ist es recht, mich zu küssen, und hinter meinem
Rücken zu tun, was mich kränkt? Wenn von dem Elend des
Landes die Rede war, und sie froh waren, und sich glücklich
fühlten, dann sagte ich zu ihnen: Ist Gott nicht gut, der das
Menschenherz mitleidig erschaffen?
Auch fragte ich sie zu Zeiten: Ist es nicht ein Unterschied zwischen
einer Obrigkeit, die die Armen erzieht, daß sie sich für
ihr ganzes Leben selber helfen können, und einer, die sie
entweder sich selbst überläßt, oder sie mit
Bettelbrot und in Spitälern erhält, ohne ihrem Elend
wirklich abzuhelfen, und ihrem Laster und Müßiggang ein
wirkliches Ende zu machen?
Viel und oft schilderte ich ihnen das Glück einer stillen,
friedlichen Haushaltung, die durch Überlegung und Fleiß zu
einem sichern Brot, und in die Lage gekommen, unwissenden, unerzognen
und unglücklichen Menschen zu raten und zu helfen. An meinen
Busen hingelehnt, fragte ich manche der gefühlvollsten schon in
den ersten Monaten: Wolltest du nicht auch gern wie ich im Kreis
armer Unglücklicher leben, sie erziehen, sie zu gebildeten
Menschen machen? Gott, wie sich ihre Gefühle erhoben, wie
Tränen in ihren Augen waren, wenn sie mir antworteten: Jesus
Maria! wenn ich es auch dahin bringen könnte.
Über alles erhob sie die Aussicht, nicht ewig elend zu bleiben,
sondern einst unter ihren Mitmenschen mit gebildeten Kenntnissen und
Fertigkeiten zu erscheinen, ihnen nützlich werden zu
können, und ihre Achtung zu genießen. Sie fühlten,
daß ich sie weiter bringe, als andere Kinder; sie erkannten den
innern Zusammenhang meiner Führung mit ihrem künftigen
Leben lebhaft, und eine glückliche Zukunft stellte sich ihrer
Einbildung als erreichbar und sicher dar. Darum ward ihnen die
[19] Anstrengung bald leicht. Ihre Wünsche und ihre
Hoffnungen waren mit dem Zweck derselben harmonisch. Freund, Tugend
entkeimt aus dieser Uebereinstimmung, wie die junge Pflanze aus der
Uebereinstimmung des Bodens mit der Natur und den Bedürfnissen
ihrer zartesten Fasern.
Ich habe eine innere Kraft in den Kindern aufwachsen sehen, deren
Allgemeinheit meine Erwartung weit übertraf, und deren
Aeußerungen mich oft so sehr in Erstaunen setzten, als
rührten.
Da Altdorf verbrannte, versammelte ich sie um mich her, und sagte zu
ihnen: Altdorf ist verbrannt, vielleicht sind in diesem Augenblick
hundert Kinder ohne Obdach, ohne Nahrung, ohne Kleidung, wollet ihr
nicht unsere gute Obrigkeit bitten, daß sie etwa 20 dieser
Kinder in unser Haus aufnehme? Ich sehe die Rührung, mit der ihr
ach ja, ach mein Gott ja, begleitet war, noch jetzt vor meinen Augen.
Aber, Kinder, sagte ich dann: denket dem nach, was ihr begehret.
Unser Haus hat nicht Geld so viel, als es will, es ist nicht sicher,
daß wir um dieser armen Kinder willen mehr, als vorher
bekommen. Ihr könntet also in die Lage kommen um dieser Kinder
willen, mehr für euern Unterricht arbeiten zu müssen,
weniger zu essen zu bekommen, und sogar eure Kleider mit ihnen teilen
zu müssen. Saget also nicht, daß ihr diese Kinder
wünscht, als wenn ihr euch alles dieses um ihrer Not willen auch
gern und aufrichtig gefallen lassen wollet; ich sagte dies mit aller
Stärke, die mir möglich war, ich ließ sie selber
wiederholen, was ich gesagt hatte, um mich sicher zu stellen,
daß sie deutlich verstehen, wohin ihr Anerbieten führe,
aber sie blieben standhaft, und wiederholten: ja, ja, wenn wir auch
schlechter zu essen bekommen, und mehr arbeiten, und unsere Kleider
mit ihnen teilen müssen, so freut es uns doch, wenn sie
kommen.
Da einige emigrirte Bündner mit einer stillen Träne mir
einige Taler für sie in die Hand drückten, ließ ich
die Männer nicht gehen, ich rief den Kindern und sagte: Kinder,
diese Männer sind aus ihrer Heimat entflohen, und wissen
vielleicht morgen nicht, wo sie selber ein Obdach und Auskommen
finden, und doch geben sie in ihrer eignen Not euch diese Gabe;
kommt, danket ihnen. Die Rührung der Kinder erregte lautes
Schluchzen bei den Männern.
So war es, daß ich belebte Gefühle jeder Tugend dem Reden
von dieser Tugend vorher gehen ließ; denn ich achtete es
für bös, [20] mit Kindern von irgend einer Sache zu
reden, von der sie nicht auch wissen, was sie sagen.
An diese Gefühle knüpfte ich ferner Uebungen der
Selbstüberwindung, um dadurch denselben unmittelbare Anwendung
und Haltung im Leben zu geben.
Eine organisierte Disziplin der Anstalt war freilich in dieser
Rücksicht eben so wenig möglich. Auch sie sollte aus dem
von Stufe zu Stufe sich ergebenden Bedürfnisse, hervorgehen.
Stille als Mittel die Tätigkeit zu erzielen, ist vielleicht das
erste Geheimnis einer solchen Anstalt.
Die Stille, die ich forderte, wenn ich da war und lehrte, war mir ein
großes Mittel zu meinem Ziele, und eben so die Festhaltung auf
der körperlichen Stellung, in der sie da sitzen
mußten.
Mit der Stille brachte ich es dahin, daß in dem Augenblick, wo
ich es forderte, auch beim Nachsprechen aller Kinder jeder
Mißlaut fühlbar war, daß ich ferner auch mit leiser
heiserer Stimme lehren konnte, und kein Laut gehört ward, ohne
den, den ich vorsprach, und die Kinder nachsprechen mußten.
Freilich war es nicht immer also.
Ich forderte unter anderm zum Scherz, daß sie während dem
Nachsprechen dessen, was ich vorsagte, ihr Aug auf den großen
Finger halten sollten.
Es ist unglaublich, was die Festhaltung solcher Kleinigkeiten dem
Erzieher für Fundamente zu großen Zwecken giebt.
Ein verwildertes Mädchen, das sich angewöhnt, stundenlang
Leib und Kopf gerade zu tragen, und die Augen nicht herumschweifen zu
lassen, erhält bloß dadurch schon einen Vorschritt zur
sittlichen Bildung, die ohne Erfahrung niemand glauben
würde.
Diese Erfahrungen aber haben mich gelehrt, daß die
Angewöhnungen an die bloße Attitüde eines
tugendhaften Lebens unendlich mehr zur wirklichen Erziehung
tugendhafter Fertigkeiten beitragen, als alle Lehren und Predigten,
die ohne Ausbildung dieser Fertigkeiten gelassen werden.
Auch war die Gemütstimmung meiner Kinder durch Befolgung dieses
Grundsatzes offenbar heiterer, ruhiger, und zu allem Edeln und Guten
bereiteter, als man dieses bei der ganzen Leerheit ihrer Köpfe
in allen Begriffen des Guten hätte vermuten sollen. Diese
Leerheit hinderte mich wenig, sie genierte [21] mich kaum. Im
Gegenteil, ich fand sie bei dem einfachen Gang meiner Handlungsweise
mir wirklich vorteilhaft, und hatte wirklich unvergleichlich weniger
Mühe, ganz unwissenden Kindern einfache Begriffe beizubringen,
als denen, die schon dieses und das krumme Zeug im Kopf hatten.
Auch waren sie für die Einfachheit reiner Gefühle unendlich
weniger verhärtet, als die Erstern.
Wenn sich indessen Härte und Roheit bei den Kindern zeigte, so
war ich streng, und gebrauchte körperliche
Züchtigungen.
Lieber Freund, der pädagogische Grundsatz, mit bloßen
Worten sich des Geistes und Herzens einer Schar Kinder zu
bemächtigen, und so den Eindruck körperlicher Strafen nicht
zu bedürfen, ist freilich ausführbar bei glücklichen
Kindern, und in glücklichen Lagen; aber im Gemisch meiner
ungleichen Bettelkinder, bei ihrem Alter, bei ihren eingewurzelten
Gewohnheiten, und bei dem Bedürfnis, durch einfache Mittel
sicher und schnell auf alle zu wirken, bei allem zu einem Ziel zu
kommen, war der Eindruck körperlicher Strafen wesentlich, und
die Sorge, dadurch das Vertrauen der Kinder zu verlieren, ist ganz
unrichtig. Es sind nicht einzelne seltene Handlungen, welche die
Gemütsstimmung und Denkungsweise der Kinder bestimmen, es ist
die Masse der täglich und stündlich wiederholten und vor
ihren Augen stehenden Wahrheit deiner Gemütsbeschaffenheit und
des Grades deiner Neigung oder Abneigung gegen sie selber, was ihre
Gefühle gegen dich entscheidend bestimmt, und so, wie dieses
geschehen, wird jeder Eindruck, der einzelnen Handlungen, durch das
feste Dasein dieser allgemeinen Herzensstimmung der Kinder
bestimmt.
Vater- und Mutterstrafen machen daher selten einen schlimmen
Eindruck. Ganz anders ist es mit den Strafen der Schul- und andern
Lehrer, die nicht Tag und Nacht in ganz reinen Verhältnissen mit
den Kindern leben, und eine Haushaltung mit ihnen ausmachen. Diesen
mangelt das Fundament von tausend das Herz der Kinder anziehenden,
und festhaltenden Umständen, deren Mangel sie den Kindern fremd,
und für sie zu ganz andern Menschen macht, als ihnen diejenigen
sind, die durch den ganzen reinen Umfang dieses Verhältnisses
mit ihnen verknüpft sind.
Keine meiner Strafen erregte Starrsinn; ach, sie freuten sich,
[22] wenn ich ihnen einen Augenblick darauf die Hand bot, und
sie wieder küßte. Wonnevoll zeigten sie mir, daß sie
zufrieden, und über meine Ohrfeigen froh waren- das
stärkste, das ich hierüber erfahren, war dieses: eines
meiner liebsten Kinder mißbrauchte die Sicherheit meiner Liebe,
und drohte einem andern mit Unrecht; das empörte mich, ich gab
ihm mit harter Hand meinen Unwillen zu fühlen. Das Kind schien
vor Wehmut zu vergehen, und weinte eine Viertelstunde ununterbrochen,
und sobald ich zur Türe hinaus war, stand es wieder auf, ging zu
dem Kind, das es verklagt hatte, bat es um Verzeihung, und dankte
ihm, daß es sein wüstes Betragen gegen es angezeigt.
Freund, es war keine Comedie, das Kind hat vorher nichts
ähnliches gesehen.
Lieber Freund, meine Ohrfeigen konnten darum keinen bösen
Eindruck auf meine Kinder machen, weil ich den ganzen Tag mit meiner
ganzen reinen Zuneigung unter ihnen stand, und mich ihnen aufopferte.
Sie mißdeuteten meine Handlungen nicht, weil sie mein Herz
nicht mißkennen konnten, wohl aber die Eltern, Freunde,
besuchende Fremde und Pädagogen. Auch das war natürlich.
Ich achtete aber der ganzen Welt nicht, wenn mich nur meine Kinder
verstunden.
Ich tat aber auch alles, sie in allem, was ihre Aufmerksamkeit rege
machen, oder ihre Leidenschaften reitzen konnte, deutlich, klar
einsehen zu machen, warum ich handle, wie ich handle. Dies, Freund,
führt mich auf den ganzen Umfang des sittlichen Tuns in einem
wahrhaft häuslichen Erziehungsverhältnisse zurück.
Der Umfang der sittlichen Elementarbildung beruht überhaupt auf
den drei Gesichtspunkten, der Erzielung einer sittlichen
Gemütsstimmung durch reine Gefühle; sittlicher Uebungen
durch Selbstüberwindung und Anstrengung in dem, was recht und
gut ist; und endlich der Bewirkung einer sittlichen Ansicht durch das
Nachdenken und Vergleichen der Rechts- und
Sittlichkeitsverhältnisse, in denen das Kind schon durch sein
Dasein und seine Umgebungen steht.
Ich habe dich bisher, lieber Freund, auf einiges in meinem Gange in
Hinsicht der zwey ersten Gesichtspunkte aufmerksam gemacht. Mein
Gang: die Vorstellungen und Begriffe von Recht und Pflicht bei meinen
Kindern zu erzeugen, war eben so einfach, und gründete sich, wie
in beiden andern Fällen, ganz auf die [23]
täglichen Anschauungen und Erfahrungen ihres Kreises. Wenn sie
z. B. redeten, und Getümmel war, so durfte ich mich nur auf ihr
eigenes Gefühl berufen, ob es möglich sey, also zu lehren.
Aber ich werde es in meinem Leben nicht vergessen, wie ich ihr
Rechts- und Billigkeits"efühl allgemein stark und ohne Steifheit
gefunden, und wie reines Wohlwollen dieses Gefühl erhöhte
und sicherte.
Ich wandte mich in jedem Vorfall des Hauses an sie selber, und an
dieses Gefühl. Ich fragte sie meistens in einer stillen
Abendstunde um ihr freyes Urteil. Wenn man z. B. im Dorf sagte, sie
haben nicht genug zu essen, sagte ich ihnen: Kinder, saget es mir
selber, seyd ihr nicht besser gehaltcn, als ihr es zu Hause waret?
Denket nach, und saget selber: wäre es auch gut, wenn ihr auf
eine Art unterhalten würdet, daß ihr es mit Fleiß
und Arbeit nicht dahin bringen könntet, das forthin kaufen und
zahlen zu können, was ihr euch täglich zu genießen
gewöhnt habt; oder mangelt euch die Notdurft? Saget selber,
meinet ihr ich könne mehr an euch tun mit Vernunft und
Billigkeit! Wollet ihr selber, daß mit dem Geld, das ich habe,
nur 30 oder 40 Kinder erhalten werden könnten, da ich, wie ihr
es jetzt seht, 70 bis 80 erhalten kann, wäre es recht?
Eben so handelte ich, da man im Dorf sagte, ich gehe zu hart mit
ihnen um. Sobald ich es hörte, sagte ich ihnen: Kinder, ihr
wisset, wie lieb ihr mir seyd, aber saget mir selber, wollet ihr,
daß ich euch nicht mehr abstrafe? Kann ich ohne Ohrfeigen
machen, daß ihr euch abgewöhnt, was so lange in euch
eingewurzelt ist? Sinnet ihr ohne Ohrfeigen daran, wenn ich etwas zu
euch sage. Du hast gesehen, Freund, wie sie unter deinen Augen
behüt mir Gott d' Ohrfeigen riefen, und mit welcher Herzlichkeit
sie mich baten, ihnen nicht zu schonen, wenn sie fehlten .
Ich konnte wegen ihrer Menge vieles nicht dulden, das in e;ner
kleinen Haushaltung leicht geduldet werden kann, aber ich zeigte
ihnen in jedem Fall den Unterschied heiter, und berief mich dann
immer auf sie selber, ob dieses oder jenes unter Umständen, wie
sie selber sehen, möglich oder zu leiden wäre. Ich sprach
zwar das Wort Freyheit und Gleichheit nie unter ihnen aus, aber ich
setzte sie in allem, was ihr Recht war, so ganz in Freiheit mit mir
und à leur aise, daß ein täglich freier und
heiterers Atmen, einen Blick und Augen erzeugte, die nach
[24] meiner Erfahrung nur bei einer sehr liberalen Erziehung
sich also erzeugen. Aber ich war entfernt, das Blitzen dieses Auges
zu täuschen. Ich suchte täglich festere Kraft zur
häuslichen Selbstständigkeit in ihnen zu erzielen, ohne
daß die Engelsaugen sich so oft in Krötenhölen
verwandeln. Aber mir waren diese Engelsaugen hoher Lebensgenuß.
Auch duldete ich keine gerunzelte Stirne, ich rieb sie ihnen selber
glatt, dann lächelten sie, und scheueten sich unter einander
selber, Runzeln zu haben.
Ihre Menge gab mir jeden Tag Gelegenheit unter ihnen, ihnen
anschaulich zu machen, was schön und was häßlich, was
recht und was unrecht ist.
Beydes war täglich gleich ansteckend, und in eben dem Grade, in
welchem die größere Anzahl Kinder die Gefahr groß
machte, durch das vielseitige Böse, das sich die Einzelnen durch
Unordnung, durch uneingesehene und ungekannte Fehler zu Schulden
kommen ließen, das Innere der Anstalt tief in seinem Wesen zu
verheeren; eben so gab diese Menge täglich einen Ueberfluß
von Berührungspunkten und Anlässen, das Gute, das Seltene
lebendiger zu entwickeln, und fester zu gründen, als es unter
Wenigen möglich ist. Auch hierüber redete ich offen mit
meinen Kindern. Ich werde in meinem Leben den Eindruck nicht
vergessen, den es auf sie machte, da ich bei einer eingeschlichenen
Unordnung einmal zu ihnen sagte: Kinder, es ist bei uns wie in einer
jeden andern Haushaltung. Wo immer viel Kinder sind, da bringt die
tägliche Verwirrung und Not, die aus jeder Unordnung entsteht,
auch bald die schwächste und schlechteste Mutter dahin,
daß sie vernünftiger mit ihren Kindern umgehen, und
Ordnung und Rechttun unter ihnen erzwingen muß; wahrlich so
geht es gerade hier zu; wenn ich auch noch so gern wie ein schwacher
Tropf an euch handeln, und euch bei euern Fehlern durch die Finger
sehen wollte, so kann ich nicht, weil eurer zu viel da sind. Da eurer
so viele sind, und jedes unter euch die Fehler und die schlechte
Sachen, die es sich angewöhnt, treiben könnte, so
würdet ihr siebenzigfach von aller Art Bösen angesteckt,
und vielleicht siebenzigfach schlechter werden, als ihr zu Hause
nicht hättet werden können. Es ist immer der Fall,
daß man in einer solchen Haushaltung einige Sachen nicht dulden
kann, deren böse Folgen in einer kleinen nicht auffallen, und
nicht drückend werden. Aber, wenn ihr euch der Ordnung, die
unter solchen Umständen notwendig [25] ist, nicht
unterziehen würdet, so könnte das Haus nicht bestehen, und
ihr würdet alle in euer altes Elend zurück sinken; denket
selber, euer sorgloses Essen, eure bessere Kleider wären dann
selbst ein Mittel, euch elender zu machen, als ihr bei Hunger und
Mangel nie hättet werden können; Kinder, in der Welt lernt
der Mensch nur aus not, oder Überzeugung. Wenn er sich nicht mit
Vernunft leiten lassen will, und doch außer aller Not ist, so
wird er abscheulich. Denket, wenn ihr so, einsmal außer alle
Not gesetzt, euch der Sorglosigkeit und dem Mutwillen
überlassen, und das, was wahr und gut ist, keinen Eindruck mehr
auf euch machen lassen wolltet, was aus euch werden
müßte.
Ihr hattet daheim immer doch jemand, der zu euch sah, und weil ihr
wenige waret, leicht zu euch sehen konnte; und dann wirkt die Not und
die Armut selber viel Gutes. Sie zwingt uns in hundert Fällen
zur Vernunft, wenn wir auch nicht gern wollten. Aber es ist auch
umgekehrt; wenn ihr aus Ueberzeugung Recht tut, wie ihr ehemals aus
Not einiges Gutes nicht habt unterlassen dürfen, so könnt
ihr es auch dann unendlich weiter bringen, als es euch zu Hause immer
möglich gewesen wäre. Wenn ihr freywillig diesem
nachstrebt, was jetzt und einst euer Wohl ausmacht, so habt ihr denn
untereinander auch siebenzigfache Aufmunterung, und seht dann
dasselbe siebenzigfach unter euch leben, und lebendig dastehen.
So redete ich oft mit ihnen, ganz unbekümmert, ob ein jedes alle
Worte verstehe; aber ich stellte mich sicher, daß der Eindruck
des Ganzen über alle verbreitet war.
Auch die Vorstellung lebhafter Bilder von dem Zustand, in den sie in
spätern Tagen kommen mußten, machte großen Eindruck.
Ich zeigte ihnen bei jeder Art Fehler, wohin sie führen, fragte
sie selber: kennst du nicht Menschen, die wegen ihrer bösen
Zunge, wegen ihren frechen, ehrabschneiderischen Reden allen Menschen
zum Abscheu sind- mögtest du dich in deinen alten Tagen, deinen
Nachbarn, deinen Hausgenossen und selber den Kindern so zum Abscheu
und zum Ekel machen? So führte ich ihre eignen Erfahrungen an,
zum sinnlichen Anschauen des äußersten Verderbens, wohin
Fehler uns führen eben so auch zu lebhaften Vorstellungen von
den Folgen alles Guten; hauptsächlich aber zum deutlichen
Bewußtsein der so ungleichen Folgen einer guten und einer
verwahrlosten Er[26]ziehung. Kennst du nicht Menschen, die
nur darum unglücklich sind, weil sie in der Jugend nicht zum
Nachdenken und Ueberlegen gewöhnt worden sind? Kennst du nicht
Leute, die dreiund viermal mehr verdienen könnten, wenn sie nur
schreiben und lesen könnten, und kömmt dir's nicht
über's Herz, durch deine Schuld im Alter ohne einen Notpfennig
zu sein, und vielleicht deinen eigenen Kindern, oder den Almosen zur
Last zu falluen, wenn du jetzt etwas zu lernen versäumtest?
Auch folgende Gesichtspunkte machten tiefen Eindruck auf die Kinder.
Kennst du etwas Größeres und Schöneres, als den Armen
zu raten, und dem Leidenden aus seiner Not, aus seinem Elend zu
helfen? Aber kannst du das, wenn du nichts verstehst, mußt du
nicht mit dem besten Herzen um deiner Unwissenheit willen selber
alles gehen lassen, wie es geht? Aber so wie du viel weißt,
kannst du viel raten, und so, wie du viel verstehst, kannst du vielen
Menschen aus ihrer Not helfen.
Ueberhaupt habe ich gefunden, daß große, viel umfassende
Begriffe zur ersten Entwicklung weiser Gesinnungen und stan&after
Entschlossenheit wesentlich und unersetzbar sind.
Solche große, das Ganze unsrer Anlagen und unsrer
Verhältnisse umfassende Sätze, wenn sie mit reiner
Psychologie, d. i., mit Einfachheit, Liebe und ruhiger Kraft in die
Seele des Menschen gelegt werden, führen ihn vermöge ihrer
Natur notwendig zu einer wohlwollenden, und für Wahrheit und
Recht empfänglichen Gemütsstimmung, in welcher hundert und
hundert diesen großen Wahrheiten untergeordnete Sätze
ihnen dann von selbst auffallen, und sich tief in ihrem
Erkenntnißvermögen fest gründen, wenn sie auch nie
dahin kommen, diese Wahrheit wörtlich auszusprechen. Dieses
wörtliche Aussprechen der Wahrheiten, deren man sich bedient,
und nach denen man handelt, ist für das Menschengeschlecht bei
weitem nicht so allgemein dienstlich, als wir es uns in unserm schon
seit Jahrhunderten von der Christenlehre und den Predigten zu einem
so weitläuftigen als oberflächlichen Red und Antwort geben,
gewöhnten, und seit einem Menschenalter von sich nennenden
Aufklärern noch tiefer in die armseligste Redseligkeit
hineingezogenen erschlafften Zeitalter uns vorstellen.
Vorzüglich glaube ich, daß die erste Epoche des
Nachdenkens bei den Kindern durch einen wortreichen, und mit der
Geistes[27]beschaffenheit des Lernenden und seinen
äußern Verhältnissen unpassenden Unterricht verwirrt
werde.
Nach meiner Erfahrung hängt alles davon ab, daß jeder
Lehrsatz ihnen durch das Bewußtsein intuitiver, an
Realverhältnisse angeketteter Erfahrung sich selber als wahr
darstelle.
Die Wahrheit ohne einen solchen Hintergrund ist für sie ein
bloßes, ihnen meistens noch unangemessenes und für sie
lästiges Spielwerk. Gewiß ist: die Wahrheit und
Rechtsfähigkeit des Menschen ist ihrem Wesen nach ein hoher,
reiner, allgemeiner Sinn, der durch die Einfachheit wortleerer und
umfassender großer Ansichten, Bestrebungen und Gefühle
eine Nahrung finden kann, die ihm einen für Wahrheit und Recht
sehr festen und sehr sichern Takt geben, ohne daß er sehr viel
äußere Zeichen seiner gebildeten innern Kraft besitzt.
Und auch das ist wahr: solche den Menschen einfach zu einem tief
entwickelten und wortleeren Wahrheits- und Rechtsgefühl
führende Hauptsätze der menschlichen Erkenntniß haben
dadurch gegen die wichtigsten und verderblichsten Folgen aller Art
von Vorurteilen ein reines Gegengewicht in ihrem Innern. In solchen
Menschen kann um ihrer Vorurteile willen nie ein so verkehrter
böser Saame des Unterrichts entkeimen, und die Vorurteile, und
sogar die Unwissenheit, und der Aberglaube selbst, so wenig sie an
sich gut sind, können in ihnen gar nicht sein und werden, was
sie lieblosen und rechtslosen Schwätzern von Religion und Recht
ewig sind, und ewig bleiben werden.
Solche Hauptsätze der menschlichen Erkenntniß sind wie
reines Gold, gegen welches die ihnen untergeordneten, und von ihnen
abhängenden Wahrheiten als bloße Scheidemünze
anzusehen sind. Ich kann mich nicht enthalten, solche im Meere
tausendfacher, aber kleiner Tropfen-Wahrheiten schwimmende und
versunkene Menschen kommen mir immer wie ein alter Krämer vor,
der im Zusammenlesen kleiner Kreuzervorteile endlich reich geworden,
und sich zuletzt einen solchen Respekt, nicht blos für das
Kreuzersammeln, sondern für die Kreuzer selber angewöhnt,
daß ihm auf die gleiche Weise angst wird, wenn ein
Kreuzer oder ein Louisd'or verloren gehen könnte
.
Wo die Harmonie der Seelenkräfte und ihrer Neigungen durch den
stillen Gang der menschlichen Pflichtübung gegründet ist wo
die höhere Reize rein genossener Menschenverhältnisse
[28] belebt, und durch Festhaltung hoher einfacher Wahrheiten
gesichert sind, so laß dann ruhig einzelne Vorurteile in der
Masse dieser noch so beschränkten, aber realen Erleuchtung
stehen, sie werden im Uebergewicht der reinen Entwicklung und
Veredlung deiner Natur dastehen, wie wenn sie nicht da wären,
und leicht von selbst vergehen, wie der Schatten im Licht -- wenn die
entwickelte Kraft solcher Menschen sie auf diesen Punkt
führet.
Die eigentlichen Vorteile der menschlichen Kenntnisse und des Wissens
bestehen für das Menschengeschlecht in der Sicherheit der
Fundamente, von denen sie ausgehen, und auf denen sie ruhen. Der
Mensch, der viel weiß, muß mehr, und künstlicher als
jeder andere zur Einigkeit seiner selbst mit sich selbst, zur
Harmonie seines Wissens mit seinen Verhältnissen, und zur
Gleichförmigkeit in der Entwicklung aller seiner
Seelenkräfte geführt werden. Ist dieß nicht, so wird
sein Wissen in ihm selber ein Irrlicht, das Zerrüttung in sein
Innerstes bringt, und ihn äußerlich der wesentlichen
Lebensgenießungen beraubt, die ein einfacher, gerader, mit sich
selbst einstimmiger Sinn dem unentwickeltesten und gemeinsten
Menschen gewährt. Dieß, lieber Freund, sind die
Gesichtspunkte, um deren willen ich es für so wichtig achte,
daß diese Harmonie der Seelenkräfte, zu der unsere Natur
und unsere ersten Verhältnisse hinführen, nicht durch die
Irrtümer der menschlichen Kunst verdorben werden.
Ich habe dir nun, Freund, meine Ansichten über den
häuslichen Geist einer Schulanstalt und meinen Versuch zur
Lösung seines Problems dargestellt. Ich will dich auch noch mit
einigen wesentlichen Gesichtspunkten meines Unterrichtsganges und mit
dem Lernen der Kinder bekannt machen.
Ich kannte keine Ordnung, keine Methode, keine Kunst, die nicht auf
den einfachen Folgen der Ueberzeugung meiner Liebe gegen meine Kinder
ruhen sollten. Ich wollte keine kennen.
Auf diese Weise unterordnete ich auch das Lernen der Kinder dem
höhern Gesichtspunkte, ihren bessern Sinn allgemein anzuregen,
und das Naturverhältniß, in dem sie untereinander, und
unter meiner Besorgung lebten, mit voller Kraft auf sie wirken zu
lassen.
Ich hatte zwar Gedicke's Lesebuch, aber sein Gebrauch war
[29] mir so wenig wesentlich als der anderer
Schulbücher, denn ich sah das erste Lernen eines solchen
gemischten Haufens von Kindern von ungleichem Alter überhaupt
vorzüglich für ein Mittel an, das Ganze zu einer mit meinem
Zweck harmonischen Stimmung zu vereinigen. Ich begriff die
Unmöglichkeit ganz wohl, in der Form einer vollendeten guten
Schulanstalt zu lehren.
Ucberhaupt achtete ich das Lernen als Wortsach in Rücksicht auf
die Worte, die sie lernen mußten, und selbst auf die Begriffe,
die sie bezeichneten, für ziemlich unwichtig.
Ich ging eigentlich darauf aus, das Lernen mit dem Arbeiten, die
Unterrichts- mit der Industrie-Anstalt zu verbinden, und beides in
einander zu schmelzen. Allein ich konnte diesen Versuch um so weniger
realisiren, da ich dafür noch gar nicht, weder in der
Rücksicht des Personals, noch der Arbeiten, noch der dazu
nötigen Maschinen eingerichtet war. Kurze Zeit vor der
Auflösung erst hatten einige Kinder mit Spinnen angefangen. Und
auch das war mir klar, daß, ehe von einer solchen
Zusammenschmelzung die Rede sein konnte, erst die Elementarbildung
des Lernens und des Arbeitens in ihrer reinen Sönderung und
Selbstständigkeit aufgestellt, und die besondere Natur und
Bedürtnisse eines jeden dieser Fächer klar gemacht sein
mußten.
Indessen betrachtete ich schon in diesem Anfangspunkt die
Arbeitsamkeit mehr im Gesichtspunkte der körperlichen Uebung zur
Arbeit und Verdienstfähigkeit, als in Rücksicht auf den
Gewinnst der Arbeit. Und eben so sah ich das eigentlich so
geheißene Lernen eben so allgemein als Uebung der
Seelenkräfte an, und hielt besonders dafür, die Uebung der
Aufmerksamkeit, der Bedachtsamkeit, und der festen Erinnerungskraft
müsse der Kunstübung zu urteilen und zu schließen
vorhergehen, und die erstern müssen festgegründet sein, ehe
die letztern vor der Gefahr bewahrt werden können, durch die
Fertigkeiten äußerer, wörtlicher Erleichterungsmittel
zur Oberflächlichkeit und zum anmaslichen, täuschenden
Urteilen geführt zu werden, welches ich für das
Menschenglück und die menschliche Bestimmung für viel
gefährlicher achte, als eine Unwissenheit in hundert Dingen, die
aber mit einer festen anschauenden Erkenntniß seiner
wesentlichen nächsten Verhältnisse, und durch ein einfaches
reines, aber fest entwickeltes Kraftgefühl gesichert ist. Ich
[30] glaube im Gegenteil, die für das Menschengeschlecht
segensreichsten Erkenntnisse gehen allgemein von diesem Gesichtspunkt
aus, und finden sich am reinsten in der wissenschaftlich
beschränktesten Menschenklasse.
Von diesen Grundsätzen geleitet, suchte ich also gerade im
Anfang nicht so fest, daß meine Kinder im Buchstabieren, Lesen
und Schreiben weit kommen, als daß sie durch diese Uebungen
ihre Seelenkräfte allgemein so vielseitig und so wirksam
entwickeln, als nur möglich. Ich machte sie auswendig
buchstabieren, ehe sie das Abc kannten, und die ganze Stube konnte
die schwersten Wörter auswendig buchstabieren, ohne noch einen
Buchstaben zu kennen. Man denke sich den Grad der Fassungskraft, den
dieses bei solchen Kindern voraussetzt. Ich folgte im Anfang bei den
Worten, die ich sie also buchstabieren lehrte, Gedicke's
Leseübung. Später aber fand ich für die allgemeine und
erste Uebung der Kräfte noch weit zuträglicher das ganze
Alphabet fünffach nach allen Vokalen zusammen zu setzen, und die
Kinder also die einfache Uebung aller Sylben vollkommen auswendig zu
lehren. Ich werde die Reihenordnung und Grundlage des Lesens und
Schreibens drucken lassen. Alle Consonanten laufen durch alle Vokalen
vorwärts und zurück: ab, ba, ec, ce, di, id, fo, of, gu,
ug, u. s. w. Dann verfolgte ich die Methode mit drey Buchstaben: bud,
dub, bic, cib, fag, gaf, goh, hog.
Schon in dieser Verbindung kommen für die Aussprache und das
Gedächtnis äußerst schwere Ton-Fügungen vor, wie
z. B. ig, igm, ek, ekp, lug, ulg, quast, staqu, ev, evk.
Jede zwey Reihen der Buchstaben müssen von den Kindern
vollkommen gelernt sein, ehe man zu einer neuen fortschreitet. In der
dritten Reihe folgen Zusammensetzungen und Verbindungen von vier und
fünf Buchstaben, z. B. dud, dude, rek, re ken, erk, erken. Von
da aus hänge ich dann die von dieser einfachen Urgrundlage
ausgehende Worte an ihre Fundamente an, z. B. eph, ephra, ephraim,
buc, buce, bucephal, qua, quak, quaken, aphor, aphoris, aphorismus,
mu, muni, munici, municipal, municipalität, ul, ult, ultra,
ultram, ultramon, ultramontanisch. Man würde es kaum vermuten,
wie leicht und wie richtig die Kinder lesen lernen, wenn sie die
Urfügungen des Lesens ihrem Gedächtnisse allgemein
eingeprägt haben, und ihre Organe zur [31] leichten
Aussprechung derselben gewohnt sind. Sie müssen denn auf dem
Papier die doppelten, dreifachen, und vierfachen Buchstabenreihen,
wie sie zusammen stehen, nicht mehr buchstabieren, sondern dieselben
auf einmal in's Auge fassen und aussprechen. Aber ich zeigte ihnen
jede Reihenfolge erst dann auf dem Papier, wenn sie dieselben
vollkommen auswendig buchstabieren konnten; und zwar zuerst
geschrieben, und dann hernach gedruckt, weil mit den Uebungen
schreiben zu lernen, eine Art Repetition des Buchstabierens verbunden
werden kann, die von doppeltem Nutzen ist.
Wenn sie die geschriebenen Reihen der Urfügungen lesen, so lesen
sie in ein paar Tagen auch die gedruckten, und wieder in ein paar
Tagen dieselben auch mit lateinischen Buchstaben.
Im Schreiben war meine Methode: sehr lange bei drey vier Buchstaben,
welche die Grundzüge vieler andern enthalten, stehen zu bleiben,
und Worte aus diesen zu formen, und zusammen zu setzen, ehe sie einen
andern versuchen durften. Sobald sie m und a konnten, so mußten
sie man schreiben, und das so lange, bis sie das Wort in vollkommen
gerader Linie, und die Buchstaben mit Richtigkeit geschrieben hatten.
So gieng ich immer, wie sie einen neuen Buchstaben mehr konnten, zu
einem Wort hinüber, das dieselben in Verbindung mit denen, die
sie schon konnten, enthielt. So schrieben sie Worte auf einen
gewissen Grad vollkommen, ehe sie noch den dritten Teil vom Abc
schreiben konnten.
Wenn Kinder auf diese Weise nur drey Buchstaben auf einen merklichen
Grad richtig und fertig schreiben, so lernen sie die übrigen mit
großer Leichtigkeit.
Ich hatte flüchtig mit ihnen die Bruchstücke der Geographie
und Naturhistorie, die Gedicke's Lesebuch enthält, durchgemacht.
Noch ohne einen Buchstaben zu kennen, sprachen sie ganze Reihen
Ländernamen richtig auswendig aus, und zeigten in den
Anfangsbegriffen der Naturhistorie einen solchen bon sens, das Ganze,
was sie aus der Erfahrung im Tier- und Pflanzenreich kannten, an die
Kunstworte, die die allgemeinen Begriffe ihrer Erfahrungen
enthielten, anzuschließen, daß ich vollkommen
überzeugt war, ich hätte mit meiner einfachen Manier, und
bei meiner Fertigkeit in jedem Fach allgemein und schnell aus ihnen
heraus zu locken, was sie durch ihren Erfahrungskreis in diesem Fache
selber haben wissen können, [32] mit ihnen einen
bestimmten Kurs vollenden können, der einerseits das Ganze
derjenigen Kenntnisse umfaßt hätte, die der Masse der
Menschen wesentlich dienlich, anderseits jedem in irgend einem Fache
vorzügliche Talente besitzenden Kinde genugsame Vorkenntnisse
verschafft haben würde, um sich selber den weitern individuellen
Fortgang seiner Kultur zu erleichtern, ohne das Ganze aus dem
einfachen Geiste der Beschränkung heraus zu heben, die ihre Lage
im Allgemeinen bedarf, und deren psychologisch menschliche
Festhaltung ich selber für das vorzüglichste Mittel achte,
die Talente der Menschen richtig unterscheiden, und der wahren
Auszeichnung real und mit Kraft forthelfen zu können.
Ueberall war mein Grundsatz: das Unbedeutendste, so die Kinder
lernten, zur Vollkommenheit zu bringen, und nie in nichts zurück
zu gehen, sie kein Wort, das sie einmal gelernt hatten, vergessen,
keinen einzigen Buchstaben, den sie wohl geschrieben, jemals wieder
schlechter schreiben zu lassen. Ich war mit den langsamsten geduldig;
aber wenn eines etwas schlechter machte, als es dasselbe schon
gemacht hatte, war ich streng.
Die Menge und Ungleichheit der Kinder erleichterten meinen Gang. So
wie das ältere und fähigere Geschwister unter dem Auge der
Mutter den kleinern Geschwistern leicht alles zeigt, was es kann, und
sich froh und groß fühlt, wenn es also die Mutterstelle
vertritt, so freuten sich meine Kinder, das, was sie konnten, die
andern zu lehren. Ihr Ehrgefühl erwachte, und sie lernten selber
gedoppelt, indem sie das, was sie wiederholten, andere nachsprechen
machten. So hatte ich schnell unter meinen Kindern selbst
Gehülfen und Mitarbeiter. Ich machte sie in den ersten Tagen
einige sehr schwere Wörter auswendig buchstabieren, und so wie
eines das Wort konnte, nahm es sogleich etliche, die es noch nicht
konnten, zu sich, und lehrte dieselben. So bildete ich mir von Anfang
Gehülfen. Ich hatte in Kurzem unter meinen Kindern Mitarbeiter,
die in den Fertigkeiten, die Schwächern das, so diese noch nicht
konnten zu lehren, mit der Anstalt immer vorgerückt, und
für die Augenblicksbedürfnisse der Anstalt ohne
Zweydeutigkeit brauchbarer und vielseitig brauchbarer geworden
wären, als angestellte Lehrer.
Ich lernte selber mit ihnen. Das Ganze der Anstalt [33] auf
einer so kunstlosen Einfalt, daß ich keinen Lehrer gefunden
hätte, dem es nicht zu schlecht gewesen wäre, so wie ich zu
lehren und zu lernen.
Mein Zweck dabei war: die Vereinfachung aller Lehrmittel so weit zu
treiben, daß jeder gemeine Mensch leicht dahin zu bringen sein
könne, seine Kinder zu lehren, und allmählig die Schulen
nach und nach für die ersten Elemente beinahe
überflüssig zu machen. Wie die Mutter die erste
Nährerinn des Physischen ihres Kindes ist, so soll sie auch von
Gottes wegen seine erste geistige Nährerinn sein; und ich achte
die Uebel, die durch das zu frühe Schulen und alles das, was an
den Kindern außer dcr Wohnstube gekünstelt wird, erzeugt
worden sind, sehr groß Jener Zeitpunkt nähert sich, sobald
wir die Unterrichtsmittel so vereinfachen werden, daß jede
Mutter ohne fremde Hülfe selber lehren, und dadurch zugleich
immer selbst lernend fortschreiten kann. Meine Erfahrung
bestätigt hierin mein Urteil. Ich sah in meinem Kreise Kinder
empor wachsen, die darin meine Bahn verfolgt hatten. Auch bin ich
mehr als je überzeugt, sobald die Lehranstalten jemals mit Kraft
und Psychologie mit Arbeitsanstalten verbunden werden, so wird
notwendig ein Geschlecht entstehen, das einerseits durch Erfahrung
lernet, daß das bisherige Lernen nicht den zehnten Teil der
Zeit und Kraftanwendung bedürfe, die gewöhnlich darauf
verwendet wird, andererseits, daß dieser Unterricht der Zeit,
der Kräfte, und der Hülfsmittel halber mit den
häuslichen Bedürfnissen so in Uebereinstimmung gebracht
werden könne, daß die gemeinen Eltern allenthalben sich
selbst, oder jemand von ihren gewöhnlichen Hausgenossen dazu
geschickt zu machen suchen werden, welches durch die Vereinfachung
der Lehrmethode und durch die steigende Anzahl vollendet geschulter
Menschen immer leichter werden wird.
Für die Herannäherung dieses wünschbaren Zeitpunkts
sind zwey meiner Erfahrungen sehr wichtig. Erstens daß es
möglich und leicht ist, eine sehr starke Anzahl Kinder, selbst
von sehr ungleichem Alter, auf einmal in Masse zu lehren und sehr
weit zu bringen; zweytens, daß diese Masse in sehr Vielem,
mitten in ihrer Arbeit unterrichtet werden kann. Es versteht sich,
daB diese Unterrichtsart Gedächtniswerk scheinen, und, seiner
äußern Form nach, auch wirklich als Gedächtniswerk
getrieben werden muß. [34]
Aber das Gedächtnis, das durch psychologisch gut gereihte
Erkenntnisse fortschreitet, setzt an sich selbst die andern
Seelenkräfte in Bewegung. Das Gedächtnis, das schwere
Buchstaben kompinirt, belebt die Einbildungskraft; das
Gedächtnis das Zahlenreihen verfolgt, heftet den Geist an ihre
innern Verhältnisse; das Gedächtnis, das sich
vielumfassende Wahrheiten einprägt, bereitet den Geist zur
Aufmerksamkeit auf das Einfache und Vielumfassende vor.
Das Gedächtnis, das Gesang und Lieder umfaßt, entwickelt
in der Seele Sinn für Harmonie und hohe Gefühle. Also giebt
es eine Kunst, die Kinder auch blo? durch Gedächtnis zu jeder
Art von Geistesübung allgemein und sicher vorzubereiten.
Das Resultat dieser Uebungen erzeugte bei meinen Kindern allgemein
nicht blos eine steigende Bedächtlichkeit, sondern offenbar
einen das Ganze der Seelenkräfte umfassenden Wachstum derselben,
und brachte allgemein eine Gemütsstimmung hervor, in der ich die
Fundamente der Menschenweisheit vielseitig und sicher entwickelt
sah.
Du sahst, Freund, wie die leichtsinnigsten in Tränen zerflossen,
wie der Mut der Unschuld sich entwickelte, wie die innere Erhebung
der Verständigsten sich belebte; aber irre dich darum nicht.
Träume dir noch kein vollendetes Werk. Augenblicke der
höchsten Erhebung wechselten mit Stunden der Unordnung, des
Verdrusses, und der Sorgen.
Auch war ich nichts weniger als immer mir selbst gleich; Du kennst
mich, wenn Bosheit und Hohn mich umschweben. Wie der Wurm sich leicht
in schnell wachsende Pflanzen hinein wirft, also nagte schleichende
Bosheit tief an den Wurzeln meines Werks.
Das Lästigste war: Menschen, die einen Augenblick in's
Unermeßliche meiner Last hinein guckten, und hie und da etwas
sahen, das sie in ihrer Stube, und in ihrer Küche ordentlicher
hatten, oder das nicht so war, wie in einem Institut, das mit
Hunderttausenden fundirt ist, benahmen sich dann in ihrer Weisheit
mir Rat und Weisung zu geben, und wenn ich einen Leist den sie
für ihre Füße brauchten, für meine nicht passend
fand, so glaubten sie mich unfähig, weisen und guten Rat
anzunehmen, und giengen wohl so weit, sich einander
zuzuflüstern: es seye mit diesem Menschen nichts anzufangen, er
habe einen Sparren im Kopf. [35]
Freund, kannst Du's glauben, die größte Herzlichkeit
für mein Werk fand ich bei den Kapuzinern und Klosterfrauen.
Tätiges Interesse an der Sache nahmen wenige, außer
Truttmann. Die, von denen ich am meisten hoffte, waren so sehr
in politische Verbindungen und Interessen vergraben, daß diese
Kleinigkeit ihnen bei ihrem großen Wirkungskreis nicht
bedeutend sein konnte.
Das waren meine Träume; ich mußte Stans verlassen, da ich
- jetzt so nahe an ihrer Erfüllung zu sein geglaubt habe.
© by Stefan Schneider
Quelle: http://userpage.fu-berlin.de/~zosch/pestalozzi/stans.html