Werner Stangls Lehrtext.Sammlung
WWW: http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at:4711/LEHRTEXTE/Lehrtexte.html
Der download dieses Textes und die Spiegelung auf dem server http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/ erfolgte ausschließlich zu Lehr- und Dokumentationszwecken bzw. zur Gewährleistung einer gewissen Stabilität der Informationen und berührt nicht das Copyright der jeweiligen AutorInnen! Damit soll den userInnen (StudentInnen, SchülerInnen) die Nachprüfbareit der Originalquellen ermöglicht werden, die im internet aufgrund der Dynamik des Entstehens und Vergehens von pages selten gegeben ist.
Falls sich AutorInnen durch diese Form der Dokumentation in ihrem Urheberrecht verletzt fühlen, bitte eine mail an den webmaster: werner.stangl@jku.at
Diese Seite gehört zu "Werner Stangls homepage der internetunterstützen Lehre": http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at:4711/default.html
Was ist und was will Psychologische Didaktik?
Joachim Lompscher
(Interdisziplinäres Zentrum für Lern- und
Lehrforschung, Universität Potsdam)
(Arbeitsentwurf des gleichnamigen Artikels in den Berichten zur Lern- und Lehrforschung: LLF-Berichte, 7, 5-26 (1994).
Psychologische Didaktik wird als Disziplin im
Grenzbereich zwischen Psychologie und Didaktik gekennzeichnet. Zwei
Traditionslinien werden näher charakterisiert: die
kognitionswissenschaftlich und die Kulturhistorisch und
tätigkeitstheoretisch orientierte. Zum Abschluß werden
einige Aufgaben und Perspektiven der Psychologischen Didaktik
erläutert.
Psychological Didactics:
Substance and Intention:
Psychological didactics is characterized as a discipline in the
field between psychology and didactics. Two tradition lines are
described: the one based on cognitive science and the sociohistorical
and activity theoretical one. Finally, tasks and prospects of
Psychological Didactics are explained.
Als die Universität Potsdam einen Lehrstuhl für
Psychologische Didaktik ausgeschrieben hatte, konnte man Fragen der
Art, wie in der Überschrift angedeutet, oder Zweifel, ob es so
etwas überhaupt gibt, hören. Die Bezeichnung ist
tatsächlich nicht allgemein üblich. Ich möchte deshalb
im folgenden Begriff, Traditionslinien, Perspektiven und Aufgaben der
Psychologischen Didaktik aus meiner Sicht knapp kennzeichnen.
1. Zum Begriff "Psychologische Didaktik"
Zunächst könnte man allgemein sagen, daß dieser
Begriff Ausdruck von Tendenzen der Differenzierung, Interaktion und
Verflechtung im Objekt; und Verwertungsbereich der Erziehungs- und
Unterrichtswissenschaften - analog zur Entwicklung in anderen
Wissenschaftsbereichen - ist. Spezifischer: Es handelt sich um eine
Disziplin im Grenzbereich zwischen Psychologie und Didaktik,
nämlich um eine allgemeine Didaktik auf psychologischer
Grundlage oder eine didaktisch orientierte
Unterrichtspsychologie.
Zweifellos ist die Beziehung von Didaktik und Psychologie nichts prinzipiell Neues. Letztlich steht hinter jeder Bildungs- oder Unterrichtstheorie - explizit oder implizit - immer auch eine psychologische Theorie: Auffassungen über psychische Tätigkeit
und ihre Entwicklung, über psychologische Grundlagen von
Interaktion und Kommunikation, von Aneignung und Vermittlung, von
Lernen und Lehren. Ob man an Komensky oder Herbart, Diesterweg oder
Uschinski, Dewey oder die deutschen Reformpädagogen o.a. denkt -
Didaktik hat immer versucht, die Psychologie ihrer Zeit zu nutzen und
auszuwerten, wenn auch in unterschiedlicher Intensität und
Konsequenz sowie Richtung.
Die mit der Bezeichnung Psychologische Didaktik angezielte
Spezifik besteht darin, daß Unterricht hier explizit aus
psychologischer Sicht betrachtet und behandelt wird. Das heißt:
Psychologische Erkenntnisse, Begriffe und Methoden bilden das
Instrumentarium für die Analyse und Gestaltung von Unterricht.
Didaktische Konsequenzen und Empfehlungen bzw. Experimente oder
andere lnterventionsmaßnahmen werden daraus abgeleitet und
begründet. Die Herausbildung und Entwicklung dieser Disziplin
ist Ausdruck der Fortschritte, Potenzen und Ressourcen der (neueren)
Psychologie, vor allem im Hinblick auf die Erkenntnisse über
Entwicklung, Lernen, Kognition und Motivation. Damit ist die
Möglichkeit und die Bereitschaft vorhanden, mit psychologischen
Mitteln Probleme lösen und Defizite überwinden zu helfen,
die an Schule und Unterricht weithin diskutiert bzw. kritisiert
werden.
Die Integration disziplinär unterschiedlicher Sichten und
Zugänge in Grenzbereichen kann Innovationen möglich machen,
und daß Bildungsinnovationen dringend erforderlich und
wünschenswert sind, steht sicher außer Zweifel.
Psychologische Didaktik ist ihrem Wesen nach interdisziplinär
angelegt und auf interdisziplinäre Kooperation orientiert. Das
gilt in besonderem Maße für die Zusammenarbeit mit
Fachdidaktikern, da Lern- und Lehrprozesse immer an konkrete
Gegenstände (Inhalte) gebunden sind und unter spezifischen
Bedingungen ablaufen. Für die Kooperation sollten aber auch
andere Wissenschaftsdisziplinen gewonnen werden, die für Lernen
und Lehren relevant sind (von Sozial- und Organisations-, bis zu
biologisch-medizinischen Wissenschaften und solchen, die sich mit den
Lerngegenständen selbst, also Natur, Sprache, Geschichte etc.,
beschäftigen). Die Etablierung und Entwicklung einer
Grenzwissenschaft wie der Psychologischen Didaktik sollte also nicht
zu Entgegensetzung, Kompetenzstreit, Auseinandersetzungen um die
Wissenschaftsklassifikation o.a. führen. Es geht im Gegenteil um
gegenseitige Bereicherung, gemeinsame Identifikation und
Bewältigung von Problemen und - bezogen auf die Aus-, Fort- und
Weiterbildung von Lehrern - um die Koordinierung der Bemühungen
zur Entwicklung pädagogischer Kompetenzen.
Für die angedeuteten Ziele und Inhalte wurden und werden
unterschiedliche Bezeichnungen verwendet: Instruktions- oder
Unterrichtspsychologie, Psychologie des Lernens und Lehrens oder der
Lerntätigkeit, pädagogisch-psychologische Lern- und
Lehrforschung oder eben auch Psychologische Didaktik - ein Name, der
z. B. als Buchtitel (AEBLI 1973) Verwendung fand. Damit ist schon
angedeutet, daß die Psychologische Didaktik keine ,,neue
Erfindung" ist.
2. Zwei Traditionslinien in der Psychologischen
Didaktik
Es würde hier zu weit führen, wenn ich einen
historischen Exkurs machen wollte. Ich beschränke mich auf die
gegenwärtig bedeutsamsten Richtungen. Das sind aus meiner Sicht
die kognitionspsychologische und die tätigkeitspsychologische
Didaktik.
Die erstgenannte entstand aus der mehr oder weniger konsequenten Überwindung des Behaviorismus mit der sogenannten kognitiven Wende, beginnend in den 50-er und 60-er Jahren und der ,,Wiederentdeckung" von Inhalt und Bedeutung in kognitiven Prozessen (Wissen, semantisches Gedächtnis u.a.) seit etwa den 70-er Jahren. Als wesentliche Marksteine dieser Entwicklung betrachte ich einerseits die Arbeiten von Hans Aebli -von seiner ,,Psychologischen Didaktik" (AEBLI 1973) bis zu den Grundlagen des Lehrens (1987), die sowohl Anwendung als auch teilweise Überwindung der Theorie der kognitiven Entwicklung von Jean Piaget darstellten, andererseits Jerome S. Bruners Initiativen, Experimente und Verallgemeinerungen im Kontext der Curriculum-Bewegung in den USA nach dem ,,Sputnik-Schock" (z.B. Bruner 1973, 1974), wie auch seine
Kontroverse mit David P. Ausubel um Arten des Lernens (AUSUBEL,
NOVAK & HANESIAN 1980/81).
Die Fortschritte der Kognitiven Psychologie bei der Analyse
kognitiver Prozesse und Strukturen, ihrer Entstehung und
Veränderung - zunächst vorwiegend an abstraktem Material in
künstlichen Situationen, mit stark eingeschränkten
Lernbedingungen erzielt - führten in den 70er - 80er Jahren zu
zahlreichen Versuchen, Konsequenzen für die Gestaltung von
Unterricht abzuleiten und - zum Teil - empirisch zu erproben (als
Beispiel sei verwiesen auf CHIPMAN, SEGAL & GLASER 1985, COLLEY
& BEEcH 1989, DILLON & STERNBERG 1986, KUHN 1990, NEBER 1981,
RESNICK 1989, SEGAL, CHIPMAN & GLASER 1985, WEIDENMANN &
KRAPP 1 986, WEINERT & KLUWE 1 984, ZIMMERMAN & SCHUNK
1989).
Auf dem XXII. Internationalen Kongreß für Psychologie
(1980 in Leipzig) kennzeichnete Robert Glaser das Ziel einer - damals
- im Entstehen begriffenen ,lnstruktionspsychologie" (instruction =
Unterricht) als ,,Verstehen und Entwerfen optimaler Lehrstrategien
für die Aneignung von Wissen und Können" (GLASER 1982,
S.10). Die Hauptaspekte seien dabei:
1. die potentiellen Zustände kompetenter Leistung (d. h. Analyse der Expertise als Ausgangspunkt),
2. die Ausgangszustände von Lernenden,
3. die Transformationsprozesse von 2. zu 1.,
4. Bewertung und Überwachung der Zustandsänderungen.
Für ihre Realisierung formulierte er einige Leitprinzipien, die auf die Überwindung behavioristischer Traditionen und früher kognitivistischer Ansätze gerichtet sind und auch heute noch ihre Bedeutung haben:
Auf dem gleichen Kongreß hob Franz E. Weinert als besonders
bedeutungsvolle Faktoren für den Entwicklungssprung der
Kognitiven Psychologie bezüglich der Sicht auf Lernen und
Lehren, im Vergleich zu den vorangegangenen Jahrzehnten.
1. die Entwicklung kognitiver Modelle bezüglich der systematischen Wechselbeziehungen zwischen Wissenstrukturen und kognitiven Operationen,
2. die Entwicklung inhaltsspezifischer Lehr-Lern-Konzeptionen und
3. die Entwicklung von Programmen zur Einführung psychologischer Ergebnisse in die pädagogische Praxis hervor (WEINERT 1982, S.17, s. auch TREIBER & WEINERT 1982).
In den seither vergangenen Jahren wurde eine Vielzahl von
Untersuchungen in unterschiedlichen Gegenstandsbereichen, zu
unterschiedlichen Aspekten von Lernen und Lehren durchgeführt
(vgl. z. B. die Materialien der inzwischen fünf Konferenzen der
European Association for Research on Learning and lnstruction
-EARLI). In diesem Prozeß hat sich ein Verständnis von
Lernen und Lehren herausgebildet, das - bei vielen Unterschieden im
einzelnen - sich von der ursprünglichen kognitivistischen Enge
ziemlich weit entfernt hat. GLASER (1991) kennzeichnet folgende
Hauptaspekte und -positionen gegenwärtiger
kognitionspsychologischer Lern- und Lehrforschung:
1. Lernen als konstruktive Tätigkeit. Die Lernenden verarbeiten Information aktiv, und Aufgabe des Lehrenden ist es, sie zu befähigen, auf dem und mit dem, was sie wissen, neues Wissen und Können aufzubauen.
2. Repräsentation und Organisation von Wissen. Die Art und Weise, wie Lernende ein Problem oder einen Text intern repräsentieren, hängt von den bereits vorhandenen Wissensstrukturen ab. Lernen führt zu zunehmend struktuiertem und organisiertem Wissen als Grundlage kompetenten Handelns. Dies wurde besonders durch die zahlreichen Experten-Novizen-VergIeiche deutlich.
3. Selbstregulation und Metakognition. Ein wesentlicher Entwicklungsaspekt des Lernens besteht in der zunehmenden Fähigkeit, das eigene Lernen selbst zu planen, zu steuern, zu überwachen und darüber zu reflektieren. Im Zusammenhang damit wird auch den Wechselbeziehungen zwischen Kognition und Motivation zunehmende Aufmerksamkeit gewidmet.
4. Sozialer und situativer Kontext des Lernens. Mit Hinweis auf
Wygotski u.a. (s.u.) wird die soziale Genese des Lernens, seine
Einbettung in ein soziokulturelles Milieu betont. ,,Die Schule
interpretiert die umfassendere Kultur, kanalisiert das Lernen und
definiert die Problemarten die die Lernenden lösen sollen, und
die Instrumente zu deren Lösung" (S. 134). In diesem
Zusammenhang gewinnen das gemeinsame Lernen in der Gruppe, die
wechselseitige Unterstützung, der Zusammenhang zwischen Lernen
und sozialer Praxis und Arbeit sowie die jeweiligen konkreten
situativen Bedingungen des Lernens wachsende Bedeutung.
Während die Kognitive Psychologie - sofern sie sich mit Unterrichtsfragen beschäftigte - früher vor allem Lernleistung und Lernergebnisse analysierte, ist sie jetzt - so Glaser - stärker auf Lernprozesse im eben gekennzeichneten Sinne orientiert. Als Schwerpunkte praxisorientierter Forschung und lnnovationsbemühung kennzeichnet er
Diese und andere Themen sind in der aktuellen
kognitionspsychologischen Literatur zu Lernen und Lehren breit
repräsentiert. Damit ist durchaus nicht die ganze Breite und
Vielfalt der unterrichtlichen und außerunterrichtlichen Lern-
und Lehrprozesse und -probleme erfaßt, aber gerade durch die
Konzentration auf einige bedeutsame Problemkomplexe wurden und werden
wesentliche Erkenntnisfortschritte erreicht.
Die Kognitive Psychologie bildet heute zweifellos den ,,main
stream" in der Lern- und Lehrforschung (s. a. DE CORTE 1990, KLAUER
1993, MANOL & FRIEDRICH 1992 u.v.a.). Daneben existieren jedoch
auch andere Richtungen, wie die phänomenologischhermeneutische,
die psychoanalytische, die neobehavioristische. Hier soll jedoch nur
von einer weiteren Richtung die Rede sein, die sich - insbesondere in
den USA und Westeuropa, aber auch Japan u.a. - zunehmender
Aufmerksamkeit erfreut: die kulturhistorische Traditionslinie und in
ihrem Rahmen die tätigkeitspsychologische Didaktik. Sie geht,
wie allgemein bekannt ist, auf die ,,Troika" LEW S. WYGOTSKI (1964,
1985/1987, 1992), ALEXANDER R. LURIJA (1982, 1987, 5. auch JANTZEN
1993, JANTZEN & HOLODYNSKI 1992) und ALEXEJ N. LEONTJEW (1964,
1979) zurück. Ihre theoretische Konzeption wurde in den Jahren
1926 -1934 erarbeitet. In knappen Zügen kann man sie wie folgt
charakterisieren:
1. Das menschliche Bewußtsein, die ,,höheren psychischen Funktionen" sind weder aus sich selbst erklärbar noch auf Hirnfunktionen oder äußeres Verhalten reduzierbar, sondern sind notwendige Komponenten der Mensch-Welt-Wechselwirkung, d.h. der menschlichen Tätigkeit. Psychisches entsteht in der Tätigkeit und dient ihrer Regulation durch das Subjekt.
2. Elementare psychische Funktionen werden in dem Maße in höhere transformiert, wie der Mensch ,,Werkzeuge" benutzt, die die Beziehung zur Welt und zu sich selbst zunehmend vermitteln. Äußere Mittel ermöglichen eine zielgerichtete Einwirkung auf die Außenwelt und die Beeinflussung der eigenen Tätigkeit, was zugleich das Bewußtwerden seiner selbst als Subjekt fördert. Zeichen als ,,psychische Werkzeuge" sind Träger von Bedeutung; Bewußtseinsprozesse sind zeichenvermittelte Prozesse, Operieren mit Bedeutungen.
3. Sie sind Produkte gesellschaftlich historischer Entwicklung, Bestandteile konkreter Kultur(en), in der (denen) der Mensch lebt, von der (denen) er geprägt wird und die er durch seine Tätigkeit selbst mitgestaltet.
4. Die kulturhistorischen Existenzbedingungen realisieren sich durch Interaktion und Kommunikation in gemeinsamer Tätigkeit. Die höheren psychischen Funktionen (willkürliche, bewußte, zielgerichtete Prozesse der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses, des Denkens etc.) treten in ihrer Genese zweifach auf: zunächst als ,,interpsychische", d.h. zwischen Interaktions- und Kommunikationspartnern aufgeteilte, dann als ,,intrapsychische", d. h. im eigentlichen Sinne psychische, an ein Individuum gebundene Phänomene.
5. Dieser Transformationsprozeß beruht auf der Interiorisation (Internalisierung), dem ,,Hineinwachsen" ursprünglich äußerer, ihrem Wesen und ihrem Ursprung nach sozialer Zeichen und Handlungen im Prozeß gemeinsamer Tätigkeit, was immer auch Exteriorisation (Externalisierung) bzw. Einheit von Interiorisation und Exteriorisation bedeutet. Auf diesem Wege erfolgt die Aneignung menschlicher Kultur (Wissen und Können, Anschauungen und Werte, Beziehungen und Normen) - nicht als passive, mechanische Übernahme, sondern als Ergebnis aktiver Tätigkeit.
6. Die höheren psychischen Funktionen sind systemhaft organisiert, sie bedingen und beeinflussen sich wechselseitig.
Die psychologische Analyse und Intervention muß deshalb auf Komplexität und Ganzheit (z.B. Einheit und Wechselbeziehung kognitiver, emotionaler und motivationaler Aspekte oder Komponenten) gerichtet sein und das Psychische nicht in unselbständige Elemente aufspalten, die nicht mehr über die Charakteristiken des Ganzen verfügen (,,Analyse nach Einheiten" versus ,,Analyse nach Elementen").
7. Aus diesem Verständnis des Psychischen ergibt sich die Notwendigkeit eines kausal-genetischen Herangehens, d. h. der Analyse des Psychischen im Prozeß seiner Genese -vom Tier-Mensch-Vergleich und historischen sowie kulturvergleichenden Studien über den Vergleich normaler und pathologischer Entwicklungsprozesse (Aufbau und Zerfall höherer Funktionen) bis hin zu den Veränderungen im Verlauf der Ontogenese und im Prozeß pädagogischer, therapeutischer u.a. Einflußnahme und experimenteller, hypothesengeleiteter Ausbildung.
8. Die kulturhistorische Determinierheit der Ontogenese äußert sich u.a. darin, daß Inhalt und Abfolge von Entwicklungsstufen der Kindheit und Jugend (und des Erwachsenenalters) historischen Charakter haben, wechselseitig mit der Entwicklung der Gesellschaft zusammenhängen. Grundlage der psychischen Ontogenese sind die gemeinsame Tätigkeit und Kommunikation von Kind und Erwachsenen bzw. anderen Personen, ihre ständig sich verändernde Einbeziehung in Kultur und soziale Strukturen, die aktive Auseinandersetzung damit und deren (zumindest partielle) Mitgestaltung. Quelle der Entwicklung ist die Umwelt, die Kultur, aber als Triebkraft der Entwicklung wirken die mannigfaltigen Widersprüche im Prozeß der interpersonalen und gegenständlichen Interaktion.
9. Die Ontogenese vollzieht sich als widerspruchsvoller Prozeß der Herausbildung und Überwindung oder Aufhebung qualitativ unterschiedlicher ,,psychischer Neubildungen". Hauptinhalt der Ontogenese sind die sozialen Entwicklungssituationen, d. h. jeweils spezifische Konstellationen der sozialen Position und Wechselbeziehungen mit der Umwelt. Eine kritische Phase ist Ausdruck des Zerfalls einer bestehenden sozialen Entwicklungssituation aufgrund der bisherigen Entwicklung, die zur Entstehung und Ausbildung von Grundlagen einer neuen Entwicklungssituation mit neuen Widersprüchen und psychischen Neubildungen führt. Diese weisen jeweils eine neue Einheit von Inhalt und Struktur, eine neue Qualität der funktionalen Systeme zur psychischen Verarbeitung und Steuerung der Mensch-Welt-Wechselwirkung auf.
10. Jedes Niveau der psychischen Entwicklung ist durch zwei Entwicklungszonen gekennzeichnet: Die ,,Zone der aktuellen Leistung" umfaßt jene Leistungen, die aufgrund der bisherigen Entwicklung selbständig vollbracht werden können. Die ,,Zone der nächsten Entwicklung" beinhaltet solche Leistungen, die noch nicht selbständig, wohl aber unter Anleitung, nach Vorbild, mit Unterstützung bewältigt werden, die also Potenzen darstellen, die in einer jeweiligen Zone der aktuellen Leistung ,,versteckt" sind und über diese hinausweisen. Indem diese Möglichkeiten weitergehender Leistung durch eigene Tätigkeit realisiert werden, verwandeln sie sich allmählich in eine neue Zone der aktuellen Leistung, die ihrerseits eine neue Zone der nächsten Entwicklung eröffnet usf. So wechseln im Entwicklungsverlauf - bezogen auf bestimmte Anforderungen, Bedingungen und Leistungen - Stadien der Zusammenarbeit und Stadien der Selbständigkeit einander ständig ab.
11. Unterricht und Erziehung, die die Entwicklung fördern
sollen, dürfen nicht hinter ihr herlaufen bzw. auf sie warten,
sondern müssen ihr vorauseilen, sich auf den ,,morgigen Tag" der
Entwicklung, d. h. auf die jeweilige Zone der nächsten
Entwicklung orientieren. Nur der Unterricht ist gut (d. h.
entwicklungsförderlich), der sich nicht schlechthin auf die
bereits voll ausgebildeten, sondern vor allem auf die gerade in
Entwicklung befindlichen psychischen Funktionen orientiert und sich
dabei auf die innere Logik der historischen Entwicklung des Denkens,
der Sprache usw. stützt, die in der Kultur materialisiert ist.
Ohne die Aneignung der Schriftsprache, der Wissenschaft(en) und
anderer Kulturbereiche durch systematisches, institutionalisiertes
Lernen ist es unmöglich, ein Niveau der psychischen Entwicklung
zu erreichen, das den Anforderungen und Bedingungen heutigen Lebens
entspricht.
Die kulturhistorische Konzeption wurde in Auseinandersetzung mit
und unter Verarbeitung der ganzen Breite und Vielfalt des zu jener
Zeit verfügbaren Erkenntnisstandes entwickelt (worauf hier nicht
eingegangen werden kann - am bekanntesten ist sicher Wygotskis
kritische Analyse der damaligen Konzeption von Piaget, die aber auch
viele Gemeinsamkeiten offenbarte, wie Piaget selbst feststellte,
nachdem er -Jahrzehnte später- die englische Übersetzung
von Wygotskis Buch von 1934 zur Verfügung hatte). Trotz der
stalinschen Verbote und Repressalien wurde die kulturhistorische
Konzeption, insbesondere die Tätigkeitskonzeption in den 40-er
und 50-er Jahren und vor allem danach weiterentwickelt und in
unterschiedlichen Gebieten angewandt.
Im Kontext meines Themas sind besonders die Arbeiten zur
Entwicklung und Entwicklungsförderung im Vorschulalter
(ZAPOROZEC 1967, 1986, 1990, WENGER 1976, 1986, PODDJAKOW 1977 u.a.)
zum Kenntniserwerb in der Schule (BOGOJAWLENSKI & MENTSCHINSKAJA
1962, KABANDWA-MELLER 1968, MENTSCHINSKAJA 1961 u.a., die Theorie der
etappenweisen Ausbildung geistiger Handlungen (GALPERIN 1967, 1969,
1977, 1982, LEDNTJEW, GALPERIN et al. 1975, LOMPSCHER 1972, TALYSINA
1975, OBUCHDWA 1972, 1981, SCHABELNIKOW 1982 u.a.) sowie die Theorie
der Lerntätigkeit und ihrer Ausbildung (DAWYDOW 1977, 1988,
1990, 1991, 1993, DAWYDOW, LOMPSCHER & MARKDWA 1982, DAWYDOW
& WARDANJAN 1981 ELKONIN/DAWYDDW 1962, 1966, ELKONIN 1989,
LOMPSCHER 1975, 1988, 1989, 1990, 1991a, LOMPSCHER, JANTOS &
SCHÖNIAN, 1988) zu erwähnen. Lernen und Lehren wurden in
dieser Traditionslinie ganz bewußt und explizit in einen weiten
theoretischen Rahmen (Kultur, Tätigkeit, Entwicklung ...)
gestellt. Das wissenschaftliche Herangehen an diesen Gegenstand wird
dabei selbst vom Tätigkeits- und Entwicklungskonzept bestimmt:
Analyse zum Zweck der Tätigkeitsgestaltung und
Entwicklungsförderung, hypothesengeleitete
Tätigkeitsgestaltung und Ausbildung zum Zweck der Analyse. Die
theorie- und hypothesengeleitete Gestaltung bzw. Veränderung von
Tätigkeitsbedingungen zielt nicht schlechthin bestimmte
Lernergebnisse an (dies natürlich auch), sondern vor allem die
Gewinnung von Erkenntnissen über die zu den Ergebnissen
hinführenden Prozesse und ihre internen und externen Bedingungen
und Wechselwirkungen, über die dabei ablaufenden
Veränderungen psychischer Strukturen und Eigenschaften,
über die in einem Entwicklungsniveau bzw. -verlauf enthaltenen
Potenzen und Grenzen und daraus ableitbaren Konsequenzen für
eine entwicklungsförderliche Tätigkeitsgestaltung.
In den USA und anderen westlichen Ländern zeigte sich seit
den 60er, aber insbesondere in den 80er Jahren zunehmendes Interesse
an der kulturhistorischen Traditionslinie, insbesondere an den
Arbeiten Wygotskis, z. T. auch Lurijas und anderer Autoren. Über
die Rezeption hinausgehend wurden eigene Beiträge zur
Weiterentwicklung der Konzeption geleistet - heute vielleicht mehr
als im Ursprungsland (ENGELSTED, HEDEGAARO, KARPATSCHOF &
MORTENSEN, 1993, ENGESTRÖM 1987, 1990, HEDEGAARD, HAKKARAINEN
& ENGESTRÖM, 1984, HILDEBRAND-NILSHON & RÜCKRIEM
1988, JANTZEN 1991, LAVE & WENGER, 1991, MOLL, 1990,
SÄLJÖ, 1991, VAN OERS, 1990, WERTSCH, 1985a,b).
Ausgangspunkte, Entwicklungsverläufe und Ergebnisse der
beiden hier kurz skizzierten Traditionslinien sind wesentlich
verschieden voneinander. Das gilt - zumindest teilweise - auch
für die Terminologie, was aber nicht darüber
hinwegtäuschen sollte, daß z. B. manche neuen oder
aktuellen Themen der einen Traditionslinie in der anderen unter
anderem Namen bereits eine gewisse Geschichte aufweisen. So spielten
metakognitive Aspekte in der tätigkeitspsychologischen Lern- und
Lehrforschung seit langem eine Rolle (Bewußtheit, Reflexion,
Selbstkontrolle und Bewertung, Planung und Organisation der eigenen
Lerntätigkeit). Ähnliches gilt für das Problem der
Lernstrategien (Verfahren der geistigen Tätigkeit, Lern- und
Arbeitsmethoden und -techniken, vgl. LOMPSCHER, 1992a) u.a. Die aus
der Auseinandersetzung mit sensualistischen und empiristischen
Traditionen in Erkenntnistheorie, Lernpsychologie und Didaktik
erwachsene Konzeption der Verallgemeinerungsarten und der Ausbildung
theoretischen Denkens (DAWYDOW 1977, 1990 MAKSIMOW 1987, ZAK 1984
u.a.) hat, wie auch zahlreiche Untersuchungen im Rahmen von Galperins
Theorie der etappen-weisen Ausbildung von Handlungen (s.o.),
Gemeinsamkeiten mit Piagets Theorie der Entwicklung kognitiver
Operationen, wobei dessen Konstruktivismus gewissermaßen ,,von
der anderen Seite" ergänzt wurde: Die Entstehung und.
Entwicklung neuer kognitiver Strukturen und Beziehungen aufgrund der
geistigen Aktivität des Subjektes wird durch die Schaffung
geeigneter Tätigkeitsbedingungen soweit stimuliert und
gefördert, daß bekannte ,,Piaget-Phänomene" bei
Vorschul- und jüngeren Schulkindern nicht auftreten bzw.
kognitive Leistungen ,,theoretischen Denkens" bereits in der
Grundschule erreicht werden, die man dem Stadium der formalen
Operationen zuordnen muß. Unsere Unterrichtsversuche mit der
Lehrstrategie des Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten in
unterschiedlichen Unterrichtsfächern erbrachten in dieser
Hinsicht ebenfalls erhebliche Entwicklungsfortschritte im Vergleich
zu Kontrollklassen, und zwar sowohl bei fachspezifischen als auch bei
fachunabhängigen Anforderungen (GIEST 1991, KOMAROWA 1991, 1992,
1993, LOMPSCHER 1984, 1985, 1989a, b, 1990).
Bei allen Unterschieden zwischen den Traditionslinien zeigt sich
jedoch eine immer deutlicher werdende Bewegung aufeinander zu (der
aktive Lerner, der Aufbau von Wissen und Können, die soziale und
kulturelle Bedingtheit oder ,,Situiertheit" des Lernens, Handlungen
unterschiedlichen Komplexitätsgrades als grundlegende Bedingung
des Lernens, Wechselbeziehungen von Kognition und Motivation etc.),
die - besonders nach Überwindung ideologischer und politischer
Schranken und Scheuklappen auf beiden Seiten - Chancen einer
produktiven Synthese, zumindest gegenseitiger Bereicherung und
Befruchtung sowie echter Kooperation eröffnet. Damit
könnten u.a. die Erkenntnisse und Methoden der Makro- und der
Mikrostrukturanalysen des Lernens und der Entwicklung stärker
aufeinander bezogen werden und sich gegenseitig ergänzen. Als
Beispiel für die Produktivität eines solchen Herangehens
sei auf RESNICK, LEVINE & TEASLEY (1993) verwiesen. Für die
Realisierung der Ziele und Anliegen der Psychologischen Didaktik in
Lehre und Forschung und insbesondere in der unmittelbaren
Zusammenarbeit mit der Schule kann die mehr oder weniger konsequente
Zusammenführung oder wechselseitige Kenntnisnahme und Nutzung
nur positiv sein.
3. Perspektiven und Aufgaben der Psychologischen
Didaktik
Das Potsdamer Modell der Lehrerbildung (1992, Denkschrift der Universität Potsdam, 1993, EDELSTEIN & HERRMANN 1993) orientiert auf eine professionsorientierte und forschungsbezogene Ausbildung der künftigen Lehrer. Der angestrebte systematische Aufbau pädagogischer Kompetenzen erfordert - im Zusammenwirken mit anderen Ausbildungsdisziplinen - ein starkes Engagement seitens der Psychologie (LOMPSCHER 1993b). Aufbauend auf dem erziehungswissenschaftlichen, besonders dem psychologischen Grundstudium, vor allem der Entwicklungs- und der Lernpsychologie und in Abstimmung mit Allgemeiner und Fachdidaktik analysiert die Psychologische Didaktik Unterrichtsprozesse und -probleme aus psychologischer Sicht und mit psychologischen Methoden und leitet didaktische Folgerungen und Empfehlungen aus psychologischen Erkenntnissen ab. Sie will in systematischer Form zur psychologischen Durchdringung und Fundierung didaktischen Handelns beitragen. Dabei geht es -stichpunktartig- vor allem um folgende Probleme (ausgehend von der kulturhistorischen Determiniertheit von Entwicklung und Lernen und ihrer Einordnung in den Tätigkeitskontext):
Im Bereich der Forschung, in die auch die Studenten einbezogen werden, harrt eine Fülle von Fragen und Problemen der psychologisch-didaktischen Bearbeitung, die vor allem interdisziplinärer Kooperation bedarf. Eine Möglichkeit ihrer Planung und Realisierung sehe ich in der Bestimmung eines Komplexthemas und der gemeinsamen theoretischen Diskussion darüber als Voraussetzung interdisziplinärer (und disziplinärer) empirischer Forschung. Ein solches - genügend weites und zugleich auf aktuelle Schwerpunkte orientiertes - Thema heißt ,,Wechselbeziehungen von Aneignungsweisen und Lehrstrategien". Wesentliche Aspekte seiner Bearbeitung sind
von Lernen und Lehren (GIEST 1992, LOMPSCHER 1991b, 1992b,c -
siehe auch den Bericht über die Gründung des
Interdisziplinären Zentrums für Lern- und Lehrforschung in
diesem Heft).
Die knapp skizzierten Aufgaben in Lehre und Forschung verfolgen
letztlich ein Ziel: Erkenntnisgewinnung und Erkenntnisvermittlung
sollen dazu beitragen, daß Bildungsinstitutionen (Schule u.a.),
Lehrende und Lernende wie auch weitere am Bildungsprozeß
Beteiligte - heutige und künftige Aufgaben besser
bewältigen können. Es wird viel und zu Recht von
Bildungskrise gesprochen, und es werden Bildungsinnovationen
gefordert und gesucht (LOMPSCHER 1993a). Wissenschaft allein ist
damit überfordert, aber im Verbund mit anderen
gesellschaftlichen Kräften und Institutionen kann und muß
sie ihren ganz spezifischen Beitrag dazu leisten.
Interdisziplinäre Kooperation, Einheit von Theorie und Empine,
enge Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Praktikern sind einige
der unabdingbaren Voraussetzungen, die Wissenschaft wesentlich selbst
schaffen bzw. beeinflussen kann. Psychologische Didaktik versteht
sich als integraler Teil dieser Kraft und dieser Bemühungen. An
der Universität Potsdam bestehen bzw. entstehen günstige
Voraussetzungen, um dazu einen gewichtigen Beitrag zu leisten.
Bearbeitung durch B.Schellhas
(29.5.1997)