Werner Stangls Lehrtext.Sammlung
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Fachtagung der Senatsverwaltung für Jugend und Familieund des Fördervereins für Jugend- und sozialarbeit e. V. am 21. und 22. 9.1995
Thilo Geisler
Mediennutzung - ein Generationsproblem?
Christian Schubert
Computer in Reinickendorfer Kindertagesst"tten
Bericht der Reinickendorfer Arbeitsgruppe: Computer in
der Kindertagesst"tte
Ulrike Pilarczyk
Geschlechtsspezifische Zugänge bei der Nutzung von
Computern
Ulli Engel
Informations- und Lernsoftware für bessere
Bildung
Forderungen und Thesen
Hitliste der Lern- und Informationssoftware
Herbert Scherer
Kommunikation im Datennetz
Manfred Roosens
Jugendinformationsdienste
Jugendinformation in der Schweiz
Daß Medien wesentlich zur Sozialisation von Kindern und Jugendlichen beitragen, das ist inzwischen eine Binsenweisheit. Auf welche Weise sie das jedoch tun, darüber streiten WissenschaftlerInnen, SozialarbeiterInnen, LehrerInnen und Eltern.
Seit Computerspiele den Markt und kurz darauf die Kinderzimmer überschwemmten, ist auch ihre Wirkung in die Diskussion geraten. BefürworterInnen und GegnerInnen halten sich die Waage im Streit um die Ergebnisse ihrer Überlegungen und Beobachtungen.
Unterdessen spielen die Kids munter weiter, kaum angefochten von all den Befürchtungen oder Hoffnungen ihrer ErzeugerInnen und ErzieherInnen. Mütterliche oder väterliche Kommentare zu ihrem Tun nötigen ihnen allenfalls ein herablassendes Lächeln ab: "Die Alten haben keine Ahnung."
Die spielerische Kommunikation mit den Geräten oder über sie scheint ein Generationsproblem zu sein. Auch ein Problem der Geschlechter, denn der weitaus größere Teil der Kinder und Jugendlichen, die täglich am Computer sitzen, ist männlichen Geschlechts.
Festzustellen bleibt: Welche Bewertung Erwachsene dem Phänomen Computerspiel auch immer zumessen, bewirken werden sie kaum etwas, solange sie in der Beobachterposition verbleiben, die sie zu inkompetenten Meckerern oder lobhudelnden Romantikern macht.
Erste Schritte auf dem Wege, diesen Zustand zu verändern, soll die Fachtagung anregen.
Wir danken den ReferentInnen, ArbeitsgruppenleiterInnen und TeilnehmerInnen für ihre engagierte Mitarbeit und hoffen, daß die in den Referaten niedergelegten Denk- und Arbeitsansätze in der Praxis weiterentwickelt werden können.
Dr. Klaus Spieler
Förderverein für Jugend- und
-sozialarbeit e. V.
Thilo Geisler
Senatsverwaltung für Jugend
und Familie
Mediennutzung - ein Generationsproblem?
Ein Beispiel zum Thema "Wissensabstand zwischen den Generationen"
Es war einer dieser heißen Julinachmittage, als alle im Urlaub waren und ich in meinem Amtszimmer bei 35 Grad Außentemperatur vor mich hinschwitzte. Da mein Heimweg mich auf dem Fahrrad durch den Tiergarten führte, nahm ich meinen kleinen Laptop mit, suchte mir eine schattige Parkbank und versuchte mich im bürokratischen Schriftverkehr. Ich hatte mich gerade durch eine Seite in gutem Amtsdeutsch hindurchgequält, als ein Seniorenpärchen, ich nenne sie Hermann und Othilde, vor meiner Parkbank erschien. Mir wurde schnell klar, daß ich auf "ihrer" Bank saß, und so rückte ich ein wenig, versuchte mich durch sie in meinem Bemühen um einen bürgernahen Text aber nicht weiter stören zu lassen.
Hermann fragt nun seine Frau: "Othilde, was macht ´n der da?"
Othilde: "Der schreibt."
Hermann: "Aber der hat doch gar kein Papier?"
Othilde: "Der hat einen Computer."
Hermann, bis dahin fest entschlossen mich nicht zu stören, kann seine Neugier nicht mehr zügeln und spricht mich an: "Junger Mann (er spricht vermutlich alle, die unter 80 sind, mit junger Mann an), sagen Sie mal, wie geht´n das."
Ich: "Das ist ein Computer. Den nehme ich jetzt mit nach Hause, dort habe ich einen Drucker, und den verbinde ich mit dem Computer, und dann wird mein Text, den ich hier geschrieben habe, dort ausgedruckt."
Hermann: "Is ja doll." Dann, nach einer kurzen Pause: "Sie sind sicher ein wichtiger Mann in Ihrem Betrieb."
Ich fühle mich geschmeichelt, zeige ihm das auch und erkläre ihm: "Na ja, meine Kollegen sehen das nicht so, für die bin ich nur ein Technikfreak."
Nun habe ich seit einigen Monaten ein Handy. Wenn ich dieses Gerät in der Öffentlichkeit nutze, habe ich so ein ähnliches Gefühl, als wollte ich vor aller Augen pinkeln. Also suche mir mit dem kleinen Gerät - übrigens nur 289 Gramm schwer - dann eine Stelle, wo ich möglichst unbemerkt bin.
Aber zurück zu unseren Senioren.
Othilde hatte gerade zu ihrem Hermann gesagt: "Laß doch den jungen Mann in Ruhe", da fiepte mein Handy. Meine Frau fragte, wo ich denn sei. Ich sagte nur kurz, daß ich im Tiergarten sei und gleich käme.
Nun war Hermann vollends baff und konnte sich gar nicht mehr einkriegen:
"Haben Sie da eben mit Ihrer Frau telefoniert?"
Ich: "Ja, sie ist gerade nach Hause gekommen und wollte wissen, wo ich stecke. - Na, jetzt muß ich aber los."
Hermann hätte mich am liebsten festgehalten: "Sie, mit dem Telephon, wie geht ´n das?"
Ich: "Über Funk." Dabei mache ich eine Bewegung in Richtung Himmel.
Hermann: "Is ja doll. Othilde, stell dir mal vor, wir hätten sowas, dann könnte ich hier in Ruhe sitzen, und wenn du das Essen fertig hast, dann rufst du mich an, und ich komme. Na ja, aber das begreife ich sowieso alles nicht mehr. Wissen Sie, ich war nämlich früher Grobschmied, das is´n Beruf, den gibt´s heute kaum noch. Ich war früher bei der Reichsbahn.
Na, nichts für ungut, Sie müssen ja jetzt sicher nach Hause."
"Ja", sagte ich, klappte schnell mein Büro zusammen und fuhr mit dem Fahrrad davon.
Zwei Wochen später, es hatte sich etwas abgekühlt, setzte ich mich auf die gleiche Parkbank und schrieb diese Geschichte auf.
Warum ich sie hier erzähle? - Weil sie deutlich macht, daß der heutige Umgang mit den modernen Technologien und Bürokommunikationsmitteln die Kommunikationskluft zwischen den Technologieerfahrenen und den Technologieunerfahrenen immer größer werden läßt. Da ist es nur verständlich, daß die Kluft zwischen der jungen Generation, die ja bereits mit diesen Technologien und Medien aufwächst, und der in die "Neuen Medien" hineingewachsenen älteren Generation auch erheblich ist.
Markt- und Sozialdaten
Womit Kids heute ganz selbstverständlich umgehen, ist inzwischen für viele Erwachsene, besonders für die ältere Pädagogengeneration, zu der ich mich inzwischen ja auch zählen muß, nur noch schwer erlern- oder nachvollziehbar. Um deutlich zu machen, wie sehr sich unsere multimediale Welt bereits innerhalb der letzten 15 Jahre verändert hat, hier einige Zahlen und Daten:
Ab 1980 stieg die Zahl der Videorecorder in den Haushalten kontinuierlich.
Heute sind zwei Drittel von ihnen mit diesem Gerät versorgt.
Ab 1983 wurde der Fernsehempfang per Kabel möglich.
Cirka 50 Prozent der Haushalte sind inzwischen verkabelt.
Prognose für. 2010: 61 Porzent.
Ab 1984 stieg die Zahl der Computer in den Haushalten kontinuierlich.
Heute liegt sie bei 30 Prozent.
Prognose für 2010: 80 Prozent.
1985 ging das erste bundesweite Privatfernsehen auf Sendung.
Ab 1990 stieg die Zahl der mit SAT-Antennen bestückten Haushalte kontinuier lich.
Heute liegt sie bei 20 Prozent.
Prognose für 2010: 37 Prozent.
Zwar gibt es heute noch kein digitales Fernsehen, aber für 2010 rechnet man bereits mit einer Versorgungsdichte der deutschen Haushalte von 59 Prozent bei den entsprechenden Geräten.
Mit den "Datenautobahnen", der Digitalisierung des Fernsehens und dem Ende des Postmonopols 1998 wird die Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland zu einer Informationsgesellschaft deutlich.
Parallel zur technologischen Entwicklung nahm die Anzahl der Programme und ihre Auffächerung in Sparten zu. Mit der Digitalisierung des Fernsehens können künftig bis zu 500 Programme übermittelt werden. Das ist allerdings nur eine technische Aussage. Es ist heute kaum vorstellbar, daß es finanziell möglich wird, all diese Kanäle mit sinnvollem Inhalt zu füllen. Bei den Berliner Rundfunksendern zeigt sich das bereits. Auch der Werbekuchen ist begrenzt und läßt nur die einschaltquotenträchtigsten Sender überleben.
Die Marktstrategen haben heute jedoch nicht ganz unbegründete Hoffnungen. Ein Haushalt gibt in Deutschland jährlich für Medien und Kommunikation cirka 2.700 DM aus. Zur Zeit wird von einer Ausgabensteigerung bis zum Jahre 2010 von rund 4.000 DM ausgegangen.
Mit Hilfe des Computers werden die verschiedenen Medien wie Rundfunk, Fernsehen und Telephon in Zukunft noch weiter zusammenwachsen.
Wir haben es hier mit einer Entwicklung zu tun, von der heute keiner genau sagen kann, wohin sie geht. Die Zeit, zu der Eltern oder Pädagogen die neuen Technologien naserümpfend betrachten konnten, ist - und das muß ganz realistisch gesehen werden - vorbei. Wir befinden uns mitten in der dritten industriellen Revolution auf dem Weg zur Informationsgesellschaft.
Informationen zu erlangen, sie zu verwerten, das wird in Zukunft Wohlstand garantieren - denn wer die entscheidenden Informationen besitzt, wird auch über das entsprechende Einkommen verfügen.
Die Arbeitsmarktsituation der letzten Jahre hat gezeigt, daß immer mehr Arbeit in das östliche Ausland verlagert wird. Die Lohnkosten sind dort (noch) erheblich niedriger. Es soll aber - und gegenüber solchen Zahlen bin ich immer sehr skeptisch - innerhalb der nächsten fünf Jahre in Deutschland allein eine Million neuer Arbeitsplätze im Bereich der Multimediawirtschaft geben. Insgesamt werden bis zum Jahr 2000 nur 1,7 Millionen neue Arbeitsplätze erwartet. Wir brauchen uns vor diesen Zahlen nicht zu erschrecken, wenn wir bedenken, daß heute 90 Prozent der Arbeitsplätze, die es vor 200 Jahren gab, verschwunden sind.
Wer hätte vor 100 Jahren denn gedacht, daß die in der Landwirtschaft Tätigen ganz andere Arbeiten leisten würden? Bereits heute ist klar, daß rund 70 Prozent der zukünftigen Arbeitsplätze mit Computerunterstützung ausgestattet sein werden.
Medienwirkung
Die Gewaltdiskussion der letzten Jahre hat sich auf die Medien konzentriert, so daß vor zwei Jahren, am 21. und 23. Mai 1993, an diesem Ort eine Tagung zum Thema Kinder, Jugend und Medien stattfand. Auch auf dieser Tagung konnte nicht geklärt werden, in welchem Maße die Medien Einfluß auf das Individuum nehmen. An der folgenden, auf Übersicht bedachten Grafik wird das Spektrum der Einflußfaktoren, denen das Individuum ausgesetzt ist, deutlich. Wechselseitige Kommunikation zwischen Menschen nimmt auch heute immer noch mit weitem Abstand den wesentlichsten Einfluß auf das Individuum. Nicht berücksichtigt sind ökonomische und soziale Faktoren wie Bildung, Arbeit und Wohnsituation.
Arbeiten, Lernen, Spielen mit dem Computer
In unserer Kultur muß Arbeiten und Lernen immer noch weh tun. Die Begriffe Spielen und Spaß haben leider noch allzuhäufig den Geruch des Minderwertigen. Pädagogen haben aber inzwischen - schmerzhaft - gelernt, daß der Lernprozeß Spaß und Spiel am intensivsten und schnellsten verläuft - wir sprechen hier von einer positiven Motivation . Kindern und Jugendlichen macht der Umgang mit dem Computer - ihrem zukünftigen Arbeitsmittel - in der Regel Spaß. Versuchen wir, ihnen diesen Spaß mit allzu ernsthafter Pädagogik nicht zu verderben.
Die folgende Grafik hat zwar das Thema Computerspiele zur Überschrift, könnte aber auch einfach Computersoftware heißen, denn allzuviele Erwachsene gehen mit ihren hochkomplexen Textverarbeitungsprogrammen allzu spielerische um und reduzieren damit ihren "Output", ihre Leistung oder ihr Produkt.
Es ist nur eine Frage der Zeit, wann der beratende Pädagoge eine Datenbank nutzen wird, aus der er für seine Kids die besten Beratungsläden, Betreuungs- und Freizeitangebote heraussucht. Zur Zeit können die Kids diese Datenbanken häufig besser befragen.
Wie die ersten Erfahrungen im Umgang mit der Lernsoftware zeigen , bekommen bis dahin völlig unmotivierte Kinder Spaß am Rechnen, wenn man den mathematischen Lernstoff mit einem spannenden Weltraumcomputerspiel verbindet.
Auch die Kindertagesstätten werden sich in Zukunft mit dem Computer beschäftigen müssen, wenn die Kleinen zu Hause mit diesen Geräten aufwachsen. Warum sich rund 90 Prozent der jungen Männer und nur 10 Prozent der jungen Frauen für Computer interessieren, hingegen bei Mädchen und Jungen bis zum neunten oder zehnten Lebensjahr keine "geschlechtsspezifischen Nutzerstrukturen" festgestellt werden können, wird sicher auch auf dieser Tagung nicht endgültig zu klären sein. Ungewöhnlich hingegen ist, daß die Teilnehmer bei dieser Veranstaltung zu 50 Prozent weiblich sind.
Die politische Diskussion und Einflußnahme per Datenfernübertragung kann heute ein Mittel sein, mit dem sich Kinder und Jugendliche in der Öffentlichkeit und damit auch in der Politik zur Durchsetzung ihrer Interessen artikulieren können.
Wir befinden uns, wie diese Tagung zeigt, auch in der Jugendarbeit innerhalb eines "revolutionären Informationsprozesses". Wir haben die Chance, Einfluß auf diesen Prozeß zu nehmen, auch wenn unsere Mittel knapp und begrenzt sind.
Wenn wir im Bereich der Jugendhilfe heute noch relativ wenig mit Computern zu tun haben, so setzen Verwaltungen, Statistiker und Jugendhilfeplaner diese Geräte mit ihren Daten immer stärker ein und nehmen damit auch Einfluß auf unsere Arbeit. Die junge Generation wächst in eine Medienwelt hinein. Wir müssen uns in dieser Welt auskennen wie sie, ansonsten besteht das Risiko, daß wir den Kontakt zu ihr verlieren.
Wenn diese Tagung nur einige Teilnehmer motiviert, sich in diesen Prozeß engagiert einzumischen - und das ist meine große Hoffnung, denn sonst hätte ich mich nicht für diese Veranstaltung engagiert -, dann wäre sie für mich ein Erfolg.
Computer in Reinickendorfer Kindertagesstätten
Wenn ich Eltern, Erzieherinnen oder anderen Pädagogen erzähle, daß wir in einigen unserer Kindertagesstätten den Kindern das Angebot machen, mit einem Computer zu spielen, lockt diese Aussage stets sehr spontane und wertende Reaktionen hervor. Entweder es wird sofort Ablehnung, mindestens aber Skepsis geäußert, oder es wird dezidierter Beifall gespendet. Das Thema "Computer und Kinder" scheint für viele Eltern und für die meisten Pädagogen derart besetzt zu sein, daß man geradezu dazu gezwungen wird, einen Standpunkt, oft auch einen extremen, zu beziehen.
Ich möchte versuchen, mögliche Hintergründe einer, wie ich meine, recht polarisierten Diskussion zu beschreiben, um daraus unsere Begründung für den Einsatz von Computern in den Kindertagesstätten abzuleiten. Im Anschluß daran werde ich einen kurzen Überblick über die Phasen unserer Arbeit im Bezirk geben.
Damit Sie sich ein Bild davon machen können, in welchem Rahmen sich unsere Computerprojekte bewegen, möchte ich zunächst kurz die Bedingungen skizzieren, unter denen wir gemeinsam mit den Kindern am Computer arbeiten und spielen. Vor etwa drei Jahren wurde in einer Reinickendorfer Kindertagesstätte der erste PC beschafft und von den Kindern mit Freude in Beschlag genommen. Heute, nach drei Jahren, sind wir zwar an Erfahrung sehr viel reicher geworden, an PC´s allerdings weniger. Derzeit befinden sich in sechs Einrichtungen neun Geräte. "Klotzen" konnten wir bisher also nicht. Wir Pädagogen nutzten die Möglichkeit, in einer kleinen Arbeitsgruppe unsere Erfahrungen mit Kindern am Computer intensiv zu diskutieren und auszuwerten, wobei wir uns schon bald auch nach außen hin orientierten und das Gespräch in der Fachöffentlichkeit suchten.
Für das erste grobe Bild von unserer Arbeit sollten Sie wissen, daß die Computer in unseren Einrichtungen hauptsächlich von Hortkindern genutzt werden, aber fast in gleichen Maßen auch schon fünf- und sechsjährige Vorschulkinder interessieren.
In einem Interview bin ich neulich gefragt worden: "Computer im Kindergarten? Sind die Kinder dafür nicht zu jung?" Hinter dieser skeptischen Nachfrage steht selbstverständlich die Idee, daß der Umgang junger Kinder mit dem Computer für ihre Entwicklung schädlich ist und daß sie den Computer erst möglichst spät nutzen sollten. Neben dieser Art von Reaktionen nehmen wir auch Bemerkungen wie "Tolles Angebot" und "Kinder können nicht früh genug lernen, mit dem Computer umzugehen" wahr. Hierbei wird davon ausgegangen, daß einem Kind, je früher es den Computer beherrscht, später bessere Bildungschancen zur Verfügung stehen. Der Bogen an Reaktionen zum Angebot Computer in der Kindertagesstätte spannt sich, wie auch am Anfang des Referats beschrieben, von emotional vorgetragener, engagierter Ablehnung über Skepsis bis hin zum Wohlwollen und zur euphorischen Begeisterung.
Diesen Reaktionsbogen findet man nicht nur in der Elternschaft oder in der pädagogischen Praxis wieder, sondern auch in der wissenschaftlichen Diskussion, wobei hier viel über theoretische Standpunkte zur Wirkung von Medien im Allgemeinen gestritten wird. Konkrete, empirische Untersuchungen liegen vor allem über die Wirkung des Fernsehens vor. Erstaunlicherweise, wie ich finde, liegen kaum Zahlen oder Erkenntnisse über den Einfluß von Computern auf die Entwicklung von Kindern und auf das Familienleben vor. Ausnahme hierbei ist lediglich der Bereich der schuldidaktischen Forschung.
Ich möchte hier auf zwei recht bekannte und viel diskutierte theoretische Positionen zur Wirkung von Medien auf Kinder eingehen, weil sie meiner Ansicht nach geeignet sind, Orientierungspunkte und Erklärungen für die pädagogische Alltagsdiskussion zu liefern. Es handelt sich um den allgemein medienkritischen Ansatz Neil Postmans auf der einen Seite und auf der anderen Seite um die äußerst positive Einschätzung der Nutzung von Computern durch Kinder, die Seymour Papert vertritt. Im Grunde gehen viele ußerungen in der pädagogischen Praxis über die Wirkung von Medien, in unserem Fall über die Wirkung von Computern, auf diese beiden Theorien zurück. Zunächst zu Postman.
Neil Postman
Neil Postman hat vor allem durch sein Buch "Verschwinden der Kindheit" gerade auch in Deutschland die medienkritische Szene bedient. Dort ist "Verschwinden der Kindheit" zu einem Standardwerk avanciert. Postman versucht zu beschreiben, wie durch den Einfluß der Medien, hauptsächlich des Fernsehens, heute würde er mit Sicherheit den Computer in seine Kritik einbeziehen, die Kindheit sich verändert hat. Die Schriftkultur, fast ausschließlich zugänglich für Erwachsene, wird durch die elektronischen Medien zur Bilderkultur. Postman bedauert, daß heute damit auch Kinder im Prinzip den gleichen Zugriff auf Bilder und damit auf Nachrichten haben wie Erwachsene, ohne daß sie reif genug dafür wären, die transportierten Inhalte psychisch zu verarbeiten.
Diese Behauptung wird von den Medienkritikern direkt auf den Computer übertragen. Viele Computerspiele sind für jüngere Kinder kaum geeignet. Dennoch haben sie Zugang zu derartigen Spielen, weil die Computerspieleszene ein Teil der Kinderkultur ist und viele Eltern damit restlos überfordert sind. Es wird auch häufig die Befürchtung geäußert, daß mit zunehmender Nutzung von Netzwerken Kinder und Jugendliche politischer Propaganda, derzeit insbesondere aus der rechten Szene, ausgesetzt sind.
Das Verschwinden der Kindheit bedingt auch das Verschwinden des Erwachsenseins. Wo es keine Kindheit gibt, gibt es auch kein Erwachsenenalter. Postman beschreibt den "Kind-Erwachsenen": "Der Kind-Erwachsene ist ein Mensch, dessen intellektuelle und emotionale Fähigkeiten sich im Laufe seiner Geschichte nicht entfaltet haben und sich insbesondere von denen der Kinder nicht sonderlich abheben." Postman bemerkt weiterhin, daß dieser Mensch im Mittelalter durchaus der Regelfall gewesen sei, und er prognostiziert, daß aufgrund des Zurückdrängens der Schriftkultur durch die Medienkultur dieser Typus von Erwachsenen auch für unsere Kultur wieder die Regel werden wird. In einem Interview wertet Postman diese Entwicklung: " ... das Konzept der Kindheit stellt eine humane Entwicklung der Kultur dar, wozu auch die Idee gehört, daß man ein verantwortlicher Erwachsener ist, wenn man ein Kind großzieht - sei es als Lehrer, Eltern oder Betreuer. Diese Idee ist sehr wichtig, denn sie betont den Wert der unschuldigen Seele, der Begabung, und der Entwicklungsfähigkeit von Kindern."
In seinem neuesten Werk "Keine Götter mehr - Das Ende der Erziehung" wendet sich Postman dem Schul- und Erziehungssystem zu. Im Klappentext steht dazu: "Er versucht, neue Ziele und Sinngebungen der Pädagogik zu formulieren, die an die Stelle der `alten Götter´ treten könnten. Auch dieses Buch von Postman ist zugleich eine große Polemik gegen den sinnzerstörenden Einfluß der neuen Techniken und ein Aufruf zur Besinnung auf Werte, ohne die eine demokratische Gesellschaft nicht überleben kann."
Das Verschwinden der Kindheit
Sicherlich werde ich Postman nicht in allen Punkten gerecht, wenn ich ihn nun kurz und plakativ beschreibe. Mir geht es nicht um die intensive Diskussion seines Werks, sondern um den bewußten oder unbewußten theoretischen Hintergrund der Standpunkte in der Diskussion um den Computereinsatz in der Kindertagesstätte. Für mich ist Postman ein Kulturpessimist, der sich nicht vorstellen kann, daß sich künftig neue und sinnvolle Formen des Zusammenlebens zwischen Erwachsenen und Kindern entwickeln, die wenig mit der Erziehungsvorstellung zu tun haben, daß Erwachsene per se wissen, welches die richtigen Ziele sind, zu denen Kinder erzogen werden müssen. Offensichtlich traut Postman Kindern nur wenig eigenes kritisches Auseinandersetzungspotential zu, wenn er im schon genannten Interview vor allem die Kinderschutzperspektive hervorhebt. "Nun, irgend jemand muß es wagen und den Eltern sagen: `Schließt ihn weg´ (den Fernseher, Anmerk.d.Verf.). Wenn wir die Idee der Hege und Pflege von Kindern ernst nehmen und uns darum bemühen, sie solche Erfahrungen sammeln zu lassen, die sie bei ihrer Entwicklung unterstützen, so müssen wir genauso für ihren Schutz sorgen, beispielsweise indem wir nicht zulassen, daß sie Dinge sehen, die für ihre Entwicklung eine Regression bedeuten können oder die sie erschrecken."
Um möglichen Mißverständnissen vorzubeugen, möchte ich betonen, daß es mir nicht um die Frage über Sinn oder Unsinn von Jugend- beziehungsweise Kinderschutz geht. Ich halte Jugend- und Kinderschutz trotz vieler berechtigter Kritik immer noch für notwendig. Ich finde es allerdings sehr interessant, daß Postman ein konservatives Bild vom Kind entwirft, in dem das Kind kaum eigene Fähigkeiten zur subjektiven, für sein eigenes Konzept sinnvollen Aneignung der technisierten Medienwelt zu besitzen und zu entwickeln scheint.
Seymour Papert
Papert versteht sich, ebenso wie Postman, als Pädagoge, ist aber nicht an "neuen Göttern" (neuen Wert- und Zielvorstellungen), sondern vielmehr am "neuen Lernen" interessiert. Ihn faszinieren die Möglichkeiten des Computers. Papert meint damit nicht die Möglichkeiten von speziellen Lernprogrammen, sondern die des Programmierens von Computern. Lernprogramme oder "computergesteuertes Lernen" an Schulen bedeutet, daß der Computer benutzt wird, "... um das Kind zu programmieren." Programmiert aber das Kind den Computer,
"... erwirbt es nicht nur das Gefühl der Souveränität gegenüber einem Produkt der modernsten und leistungsfähigsten Technologie ...", es setzt sich mit der dem Computer innewohnenden Logik auseinander. Durch die Kommunikation mit dieser Logik erwirbt das Kind grundlegende mathematische Fähigkeiten, die wiederum Grundlage für alle Bereiche des Denkens sind. Papert hat nachweisen können, daß Kinder sogar im vorschulischen Alter zum Programmieren in der Lage sind. Es muß nur eine geeignete Sprache zur Verfügung stehen. Mit der Programmiersprache "LOGO", die von Papert und Mitarbeitern entwickelt wurde, liegt bis heute eine einzigartige, meines Wissens bisher konkurrenzlose Sprache für Kinder vor.
Papert bezieht sich auf den bekannten Entwicklungspsychologen Jean Piaget, der, wie Papert es beschreibt, " ... Kinder als Baumeister ihrer eigenen intellektuellen Gebäude ..." sieht. "Kinder scheinen geborene `Lerner´ zu sein; lange bevor sie zur Schule gehen, erwerben sie ein enormes Maß an Wissen. ... So lernen Kinder sprechen, lernen die intuitive Geometrie, die sie brauchen, um sich räumlich frei zu bewegen, und genug Logik und Rhetorik, um Eltern herumzukriegen - alles, ohne `gelehrt´ zu werden. ... Alle Baumeister brauchen zum Bauen Material." Während Piaget davon ausgeht, daß genügend Material in der Umwelt des Kindes vorhanden ist, er meint all die Dinge und Menschen, mit denen sich das Kind auseinandersetzt und damit seine Kognition erweitert, vertritt Papert eine eher kritische Haltung. Er spricht von einer "Mathematikphobie", einer Haltung in den westlichen Industriekulturen, die die Auseinandersetzung mit Mathematik oder mit Naturwissenschaften blockiert. Mathematik hat sich zum Monopol für Techniker und Ingenieure entwickelt und wird nur zu gerne dieser Profession überlassen. Zu wenig Menschen setzen sich genügend mit mathematischen Grundproblemen auseinander. Das führt dazu, daß das kognitive Potential im Laufe der Entwicklung eines Menschen nicht ausgeschöpft wird. Dadurch, daß der Computer in der Form des PC´s auch in die Haushalte und in die Familien Einzug hält, entwickeln sich für Papert neue Chancen, diese brachliegenden Möglichkeiten intensiv zu nutzen. Konsequenterweise fordert er daher auch für jedes Schulkind einen eigenen PC.
In dem Maße, in dem Postman als Kulturpessimist erscheint, beschreibt sich Papert als Bildungsutopisten: "Ich habe mich selber als Bildungsutopisten beschrieben - nicht, weil ich eine Zukunft des Erziehungswesens entworfen habe, in der Kinder von komplizierter Technologie umgeben sind, sondern weil ich glaube, daß bestimmte Gebrauchsweisen einer sehr leistungsstarken Computertechnologie und ihrer Ideen neue Möglichkeiten eröffnen können, zu lernen, zu denken und sich emotional wie kognitiv weiterzuentwickeln."
Mindstorms - Kinder, Computer und Neues Lernen
Eigener Standpunkt
Durch die Darstellung von zwei gegensätzlichen Theorien habe ich versucht, den Hintergrund der medienpädagogischen Alltagsdiskussion zu durchleuchten. Sicherlich ist nur selten einer der beiden eher extremen theoretischen Ansätze bewußter Argumentationsbackground. Ich vermute, daß vielmehr eigene psychologische Hintergründe eine Rolle spielen, wenn verantwortungsbewußte Erwachsene ihren Standpunkt bezüglich der Wirkung von Medien auf Kinder beziehen und begründen. Das immer wieder zitierte Bild vom Kind, die Frage, was ich dem Kind zutraue, in welchen Momenten seiner Entwicklung ich es schützen muß, welche Entwicklungsanregungen ich ihm biete und in welcher Form ich dem Kind meine Norm- und Wertvorstellungen vermittle, wird meine Einschätzung über die Wirkung von Medien mehr bestimmen als beispielsweise meine eigenen Erfahrungen mit Medien oder eine sachliche Reflexion des Gegenstandes. Ich werde angebotene theoretische Ansätze und sicherlich auch Forschungsergebnisse selektiv, für meinen Standpunkt passend, wahrnehmen und für meine Argumentation nutzbar machen.
Wir, die wir in Reinickendorf mit dem pädagogischen Computereinsatz in Kindertagesstätten begonnen haben, sind sicherlich zu denjenigen zu rechnen, die dem Computer selbst neugierig gegenüberstehen und die es für notwendig erachten, daß in der heutigen technisierten Medienwelt prinzipiell allen Kindern der Zugang zu Computern offensteht. Dennoch gibt es auch in unserer Gruppe graduelle Meinungsunterschiede. Unser Spektrum reicht vom "Computerfreak" auf der einen Seite bis zu den äußerst Vorsichtigen auf der anderen Seite. Ich meine aber behaupten zu können, daß uns ein gemeinsames Prinzip leitet.
Geht man von einer situationsorientierten Pädagogik aus, einer Pädagogik, die versucht, das für Kinder aus deren Sichtweise Bedeutsame zu filtrieren und zu thematisieren, muß man zu folgender Schlußfolgerung gelangen: Medien, auch Computer, gehören zur Lebenswirklichkeit heutiger Kinder. In einer kleinen, innerbezirklichen Befragung, die wir vor gut zwei Jahren durchführten, kam heraus, daß schon damals etwa zwei Drittel der Vorschul- und Hortkinder Erfahrungen mit dem Computer hatten. Heute sind es sicherlich mehr, zumal man davon ausgehen kann, daß zunehmend mehr Familien zu Hause einen PC nutzen. Wie man es auch werten mag, die Nutzung der Computer durch Kinder, auch schon in jungen Jahren, ist Realität geworden. Die Kindertagesstättenpädagogik könnte (was noch viel zu häufig passiert) diese Tatsache verdrängen, sie muß sich dem aber stellen, wenn sie den Anspruch hat, situationsgeleitet zu arbeiten. Ob nun PC´s angeschafft werden oder andere Wege beschritten werden ist eine sekundäre, methodische Diskussion. Es geht uns vor allem um die realistische Wahrnehmung und Anerkennung der Medienwirklichkeit von Kindern.
Der Streit um den negativen oder positiven Einfluß des Computers auf die Entwicklung der Kinder wird oft sehr dogmatisch, oberflächlich und verkrampft geführt. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die ständig bemüht sind, die Bildungschancen der Kinder ausschließlich am Computer festzuklopfen. Diese Illusion wird in den nächsten Jahren kräftig von der Softwareindustrie bedient, denn gerade im Info- und Edutainmentbereich (Informations- und Lernprogramme) werden gigantische Zuwächse erwartet. Die andere Seite wird von den Romantikern besetzt, die den Kindern viel Natur, viel Ursprüngliches, direkt und unmittelbar Erfahrbares, auf keinen Fall Technik oder gar Virtuelles vermitteln möchte.
Bevor ich den Hauptteil des Referats mit einem Zitat, das mir ausgesprochen gut gefällt, beende, möchte ich noch ein paar Wünsche äußern. Ich wünsche mir in dieser Diskussion und letztlich in der praktischen Arbeit zunächst mehr Zutrauen in die Möglichkeiten der Kinder. Ich wünsche mir, daß möglichst viele Erwachsene erkennen, daß Kinder viele unterschiedliche Interessen haben, neben dem Computer auch die Fahrradtour und die Freunde beispielsweise. Ich wünsche mir etwas mehr von der Einsicht, daß nicht nur der eine oder der andere Standpunkt gültig ist, sondern daß sich eine kritische Begleitung und Achtsamkeit durchaus mit der Begeisterung über die Möglichkeiten des Computers vertragen, und ich wünsche mir insbesondere hier in Deutschland etwas mehr Gelassenheit.
In einem kurzen Aufsatz von Irene Herzberg mit dem Titel "Kinder, Technik und Natur - Eine Polemik gegen die Aufgeregtheit über Computer" las ich: "Die Nation sitzt vor dem Fernseher, aber die mediadisierte Kindheit wird beklagt. Die Warenwelt ist unser Credo, aber mithaltende Kinder werden als konsumgeile SKIPPIES klassifiziert - School Kids With Income And Purchasing Power, Schulkinder mit Einkommen und Kaufkraft. Die jungen BMX- und Skateboardfahrer mögen noch so wagemutig und virtuos sein, ihre Körpererfahrung kann es nie mit dem leidvollen Sturz vom Baum aufnehmen. ... Abgetaucht in zweite Wirklichkeiten scheinen die Computerfans, ausgeklinkt die an den Walkman gestöpselten Kids. Konsumwelt, Scheinwelt, Illusion - und inmitten dieser Wirklichkeit unsere Sehnsucht, daß sie doch nicht so verdammt sinnlos, daß sie doch bitte wirklicher, naturhafter sein möge, wenigstens für Kinder."
Bericht der Reinickendorfer Arbeitsgruppe:
Computer in der Kindertagesstätte
Zunächst hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Gelegenheit, sich vorzustellen und ihr Interesse am Thema "Computer in der Kindertagesstätte" zu äußern. Dabei ergab sich, daß einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer ohne Vorerfahrung, aber mit dem Vorhaben, in ihrer Kindertagesstätte einen Computer anzubieten, die Arbeitsgruppe wählten. Andere sind mit dem Einsatz von Computern in der Kinderarbeit derzeit beschäftigt. Diese Teilnehmergruppe war vor allem an einem Erfahrungsaustausch interessiert.
Im Laufe des Tages entwickelte sich die Diskussion vom Theoretischen zum Pragmatischen. Der Hauptbestandteil des Einführungsreferats beinhaltete die Standortsuche des Projektes "Computer in Reinickendorfer Kindertagesstätten" in der medienpädagogischen Debatte. Mit Hilfe der Darstellung und Diskussion der beiden konträren theoretischen Positionen Postmans und Paperts sollte die Begründung des Einsatzes von Computern in Kindertagesstätten herausgearbeitet werden. Im zweiten Teil des Referats wurden die konkreten Arbeitsschritte in Reinickendorf erläutert.
Diese Erläuterungen gaben Anlaß, über folgende Fragen zu diskutieren: Wie kommt man an einen PC heran? Welche computertechnischen Grundkenntnisse benötigt eine Erzieherin, wenn sie mit dem Einsatz eines Computers beginnen möchte? Wie kommt man mit den Eltern ins Gespräch? Wie kann man sie überzeugen?
Besonders intensiv tauschte sich die Arbeitsgruppe zum Thema "Unterschiedliche Herangehensweise von Mädchen und Jungen an den Computer" aus. Hierbei wurden auch die eigenen Lernerfahrungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer eingebracht, und es wurde wieder einmal bestätigt, daß der Computer immer noch ein Gegenstand vor allem männlichen Interesses ist. Bei jüngeren Kindern gibt es kaum geschlechsspezifische Interessens- und Aneignungsunterschiede, was sich jedoch im Laufe des Grundschulalters ändert. Soll der Anspruch möglichst gleicher Chancen gewährleistet werden, so muß man sich in den Horten der Kindertagesstätten über die Zugangsmöglichkeiten von Mädchen und Jungen zum Computer Gedanken machen und die jeweiligen Situationen genau beobachten.
Nach der Mittagspause stellten diejenigen, die bereits Erfahrungen mit der Computerarbeit in Kindertagesstätten haben, ihre Vorgehensweisen vor. Diskutiert wurde darüber, inwieweit das Interesse von Kindern am angebotenen Computer kanalisiert werden sollte, wenn vielen Kindern nur ein Gerät zur Verfügung steht. Es wurde deutlich, welche Bedeutung auch andere Angebote haben. Werden neben dem Computer spannende Alternativen geboten, wird logischerweise die Nachfrage der Kinder nach dem PC weniger dynamisch sein als in einer Situation, in der der Computer aus dem täglichen Einerlei begehrenswert herausragt. Die Praxis in den Tagesstätten zeigt, daß ein einseitig orientiertes Interesse von Kindern am Computer ein Vorurteil Erwachsener ist. Es bestätigt sich die einfache Tatsache, daß Kinder viele Interessen haben. Es wurde berichtet, daß die Nutzungsintensität auch dann ausgeglichen ist und nicht weiter beeinflußt werden muß, wenn der Computer für die Kinder jederzeit zugänglich ist. Je nach Bedarf und Thema der Kinder wird er mal mehr, mal weniger frequentiert. Er erhält den Status eines emotional wenig besetzten Gebrauchsgegenstandes.
Kindlicher Bewegungsdrang und Nutzung von Computern scheinen einen Widerspruch darzustellen. Der Ansatz der Psychomotorik weist auf die Bedeutung des sensomotorischen Bereichs für die Gesamtentwicklung des Kindes hin. Für die gesunde kindliche Entwicklung sind aus der Sichtweise der Psychomotorik vielfältige Wahrnehmungs- und Bewegungsangebote von zentraler Bedeutung. Es ist daher nur folgerichtig, daß Kritik an der Nutzung von Computern durch Kinder oft aus den Reihen der psychomotorischen Forschung stammt, obwohl auch hier bereits vereinzelte Forschungsprojekte positive Aspekte der Computernutzung für die sensomotorische Entwicklung herauszuarbeiten versuchen. In der Arbeitsgruppe wurde diese Fragestellung sehr ausführlich anhand praktischer Probleme erörtert. Es wurde beispielsweise darüber nachgedacht, ob eine Begrenzung von Nutzungs- oder Bildschirmzeiten sinnvoll wäre, von welchen anderen Faktoren (von einer bewegungsanregenden Umgebung, die auch genutzt wird) Nutzungszeiten abhängig zu machen oder, ob nicht häufiger Pausen einzulegen sind. Das Ergebnis dieser Diskussion könnte folgendermaßen zusammengefaßt werden: Je selbstverständlicher der Computer Bestandteil des Gruppenalltags ist, desto weniger muß die Nutzung durch die Erzieherin reguliert werden. Die Kinder schaffen sich ihren eigenen Ausgleich. Man kann in der Regel darauf vertrauen, daß Kinder selbständig ihre jeweils relevanten Entwicklungsanregungen suchen und finden.
Am Ende der Zeit, die der Arbeitsgruppe zur Verfügung stand, wurden handwerkliche Anregungen ausgetauscht. Neben Softwareempfehlungen (Lernprogramme und Spiele) wurden Tips gegeben, was man den Kindern anbieten könnte und welche Programme praktikabel sind. Die Liste der Möglichkeiten beinhaltete einfache Paintbrush-Bilder, die Anfertigung einer Zeitung, die Fertigung von Visitenkarten, persönlichen Dateien, in die andere Kinder hineinsehen und schreiben können, Herstellung eigener Puzzles oder Spiele.
Geschlechtsspezifische Zugänge bei der Nutzung von Computern
Wir befinden uns heute in der glücklichen Situation, nicht nachweisen zu müssen, daß das Thema - geschlechtspezifische Zugangsweisen zum Computer - in irgendeiner Weise relevant ist, um es dann, mit einem Fragezeichen versehen, prinzipiell zu diskutieren. Ich denke, alle, die diese Arbeitsgruppe gewählt haben, wissen, daß es geschlechtsspezifisch bedingte Unterschiede im Zugang zum Computer gibt. Auch die andere, noch vor Jahren sehr intensiv gestellte Frage, ob wir Computer überhaupt brauchen, ist nicht mehr diskutabel. Die Entscheidung ist zugunsten des Computers gefallen, überall hat er in unserem Leben Einzug gehalten. Das Folgeproblem ist nun: Wie gehen wir damit um? Mit Blick auf die nächste Generation wird der Jugendarbeit dabei eine große Verantwortung übergeben.
Geschlechtspezifische Zugangsweisen zum Computer als Arbeitsgruppentitel ist ja eigentlich schon ein optimistischer Blick auf das Phänomen, daß es Mädchen und Frauen nach wie vor schwer haben, sich dieses Mediums zum eigenen Nutzen zu bemächtigen. Er assoziiert - und das ist sicherlich falsch - lediglich einen Unterschied im Zugang zum Computer, während der Zugang selbst gar nicht in Frage gestellt ist. Nach wie vor gibt es aber Frauen und Mädchen, die keinen Zugang haben, die es schlichtweg ablehnen, sich mit dem Computer zu befassen. Da sich Pädagogik jedoch meistenteils vom Optimismus nährt, bleiben wir bei diesem Titel der Arbeitsgruppe und beziehen die geschlechtspezifische Ablehnung des Computers in den Begriff der geschlechtsspezifischen Zugangsweise ausdrücklich mit ein.
Bezogen auf geschlechtspezifisch determinierte Umgangsweisen kreisen die Diskussionen und Erwartungen der in der Jugendarbeit Beschäftigten in der Regel um zwei grundsätzliche Fragestellungen:
Worin bestehen die geschlechtsspezifischen Zugangsweisen zum Computer ?
Wie kann man die unterschiedlichen Herangehensweisen in der Jugendarbeit nutzen, um einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Medium zu befördern und um Benachteiligungen zu verhindern oder zu mindern.
Die folgenden Bemerkungen sollen dazu dienen, unsere Ausganssituation zu klären, wobei ich mich, soweit ich nicht eigene Erfahrungen aus der Praxis der Computerbildung für Mädchen und Frauen verarbeitet habe, auf gängige, in der Literatur beschriebene Auffassungen stütze.
Der Hauptgrund für die unterschiedlichen Zugangsweise zum Computer liegt sicherlich im unterschiedlichen Zugang zur Technik allgemein. Dieser wiederum wird bestimmt durch die den Geschlechtern zugeschriebenen Rollen.
Den spielerischen Umgang mit Technik lernen Jungen schon von klein auf. Auch wenn es momentan keine Begeisterung auslöste, wird der Verwandtschaft nicht ohne Stolz vom völlig zerkrümelten Wecker erzählt, den der Kleine tatendurstig erforschte. Zeigt sich doch hier schon jene Spur zupackender Kreativität, die den späteren Spezialisten, den Fachmann auszeichnet. Dieses Ziel rechtfertigt auch später den Besitz eines eigenen Computers. Deshalb haben dreimal so viele Jungen einen eigenen Computer wie Mädchen.
Auch wenn sich in dieser Beziehung in den letzten 50 Jahren
einiges geändert hat, liegt hingegen das Schwergewicht der
Mädchenspiele nach wie vor nicht auf dem Zerlegen und
Zusammenbauen, sondern im Austarieren sozialer Gefüge, in der
Meisterung von Beziehungsebenen und im Erkennen von
Gesamtzusammenhängen. Bevor sich das Mädchen, die Frau
fasziniert im Detail vergräbt, fragt sie: "Wofür ist das
gut? Brauche ich das wirklich? Schadet mir das? Schadet das meiner
Familie?"
Aus dieser Haltung erklärt sich auch eine gewisse weibliche
Skepsis gegenüber Technik generell oder - anders und besser
ausgedrückt: Es sind entschieden weniger Frauen, die Technik um
ihrer selbst willen fasziniert.
In unsere Kurse kamen die Frauen in der Regel mit sehr genauen Vorstellungen, was sie von uns wollten: besser Schreiben zu lernen, mehr über den Computer zu erfahren, MS-DOS kennenzulernen. Doch keine ging ans Gerät und probierte erst mal aus, was sie so wußte, auch nicht, wenn sie bereits Erfahrungen mit dem Gerät hatte. Die meisten hatten gar nicht das Bedürfnis, mit dem Computer zu spielen, oder das Bedürfnis war durch die Angst, etwas kaputt oder falsch zu machen, verstellt.
Bei der Selbsteinschätzung im Umgang mit Computern schreiben beide Geschlechter, also Mädchen und Jungen, sehr einseitig den Jungen mehr Vorerfahrungen mit dem Computer und deshalb mehr Kompetenzen zu. Es wird allerdings vermutet, daß Jungen ihre Fähigkeiten oft höher einschätzen, als sie wirklich sind. Das liegt unter anderem daran, daß der Computer ein beliebtes Mittel der Jungen ist, sich selbst herauszustellen und über ihn Konkurrenzen auszutragen. Ich kann aus der Erfahrung als Mutter eines computerbegeisterten Knaben von fast 14 Jahren bestätigen, daß sich hinter den sogenannten Fachsimpeleien der Jungen mehr verbirgt als sachlicher Austausch. Begriffe, Halbwissen, gerade Gehörtes, Insiderwortschatz werden zu Waffen, die eingesetzt werden, um soziale Rangordnungen festzulegen.
Mädchen als Zeuginnen solcher "Kampfspiele" fühlen sich durch die Art und Weise ihrer Austragung prinzipiell entmutigt, oft auch abgestoßen. Die meisten glauben gar nicht, daß sie dabei mitreden könnten, und nur selten verspüren sie dazu Lust. Es ist auch nicht üblich, ihnen dazu Mut zu machen. Die Jungen jedenfalls lachen über ihre Fragen. Eltern, Lehrern und Lehrerinnen hingegen heben in der Regel diese Erfahrungen nicht auf, sondern bekräftigen das Urteil über mangelnde technische Kompetenz der Mädchen, zumeist unbewußt und subtil, oft nonverbal über gestische und mimische Reaktionen.
Auch aus Opposition gegen das Herumgetöne der Jungen wenden sich Mädchen demonstrativ anderen Beschäftigungen zu. Da ihnen die anderen weniger zutrauen, trauen sie sich in dieser Beziehung selbst weniger zu. Die Potenzen, die der Computer auch für sie enthält, können sie auf diese Weise gar nicht erkennen. Bei der Arbeit mit Mädchengruppen, vor allem mit Mal-, Gestaltungs- und Animationsprogrammen, wird deutlich, mit wie viel Freude die Mädchen das Medium für sich entdecken, wenn sie ungestört, ohne Konkurrenzdruck und behutsam pädagogisch geleitet mit dem Computer spielen dürfen. Die hier beschriebenen männlichen und weiblichen Verhaltensmuster lassen sich - vor allem bezogen auf Technik - ohne Abstriche auch in den Erwachsenenbeziehungen nachweisen. Was hier für Mädchen gesagt wurde, gilt für die Fraue und erwachsene Männer gestalten ihr Verhältnis zur Technik und über die Technik zu ihrem sozialen Umfeld ebenso wie die Jungen. Was früher vor allem das Auto als Statussymbol leisten mußte, übernehmen heute PC, Handy, Laptop und andere Produkte aus dem Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien.
Dabei gehen Frauen täglich mit Technik um, viele auch mit den sogenannten Neuen Technologien, aber der sachgerechte, oft gar nicht einfache Umgang mit der Waschmaschine oder mit einem Computerschreibprogramm ist eben überhaupt nicht prestigeträchtig. Die Schule hat dem wenig entgegenzusetzen. Der auf Detailwissen und Spezialisierung aufgebaute Informatikunterricht in den Schulen kommt der männlichen Art der Wissensaneignung mehr entgegen als den komplexen Denkweisen der Mädchen, die diese Orte in der Regel auch meiden. Von der generellen Computerabstinenz der Schule, die wohl auch durch das Durchschnittsalter der Lehrer (44 Jahre) bedingt ist, will ich hier gar nicht handeln.
Technikkenntnisse, Computerwissen im besonderen, sind also eine Prestigefrage für viele Jungen geworden. Für Mädchen nicht. Im Gegenteil, in den Augen der Jungen gehen fundierte Technikkenntnisse nicht mit einem Gewinn an weiblicher Anziehungskraft einher, und es ist für die meisten undenkbar, mit einem Mädchen auf diesem Gebiet zu konkurrieren beziehungsweise konkurrieren zu müssen.
Die Möglichkeiten, am Computer mal etwas auszuprobieren, über Versuch und Irrtum Erfahrungen und Selbstbewußtsein zu gewinnen, sind, wie oben erwähnt, auch dadurch begrenzt, daß Mädchen weniger im Besitz eigener Computertechnik sind als die Jungen. Befindet sich im Haushalt ein Computer, dann wird er hauptsächlich und regelmäßig vom Vater oder vom Bruder genutzt.
In Freizeiteinrichtungen hat es sich bewährt, regelrechte Mädchencomputerzeiten oder auch eigene Projekte und Kurse einzurichten, um den Mädchen Raum zum Ausprobieren ohne Störungen und Konkurrenzdruck zu geben. In den Kaufhäusern, wo sich die Spielefreaks treffen, sieht man gar keine Mädchen.
Damit sind wir beim Spielebereich, der ein wichtiges Element der Computernutzung durch Jugendliche ausmacht. In doppelter Hinsicht wird dabei der Computer zum Spielmittel: einmal als technische Spielerei, zum anderen als Medium für die verschiedene Spielesoftware. Insgesamt - und wie wäre es anders zu erwarten - spielen die Mädchen erheblich weniger als die Jungen. Von allen untersuchten Jugendlichen, die sich überhaupt ernsthaft mit dem Computer beschäftigen, sind es nahezu 53 Prozent der Jungen gegenüber knapp 24 Prozent der Mädchen, die den Computer für Computerspiele nutzen. Darüber hinaus ergeben sich auch Unterschiede in der Art der Spiele, die gespielt werden. Wenn Mädchen spielen, bevorzugen sie Geschicklichkeits-, und Sportspiele, auch Denkspiele. Diese Einteilungen sind jedoch nicht ohne weiteres interpretierbar. Ableitungen wie die, Mädchen würden gern mathematische Strategiespiele spielen, weil dieses ihrem Sinn für Ordnungen entgegenkäme, halte ich für sehr konstruiert. In der Tat weiß man wenig über das Computerspieleverhalten von Mädchen.
Jungen spielen gern und aus den unterschiedlichsten Motiven, unter anderem auch, um sich Luft zu machen, wenn es rger gab, wozu die Baller- und Actionspiele sehr geeignet sind. Die Spiele selbst erschweren Frauen und Mädchen den Zugang, weil die Spielprinzipien sehr einseitig auf Weltaneignungsstrategien gerichtet sind, die man im herkömmlichen Sinn als männliche bezeichnen könnte. Dazu gehören Kampf, Konkurrenz, Erledigung, Bereicherung, Eroberung von Zeit und Raum, um nur einige zu nennen. Aus meiner Tätigkeit als Gutachterin bei der Unterhaltungssoftwareselbstkontrolle (USK), die Computerspiele auf ihr jugendgefährdendes Potential hin altersgemäß einschätzt, kenne ich im Grunde kein einziges Spiel, das diesen Mustern nicht unterläge oder in dem vielleicht Probleme kommunikativer Art, Beziehungskisten oder gar die private Sphäre Spielgegenstand gewesen wäre - auch nicht, wenn der Spielheld eine Heldin war.
Es gehört nach meiner Meinung für ein Mädchen eine Menge Selbstverleugnung und Duldsamkeit dazu, sich an den Abenteuern von Indiana Jones zu freuen, der als Identifikationsfigur für Mädchen überhaupt nichts bereithält, während die einzige Frau im Spiel, Sophia, eine schnippische Ziege ist, mit der "Mann" nur Arbeit hat, weil sie sich dauernd kidnappen läßt. Bezeichnenderweise kann man sie weglassen, wenn man nämlich - einsam wie ein Wolf - den Actionweg gehen will, der als Wahlmöglichkeit vom Programmierer vorgesehen wurde. Dennoch ist dieses Adventure-Spiel noch vergleichsweise harmlos und menschenfreundlich und wird auch von Mädchen gern gespielt. Unsere Erfahrungen mit einem Spielekurs für Frauen (eine Woche mit Internatsbetrieb), in dem Frauen aus dem Bereich der Jugendarbeit eine Woche lang verschiedene Spielgenres kennengelernt und gespielt haben, zeigen, daß auch Frauen sich sehr gern von dem Medium faszinieren lassen, wenn man Schwellenängste beseitigen kann, daß sie "sonst" aber "zum Spielen eigentlich keine Zeit" hätten und daß sie manche Spielinhalte schlichtweg idiotisch fanden.
Die häufigsten Worte, die wir in unseren Kursen von Frauen zu hören bekamen, die vorher Angst hatten, am Computer etwas Eigenes zu machen, waren: "Ach, so ist das, mehr nicht?" "So einfach ist das, ach, weiter ist das nichts?" Sie waren geradezu enttäuscht von der Stoik des digitalen Denkens, hatten dem Computer einfach viel mehr zugetraut. Sie meinten, es läge an ihnen, wenn sie manches nicht begreift, weil sie zu kompliziert dachten und sich auf die streng formale Struktur des Programmaufbaus nicht einlassen konnten.
Imöchte an dieser Stelle noch einen Mangel beklagen, dem ich selbst im Referat nicht beikommen konnte. Die von mir vorgetragenen Argumentationsmuster zielen fast ausschließlich auf die Verbesserung der Chancen für Mädchen im Umgang mit dem Computer. Jedenfalls kann man aus dem Gesagten entsprechende Schlüsse ziehen. Das ist wichtig, das ist gut so, und hier kann noch viel mehr getan werden.
Andererseits fehlt es an konzeptionellen Überlegungen für eine entsprechende Arbeit mit den Jungen, die auch Verhaltensänderungen zum Ziel haben müßte, zum Beispiel einen reflexiven Umgang mit den zugeschriebenen männlichen Geschlechtsrollen hin zu einem sinnvollen, verantwortungsbewußten Umgang mit Technik. Daß diese Aufgabe nicht die übernehmen sollten, die die Mädchenarbeit leisten, liegt auf der Hand. Diese Forderung richtet sich vielmehr an die männlichen Sozialarbeiter, Erzieher, Pädagogen, die die eigene Geschlechtsrolle kritisch sehen. Sie knüpft sich an die Hoffnung fortschreitender Gleichberechtigung der Geschlechter.
Informations- und Lernsoftware für bessere Bildung
Zur heutigen Situation
Die folgende, kleine fiktive Geschichte beschreibt wohl am besten die heutige Situation, die Ausgangssituation für die folgenden Überlegungen und Schlüsse:
"Zu Beginn unseres Jahrhunderts ergab es sich, daß zwei Wissenschaftler, ein Arzt und ein Grundschullehrer, mittels einer Zeitmaschine in unsere Zeit transportiert wurden. Der Arzt landet in einem modernen OP eines normalen Krankenhauses, sieht sich im Raum um und weiß überhaupt nicht, wo er sich befindet. Der Pädagoge findet sich in einer normalen deutschen Grundschule wieder. Es ist gerade Mathematik-Unterricht. Er schaut sich im Raum um, wundert sich, daß Jungen und Mädchen gemeinsam am Unterricht teilnehmen, schaut auf die Tafel und setzt nach ca. 5 Minuten den Unterricht der Lehrerin fort."
Die gesellschaftlichen und familiären Bedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche heute aufwachsen, haben sich wesentlich gewandelt. Entsprechend müssen sich auch unsere Schulen an die an sie gestellten Ansprüche anpassen. Insbesondere stellen die technologischen Entwicklungen unserer Zeit zusätzliche Anforderungen an die Gestaltung von Lernen und Schule.
Erhöhte Qualifikationsanforderungen, enormer Zuwachs an Grundwissen sowie die rasche Verbreitung neuer Erkenntnisse und Technologien machen zukünftig lebenslanges Lernen noch wichtiger.
Ein wesentliches Instrumentarium hierfür stellen die neuen Informations- und Kommunikationstechniken zur Verfügung. Während Kinder und Jugendliche diese neuen Techniken in ihrer Familie und in der Freizeit ganz selbstverständlich einsetzen, benutzen Lehrerinnen und Lehrer diese höchstens für die Unterrichtsvorbereitung.
In der Schule konzentriert sich die Nutzung auf die Informationstechnische Grundbildung und das Fach Informatik, wenn überhaupt. Die Grundschule ist von dieser Technologie ausgeschlossen.
Die Lehreraus-, Fort- und Weiterbildung greift dieses Thema der Informations- und Kommunikationstechniken als Werkzeug und Medium im Unterricht nur sehr sporadisch auf.
Aktiver lernen - Multimedia für eine bessere Bildung
So lautet der Untertitel des Berliner Memorandums. Im Vorwort zum Berliner Memorandum wird deshalb eine Forderung aufgestellt, die genau diese Situation beschreibt:
Größte Bedeutung für das Lernen besitzen zukünftig Multimedia und Telekommunikation. Deshalb müssen jetzt durchdachte Konzepte für das schulische und außerschulische Lernen, für die Qualifikation der Lehrenden und für die adäquate Ausstattung der Lernorte entwickelt werden.
Dagegen vertrat Joseph Weizenbaum vom MIT (Massachussetts Inst. of Technology) in Düsseldorf auf der "didacta" im Febr. 95 die Meinung: "Wenn wir vernünftige Schulen haben, brauchen wir auch keine educational software".
Weiß man, daß die Softwareindustrie für die nächsten Jahre mit einem jährlichen Umsatz von 3 Milliarden DM in der Sparte Informations- und Lernsoftware für Schule und Freizeit kalkuliert, so muß die These von Joseph Weizenbaum in Frage gestellt werden. Die Schule von morgen wird Lern- und Informationssoftware genauso verwenden, wie etwa ein Schulbuch oder die Wandtafel. Wenn wir aber vernünftige Schulen haben, so können wir mit Sicherheit auf häusliche Unterstützung durch Lernsoftware verzichten. Da dieses Marktsegment den Softwareherstellern aber gerade die ersehnten Umsätze einbringt, werden wohl "Lernprogramme" weiterhin die Kaufhausregale füllen.
Bereits seit Jahren erproben und nutzen Industrieunternehmen im Medienverbund entwickelte Lernprogramme.
Fast jeder Arbeitsplatz der Zukunft wird etwas mit Computern zu tun haben. Der Druck, dem Eltern ausgesetzt sind, wenn sie ihrem Kind eine Lebensperspektive ermöglichen wollen, ist erheblich. Das weiß die Industrie, und sie nutzt ihr Wissen aus und entwickelt immer mehr Produkte für diese Abnehmergruppen. Der Markt des Nachhilfeangebots ernährt heute inzwischen ganze Wirtschaftszweige.
Hier sind nun Pädagogen aufgefordert, den Eltern Hilfestellung und Unterstützung zu geben, wissenschaftliche Begleitung der Schulämter und Ausbildungsstätten ist gefordert, damit die Spreu vom Weizen getrennt werden kann.
Folgende Fragestellungen müssen untersucht werden:
- Was ist Lernsoftware?
- Wo liegen die Grenzen und Möglichkeiten von Lernsoftware?
- Wie muß sich die Rolle der Pädagogen ändern?
- Computereinsatz in der Schule?
- Informations- und Lernsysteme im häuslichen Bereich?
2.1 Was ist Lernsoftware?
Lernen ist ein komplexer Prozeß, der sehr viel mit der Lernumgebung, -atmosphäre und -motivation zu tun hat. Waren es zu Beginn des Einsatzes dieser neuen Lernmedien meistens computerfreie "Programmierte Unterweisungen", so spielt heute der Computer eine wesentliche Rolle. Lernsoftware wird eingesetzt, um den Prozeß des Lehrens und Lernens effektiver und intersiver zu unterstützen. Unabhängig von den Inhalten, die mit dem oder über den Computer gelernt werden können, muß man unterscheiden, wie intensiv der Computer in den Unterricht einbezogen wird. Folgende (idealtypische) Abstufung kann vorgenommen werden:
- computerangereicherter Unterricht
Der Computer wird nur sporadisch und zeitlich sehr gering im Unterricht eingesetzt.
- computerunterstützter Unterricht
Der Computer wird gezielt in den normalen Unterricht integriert. Schüler können den Computer z.B. zur individuellen Förderung verwenden.
- computergestützter Unterricht
Hier erarbeiten sich ganze Lerngruppen selbständig mit Hilfe entsprechender Programme und Informationssystemen abgeschlossenen Stoffgebiete.
- computergesteuerter Unterricht
Er verwaltet den Lernprozeß eines Schülers. Das kann von der Auswahl und/oder Präsentation des Lernmaterials über das Abtesten und Berichten von Lernfortschritten bis hin zum Stellen von Hausaufgaben reichen. (Diese Anwendungsform ist sicherlich noch Zukunftsmusik).
Der Computer kann also selbst Gegenstand des Unterrichts werden, oder er wird gezielt zur Vermittlung beliebiger Unterrichtsinhalte herangezogen. Seine Rolle im Lehrprozeß und Lernprozeß kann verschieden intensiv ausfallen.
Kaum ein Lernprogramm kann seine maximale Wirkung ohne flankierende pädagogisch-didaktische Hilfestellung entfalten. Zur Unterstützung des Unterrichts in der Schule mittels Lernsoftware ist es ferner wichtig, daß sich der Nutzer von Lernsoftware differenziert mit den unterschiedlichen Programmtypen vertraut macht, da die einzelnen Programmtypen aufgrund ihrer Strukturmerkmale jeweils bestimmte Lernformen unterstützen.
Lernform Computer-Programmtyp
|
Lernen als Wiederholung und Vertiefung |
Übungsprogramme |
|
Lernen als interaktiver und konstruktiver Prozeß |
Tutorielles Programm |
|
Lernen als entdeckender Prozeß |
Simulationsprogramme |
|
Lernen als Rekonstruktionsprozeß |
Werkzeug |
Der Ablauf sieht meistens wie folgt aus: Der Computer präsentiert eine Aufgabe auf dem Bildschirm, der Nutzer gibt die Antwort ein, der Computer wertet das Ergebnis aus und gibt eine Rückmeldung. Gute Programme ermitteln nach einer Gruppe von Aufgaben den Lernstand und geben differenziert neue Aufgaben.
Durch hinzufügen spielerischer Elemente versucht man bei diesen "Drillprogrammen" die Abnahme der Motivation aufzuhalten.
Diese Programme, mit meistens sehr hohen grafischen und spielerischen Elementen, werden immer mehr für den häuslichen Gebrauch angeboten.
Tutorials:
Hier wird der zu vermittelnde Stoff zunächst über den Computer eingeführt. Anschließend werden dem Lerner Fragen zum Stoff gestellt. Bei Hinweis auf unvollständiges Verständnis des Stoffes werden die problematischen Teile wiederholt.
Simulationen:
Diese Programme bilden Modelle dynamischer Systeme nach, die von den Lernenden benutzt werden können, um die unterschiedlichen Wirkungen der Veränderung der einzelnen Stellgrößen zu untersuchen. Das Simulationsprogramm berechnet im Hintergrund die Auswirkungen des Eingriffs und liefert eine Rückmeldung.
Der Lerner muß Strategien entwickeln und Probleme bewältigen.
Werkzeuge:
In der Regel handelt es sich bei dieser Gruppe um ganz normale Anwendungsprogramme, mit denen man Texte bearbeiten, Daten verwalten oder statistische Auswertungen vornehmen kann.
Besonders bemerkenswert sind solche Programme, bei denen der Benutzer fast gar nicht merkt, daß er einen Lernprozeß durchläuft. Die Grenzen zum guten Spielprogramm werden durchbrochen. Spielerische Lernprogramme sollen die Motivation des Lernenden durch fantasievolle Abwechslungen im Lernprozeß anheben.
Wo liegen die Grenzen und Möglichkeiten von Lern- und Informationssoftware?
Will man die Wirksamkeit eines Lernprogramms beurteilen, muß man zuerst festlegen, was man denn unter einem Lernerfolg überhaupt verstehen möchte. Leistung ist sicherlich ein zentrales Kriterium für Lernerfolg, aber nicht das einzige. Erhöhte Lernmotivation, eine günstigere Einstellung zum Fach oder gar zur Institution Schule, das Beherrschen von Lernstrategien und die Fähigkeit zur Teamarbeit dürfen bei einer ausgewogenen Beurteilung von Lernerfolg nicht vergessen werden.
Verschiedene Untersuchungen zeigen, daß Lernprogramme insgesamt durchaus positive Wirkung auf die Lernleistung, die Motivation und die Fertigkeiten der Lernenden haben. Informations- und Simulationsprogramme eröffnen neue Möglichkeiten für einen interessanteren und effektiveren Unterricht.
Grundschüler sprechen besonders gut auf Übungsprogramme an, weniger gut dagegen auf Tutorials. Bei älteren Schülern ist es genau umgekehrt. Lern- und Informationssysteme wirken sehr unterschiedlich in Abhängigkeit vom allgemeinen Intelligenzniveau der Schüler. Je höher das Intelligenzniveau eines Schülers, um so geringer ist der Nutzen eines Lernprogramms im Sinne einer zusätzlichen Leistungsverbesserung. Für die Grundschule ist dagegen der Einsatz von Lernsystemen grundsätzlich positiv zu bewerten. Allgemein wirken sich diese Programme positiv auf die Motivation aus, und bei der Verwendung des Computers bei Gruppenarbeiten kann das soziale Lernen (kooperatives Verhalten) gefördert werden.
Ein Problem ist aber derzeit, daß die heute zur Verfügung stehende Lern- und Informationssoftware den qualitativen Anforderungen und Notwendigkeiten des Einsatzes für den Unterricht nicht genügen. Nur cirka 10 Prozent der auf dem Markt angebotenen Programme bestanden den kritischen Test von Pädagogen und Forschern.
Hier sind die Hersteller und Pädagogen aufgerufen. Die Schul-Pädagogen müssen Kriterien entwickeln und die Herstellungs- und Entwicklungsphase beratend begleiten. Derzeit ist für die Softwarehäuser der Bereich der reinen Schul-Lernsoftware noch nicht lohnend genug und finanziert sich erst über die allgemeine Lernsoftware der breiten Masse. Eine wichtige Voraussetzung ist deshalb, daß die Lehrinhalte der verschiedenen Bundesländer angeglichen werden, damit die Erstellung von Software einheitlich erfolgen kann.
Computereinsatz in der Schule und die neue Rolle der Lehrer
Wie nach der Erfindung des Buchdrucks die Gedanken und Erfahrungen eines Autors Millionen von Lesern verfügbar gemacht werden konnten und sich neue Erkenntnisse über Fachzeitschriften verbreiteten, so können in Zukunft mittels neuer Medien im Datenverbund Informationen an jeder beliebigen Stelle und zu jeder beliebigen Zeit für jeden Nutzer abrufbar sein. Schulen erhalten Anworten auf ihre Fragen aus fernen Datenbanken, Schüler kommunizieren mit Mitschülern weltweit und tauschen Informationen aus, ein globales Dorf entsteht. Multikulturell ist dann keine Vision mehr, sondern real existierende Gegenwart.
Das Lernen am und mit dem Computer in deutschen Schulen ist wohl von vier Handikaps betroffen:
- schlechte Programme
- unzureichend qualifizierte Lehrer
- fehlende Hardware an den Schulen
- fehlende Unterstützung der Schulen in computertechnischen und didaktischen Fragen.
In den meisten Bundesländern sind die Gymnasien, Real- und Gesamtschulen mit einigen Computern meist älterer Bauart ausgestattet. Grundschulen sind meistens davon ausgenommen. In allen Ländern existieren Empfehlungen zur Ausstattung der Schulen sowohl mit Hardware als auch mit für den Unterricht geeigneter Software. Leider fehlen die finanziellen Mittel zur Umsetzung.
Interessanterweise wird in Deutschland auf einen Computereinsatz bei genau der Altersgruppe weitgehend verzichtet, wo er laut diverser Untersuchungen die größte Wirkung zeigt, nämlich in den Grundschulen.
Der Erwerb einer eigenständigen Lehrbefähigung für das Fach Informatik ist im Rahmen der universitären Lehrerausbildung so gut wie nirgendwo vorgesehen. Meistens gilt Informatik nur als Zusatz- oder Erweiterungsfach. Zwar entstehen immer mehr Fortbildungsangebote, die sich mit dem Einsatz von Computern im Unterricht beschäftigen, doch reichen diese Bemühungen nicht aus, um auf die Zukunft entsprechend vorbereitet zu sein.
Die Rolle des Lehrers von der reinen Wissensvermittlung weg hin zur Moderation im Lernprozeß wird sich verstärken. Dadurch bieten sich mehr und mehr Freiräume und Chancen für mehr pädagogisches Handeln. Aktives Lernen rückt in den Vordergrund.
Informations- und Lernsoftware für den häuslichen Bedarf
Es gibt keine Lernsoftware à la "Nürnberger Trichter". Auch wenn die Eltern bei ihrem Versuch, durch Lern- und Informationssoftware ihren Kindern eine bessere Zukunft bieten zu wollen, viel Geld für entsprechende Programme ausgeben, so ist damit der gewünschte bessere Schulabschluß nicht eingekauft. Es gibt auf diesem expandierenden Marktsegment nur wenige Produkte, die einen ernsten Test überstehen. 9 von 10 Produkten müßten eigentlich im Mülleimer landen. Viele Eltern vergessen, daß Lernen viel mit der Fähigkeit zu tun hat, mit Menschen zu kommunizieren. Motivation und Anerkennung seiner Leistungen darf ein Kind nicht von seinem Computer, sondern von seinen Eltern und Mitmenschen erfahren. Es ist, mit den richtigen Programmen, sicherlich sinnvoll, Erlerntes zu vertiefen (Übungsprogramme), doch sollte dieses nur unter pädagogischer Beobachtung und Anleitung erfolgen.
Es ist zu befürchten, daß in erster Linie Alleinerziehende oder privat bzw. beruflich besonders belastete Eltern ihren Kindern Lernsoftware kaufen werden, um ihr schlechtes Gewissen zu entlasten.
Wie finde ich die richtige Lernsoftware, und welchen Computer benötige ich dafür?
Glaubt man der Werbung, so ist diese Frage leicht zu beantworten. Jeder Hersteller bietet den optimalen Multimedia-PC zu einem Superpreis. und die nötige Lernsoftware, die den besten Lernerfolg bietet liegt gleich dabei. Packt man dann aber den Rechner aus, so findet man meistens eine Billig-Konfiguration, die schon nach wenigen Monaten nach Erweiterung ruft. Die Software sollte man am besten erst gar nicht installieren. Schade um den Festplattenplatz.
Man sollte weniger den bunten Werbeseiten glauben, als auf den Rat von erfahrenen Pädagogen hören. Es gibt immer mehr Institutionen, die sich mit dem Thema Lernen und Computer beschäftigen. Sie testen Lern- und Informationssysteme und geben Empfehlungen. Sucht man Programme, die Kindern auch Spaß machen sollen, so sollte man beim Kauf die Kinder mitnehmen und darauf dringen, daß die Kinder das Programm (im Laden) ausprobieren können. Wichtig ist, daß auch den Eltern die Programme gefallen, da sie später gemeinsam mit ihren Kindern viel Zeit damit verbringen werden.
- Die Verwendung von multimedialen Technologien und entsprechender Software wird sowohl im gewerblich- technischen wie auch im kaufmännischen Bereich zum Standard werden.
- Der so zunehmend aus Notwendigkeit in der Arbeitswelt entstandene Einsatz wird sich auch im schulischen Bereich fortsetzen müssen.
- Die gesellschaftlichen und familiären Bedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche heute aufwachsen, haben sich wesentlich gewandelt. Entsprechend müssen sich auch unsere Schulen an die an sie gestellten Anforderungen anpassen.
- Lernen ist ein lebenslanger aktiver Prozeß.
- Die Rolle des Lehrers von der reinen Wissensvermittlung weg und hin zur Moderation im Lernprozeß wird sich verstärken.
- Die Lehreraus-, Fort- und Weiterbildung greift diese Entwicklung nur sehr sporadisch auf.
- Unabhängig von den Inhalten, die mit dem oder über den Computer gelernt werden können, muß man unterscheiden, wie intensiv der Computer in den Unterricht einbezogen wird. Die Lehrer müssen die verschiedenen Programmtypen und deren Wirkung im Lehr- und Lernprozeß kennen.
- Lernsoftware kann im schulischen Bereich den Lernprozeß intensivieren, die Lernleistung steigern, die Lernmotivation erhöhen und eine günstigere Einstellung zum Fach und zur Institution Schule entwickeln.
- "Wenn wir vernünftige Schulen haben, brauchen wir auch keine educational Software". (Joseph Weizenbaum)
- Die Software-Industrie erwartet im Bereich häuslicher Lern- und Informationssoftware einen jährlichen Umsatz von ca. 3 Milliarden DM.
- Nur ca. 10 Prozent der derzeit verfügbaren Programme genügen den pädagogischen Anforderungen.
- Hersteller und Pädagogen müssen gemeinsam Kriterien bzgl. Lernsoftware entwickeln. Sowohl für den schulischen als auch für den häuslichen Bereich.
- Softwarelösungen müssen länderübergreifend einsetzbar sein, damit sie finanziert werden können.
- Die Ausstattung aller Schulen (auch Grundschulen) mit besonders geeigneten multimedialen und vernetzten Computer-Systemen ist Grundvoraussetzung und Aufforderung auch an die Industrie.
- Pädagogen sind aufgefordert, Eltern Hilfestellung und Unterstützung zu geben, wenn sie Lernsoftware kaufen wollen.
- Das Kind und der Jugendliche dürfen mit der Lernsoftware nicht allein gelassen werde. Der Einsatz sollte nur unter pädagogischer Beobachtung und Anleitung erfolgen.
- Lernen hat viel mit der Fähigkeit zur Kommunikation mit anderen zu tun.
Hitliste der Lern- und Informationssoftware
Name Sparte Altersempf. Vertrieb
|
Urmels Filmstudio |
Trick |
7 - 12 |
Bomico |
|
Die Zauberflöte |
Info-CD |
5 - 10 |
EB direkt |
|
Ich werde Künstler |
Grafik |
5 - 12 |
Swissoft |
|
3 D Atlas |
Info-CD |
Electronic Arts |
|
|
Mathe Blaster |
Mathe-Lern |
8 - 12 |
Klett |
|
Alge Blaster |
Mathe-Lern |
> 11 |
Klett |
|
Word Attack |
Engl |
> 11 |
Klett |
|
D-Info Adress- und Tel-Auskunft |
Info-CD |
Top Ware |
|
|
Ollis Welt - Umweltschutz |
Lern |
> 3 |
Navigo Multimedia |
|
Alfons Mathe 6A |
Mathe-Lern Gymn |
> 12 |
Co-Tec |
|
Von Mäusen und Monstern |
PC-Lern |
> 10 |
Prokoda |
|
Der kleine Bauernhof |
Lern |
> 3 |
Teachmedia |
|
Tuneland |
Lern |
> 3 |
Bomico |
|
Bob Dylan - highway 61 interactive |
Info |
> 12 |
CDV |
|
PC-Training Diktat Deutsch |
Lern |
> 12 |
Klett |
|
Faszinierende Kreaturen |
Tiere Info |
> 8 |
Microsoft |
|
Aladin und die Wunderlampe |
Märchen |
6 - 14 |
Aristo Multim. |
|
PC LOGO |
Programmieren |
> 8 |
EDV Buchvers. Michel |
|
Ökolopoly |
Umweltsim. |
> 12 |
Cornelsen |
|
Creativ Writer |
Lern |
8 - 12 |
Microsoft |
|
Fine Artist |
Grafik |
8 - 12 |
Microsoft |
|
Comless Familie |
div. Lern |
7 - 12 |
Cornelsen |
|
CAD für Kids |
Lern |
> 7 |
Klett |
|
Shakespeare & Rock´n ´Roll |
Info Musik |
> 12 |
|
|
Der farbige Brehm |
Info |
> 7 |
Rossipaul Verlag |
|
ADI Junior |
Lern Rechn. Deut. |
5 - 7 |
Bomico |
|
ADI Mathe |
Lern Mathe |
7 - 12 |
Bomico |
|
ADI Deutsch |
Lern Deutsch |
7 - 12 |
Bomico |
|
Cinemania 95 |
Info |
> 12 |
Microsoft |
|
Encarta 95 |
Info |
> 12 |
Microsoft |
|
Kulturen der Antike |
Info |
> 12 |
Microsoft |
|
Das grüne Klassenzimmer |
Lern / Info |
> 7 |
Cornelsen |
|
Allegro 2.0 |
Musik / Komp. |
> 10 |
DTP Partner |
|
Works für Kids |
Works |
5 - 10 |
Klett |
|
Type quick |
Tastaturtraining |
> 12 |
Klett |
|
Green Line |
Lern Engl. |
div. |
Klett |
|
Orange Line |
Lern Engl. |
div. |
Klett |
|
English Coach Grammatiktrainer |
Lern |
12 - 17 |
Cornelsen |
|
English Coach Vokabeltrainer |
Lern |
12 - 17 |
Cornelsen |
Vollständigkeit. (Stand 9/95)
Kommunikation im Datennetz
Der PC ist in Deutschland (noch) vorwiegend ein Einzelgerät, auf dem Daten bearbeitet werden, die im Gerät selber oder auf einem Datenträger (Diskette, CD-Rom) vorhanden sind. Zur Zeit beginnt sich rasant eine andere Nutzungsform zu entwickeln, mit der Computerfreaks schon längere Erfahrung haben, die Datenfernübertragung. Der Computer wird zum Terminal, er öffnet über die Telefonleitung den Zugang zu weltweit vorhandenen Daten. Die Mailbox stellt einen (relativ) kostengünstigen Einstieg in die Welt der Datenkommunikation dar. Wesentliche Funktion von Mailboxen ist die Abwicklung von privatem und öffentlichem elektronischen Brief- und Nachrichtenverkehr (e-mail und "Bretter" oder "Foren"), darüber hinaus dienen sie zum Austausch von Binärdateien (z. B. Computerprogrammen, Utilities oder Datenbanken). Mailboxen dienen also der Kommunikation und, im weitesten Sinne, dem Austausch oder der Verbreitung von Informationen.
Das Internet - Netz der Netze und Supermailbox
Das Internet hat die gleichen Funktionen wie eine Mailbox, nur auf globaler Ebene. Man kann das Internet als Netz der Netze oder als Mailbox der Mailboxen bezeichnen. Zunehmend werden "individuelle" Mailboxen mit dem Internet verknüpft und verändern damit ihren Charakter. Es geht nicht mehr darum, möglichst viele Informationen in der 'eigenen' Box zu speichern, sondern möglichst elegant den Zugang zu allen anderen Informationsanbietern anzubieten.
Surfen im Cyberspace - ein spielerisches Vergnügen
Seit etwa einem Jahr wird das Internet, das bis dahin die Domäne von Militärs und Universitätsangehörigen war, massiv an die PC-Endverbraucher herangetragen (von OS2-Warp über Telekom-Online, vormals BTX, bis zu Compuserve und Windows95). Dazu hat vor allem das WorldWideWeb beigetragen, das eine spielerische und ästhetisch ansprechende Möglichkeit bietet, "durch die Welt zu surfen". Diese verspielte Nutzungsmöglichkeit besitzt eine hohe Attraktivität für Jugendliche und Kinder.
Revolutionierende Aspekte des Übergangs in die Informationsgesellschaft
Was so verspielt aussieht, hat weitreichendste Bedeutung für unseren Umgang mit Informationen und Wissen. Hier beginnt ein neues Zeitalter: So wie die Erfindung und Durchsetzung des Buchdrucks das Mittelalter beendete und die Reformation auslöste, so wird das Informationszeitalter unser gesellschaftliches Gefüge revolutionieren.
Schlechte Aussichten für Monopolisten
Wie damals geht es vor allem um den Umgang mit Wissens-Monopolen. Für die mittelalterliche Herrschaft der Kirche war es notwendig, daß nur die 'eigenen Leute', Mönche und Geistliche, des Lesens und Schreibens und der Bibelauslegung kundig waren. Der Buchdruck ermöglichte die 'Bibel für jedermann' und sprengte das Monopol der Kirche. Jetzt hatte es auch Sinn, die Bibel zu übersetzen und sie damit jederman zur Verfügung zu stellen. In ähnlicher Weise werden heute Informationsmonopole weggefegt. Es gibt kaum noch ein Wissen, das nicht öffentlich zur Verfügung gestellt wird.
Digitalisierung und das Urheberrecht
Die Digitalisierung führt in diesem Zusammenhang dazu, daß die Weiterverbreitung der Informationen nicht mit einem Qualitätsverlust verbunden ist. Digitalisierte Informationen sind beliebig oft als hundertprozentig getreue Kopie des Originals herzustellen (wie jeder weiß, der einmal Computerprogramme kopiert hat). Für die Rechtebesitzer und Programmentwickler ist das eine existenzbedrohende Gefahr. Urheberrechte lassen sich kaum schützen. In den Datennetzen haben sich deswegen neue Vertriebsformen verbreitet. Keine Shareware ohne Datennetze, keine Datennetze ohne Shareware. Die großen kommerziellen Anbieter steigen auf die hier entwickelten Vertriebsformen um oder entwickeln ähnliche Konzepte: Erst ausprobieren, angefüttert werden, dann zum Kauf animiert werden (Demoversionen, Billigstvertrieb von Vorgängerversionen von Software bei gleichzeitigem Angebot eines kostengünstigen Upgrades).
Kommerzieller Betrieb im Internet
Auch große kommerzielle Informationsanbieter sind gezwungen, auf die für sie recht unfreundlichen Bedingungen des Internet einzugehen, wenn sie nicht den Anschluß verpassen wollen. Nach und nach stellen alle großen Tageszeitungen ihre aktuelle Ausgabe im Netz kostenlos zum Lesen zur Verfügung. Kurzfristig gibt es keine Chance, hier Profit zu machen, trotzdem geschieht das. Dabei besteht für die Zeitungen weniger eine Gefahr, sie brauchen nur von der Vollversion wieder auf eine Schnupperversion abzuspecken, und schon wird aus dem Ersatz für die Tageszeitung eher die Werbung für den Erwerb der Zeitung.
Anders sieht es bei solchen Informationsanbietern wie der "Zweiten Hand" aus. Hier sind die im Netz angebotenen Nutzungsmöglichkeiten viel eher auf die Bedürfnisse der Konsumenten zugeschnitten, als das bei der gedruckten Ausgabe der Fall ist, die sich kaum einer kauft, um sie von vorne nach hinten durchzulesen. Die elektronische "Zweite Hand" kann die gedruckte Version sehr stark in Schwierigkeiten bringen.
Veröffentlichungsmöglichkeiten für alle
Im Internet gibt es keine Zensurbehörde; keine Redaktion, die bestimmt, was veröffentlicht werden kann. Es ist ohne großen Aufwand möglich, vom Konsumenten zum Produzenten von Informationen, Meinungen und ästhetischen Produkten zu werden. Was für Anhänger jeder Art von "Correctness" eine Horrorvorstellung ist, bietet auf der anderen Seite ungeheure Chancen - gerade auch für die Jugendarbeit. Hier entsteht eine Kommunikationsstruktur, in die sich Jugendliche völlig gleichberechtigt einbringen können, wenn ihnen nur die Zugänge eröffnet werden! Die Syntax und einfache Logik der WWW-Sprache bedeutet, daß mit ganz einfachen Mitteln und mit Computern jeder Couleur und jeden Betriebssystems Seiten erstellt und gelesen werden können; es ist nicht notwendig, gewaltige finanzielle Investitionen zu tätigen, es reicht, ein bißchen was zu lernen. Es sollte eine Aufgabe der Jugendarbeit sein, diese Zugänge zu öffnen und Jugendlichen diese Art von Partizipation nahezubringen und zu ermöglichen.
Jugendliche als Subjekt oder Objekt des Datenaustauschs ?
Die Apparateverkäufer versuchen, den Informations-Superhighway vor allem unter dem Aspekt darzustellen, daß hier Konsum auf höherer Ebene möglich wird - ihre Vision erschöpft sich in den technologisch anspruchsvollen, aber unter inhaltlichen Innovationsaspekten höchst langweiligen Projekten "Video on demand" und "teleshoping". Bei Jugendarbeitern gibt es eine gewisse Scheu, sich in diese Richtung zu bewegen. Das hat verschiedene Gründe: Auch unter den Kolleginnen und Kollegen aus der Jugendarbeit gibt es monopolisierende Denkansätze. Man möchte nicht gerne von seiner Kundschaft überholt werden. Es gibt das interessante Phänomen, daß fast überall, wo solche Arbeitsansätze in der Jugendarbeit probiert werden, Jugendliche nach kurzer Zeit die Führung übernehmen und sich besser auskennen. Das bezieht sich bisweilen auch auf den Zugang zu Informationen und die Möglichkeit des selbstbestimmten Kontaktes zur (auch politischen) Öffentlichkeit. Jugendarbeiter/innen sehen sich hier immer noch manchmal lieber in der Rolle des "Zwerg Allwissend" oder des "Stellvertreters", als sich in die neue, ungewohnte Rolle des "Ermöglichers" zu begeben.
Struktur im Chaos
Auch auf die Entwicklung und den Ausbau von Jugendinformationssystemen sollte sich der Paradigmenwechsel vom monopolistischen Zentralismus zur Vernetzung auswirken. Es geht nicht mehr darum, Informationen an einer zentralen Stelle zu sammeln und zu aktualisieren, sondern darum, eine Struktur zu schaffen, die die basisnahe Aktualisierung von Daten/Informationen in dezentraler Verantwortung ermöglicht. Was logisch zusammengehört, muß in den Netzen verknüpft werden, aber jeder kann (im Prinzip) seine Daten selbst verwalten und selbst bestimmen, was öffentliche zugänglich gemacht werden soll. Die meisten Ansätze für Jugendinformationssysteme gehen (noch) von anderen Denkmustern aus, sie versuchen im Wettbewerb mit anderen potentiellen Anbieter, eine möglichst große Menge von Daten zu sammeln und aufzubereiten, statt sich darauf zu konzentrieren, eine gut funktionierende Struktur zu schaffen, in der selbstständige Teile in eigener Verantwortung sich jeweils mit dem beschäftigen, worin ihre höchste Kompetenz liegt. Das Internet hat diese Struktur, und es zeigt gerade darin seine Stärke. Durch das scheinbar chaotische Zusammenwirken entsteht dann doch eine Ordnung in der virtuellen Welt, die nachzuvollziehen ist, weil die hier nachgebildeten Beziehungen den wirklichen Beziehungen entsprechen, allerdings ohne sich durch Raum und Zeit behindern zu lassen. Das Wesentliche an den Beziehungen bleibt übrig.
JUGENDINFORMATIONSDIENSTE
Die traditionelle Jugendarbeit versteht sich als Übersetzerin, Vermittlerin und Sprachrohr zwischen Jugendlichen und Erwachsenen.
¥ Welche Aufgaben haben Informationsstellen?
¥ Helfen sie, die Informationsflut zu vergrößern oder sie zu bewältigen?
¥ Was heißt informieren?
¥ Wo liegt der Unterschied zur Beratung?
Informationsdienste schaffen keine neuen Informationen, sie beschaffen, bearbeiten und bewerten Informationen. Dies gehört zur Hauptaufgabe einer Informationsstelle. Ihre Angebote sind breit und offen angelegt, das heißt personenorientiert und nicht themenspezifisch wie bei Fachstellen, die Beratungen anbieten. Die Formen der Informationsvermittlung müssen vielfältig, individuell und jugendgerecht gestaltet werden, was soviel heißt wie unkompliziert, direkt und veränderbar.
Informationsvermittlung und Informationsbeschaffung sind also die Aufträge, die eine Jugendinformationsstelle zu erfüllen hat.
Viele Informationen sind von überregionaler Gültigkeit:
Informationen zu Ferien-Angeboten, Sprachkursen, Sozialeinsätzen, Au Pair, Jugendaustausch-Programmen, Auslandsaufenthalten, Rechtsfragen, Sexualität, Drogen, Aids, Religion und religiösen Sondergruppen, Taschengeld und Lehrlingslohn, Umweltschutz, Jugendpolitik.
Sicher, regionale Aspekte kommen hinzu, nicht zuletzt Angaben zu den entsprechenden Fach- und Beratungsstellen. Aber in ihren Grundzügen sind diese Informationen von gesamtschweizerischem Interesse.
Die Mobilität Jugendlicher innerhalb Europas nimmt zu und wird staatlich und privat gefördert: Uni-Auslandsemester, Sprachkurse, Jugendaustausch-Programme, Praktika, Jobs.
Wer informiert Jugendliche über neue Ausbildungs- und Arbeits-Perspektiven im "geöffneten" Europa?
Die Zeit der Jugendinformationsdienste kommt. Alle europäischen Jugendinformationsstellen mit nationalen Strukturen schließen sich zusammen (alle, außer Rumänien, Bulgarien den jugoslawischen Staaten, der Schweiz und - Deutschland?).
Egal, ob es sich nun um regionale, nationale oder internationale Informationen und Informationszugänge handelt, wichtig wird die Zusammenarbeit.
Deshalb ist die Bedeutung von Vernetzung und Informationsaustausch
- mit anderen Jugendinformationsstellen im In- und Ausland
- mit Stellen und Jugendfachleuten in der Region
- mit Jugendlichen
eine unabdingbare Voraussetzungen für vollständige, kompetente und fundierte Informationsbeschaffung und Informationsvermittlung.
Fragestellungen aus der jugendtheoretischen Diskussion
Es geht insgesamt um die Fragestellung, was aus der jugendtheoretischen Diskussion für den Aufbau eines Jugendinformationsdienstes abgeleitet werden kann. Wo verschafft die Jugendtheorie neue Erkenntnisse für die Jugendinformationspraxis?
INFORMATIONSBEDARF: WANN? WARUM?
Welche Anforderungsstrukturen, Problemlagen, Risiken erfordern zusätzliche Information? Wird Unterstützung von außen für eine erfolgreiche Lebensbewältigung gebraucht? Wann wird dieser zusätzliche Informationsbedarf notwendig?
INFORMATIONSBEREICHE: WO? WELCHE?
In welchen Lebensbereichen sind Jugendliche auf zusätzliche Orientierungen und Informationen angewiesen? Zu welchen Themen können sie sich Informationen nicht oder nur unter erschwerten Umständen selber beschaffen?
ZIELGRUPPE: WER?
Welche Jugendlichen oder welche Gruppen Jugendlicher sind auf zusätzliche, vom Elternhaus unabhängige Informationsangebote angewiesen?
INFORMATIONSWEISE: WIE?
Wie informiert Jugendinformation jugendgerecht?
INFORMATIONSANGEBOT: WAS?
Welche Bedürfnisse haben Jugendliche hinsichtlich eines Informations - und Unterstützungsangebotes? Welche Angebote haben Jugendinformationsstellen Jugendlichen zu offerieren?
INFORMATIONSZIEL: WOZU?
Wozu brauchen Jugendliche unabhängige Anlaufstellen und zusätzliche Informationsquellen? Wohin zielt ein zusätzliches Informationsangebot?
NACHTRAG:
Die theoretische Diskussion macht zwar auf objektive Problemlagen aufmerksam: Anforderungsreiche Bedingungen des Aufwachsens, generelle Orientierungsschwierigkeiten, potentielle Risiken können zu subjektiven Belastungen führen. Daraus läßt sich aber nicht unmittelbar ein Bedarf Jugendlicher nach Information und Unterstützung ableiten. Unsere theoretischen Analysen der jugendlichen Lebenslage müssen deshalb hypothetisch verstanden werden.
INFORMATIONSBEDARF
Die Jugendlichen werden heute nicht nur vorzeitig selbständig und partiell unabhängig, sie haben es auch zu sein: Individualität ist eine Forderung des Seins bereits im Jugendalter. Die freie, selbstverantwortliche Lebensgestaltung ist aber mit großer Unsicherheit verbunden.
Jugendliche brauchen autonome, außerfamiliäre Bezugspunkte, die ihre Unabhängigkeit anerkennen und sie in ihrer eigenständigen Lebensplanung unterstützen.
Infolge von Orientierungsschwierigkeiten:
Durch einen allgemeinen gesellschaftlichen "Orientierungsverlust", das Verschwinden ehemals vorgegebener Strukturen, neue divergierende Anforderungen und Sinnkulturen haben Jugendliche eine große Orientierungsleistung zu vollbringen.
Jugendlichen müssen neue, sachkompetente Orientierungsstützen angeboten werden.
Infolge Kommerzialisierung
Durch die "Freisetzung" der Jugendlichen, ihre Selbständigkeit und auch partielle finanzielle Unabhängigkeit hat die Konsum- und Medienindustrie Jugendliche als Käuferschaft entdeckt und nutzt gezielt deren Orientierungs- und Informationsbedürfnisse aus.
Jugendlichen müssen umfaßende, konsumunabhängige Informationsangebote offeriert werden.
Infolge ständiger Veränderungsmöglichkeiten:
Lebensstile, Lebensentwürfe und Berufsentscheidungen müssen nicht endgültig definiert werden, sondern vorläufig. Sie können verändert und neu bestimmt werden.
Jugendliche und insbesondere junge Erwachsene haben einen ständigen Informationsbedarf. Sie bedürfen über das Jugendalter hinaus des Zugangs zu Informationsmöglichkeiten für die Gestaltung der eigenen Lebensperspektive.
Infolge der Spezifizierung des familiären und schulischen Erziehungsauftrags:
Die Erziehungsinstanzen sind allgemein einer funktionalen Spezifizierung ihres Erziehungs- und Unterstützungsauftrages unterlegen: Weiterführende Schulen sind durch Leistungs- und Zielvorgaben spezialisiert und funktionalisiert. Die Familie hat zum Teil Erziehungsaufgaben und Funktionen an andere Instanzen abgetreten. Gewisse Lebensbereiche werden von den einzelnen Familienmitgliedern autonom geregelt. Die traditionelle Familienstruktur ist teilweise instabil geworden.
Jugendliche sind auf zusätzliche "externe" AnsprechpartnerInnen angewiesen. Ihre diesbezüglichen Fragen können oft die Kompetenz und die Bereitschaft zur Information von Elternhaus und Schule überschreiten.
Infolge der großen Spezialisierung bestehender institutioneller Stützsystem (wie Beratungßtellen, soziale Dienste etc.):
Das institutionelle Unterstützungsangebot ist professionalisiert und spezialisiert. Soziale Dienstleistungen stellen für Jugendliche weniger ein zusammenhängendes Netz, als ein nach Problemlagen aufgesplittertes und auf Probleme bezogenes, nicht überschaubares Spezialangebot dar.
Jugendliche brauchen Anlaufstellen, an die sie sich mit allen Fragen und Anliegen, die nicht problembelastet sein müssen, wenden können.
INFORMATIONSBEREICHE
Eigenständige Lebensbereiche
Jugendliche brauchen vor allem in jenen Lebensbereichen "neutrale" Anlaufstellen und Informationsquellen, in denen sie Eigenständigkeit erlangt haben und in denen ihnen Selbstverantwortung zugeschrieben wird. Genau in diesen Lebensbereichen haben sie sich zugleich von elterlicher Beratschlagung gelöst. Eltern und Lehrpersonen kommen auch deshalb weniger als InformationslieferantInnen in Frage, weil es ihnen oft selbst an den nötigen Informationen, Kompetenzen und eigenen Erfahrungen fehlt. Das betrifft hauptsächlich die Lebensbereiche, welche sich durch gesellschaftliche Modernisierungsprozeße in den letzten 30 Jahren enorm verändert haben und die durch den Konsum- und Medienmarkt beherrscht werden.
Jugendliche brauchen in den Lebensbereichen Freizeit, Ferien, Konsum, Medien, Sexualität, (Taschen-) Geld eigenständige, unabhängige und umfassende Informationsquellen.
Beruflichen Lebensperspektiven:
Jugendliche müssen ihr Biographiekonzept heute offen und flexibel planen, um sich zukünftigen neuen Optionen nicht zu verschließen, nicht den Anschluß zu verpassen. Diese veränderte Perspektive äußert sich stark in der Planung des beruflichen Werdegangs: Die erste Berufswahlentscheidung und Ausbildung muß nicht die definitive sein.
In der beruflichen Lebensplanung und Perspektivenentwicklung besteht ein großer Bedarf nach Informationen zur Zweitausbildung, Weiterbildung, Umschulung, Zwischenlösung, Finanzierungsmöglichkeiten etc.
Arbeitsmarkt:
Jugendliche Wunschvorstellungen und reale situative Bedingungen und Gegebenheiten können auseinanderklaffen. Ausgelöst durch wirtschaftliche Veränderungen hat sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt, auch für Jugendliche (insbesondere nach dem Lehrabschluß und für unqualifizierte Jugendliche) verschärft.
Jugendlichen müssen Informations- und Unterstützungsangebote zur Neuorientierung offeriert werden.
Frauenrolle - Männerrolle:
Trotz des Bildungsausgleiches zwischen Mädchen und Jungen, trotz neuer Lebensgestaltungschancen und veränderter Rollenbilder, die sich in den Köpfen durchzusetzen beginnen, sind es noch immer die Frauen, die sich entscheiden müssen zwischen Familienarbeit und / oder Berufsarbeit, und sie haben auch die Konsequenzen dieser Entscheidung zu tragen.
Speziell zur geschlechtsspezifischen bzw. -unspezifischen Lebensplanung und Lebensgestaltung ist Informationsarbeit zu leisten.
ZIELGRUPPE
Alle Jugendlichen:
Die aufgezeichneten geänderten Lebensbedingungen, der allgemeine Orientierungsverlust, die Möglichkeit zur individuell entschiedenen Lebensplanung und Lebensführung sind prinzipiell für alle jungen Menschen gültig.
Die Angebote einer Jugendinformationsstelle haben sich generell an alle Jugendlichen zu richten.
INFORMATIONSWEISE
Individuell:
Durch individuelle Lebenskontexte haben sich auch die Bedürfnisse Jugendlicher individualisiert: Fragen, Anliegen, Probleme sind individuell geworden und werden individuell getragen, gelöst und verantwortet. Problemlösestrategien sind damit weniger generell gültig, sondern müssen individuell und situations- oder problemspezifisch erarbeitet werden. Das Publikum einer Jugendinformationsstelle ist individuell verschieden.
Jugendinformation hat sich am einzelnen Jugendlichen zu orientieren.
Jugendgerecht:
Jugendliche sind früher selbständig, in gewissen Lebensbereichen gar "erwachsen". Jugendliche wollen dementsprechend als Erwachsene behandelt werden - auch dann, wenn sie um Information, Rat, Unterstützung nachsuchen. Von Jugendlichen wird Selbstverantwortung, Eigenständigkeit und Entscheidungsvermögen gefordert.
Jugendinformation ist nicht belehrend oder behütend. Jugendliche wollen als eigenständige und selbstverantwortliche Persönlichkeiten anerkannt und ernst genommen werden. Sie entscheiden selbst, wann sie was tun, bzw. nicht tun, besprechen oder nicht besprechen wollen.
Allumfassend und objektiv
Die Bereiche des jugendlichen Umfeldes sind auf ihre Themen spezialisiert und deshalb oft auch eingeschränkt. Die Informationsquellen Jugendlicher sind damit je nach individuellen Lebenskontexten unterschiedlich.
Die institutionelle Informationsquelle Jugendinformation erschließt Jugendlichen umfassend und objektiv deren Informationslücken quer durch alle sie betreffenden Lebensbereiche.
Chancengleichheit
Soziale Ungleichheiten wiedespiegeln sich auch im ungleichen Zugang zu Informationen, bzw. Informationsquellen.
Jugendinformation versucht, strukturelle Barrieren abzubauen und ihr Informationsangebot so offen und breit wie möglich zugänglich zu machen.
INFORMATIONSANGEBOTE
Information vermitteln
Jugendliche müssen ihr Leben eigenverantwortlich planen und gestalten. Dabei stellen sich ihnen neue, moderne Lebensbedingungen, nicht tradierte Möglichkeiten.
Jugendinformationsstellen beantworten offene Fragen.
Orientierungshilfe am Uebergang ins Erwachsenenalter
Jugendliche stehen am nicht immer risikofreien "Scheideweg" zum Erwachsenenalter. Traditionelle Orientierungshilfen sind brüchig geworden.
Jugendinformationsstellen sind gesellschaftliche "Brückenköpfe" am Uebergang vom Jugendalter in den Erwachsenenstatus.
Informationsquellen und Erfahrungsräume eröffnen
Jugendliche gestalten ihren Lebensweg explorativ: Lebensmuster, Gruppenstile werden ausprobiert. Jugendliche brauchen Spielräume, wo sie sich selbst in Bezug setzen können zu Personen, Anforderungen, Umweltbedingungen.
Jugendinformation zeigt auf, wie sich Jugendliche selbst Zugang zu Informationen schaffen können, sie gibt ihnen die Möglichkeit, sich aktiv am Informationsprozeß zu beteiligen, animiert und unterstützt sie in ihren eigenen Bestrebungen produktiver Lebensgestaltung.
INFORMATIONSZIEL
Zu Eigeninitiative anregen
Ein großer Teil unserer politischen Alltagserfahrung ist medienbestimmt und oft problembelastet. Die Konsumindustrie ist auch im alltäglichen Leben mehr oder weniger stark präsent. Hier gilt es, ein objektives Gegengewicht zu schaffen und die Jugendlichen zur positiven Lebensbewältigung zu ermutigen und anzuleiten.
Jugendinformation bestärkt Jugendliche, sich als Akteure ihrer eigenen Lebensgestaltung positiv in Szene zu setzen.
Selbstreflektion und Meinungseigenständigkeit fördern
Für Jugendliche gilt es, im "Dschungel" der pluralisierten Lebenswelt einen eigenständigen Weg zu finden und eigene Weichenstellungen kritisch zu überdenken.
Jugendinformation bietet sich als gezieltes Netzwerk kreativer Orientierungshilfe und Urteilsfindung.
JUGENDINFORMATION IN DER SCHWEIZ
Jugendinformation führt wie Jugendpolitik und Jugendforschung auf nationaler Ebene ein marginales Dasein. Eine koordinierende, dokumentierende und forschende Stelle im Bereich Jugend - etwa analog zum Deutschen Jugendinstitut in München - existiert in der Schweiz nicht. Ein entsprechendes Konzept, das anfangs der 70er Jahre von der Schweizerischen UNESCO-Kommission ausgearbeitet wurde, blieb unrealisiert. Allein die Forderung nach Kontinuität einer schweizerischen Jugendpolitik und Jugendforschung scheint Tradition zu haben.
1978 schließlich wurde als einzige der jugendpolitischen Forderungen die EIDGENöSSISCHE KOMMISSION FüR JUGENDFRAGEN ins Leben gerufen. Sie konnte allerdings dem Verlangen nach einer Informations- und Koordinationsstelle für Jugendfragen nicht nachkommen. In ihrem Bericht "Mutter Helvetia - Vater Staat. Zur Lage der Jugend" bringt sie abermals die unbefriedigende Situation auf dem Gebiet Dokumentation und Forschung zu Jugendfragen in der Schweiz zur Sprache.
Ueber Jugendfragen gibt es zu wenig brauchbare Dokumentationen. Zwischen den Institutionen, die sich mit der Jugend beschäftigen, klappt der Informationsaustausch schlecht. Jenseits der jeweiligen Sprachgrenzen kennt man die Forschungsergebnisse der andern nicht.
Der Mangel eines systematischen Bezugs der Forschung zur Praxis sowie das Fehlen einer Koordination der wissenschaftlichen Projekte wird seit Jahren beklagt.
Die Kommission ist der Ueberzeugung, daß die Schaffung einer nationalen Stelle für die Dokumentation und Information zu Jugendfragen dringlich ist. Die Koordination im Forschungsbereich gehört heute zur minimalen Infrastruktur einer seriösen Jugendpolitik. Eine solche, die Sprachgrenzen überschreitende Stelle, könnte wesentlich zur systematischen und realitätsnahen Klärung des ständigen Veränderungen unterworfenen Geschehens im Jugendbereich beitragen und damit Grundlagen für politisches Handeln auf allen Ebenen liefern. Der Bund soll deshalb (eventuell in Zusammenarbeit mit weiteren privaten und öffentlichen Institutionen) die Bestrebungen zur Realisierung einer nationalen Dokumentations- und Informationsstelle vorantreiben und unterstützen. (1985,)
Die Jugendarbeiterausbildung (Luzern) die Ecole dÔétudes sociales et pédagogiques (Lausanne), die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV, Bern) und die Schweizerische Stiftung Pro Juventute (Zürich) schließlich gründete1986 die Arbeitsgemeinschaft "Informations- und Dokumentationsstelle für Jugendfragen" (IDJ). Die Arbeitsgemeinschaft peilte als neuformierte Initiativgruppe die Schaffung einer nationalen Informations- und Dokumentationsstelle an und leistete erste Vorarbeiten (vgl. ARBEITSGEMEINSCHAFT IDJ, 1988a). 1989 strukturierte sich die Arbeitsgemeinschaft "IDJ" zum Verein "SiSj" (Schweizerischer Informations-Service für Jugendfragen) um. "SiSj" hat inzwischen ein Datenbank mit 6000 im Jugendbereich tätigen Institutionen erstellt. Des weiteren wird ein Dokumentationsservice aufgebaut. Beide Informationsangebote sind für Fachleute und in der Jugendarbeit, Jugendpolitik Engagierte bestimmt und telefonisch, schriftlich und via Videotex zugänglich.
1990 hat "SiSj" zudem das Projekt "CIAO" übernommen. "CIAO" (Centre dÔInformation Assisté par Ordinateur) ist eine Jugenddatenbank auf Videotex. Sie wurde ursprünglich von der PTT im Rahmen des Projektes "Lebenshilfe-Datenbank" initiiert und schließlich 1988 in Zusammenarbeit mit der "SAJV" (Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände) realisiert. "CIAO" wurde zunächst in der Romandie eröffnet und dort vom SiSj-Partner "GLAJ" (Groupe de Liaison des Associations de Jeunesse Vaudoise) betreut. Im Frühjahr 1991 folgte die italienische Version. Sie wird vom "Dipartimento dei Operi Sociale" des Kantons Tessin geführt.
Seit 1995 wird das Projekt CIAO nur noch in der Romandie unter einem neuen Träger weitergeführt.Die geringe Akzeptanz von Videotex (in Deutschland BTX) war ausschlaggebend daß der Kanton Tessin den Vertrag aufgelöst hat. In der Deutschschweiz konnte eine Trägerschaft gar nich t erst realisiert werden.
SiSj bietet seit Frühjahr 95 für Institutionen auch Datenbanklösungen mit up-date-Service für Instituionen an. Ein vielversprechender Versuch, die individuellen Dokumentationen der verschieden Institutionen zu systematisieren und damit einem breiten Publikum zugänglich zu machen.
Für 1996 ist ein online Angebot in Planung.
Impressum
Herausgeber:
Förderverein für Jugend- und -sozialarbeit e. V.
Rungestr. 20
10179 Berlin
Senatsverwaltung für Jugend und Familie
Am Karlsbad 8-10
10785 Berlin
Redaktion: Erika Berthold
Gestaltung und Layout:
Druck:
November 1995