Ich will einfach keine Flasche da vorne sehen'Schüler und Lehrer: Nachrichten aus verschiedenen Welten Manche Gymnasiasten hätten gern jüngere, coole Lehrer - und ahnen zugleich, dass es besser ist, wenn die Pädagogen in ihrer eigenen Welt bleiben. Von Markus Heller Was Boban betrifft, den seine Freunde Bobby nennen, so ist ihm in New York klar geworden, was er später einmal machen möchte. Es war in der Wall Street, und der 19-jährige Bobby stand vor der Börse, machte Fotos fürs Familienalbum, und dann sah er das Gebäude der Investmentbank gegenüber, und das beeindruckte ihn mächtig. J. P. Morgan stand auf dem Giebel der Bank, und seit Bobby das gesehen hat, denkt er immer nur: ¸¸J. P. Morgan, ich will zu J. P. Morgan.'' Natürlich wusste Bobby in dem Moment, dass er nach dem Urlaub wieder nach Ludwigsburg zurückmusste, um Abitur zu machen, und dass er anschließend natürlich noch Betriebswirtschaft oder so etwas studieren würde. Das ließe sich am besten in St. Gallen erledigen oder in Mannheim oder in Köln, erklärten sie ihm bei der deutschen Niederlassung von J. P. Morgan, und Bobby dachte: ¸¸Alles klar.'' Bobby ist der Typ in der 13. Jahrgangsstufe im Ludwigsburger Mörike-Gymnasium, der die meisten in seiner Altersstufe ein bisschen überragt; wenn er auf dem Schulhof in sein Handtelefon spricht, sieht das nicht so aus, als würde er sich ins Kino verabreden oder Mutti sagen, dass er später nach Hause kommt. Er wirkt dann ziemlich wichtig und abgeklärt, als ob er gerade wieder ein Geschäft macht, einen Deal, irgendwas mit Aktien, irgendwas mit dem Internet. Irgendwas, wovon Michael Evers nicht besonders viel versteht. Wenn Evers seinem Schüler bei den Ritualen des Erwachsenwerdens zusieht, wirkt er leicht amüsiert, aber wahrscheinlich kommt er sich auch so vor, als würde da irgendeine Entwicklung gerade an ihm vorbeigehen. Spaßeshalber hat Evers schon mal den Gedanken durchgespielt, was er seinen heute neun und 13 Jahre alten Kindern antworten würde, wenn sie später einmal fragen sollten: ¸¸Wo warst du, als Aktien waren?'' Evers lacht, wenn er von solchen Überlegungen erzählt; er lacht überhaupt öfter; er hat eine besondere Art von Humor. Eine Antwort aber hat er sich noch nicht zurechtgelegt. Manchmal, wenn der 50-jährige Evers daheim aus seinem Keller auftaucht, in dem er kleine Echsen züchtet (¸¸Man braucht schon eine Ecke, die ein bisschen von den Schülern entfernt ist.''), denkt er, dass die jungen Leute zu seiner Zeit anders drauf waren. Politisch interessiert sowieso, aber auch intellektuell viel anspruchsvoller. Davon ist nicht viel zu spüren bei den meisten seiner Schüler. Na gut, Bobby liegt zwar jedem damit in den Ohren, dass er ¸¸Newsweek'' liest und das ¸¸Wall Street Journal'', aber dass er weitergehende Interessen verfolgt, als mal einen Haufen Geld zu verdienen und damit feine Dinge zu kaufen, lässt sich im Moment kaum behaupten. Da ist Melanie (19), die nach der Schule erst mal Oliver Geissen, Birte Karalus und Bärbel Schäfer durchsieht und Wert darauf legt, der ¸¸TV-Total''-Generation zugerechnet zu werden und nicht der ¸¸Viva''-Generation; Stefan Raab macht ihr mehr Spaß als Musikclips. Mit der Frage nach dem ¸¸letzten guten Buch'', das sie gelesen hat, geht man ihr eher auf die Nerven, aber dass sie desinteressiert sei und sie das, was um sie herum vorgeht, kalt lässt, wäre eine glatte Lüge. Sie engagiert sich bei den Pfadfindern. Natürlich hätten Bobby und Melanie gern mehr jüngere Lehrer - der Altersdurchschnitt an ihrer Schule liegt bei 50 Jahren -, Lehrer also, von denen sie glauben, dass sie ¸¸mehr rüberbringen'' und ¸¸noch motiviert sind'' und ¸¸Innovation leisten''. Vor langer, langer Zeit, als Evers 35 Jahre alt war, erinnert er sich, stand er noch bei Rockkonzerten herum, trank auch mal ein Bier mit, aber man wird eben älter und kann nicht mehr bei allem mitmachen. Das ist auch gut so, sagt Evers lachend, und dass er sich als Lehrer mittlerweile eher in der Rolle einer Eiche sehe, an der sich die Säue, also die Schüler, reiben könnten. Wer sich eine Weile unter den Schülern von Michael Evers' Englischleistungskurs umhört, kann den Eindruck gewinnen, dass man nicht unbedingt alt sein muss, um zu glauben, früher sei vieles besser gewesen. Wie Bobby beklagt auch die 19-jährige Katrin, dass die Fünftklässler heute keinen Respekt mehr vor ihnen kennen würden, vor ihnen, die doch nun schon erwachsen seien oder immerhin fast. Ohne Rücksicht liefen die Kleinen auf dem Schulhof mittlerweile auf sie zu, riefen ihnen ¸¸Aus dem Weg, Alter'' oder Schlimmeres zu und rempelten, was das Zeug hält. Wenn das so weitergehe, sagt Katrin, sehe sie für die Zukunft schwarz, weil ¸¸immer weniger Werte'' vermittelt würden. ¸¸Ist doch krass, dass selbst die jungen Schüler mittlerweile alle mit Zeug von Helly Hansen und Schuhen von Buffalo herumlaufen''; zu ihrer Zeit, sagt sie mit einem Anflug von Wehmut, habe man sich vor der siebten Klasse nicht dafür interessiert, welche Marke auf der Hose klebt. Als Katrin, die einmal in der Woche im Stuttgarter Jugendhaus Mitte jobbt, in der elften Klasse Stress mit ihrem Freund hatte und die Beziehung auseinander ging, hütete sie sich davor, sich vertrauensvoll an einen Lehrer zu wenden. Vielleicht waren die Lehrer in ihren Augen auch einfach nur uncool, denn Katrin unterscheidet die Menschen gern in welche, die cool sind, und welche, die es nicht sind. Vielleicht waren die Lehrer auch einfach nur Lehrer, und denen erzählt man keine allzu intimen Dinge; schließlich handelt es sich um eine geschäftsmäßige Beziehung, und da ist es meistens besser, wenn es nicht zu persönlich zugeht. Liebeskummer bespricht man also besser mit Gleichaltrigen und als Katrin von der Schule das Angebot gemacht wurde, die Angelegenheit im Beisein des Beratungslehrers zu klären, sagte sie ¸¸passt schon'' und winkte ab. Jeder, der versuche, sich ihrer Generation anzunähern, verliere seine Autorität, sagt Melanie im Hinblick auf Lehrer, die sich anbiedern, und das sieht Evers ganz ähnlich. Deswegen verzichtet er auch darauf, Popsongs im Unterricht zu analysieren, auf die seine Schüler stehen: ¸¸Damit würde ich die Musik für die doch kaputtmachen.'' Die Hemdsärmeligkeit der 70er Jahre, findet Evers, war falsch, die überverständnisvollen Pädagogen, schließlich stünden Lehrer und Schüler auf verschiedenen Seiten. ¸¸Sonst kommt es dem Schüler ja so vor, als ob er gegen Schaumgummi läuft.'' Das sieht wiederum Melanie auch so. ¸¸Ich könnte keine Flasche da vorne in der Klasse haben'', sagt sie, ¸¸der Lehrer sollte schon Autorität ausstrahlen.'' Wahrscheinlich werden die Schüler bei Gymnasiallehrer Evers also gar nicht einmal schlecht bedient. |
|
© Stuttgarter Zeitung online - Stuttgart Internet Regional GmbH, 2000 |