Werner Stangls Lehrtext.Sammlung
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Das Verhältnis zwischen Philosophie und Naturwissenschaften war in Deutschland im späteren 19. Jahrhundert voller Spannungen, die vielfach bis heute noch nachwirken. Es sind vor allem drei Entwicklungen, die in philosophiehistorischen Darstellungen dieser Zeit im Vordergrund stehen: einmal die Kritik der Naturwissenschaften an der Philosophie des Deutschen Idealismus und speziell an der Naturphilosophie, dann die maßgeblich von Naturwissenschaftlern angestoßene Rehabilitierung der Philosophie als Erkenntnistheorie und schließlich die Neubestimmung und Fundierung der Geisteswissenschaften und ihre Abgrenzung und Absetzung von den Naturwissenschaften. (Vgl. z.B. Schnädelbach 1983)
Mit dem Aufschwung der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert ? so wird der erste Entwicklungsstrang oft dargestellt ? fand naturwissenschaftliches Denken immer mehr Eingang in das allgemeine Bildungsbewußtsein und geriet in Gegensatz zur traditionellen Philosophie. Auf naturwissenschaftlicher Seite wurde der Physiologe und Physiker Hermann von Helmholtz (1821?1894) lange Zeit zum Wortführer der Auseinandersetzung. Seine Kritik an Schelling und Hegel, aber auch allgemein des Idealismus und jeder Metaphysik, war von enormem Einfluß und wurde zum Topos der Kritik der Naturwissenschaften an der Philosophie schlechthin. Den Grundfehler aller schlechten Philosophie sah Helmholtz in der Annahme, man könne Ñdie Zahl unserer Kenntnisse durch das reine Denken Ö vermehren", ohne auf die Erfahrung zurückzugreifen. (Helmholtz 1855, 368) Der Philosophie hätte es nach seiner Meinung besser angestanden, an den Grundsätzen Kants festzuhalten und sich auf die Aufgabe zu beschränken, Ñdie Quellen unseres Wissens und den Grad seiner Berechtigung zu untersuchen".
Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen gestand Helmholtz damit ein, daß der Philosophie bei aller Kritik doch eine legitime Aufgabe bleibt. Diese Aufgabe kann jedoch nicht angemessen erfüllt werden, wenn man die Philosophie mit dem methodischen Materialismus der Naturwissenschaften gleichsetzt, wie das zu seiner Zeit ebenfalls häufig getan wurde. Damit schafft man nur eine neue metaphysische Position und begeht wieder denselben Fehler wie die kritisierte Philosophie. Mit dieser Einstellung eröffnete sich Helmholtz eine Philosophie des empirischen Erkennens, die jenseits des Materialismus in der Art von Büchner und Moleschott und des Idealismus von Schelling und Hegel angesiedelt ist.
Helmholtz blieb dabei nicht im Programmatischen stecken, sondern stellte sich der Herausforderung, seine Auffassung näher auszuführen. So wurde er auch für die zweite der obengenannten Entwicklungslinien maßgebend, die Rehabilitierung der Philosophie als Erkenntnistheorie. Eine Schlüsselfunktion nahm dabei für ihn die Theorie der Wahrnehmung ein, die er als den Punkt bezeichnete, Ñan dem sich Philosophie und Naturwissenschaften am nächsten berühren". (Helmholtz 1855, 370) Der Neukantianismus machte es sich in der Folge zu leicht, dieses Programm ausschließlich an seiner Vereinbarkeit mit Kants Vernunftkritik zu messen und als unerlaubte Naturalisierung und physiologische Umdeutung des Apriori zu verwerfen. (Eine wichtige Ausnahme bildet in dieser Hinsicht Ernst Cassirer.)
Die dritte der obengenannten Entwicklungen, die Neubestimmung des Verhältnisses der Geisteswissenschaften zu den Naturwissenschaften im späten 19. Jahrhundert, führte zu einem tiefgreifenden Wandel des Wissenschaftsverständnisses. Hier ist nur an Dilthey, Windelband, Rickert zu erinnern, aber auch an Lange und du Bois-Reymond, Mach und Ostwald, und schließlich an Cassirer und Meyerson. Wenn in diesem Zusammenhang von Helmholtz überhaupt die Rede ist, dann in bezug auf seinen Versuch, den Empirismus und Induktivismus zur verbindlichen Wissenschaftstheorie der Naturwissenschaften zu machen.
Dabei wurde aber lange Zeit übersehen, daß Helmholtz in seiner Erkenntnistheorie viel mehr für die Grundlegung der Wissenschaften zu bieten hat als nur diese methodologischen Maximen. Seine Wahrnehmungstheorie ist eng mit einer Theorie der ÑBegreiflichkeit" der äußeren Natur und der inneren, psychischen Vorgänge verbunden, die das handelnde Eingreifen in die Natur in den Mittelpunkt stellt. Die Wahrnehmungstheorie wird also auch als eine handlungstheoretisch begründete Theorie der Wissenschaft aufgefaßt. Wie das erkennende Subjekt durch sein Handeln zwischen eigenbestimmter, freier Innenwelt und fremder, sich dem Willen aufzwingender Außenwelt ? dem ÑGedachten" und dem ÑWirklichen" ? unterscheidet, so teilt sich nach Helmholtz' Meinung die Wissenschaft auf in die Geistes- und Naturwissenschaft. Die Naturwissenschaft ist dabei definiert als die Wissenschaft von den Vorstellungen, die sich uns als fremder Zwang aufdrängen, die also nicht durch die Spontaneität unseres Vorstellungsvermögens erzeugt sind. Wie der Sehende die Wahrnehmung des Wirklichen durch Schlüsse aus den subjektiven Empfindungen erst konstruiert, hat der Naturwissenschaftler das verborgene Gesetz der Wirklichkeit erst aus den Erscheinungen zu erschließen. ÑDas Gesetzmäßige ist daher die wesentliche Voraussetzung für den Charakter des Wirklichen." (Helmholtz 1878, 246) Naturwissenschaft kann also auch als Gesetzeswissenschaft definiert werden.
Die Geisteswissenschaft hingegen beschäftigt sich mit dem Anteil unserer Empfindungen und Vorstellungen, der nicht auf äußere Ursachen, sondern auf die eigene innere Tätigkeit zurückgeht. Sie ist deshalb in letzter Hinsicht als Psychologie aufzufassen. Da wir einen freien Willen besitzen, ist der entscheidende Teil der psychischen Vorgänge nicht auf strenge Gesetze zurückführbar. Die Geisteswissenschaft muß sich also anderer Methoden bedienen als die Naturwissenschaft, etwa der Ñkünstlerischen Induktion" oder des Ñpsychologischen Taktgefühls", wie Helmholtz es ausdrückte. Er trifft sich hier in vieler Hinsicht mit dem Neukantianismus, der vom unüberbrückbaren Gegensatz zwischen den nomothetischen Naturwissenschaften und den idiographischen, das Einzelne beschreibenden historischen Wissenschaften ausging, aber auch mit Dilthey, der die ÑUnvergleichlichkeit des Gesamterlebnisses der geistigen Welt mit aller Sinneserfahrung über die Natur" lehrte. (Dilthey 1883, 9) Helmholtz' Auffassung ist also keinesfalls der positivistischen Lehre von der Einheitswissenschaft zuzurechnen, die von der Einheitlichkeit alles Gegebenen ausgeht und die Unterschiede einebnet.
Nicht zuletzt erhält die Theorie von Helmholtz ihren Reiz dadurch, daß sie nicht aus einer rein philosophischen Diskussion heraus entwickelt wurde, sondern eben auch aus konkreten naturwissenschaftlichen Zusammenhängen. In dieser Hinsicht waren für Helmholtz die Theorie der Raumwahrnehmung und die Faraday-Maxwellsche Feldtheorie besonders wichtig. Beide Theorien erforderten in seinen Augen eine tiefgreifende Revision der traditionellen Begriffe von Wirklichkeit, Substanz und Wahrheit. In seiner Zeichentheorie der Wahrnehmung wird die äußere Wirklichkeit zur Konstruktion; die materielle Substanz wird in schon fast pragmatistisch zu nennender Weise als gesetzliche Ordnung der Handlungsfolgen gefaßt, und schließlich wird die Wahrheit der Naturwissenschaften als unerreichbares Ziel gesehen, an dessen Stelle die empirisch revidierbare Hypothese zu treten hat.
Die hier versammelten Texte gehen diesen Ansätzen von Helmholtz genauer nach und leisten einen Beitrag zu einem vertieften Wissenschaftsverständnis. In Hans-Ulrich Lessings Beitrag wird der starke Einfluß von Helmholtz auf Wilhelm Dilthey nachgewiesen, der für viele überraschend sein wird. Michael Heidelberger zeigt, daß Helmholtz' Erkenntnistheorie bei all ihrer Kritik an der herkömmlichen Philosophie selbst auf einer metaphysischen Grundüberzeugung beruht und eine Theorie des Selbstbewußtseins voraussetzt, die Anleihen bei Johann Gottlieb Fichte macht. Gregor Schiemann schließlich thematisiert die von Helmholtz immer stärker betonte Relativierung des Wahrheitsanspruchs der Wissenschaften und vergleicht die sich daraus ergebende Wissenschaftsauffassung mit der Erkenntnislogik von Karl Popper.
Die Aufsätze beruhen auf Vorträgen der Autoren, die sie aus Anlaß des 100. Todestages von Helmholtz am 9./10. September 1994 auf einem Symposium in der Humboldt-Universität gehalten haben. Gedankt sei Volker Gerhardt und Herbert Schnädelbach für die Organisation.
Michael Heidelberger
Literatur:
Dilthey, Wilhelm (1883), Einleitung in die Geisteswissenschaften, 7. unv. Aufl., Stuttgart 1973.
Helmholtz, Hermann von (1855), ÑUeber das Sehen des Menschen", Vorträge und Reden, 3. Aufl., 1. Bd., Braunschweig 1884, 365?396.
Ders. (1878), ÑDie Thatsachen in der Wahrnehmung", Vorträge und Reden, 3. Aufl., 2. Bd., Braunschweig 1884, 217?251.
Schnädelbach, Herbert (1983), Philosophie in Deutschland 1831-1933, Frankfurt/M. 1983.
Quelle: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 5/1995,
815-817
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