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Prämissen
der Drogenpolitik
Erik
Fromberg, Franz Trautmann
Einleitung
Im
Gros der Veröffentlichungen zum Thema Drogen finden ausschließlich
die negativen Eigenschaften dieser unter diesen Begriff gefaßten
psychoaktiven Substanzen Beachtung. Der Konsum dieser Stoffe wird in der
Regel nur in seinem problematischen Gehalt, als riskante und schädliche
Handlung, wahrgenommen. Psychoaktive Stoffe werden in Begriffen wie Drogen
und Rauschgifte reduziert erfaßt. Damit wird ein essentieller Teil
ihrer Realität ausgeblendet. Eine rationale Auseinandersetzung mit
diesem Thema ist aus diesem einseitigen, von nicht-reflektierten Wertungen
bestimmten Blickwinkel nicht möglich. In eine Diskussion über
das Für und Wider von Drogenkonsum, über Inhalte und Position
von Drogenpolitik in dem Spektrum zwischen Prohibition und Legalisierung,
müssen - stellt man sich eine (einigermaßen) ausgewogene Stellungnahme
zum Ziel - sowohl die (möglichen) negativen als auch die (möglichen)
positiven Eigenschaften von Drogen einbezogen werden. Diese Forderung gilt
für die heute verbotenen Stoffe, wie Cannabis, MDMA und andere Designerdrogen,
Heroin und Kokain genauso wie für die legalen Mittel Alkohol, Tabak
und Kaffee.
Die
negative Einstellung gegenüber (illegalen) Drogen wird reflektiert
in der negativen Bewertung des Konsums. Drogenkonsum gilt als krankhafter
Versuch, Realität zu meistern oder der Realität zu entfliehen,
als aus frühkindlichen Schädigungen zu erklärendes Fehlverhalten,
etc. Konsequenterweise wird hier ausgeblendet, daß gegenwärtig
als Drogen negativ qualifizierte Substanzen durchaus auch aus positiv bewertbaren
Motiven verwendet werden können, daß sie für den Konsumenten
positive Eigenschaften haben. Ein Beispiel dafür sind die Opiate,
die - unter anderem - eine hoch-potente Heilmittelqualität haben.
Die Geschichte der Opiate belegt nicht nur, sondern verschafft zudem Einblick
in die Entwicklung der negativen Bewertung dieser Stoffe.
Die
Opiatgeschichte
Ausgrabungen
von Resten neolithischer Siedlungen in der Schweiz, aus der Cortaillod-
Kultur (3200-2600 vor Christus), zeigen, daß bereits damals Papaver
kultiviert wurde, wahrscheinlich wegen des Nährwertes der Mohnsamen,
die zu 45 Prozent aus Öl bestehen. Unzweifelhaft ist damals auch bereits
die leicht narkotische Wirkung dieser Pflanze entdeckt worden (Merlin 1984).
Die stark narkotische Wirkung der milchigen Substanz, die man erhält,
wenn man die Schale der Mohnkapseln ritzt, und die in getrockneter Form
als Opium bekannt ist, dürfte nicht viel später entdeckt sein.
Die Schriften von Theophrastus aus dem dritten Jahrhundert vor Christus
sind die erste schriftliche Quelle aus dem Westen, in der Opium erwähnt
wird.
Ärzten
aus Arabien waren die heilsamen Effekte von Opium wohl bekannt, und arabische
Händler verbreiteten es im Osten. In Europa wurde es von Paracelsus
(1493-1541) introduziert. Und so konnte der Engländer Sydenham in
1680 schreiben: "Among the remedies which it has pleased Almighty
God to give to man to relieve his sufferings, none is so universal and
so efficacious as opium."
Opium
wurde bis Ende des 19. Jahrhunderts in breitem Rahmen als Heilmittel verwendet.
Das war allerdings in einer Zeit, in der ein an eindeutige Regeln und gesetzliche
Bestimmungen gebundener ärztlicher oder pharmazeutischer Stand nicht
existierte. Es stand jedermann frei, Opium zu produzieren, zu importieren,
oder zu verkaufen. Der orale Konsum von Opium, entweder in Tabletten- oder
- häufiger - in flüssiger Form, als sogenanntes Laudanum, einer
Opiumtinktur, oder als Paregoric, einer Kampfer-Opium-Tinktur, war weit
verbreitet. Man sah darin nichts besonderes. In einer Zeit, in der es kaum
wirksame Medikamente gab, war Opium eines der wenigen Mittel, das, wenn
auch nicht kurativ, dann aber doch zumindest palliativ Wirkung zeigte.
Es ist denn auch nicht verwunderlich, daß die Verwendung von Opium
als Heilmittel nicht selten fortgesetzt wurde, wenn der unmittelbare Anlaß
nicht mehr gegeben war; eine Situation, die durchaus vergleichbar ist mit
der Verwendung van zum Beispiel Benzodiazepines in der heutigen Zeit. Opium
wurde als 'Trostspender' in allen Schichten der Gesellschaft verwendet.
Mitte
des 19. Jahrhunderts begann - hauptsächlich in England und den Vereinigten
Staaten - die Problematisierung des Konsums von Opium (und seinen Derivaten).
Zu Anfang war es praktisch ausschließlich der Konsum in der Arbeiterklasse,
der Besorgtheit erregte und mehr und mehr negativ bewertet wurde. Verschiedene
Faktoren waren in diesem Prozeß bestimmend. Neben einiger tatsächlich
problematischer Aspekte des weitverbreiteten und nicht-regulierten Opiumkonsums
- so führte die Tatsache, daß Laudanum-Tinktur von verschiedenen
'Drogisten' mit unterschiedlichem Opiumgehalt produziert wurde im Zusammenhang
mit der wachsenden Mobilität der Arbeiter zu Überdosisfällen
- spielten wirtschaftlich, rassistisch, moralistisch und religiös
motivierte Argumente eine wichtige Rolle (Berridge und Edwards 1981). So
war zum Beispiel von Opium als stimulierendem Mittel die Rede, womit suggeriert
wurde, daß Opium nicht als Heil- sondern als Genußmittel verwendet
wurde. Die Ärzte spielten in diesem Zusammenhang eine prominente Rolle.
Sie setzten sich im Rahmen ihrer professionellen Profilierung - Mitte des
19. Jahrhunderts - als in einer eigenen Standesorganisation vereinigten
Berufsgruppe vehement dafür ein, daß 'Gifte' - unter anderem
Opium, das in diesem Zusammenhang eine wichtige weil öffent lichkeitswirksame
Rolle spielte - nur noch auf ihre Veranlassung erhältlich sein sollten.
Diese professionelle Profilierung des 'Ärztestandes' bedeutetet also
auch (den Anspruch auf) Monopolisierung der medikamentösen Behandlung.
'Medizinische Verwendung' sollte nach Auffassung der Mediziner heißen,
daß Ärzte das Alleinrecht, Opium zu verschreiben und zu verabreichen,
haben.
Die
Einführung des Suchtbegriffs - nicht nur im Zusammenhang mit Opium-
sondern auch mit Alkoholkonsum - trug zu der notwendigen Mobilisierung
der Öffentlichkeit bei. Sucht wurde als Krankheit definiert, deren
Behandlung ausschließlich der Kompetenz der Ärzte zugeordnet
wurde (Enfield 1992; Yvorel 1972). Sucht blieb allerdings eine der Krankhei
ten, bei deren Behandlung das Ausbleiben der Heilung - im Gegensatz zu
dem allgemein üblichen Standard - nicht auf das Versagen des Arztes
oder der Medizin, sondern auf das Versagen des Patienten zurückgeführt
wird.
Selbstverständlich
widersetzten sich die Verkäufer von Opium - die Vorläufer der
heutigen Apotheker - gegen diese Monopolisierung. Dieser Widerstand dauerte
allerdings nicht lan ge. Auch die Apotheker gründeten im Rahmen ihrer
professionellen Profilierung eine ei genständige Standesorganisation.
Auch hier stand die Forderung zentral, daß der Verkauf von Giften
nur anerkannten Apothekern gestattet sein sollte. Und auch hier war die
Kon trolle des Verkaufs von Opium ein wichtiges, weil publikumswirksames
Thema. Diese Bemühungen von Ärzten und Apothekern resultierten
in England in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der ausschließlich
im medizinischen Rahmen zugelassenen Verwendung von Opium und seinen Derivaten,
wie zum Beispiel Morphium, Kodein und - später - Heroin. Die Geschichte,
wie funktioneller, eingebürgerter Konsum von - unter anderem - Opium
zu einem Problem wurde, ist ausführlich und eindrucksvoll in dem monumentalen
Werk 'Opium and the people' von Virginia Berridge und Griffith Edwards
beschrieben (Berridge und Edwards 1981).
Drogenkonsum
mehrdimensional
Dieser
kurze historische Exkurs beleuchtet die Hintergründe des Umschlags
der Bewertung von - unter anderem - Opium. Was erst als Heilmittel in hohem
Ansehen stand, wurde in nerhalb von wenigen Jahrzehnten beinahe ausnahmslos
negativ als 'Droge' angesehen. Dieser verengte Blickwinkel blendet andere
Verwendungszwecke als - negativ bewerteten - Genuß beinahe völlig
aus, den vorhandenen Belegen für ein breiteres Verwendungsspektrum,
zum Beispiel als Heilmittel, zum Trotz. Der Einsatz von Morphium aber auch
von anderen Opiaten, bis hin zum Heroin, als Analgetika in der gegenwärtigen
Medizin unterstreicht die Bedeutung, die diese Gruppe psychoaktiver Stoffe
bis heute hat. Für andere illegale psychoaktive Stoffe gilt das Gleiche:
Cannabis kann unter anderem wirkungsvoll eingesetzt werden in der Behandlung
von Glaukom, AIDS, etc. (Grinspoon und Bakalar 1994), MDMA (XTC) im Rahmen
von Psychotherapie (Greer und Strassman 1985; Greer und Tolbert 1986).
Drogen
sind also - wie ihre medizinischen Verwendungsmöglichkeiten zeigen
- im Hinblick auf die Motive für ihren Konsum keine eindimensionale
Realität. Neben der negativ gewerteten Dimension der Realitätsflucht
und der medizinischen Verwendbarkeit können Drogen, ob es nun um Opiate,
Kokain oder Cannabis geht, durchaus - ohne ernsthafte Probleme einer unkontrollierten
Abhängigkeit (Murphy u.a. 1989; Cohen 1989; Cohen und Sas 1993) oder
irreversibeler Gesundheitsschäden - auch als Genußmittel verwen
det werden. Sie können wegen ihrer entspannenden aber auch wegen ihrer
berauschenden Wirkung konsumiert werden. Drogenkonsum kann außerdem
auch im Hinblick auf religiöse/transzendente Erfahrungen eine Funktion
haben. Die Effekte bestimmter Mittel auf das Bewußtsein, die Beeinflussung
der Wahrnehmung sind in diesem Rahmen bestimmend. Das heißt, der
Konsum psychoaktiver Stoffe ist eine komplexe, vielschichtige Realität,
er kann unterschiedliche Funktionen haben.
Drogenkonsum
als Ritual
Neben
den bereits erwähnten Verwendungszwecken - als Genuß- und als
Heilmittel - können psychoaktive Stoffe auch im Rahmen von - religiösen
oder anderen - Ritualen verwendet werden. Dafür gibt es gerade in
nicht-westlichen Kulturen sehr eindrucksvolle Beispiele. In diesem Rahmen
sieht man nicht selten, daß die Kontrolle der psychoaktiven Stoffe
und ihres Konsums einer Person obliegt, die aus westlicher Sicht vielfach
geringschätzig als 'Medizinmann' bezeichnet wird. In der Regel handelt
es sich hier um Konsumformen, in denen - ähnlich dem Opiumkonsum in
unseren Breitengraden vor ein/zwei Jahrhunderten - medizinische und rekreative
Verwendung problemlos mit einander verbunden sind. Dieser Konsum wird vielfach
mit dem Begriff 'Ritual' bedacht, wobei dieser allerdings nicht im exklusiv-religiösen
Sinn interpretiert, sondern als ein an bestimmte Regeln gebundenes Element
einer Kultur verstanden werden sollte. Harding und Zinberg definieren Ritual
in diesem Zusammenhang als "the stylised, prescribed behaviour surrounding
the use of drugs" (Harding und Zinberg 1977). An Hand von ein paar
Beispielen kann dies illustriert werden.
So
findet zum Beispiel der Konsum von Khat in Jemen in einem sozialen Kontext
statt, der dem rekreativen Alkoholkonsum in der westlichen Kultur ähnelt
(Kennedy 1987). Nach der Arbeit, die früh am Morgen beginnt und gegen
Mittag endet, geht man auf den Markt, kauft ein Bündel Khat, trifft
sich dann mit Bekannten in einem eigens für den Kahtkonsum bestimmten
Raum, und verbringt den Nachmittag Khat kauend im Bekanntenkreis. Man unterhält
sich in entspannter Atmosphäre beim Genuß einer Portion Khat,
ähnlich wie man sich im Westen bei einem Glas Bier oder Wein unterhält.
Ähnliches
gilt für den Konsum von Kava (Piper mythisticum) in Ozeanien. Einer
der ersten Berichte über den Kavakonsum, von Foster, einem jungen
Biologen, der zum Stab von Cook auf dessen zweiten Reise über den
Stillen Ozean gehörte, beschreibt, wie zwei neue Freunde sich treffen,
um ihre Freundschaft mit einem Becher Kava zu besiegeln. Sie tun das in
der für sie imponierendsten, vielleicht von ihnen sogar als heilig
geachteten, Umgebung, die sie finden können, in der Kabine von Cook
an Bord der "Resolution". Zusammen Kava trinken fungiert nach
wie vor nicht selten als symbolische Bestätigung von Brüderlichkeit
und Kameradschaft, sowohl zwischen Leitern und ihren Anhängern, zwischen
Vorgesetzten und Untergebenen, als zwischen Freunden (Lebot u.a. 1992).
Eine vergleichbare Funktion hat der Tabakkonsum bei den nordamerikanischen
Indianern, bei uns nicht selten simplifizierend als Rauchen der Friedenspfeife
bekannt.
Der
Konsum von Betelnüssen in Südostasien und großen Teilen
von Ozeanien ähnelt dagegen mehr dem bei uns gebräuchlichen Konsum
von Tabak und Kaffee. Das gleiche gilt für den Konsum von Kokablättern
bei den Andes-Indianern. Man konsumiert der angenehm, leicht aufputschenden
Wirkung wegen.
Ein
Beispiel eines anderen Bezugsrahmens, in dem der Konsum psychoaktiver Substanzen
als Ritual sich abspielen kann, ist die Verwendung des Extraktes der westafrikanischen
Tabernanthe Iboga bei Initiationsriten geheimer Zirkel, von denen der Bwiti-Kult
am bekanntesten ist.
Die
Verwendung von Fliegenpilzen bei den sibirischen Schamanen läßt
sich dagegen wiederum gut vergleichen mit der Verwendung von Halluzinogenen
wie Ayahuasca, Ololiuqui und anderen Aufbereitungen von Kräutern,
Kakteen und Pilzen in der 'Neuen Welt'. Aus unserer Perspektive ist der
Rahmen, in dem dieser Konsum sich abspielt, in erster Linie medizinisch-religiös
bestimmt. Dies sagt allerdings mehr über unsere Horizontverengung
als über die große, mehr Bedeutungen umfassende Rolle, die dieser
Konsum in anderen Kulturen gespielt hat und spielt.
Zusammenfassend
kann man festhalten, daß in allen Kulturen psychoaktive Substanzen,
was auch immer ihre jeweilige Wirkung ist, eine wichtige Funktion haben.
Das ist nicht nur auf die psychoaktive Wirkung des Stoffes zurückzuführen,
sondern auch auf die Tatsache, daß der Konsum von Regeln bestimmt
ist (Szasz 1980; Grund 1993). Das heißt, es geht hier um rituellen
Konsum, wie unterschiedlich die - vielfach ungeschriebenen - Regeln auch
sein mögen.
Harding
und Zinberg charakterisieren diese Regeln wie folgt:
"1.
They define and approve controlled use and condemn compulsive use.
2.
They limit use to physical and social settings conducive to a positive
drug experience.
3.
They incorporate the principle that use should be kept infrequent enough
to avoid dependence/addiction and to maximize the desired drug effect.
4.
They identify potential untoward drug effects and prescribe relevant precautions
to be taken before and during use.
5.
They assist the user in interpreting and controlling his drug high."
(Harding und Zin berg 1977)
Es
dürfte deutlich sein, daß diese Regeln, die die Autoren des
Zitats im Zusammenhang mit dem Konsum von illegalen psychoaktiver Stoffe
erstellt haben (das in dem Original vor kommende Wort 'illegal' ist hier
absichtlich weggelassen E.F./F.T.), auch auf den Konsum legaler Substanzen
wie zum Beispiel Alkohol angewendet werden können.
Drogenkonsum
als Realitätsbewältigung
Aus
dem vorhergehenden kann man schließen, daß - aus einer kulturhistorischen
Perspektive - der Konsum psychoaktiver Stoffe im allgemeinen als Ritual
beschrieben werden kann, wobei im Grunde genommen unwichtig ist, ob der
Konsum als 'medizinisch', als 'rekreativ' oder als 'religiös' definiert
wird. Der Konsum kann dabei verschiedene Funktionen haben, die im vorhergehenden
- mehr oder weniger explizit - bereits angesprochen worden sind.
Diese
Funktionen können zwei Kategorien subsumiert werden, wobei zwischen
einer konkreten und einer symbolischen Funktion unterschieden wird. Bei
der konkreten Funktion kann Realitätsbewältigung als zentraler
Begriff fungieren. Darunter können verschiedene Funktionen gefaßt
werden: Der Konsum psychoaktiver Stoffe kann der Entspannung dienen, das
heißt die Substanzen werden als Genußmittel verwendet. Hierfür
gibt es viele Beispiele: die Zigarette bei der Arbeit, das Glas Bier oder
der Joint nach der Arbeit, usw.
Psychotrope
Stoffe können - wie bereits erwähnt - auch als Heilmittel verwendet
werden. Dabei geht es häufig nicht um Heilung im eng gefaßten,
wörtlichen Sinn, sondern um Linderung. Ein Beispiel dieser palliativen
Verwendung ist der ob seiner Effektivität nach wie vor unumstrittene
Einsatz von Morphium als Schmerzmittel. Psychoaktive Stoffe sind zudem
entsprechend ihrer das Bewußtsein beeinflussenden Wirkung von großer
Bedeutung im Rahmen der Behandlung psychischer Probleme. Das gilt nicht
nur für die heute legalen Psychopharmaka, wie zum Beispiel die Benzodiazepine.
Auch verschiedene gemäß den aktuellen gesetzlichen Bestimmungen
illegalen Drogen können in diesem Rahmen erfolgreich angewendet werden,
zum Beispiel bei der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen (Caldwell 1968;
Greer und Tolbert 1986).
Eine
medikamentöse Verwendung von psychotropen Stoffen ist übrigens
nicht nur dann gegeben, wenn die Mittel vom Arzt verschrieben und vom Apotheker
verabreicht werden. Selbst-Medikation kann - und darf - als legitime und
adäquate Möglichkeit nicht einfach ausgeschlossen werden. Dies
gilt nicht nur für legale, nicht-rezeptpflichtige Substanzen. Auch
im Bereich des Konsums rezeptpflichtiger oder sogar illegaler Drogen kann
diese Realität nicht außer acht gelassen werden. So gibt es
zum Beispiel Fallbeschreibungen zu der effektiven Verwendung von Heroin
als Antipsychotikum (z.B. Van Epen 1978, S. 109/10). Zudem sollte man in
diesem Zusammenhang auch realisieren, daß die Verschreibung von psychoaktiven
Substanzen durch einen Arzt nicht gleichbedeutend ist mit der Verwendung
dieser Substanzen als Heilmittel im engeren Sinne. So kann der in der Bevölkerung
viel vorkommende langfristige Konsum von Psychopharmaka - hauptsächlich
von Beruhigungs- und Schlaftabletten - durchaus als gleichbedeutend mit
dem Konsum illegaler Drogen gleichbedeutend qualifiziert werden.
Unter
den Nenner Drogenkonsum als Realitätsbewältigung kann auch die
Verwendung von - legalen wie illegalen - psychotropen Stoffen mit dem Ziel,
die Leistung(sfähigkeit) zu fördern, gefaßt werden. Bekannte
Beispiele sind Aldous Huxleys LSD-Konsum und Sigmund Freuds Kokainkonsum.
Andere Beispiele sind der Amphetaminkonsum von Fernlastwagenfahrern in
Australien und der Konsum von Tranquillizern unter streßgeplagten
Berufsgruppen.
Die
Verwendung psychoaktiver Stoffe zum Zweck der Realitätsbewältigung
wird nicht selten negativ beurteilt, insbesondere wenn es um illegale Drogen
geht. Letzteres gilt unter anderem für die Verwendung dieser Substanzen
als Genußmittel. Man weist Cannabis- und XTC-Konsum ab, akzeptiert
aber Alkohol- und Tabakkonsum, obgleich Alkohol und Tabak nachweislich
die Gesundheit stärker beeinträchtigen als Cannabis und Opiate,
unter anderem in Form irreversibeler Organschäden. Auch die Verwendung
illegaler psychotroper Stoffe als Heilmittel wird in der Regel negativ
gewertet. Die medikamentöse Anwendung legaler Mittel, wie zum Beispiel
Beruhigungs- und Schlaftabletten, ist dagegen in der Regel akzeptiert.
Allerdings wird in der Öffentlichkeit der langfristige, so gut wie
unkontrollierte Konsum dieser Mittel mehr und mehr problematisiert und
kritisiert. Die Verwendung psychoaktiver Stoffe zur Leistungsförderung
wird eher generell negativ gewertet, wie die immer wieder unter dem Reizwort
'Dopingaffären' in den Media auftauchende Berichterstattung belegt.
Symbolische
Funktion von Drogenkonsum
Wie
weiter oben bereits angesprochen wurde, kann der Konsum psychoaktiver Substanzen
auch eine symbolische Funktion haben. Ein Beispiel ist die unter anderem
in den meisten westeuropäischen Ländern weit verbreitete Gewohnheit:
Morgens der Kaffee als Markierung des Übergangs von Entspannung zur
Aktivität, von Freizeit zur Arbeit, und umgekehrt nachmittags ein
Glas Wein oder Bier als Markierung des Übergangs von Aktivität
zur Entspannung, von Arbeit zur Freizeit. Neben der spezifischen Wirkung
des Stoffes - Kaffee als 'Upper', Alkohol als 'Downer' - spielt hier
die - im Konsumritual - gefaßte symbolische Funktion eine Rolle.
Drogenkonsum
hat zudem auch Bedeutung als Bestätigung sozialer Bezüge. Dies
gilt in kleinem, inter-individuellem Rahmen, wie das oben erwähnte
Beispiel des Kavakonsums zeigt. Es gilt auch in größeren, zum
Beispiel (sub-)kulturellen Rahmen, als Bestätigung der Gruppenzugehörigkeit.
Letzteres kann an Hand des Drogenkonsums amerikanischer Soldaten in Vietnam
illustriert werden. Grob gesagt nahmen Soldaten, die den Krieg befürworteten
ihre Zuflucht zum Alkohol, wogegen die Kriegsgegner Heroin bevorzugten.
In beiden Fällen ging es wohl primär um Entspannung, um Verarbeitung
traumatischer Erfahrungen, um Realitätsbewältigung im permanenten
Ausnahmezustand des Kriegsalltags, umgeben von einer fremden Kultur, umgeben
von potentiellen Feinden, das heißt um Rausch und Lust gegenüber,
Realitätsflucht aus dem angsterzeugenden Kriegsalltag. Die Funktion
des Konsums beider Mittel ist einerseits deckungsgleich, nämlich Realitätsbewältigung;
andererseits hat die Wahl des Mittels - bestimmt von sozialen, (sub-)kulturellen
Faktoren - eine die Gruppenzugehörigkeit bestätigende Funktion
(Vgl. Robins 1974; Robins u.a. 1975; Zinberg 1979).
Droge,
Set und Setting
Das
Beispiel des Heroinkonsums amerikanischen Soldaten in Vietnam ist aber
noch in einer anderen Hinsicht bemerkenswert. Wie Untersuchungen zeigen,
hat eine stattliche Anzahl amerikanischer Soldaten in Vietnam im Rahmen
einer für sie ungewohnten sozialen Situation, der extremen Erfahrung,
an einem Krieg in einer unbekannten und feindlichen Umgebung teilzunehmen,
regelmäßig Heroin konsumiert. Das Gros dieser Soldaten konnte
allerdings nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten den Heroinkonsum
ohne nennenswerte Probleme wieder aufgeben (Vgl. Robins 1974; Robins u.a.
1975; Zinberg 1979). Zurückgekehrt in die alte Umgebung war dieser
Drogenkonsum nicht mehr funktionell.
Das
heißt, Sucht läßt sich nicht auf die Eigenschaften des
konsumierten Mittels (und auf Persönlichkeitsfaktoren) reduzieren.
Zu den verschiedenen anderen Faktoren, die in diesem Kontext eine wichtige
Rolle spielen, muß auch die Situation, in der der Konsum stattfindet,
und die im Rahmen dieser Situation entwickelte individuelle Wertung des
Konsums des verwendeten Mittels, das heißt die Bedeutung, die dieser
Konsum für das Individuum hat, gerechnet werden. Im Bereich der Schmerzbekämpfung
bei Krebspatienten zum Beispiel hat die Verwendung von Morphium einen wohldefinierten
und damit eindeutigen, von einer langen Tradition bestimmten Zweck, nämlich
den eines Heilmittels. Die auf dieser Grundlage, in dieser spezifischen
Situation entwickelte Interpretation des Morphiumkonsums hat Einfluß
auf die Form, die der Konsum annimmt, und die Probleme, die der Entzug
für den Konsumenten mit sich bringt. Suchtverhalten und schwere Entzugserscheinungen
werden in diesem Rahmen denn auch selten wahrgenommen.
In
diesem Zusammenhang sollte man zudem nicht übersehen, daß der
Entzug sogar bei ein und demselben Drogenkonsumenten nicht jedesmal gleich
heftig ist (Vgl. MDHG 1987). Auch dieser Befund unterstreicht, daß
die jeweilige Situation, in der ein Drogenkonsument sich befindet, entscheidenden
Einfluß darauf hat, wie der Entzug sich darstellt. Wie schwierig
oder wie einfach ein Entzug ist, hängt damit wesentlich von der Interpretation
dieser Situation ab, von der Vorstellung, die das Individuum sich hiervon
macht, von den Erwartungen, die daran verbunden werden, und der wahrgenommenen
Zukunftsperspektive. Lindesmith's Hinweis auf den Umstand, daß die
Bekanntheit mit dem Suchtphänomen diese Erwartungshaltung beim Konsumenten
prägt und diesen dafür auch empfänglicher macht, bestätigt
das: "Morphine addiction seems to be a case in which foreknow ledge
is a dangerous thing, in the sense, that, if the drug is administered regularly,
this very knowledge aggravates susceptibility to addiction rather than
providing immunity." (Lindesmith 1968, S. 108)
Zinberg
hat auf Grund ähnlicher Befunde ein Modell entwickelt, in dem drei
Dimensionen die Form, die der Drogenkonsum annimmt, bestimmen (Zinberg
1984). Erstens die Droge selbst, das heißt ihre pharmakologische
Wirkung. Zweitens der sogenannte Set. Damit sind die individuellen - physiologischen
und psychologischen - Eigenschaften des Drogenkonsumenten gemeint. Dazu
gehört auch die im vorhergehenden angesprochene Erwartungshaltung
des Konsumenten im Hinblick auf den Entzug. Als dritte Dimension führt
Zinberg die Setting an, das heißt die Situation, in der der Konsum
stattfindet.
Dieses
Modell läßt sich an Hand eines aktuellen Beispiels, dem Konsum
von XTC, illustrieren. Dieser Stoff hat eine doppelte, einerseits entactogene
und andererseits stimulierende Wirkung. (Unter entactogen wird die 'sozialisierende'
Wirkung von XTC angesprochen, die Erfahrungen intensiver erscheinen, Hemmungen
abnehmen, ein Gefühl der Entspannung und ein Bedürfnis an sozialem
Kontakt entstehen läßt beziehungsweise verstärkt.) Bei
XTC spielen zudem die Erwartungen an das Mittel (Set) eine entscheidende,
die Wirkung beeinflußende Rolle. Beim Gros der rekreativen Konsumenten
steht die entactogene, für soziale Kontakte förderliche Wirkung
im Vordergrund. Aber auch die stimulierende Wirkung ist - im Zusammenhang
mit der Setting - wichtig. XTC-Konsum gehört zur Techno- oder House-Szene.
Es ist ein beliebtes Mittel bei Besuchern von Rave- oder House-Parties.
XTC-Konsum steigert die Ausdauer beim Tanzen, man fühlt sich länger
fit. In dieser Setting, im Rahmen der Parties ist auch die entactogene
Wirkung von Bedeutung. Diese spezifische, in eine (Sub-)Kultur eingebettete
Verwendung ist auch Rahmenbedingung für eine Ritualisierung von XTC-
Konsum (Fromberg 1991).
XTC-Konsum
beschränkt sich allerdings nicht auf die Techno- oder House-Szene.
Auch in anderen Settings spielt XTC eine Rolle, zum Beispiel als Urlaubsdroge
(Rosenbaum u.a. 1989). XTC wird auch in 'entheogenen' Settings verwendet,
als Mittel, mit Hilfe dessen man zu 'höheren Erkenntnissen' gelangen
kann. Aber auch in der therapeutischen Setting findet XTC Verwendung, zum
Beispiel als Hilfsmittel in der Psychotherapie.
Hintergründe
der negativen Bewertung von Drogen
Die
Ausführungen im vorhergehenden legen nahe, daß der Konsum -
legaler und illegaler - psychoaktiver Substanzen als Realitätsbewältigung
ein vielschichtiges Phänomen ist. Fest gehalten werden kann auch,
daß die gegenwärtig negative Beurteilung bestimmter psychoaktiver
Substanzen als Drogen und die damit einhergehende negative Bewertung des
Konsums dieser Stoffe in einer unbefriedigenden, die Wirklichkeit reduzierenden
Perspektive resultiert. Verschiedene moralische Postulate fließen
darin ein, ohne näher geprüft zu werden. Gerade im Zusammenhang
mit der Funktion Realitätsbewältigung zeigt sich das. Realitätsbewältigung
mit Hilfe von illegalen Drogen gilt als Realitätsflucht, als krankhaftes
Verhalten, vor allem, wenn es sich um regelmäßigen Konsum handelt.
Regelmäßiger Konsum legaler psychoaktiver Substanzen mit dem
Ziel der Realitätsbewältigung, insbesondere wenn diese Mittel
von einem Arzt verschrieben sind, wird dagegen nur in Ausnahmefällen
problematisiert. Daß diese negative Bewertung des Konsums bestimmter
psychoaktiver Substanzen mehr mit sozialen Normen und Werthaltungen zu
tun hat als mit objektiv feststellbaren Krankheitsdefinitionen, zeigt unter
anderem die Geschichte der Opiate: Erst als für die Medizin unerläßliches
Wundermittel gepriesen - Opium wurde im neunzehnten Jahrhundert in den
Vereinigten Staaten von Ärzten als GOM (God's own medicine) gerühmt
(Brecher u.a. 1972 S. 8.) - wurden sie später fast ausnahmslos auf
die negativ bewertete Realität Droge reduziert. Aus einem anderen
Blickwinkel besehen, kann zum Beispiel der Heroinkonsum amerikanischer
Soldaten in Vietnam als effektives Mittel, mit dem die Realität sich
bewältigen ließ, bewertet werden. Zudem kann unter derartig
extremen Umständen, in denen die Konfrontation mit traumatischen Erfahrungen
oder Erinnerungen als zu bedrohend erfahren wird und nicht verarbeitet
werden kann, Realitätsflucht angemessenes Verhalten sein. Dies alles
unterstreicht, daß psychoaktive Stoffe - wie oben ausgeführt
- eine mehrdimensionale Realität sind. Sie können aus verschiedenen
Gründen zu verschiedenen Zwecken verwendet werden, wobei die bereits
oben erwähnten unterschiedlichen Funktionen nicht scharf voneinander
getrennt werden können.
Der
gegenwärtig dominanten negativen Wertung verschiedener psychoaktiver
Substanzen als Drogen liegen verschiedene Argumente/Unterstellungen zugrunde.
Da ist einmal ein 'kalvinistisch' geprägtes Postulat, daß 'gesunde'
Realitätsbewältigung keiner Hilfsmittel bedarf. Dabei wird nicht
reflektiert, daß legale psychoaktive Mittel ebenfalls mit dem Ziel
der Realitätsbewältigung verwendet werden. Überdies gibt
es auch andere Hilfsmittel, die Menschen mit dem Ziel der Realitätsbewältigung
verwenden, zum Beispiel Religion, Meditation, Sport, Fernsehen und andere
Freizeitbeschäftigungen. Dem Dilemma, daß man, wenn man dem
kalvinistischen Postulat einer Realitätsbewältigung ohne Hilfsmittel
folgt, auch diese Aktivitäten negativ beurteilen müßte,
entgeht man mit der Unterscheidung zwischen 'gesunden' und 'ungesunden'
Formen der Realitätsbewältigung.
Ein
anderes, die negative Wertung des Konsums gewisser psychoaktiver Substanzen
bestimmendes Element ist die negative Beurteilung von Ekstase und Rausch.
Eine Erklärung dafür kann in der Abneigung gegen oder Angst vor
Kontrollverlust gefunden werden. Eine andere Erklärung läßt
sich in der religiösen Tradition festmachen. Die monotheistischen
Religionen, wie die jüdische, christliche und islamitische, sind Religionen
des Wortes. Die Offenbarung, das heißt der Zugang zu dem Übersinnlichen,
vollzieht sich über das Wort. Talmud, Bibel und Koran sind die Quelle
der Kenntnis vom Höheren. In nicht an das geschriebene Wort gebundenen
Kulturen gibt es keine schriftlich festgelegten Offenbahrungen. Das Individuum
hat Zugang zum Höheren über die direkte Erfahrung, über
einen veränderten Bewußtseinszustand, hervorgerufen durch zum
Beispiel Meditation oder Flagellation, aber auch nicht selten durch die
Einnahme von psychoaktiven Stoffen.
Dann
ist da noch die negative pharmakozentrische Interpretation von Drogenkonsum
und -abhängigkeit, die sich in ihren Erklärungen einseitig auf
die pharmakologische Wirkung des konsumierten Mittels fixiert. Dieser Interpretation
zufolge ist das Problem der Abhängigkeit der suchterzeugenden Potenz
eines Mittels zuzuschreiben. Damit wird impliziert, daß das Mittel
stärker ist als das Individuum, daß das Individuum dem suchterzeugenden
Mittel ausgeliefert ist.
Auch
in der pharmakozentrischen Interpretation taucht wieder die Angst vor Kontrollverlust
auf, ein Basiselement des Drogendiskurses. Kontrollverlust wird gefürchtet
und verachtet. Kontrollverlust gilt als Bedrohung der individuellen Eigenverantwortlichkeit,
und damit im Grunde genommen als Bedrohung der individuellen Freiheit.
Tatsächlicher Kontrollverlust, aber auch bereits die Angst vor Kontrollverlust
hält denn auch als Rechtfertigung für die Einschränkung
der persönlichen Freiheit her. Die Rechtsprechung in Deutschland in
Sachen Cannabiskonsum in den letzten Jahren - unter anderem das bekannte
Neskovic-Urteil - bietet in diesem Zusammenhang interessante Einblicke
in die Argumentation für und gegen 'drug-related' Beschränkungen
grundgesetzlich verankerter Freiheiten.
Der
kurze Exkurs im vorhergehenden über die Geschichte vom Opium veranschaulicht
zudem, daß Angst vor Kontrollverlust von Anfang an eine wichtige
Rolle in der 'Drogenpolitik' gespielt hat. Kontrollverlust ist Kern des
Suchtbegriffes. Angst vor diesem Kontrollverlust hat entscheidend dazu
beigetragen, daß die Einführung des Suchtbegriffes als wirkungsvolles
Argument in den Bemühungen der Ärzte und Apotheker, ein Alleinrecht,
opiumhaltige Präparate zu produzieren, zu verschreiben und zu verkaufen,
für sich zu realisieren, eingesetzt werden konnte. Die Tatsache, daß
bis heute lediglich einem Arzt die Autorität und die Befugnis zuerkannt
wird, den Konsum psychotroper Stoffe zu legitimieren, deutet darauf hin,
daß Angst vor unverantwortlichem Konsum dieser Substanzen, das heißt
nichts anderes als Angst vor Kontrollverlust, die Konstante in der Argumentation
für eine externe Kontrolle und eine Beschränkung der persönlichen
Freiheit ist. Das Abtreten der Kontrolle an einen Spezialisten beruht auf
der Unterstellung, daß Menschen den Konsum - einer Anzahl - psychotroper
Stoffe nicht autonom kontrollieren können, daß Menschen diese
Verantwor tung nicht tragen können.
Diese
negative Sicht - und damit auch die Beschränkung der persönlichen
Freiheit aus Angst vor Kontrollverlust - ist das Fundament der prohibitionistischen
Drogenpolitik. Drogenpolitik ist denn auch - gestern wie heute - im Wesen
Drogenbekämpfung. Das der Prohibition zugrunde liegende Ziel ist die
Bekämpfung des Drogenkonsums zum Schutz der Individuen gegen sich
selbst. Im Hintergrund steht das Ideal einer drogenfreien Gesellschaft
und die Idee, daß man mit einer repressiven Politik, das heißt
mit einer Beherrschung durch strafrechtliche Sanktionen, am besten an dieses
Ideal herankommen kann.
XTC-Prohibition
in den Niederlanden
Die
Frage, die es dann zu beantworten gilt, ist natürlich, ob dieser Ausgangspunkt
realistisch ist. Für eine Antwort kann man die Geschichte der Drogenpolitik
- das heißt die Geschichte der Prohibition, denn Drogenpolitik ist
Folge und als solche nichts anderes als in-die-Tat-umsetzen der Prohibition
- zu Rate ziehen. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden
in den Vereinigten Staaten die ersten prohibitionistischen Ansätze
sichtbar. Anfang des 20. Jahrhunderts fängt man auch in Europa an,
die Prohibition voran zu treiben. In dieser Periode der prohibitionistischen
Politik findet sich genug Material, das zu einer Antwort auf die Frage
nach dem Realitätsgehalt eines strafrechtlich sanktionierten Verbotes
von bestimmten psychoaktiven Stoffen beiträgt, zum Beispiel die Trockenlegung,
die Periode des 'Big Thirst' in den Vereinigten Staaten (Brecher u.a. 1972).
Es gibt allerdings auch in der jüngsten Vergangenheit Beispiele, die
diese Frage erhellen. So zum Beispiel die prohibitionistische XTC-Politik
in den Niederlanden.
MDMA
wurde Anfang der achtziger Jahre in den Niederlanden introduziert. Dieser
Stoff, bekannt unter dem Namen XTC, war zu jenem Zeitpunkt legal. Relativ
schnell fing man auch in den Niederlanden selbst an, diesen Stoff zu produzieren.
Die Produzenten waren 'ehrbare Bürger', zumeist qualifizierte Chemiker,
die für den Eigenverbrauch - einschließlich dem Freundeskreis
- produzierten. Die Qualität des Produktes war gut, finanzieller Gewinn
nicht das primäre Motiv. Mit der wachsenden Popularität von XTC
nahm allerdings auch der Umfang der Produktion zu.
Druck
aus dem Ausland, hauptsächlich aus Großbritannien, wo XTC relativ
früh sehr populär geworden war, führte dazu, daß die
niederländische Regierung sich dazu entschloß, XTC als harte
Droge ins Betäubungsmittelgesetz aufzunehmen. Die Folgen waren verheerend.
Das Ziel der Prohibition, eine Kontrolle (und Beherrschung) der Produktion
und des Konsums von XTC zu erreichen, erwies sich als Illusion. Die Regierungsmaßnahme
blieb nachweislich ohne - bremsenden - Einfluß auf die Nachfrage,
im Gegenteil, der XTC-Konsum hat in den letzten Jahren zugenommen. Auf
der Angebot-Seite wurden allerdings noch viel problematischere Folgen der
Prohibition sichtbar: die 'ehrbaren Bürger' zogen sich aus dem 'Geschäft'
zurück, ihre Rolle wurde vom 'kriminellen Milieu', hauptsächlich
Amphetaminproduzenten übernommen. Eine logische Konsequenz, schließlich
will ein 'ehrbarer Bürger' sich nicht dem Risiko einer Strafverfolgung
aussetzen. Die Folge war unter anderem, daß große Mengen Amphetamin
als XTC verkauft wurden. Bekannte MDMA-Tabletten guter Qualität wurden
in gleicher Form, Farbe und Größe aber aus anderen Stoffen nachgemacht.
Verschiedene Produzenten verlegten sich auf die Produktion von der zu Anfang
noch legalen Variante MDEA, bis auch diese verboten wurde.
Die
Situation heute ist, daß die Hälfte der als XTC angebotenen
Tabletten kein MDMA enthalten, aber dafür eine - beinahe unübersehbare
(und unüberprüfbare) - Reihe anderer Stoffe, variierend von MDEA
bis zu Halluzinogenen wie Ketamine, DOB und anderen Stoffen (Fromberg u.a.
1994). Für den Konsumenten bedeutete dieser unübersichtliche
Designer-Drogen-Markt ein nicht kalkulierbares Gesundheitsrisiko.
Die
XTC-Prohibition in den Niederlanden ist eines der vielen Beispiele für
das Scheitern einer prohibitionistischen Drogenpolitik. Sie zeigt, daß
Prohibition nicht zu der Beherrschung eines - vermeintlichen - Problems
beiträgt, sondern ein Problem kreiert, das später übrigens
nicht selten zur Rechtfertigung der prohibitionistischen Politik herangezogen
wird: Gegen ein Mittel, an dem soviel Probleme kleben, muß man doch
wohl repressive Maßnahmen treffen. Prohibition hat keinen Einfluß
auf die Nachfrage, sondern auf das Angebot, und dieser Einfluß ist
ausgesprochen negativ: Die Kriminalisierung trägt nicht - wie beabsichtigt -
zum Schutz der Gesundheit bei, sondern führt zu extra Gesundheitsrisiken.
Der
Realitätsgehalt einer prohibitionistischen Drogenpolitik
Das
Beispiel der XTC-Prohibition in den Niederlanden zeigt, daß Zweifel
an dem Realitätsgehalt eines prohibitionistischen Ansatzes berechtigt
sind. Im Ansatz ist deutlich, daß eine repressive Drogenpolitik sich
schwerlich mit rationalen, wissenschaftlichen Argumenten verteidigen läßt.
So fehlen zum Beispiel rationale Argument für die heute gängige
Unterscheidung zwischen legalen und illegalen Mitteln (Fromberg 1994).
Wie schwer man sich bei diesem Thema tut, zeigt zum Beispiel das von Bühringer
verfaßte Gutachten '...' (Bühringer, ...). Gerade dieses Gutachten
macht deutlich, daß Wertungen ausschlaggebend sind. Bühringer
stellt widersprüchliche Forschungsbefunde neben einander, versäumt
dabei, deutliche, detaillierte Quellennachweise zu geben, und schlußfolgert
letztendlich, daß eine Liberalisierung zu großen Problemen
führen würde.
Bei
der Diskussion zum Thema 'Prohibition, ja oder nein' sollte aber - als
Ausgangspunkt - deutlich sein, daß es nicht um die einfache Entscheidung
zwischen schwarz und weiß, um die Frage, ob man sich für Legalität
oder für Illegalität von Drogen entscheidet, geht. Das Spektrum
möglicher Alternativen ist breit. Es reicht von einer totalen Prohibition,
das heißt einschließlich einer Kriminalisierung des Konsums
und des Besitzes von kleinen Mengen für den Eigenbedarf, bis hin zu
einer völligen Legalisierung, in der man die Drogen frei und ohne
Restriktionen - um das angsteinflößende Klischee der Legalisierungsgegner
zu gebrauchen: an jeder Straßenecke - erwerben kann. Im 'Niemandsland'
zwischen diesen zwei Polen gibt es aber unterschiedliche Modelle der Teilentkriminalisierung,
zum Beispiel Entkriminalisierung des Konsums oder des Besitzes kleiner
Mengen, aber auch verschiedene Modelle der vollständigen Entkriminalisierung,
unter anderem in Form einer regulierten Entkriminalisierung, zum Beispiel
als Abgabe von heute illegalen psychoaktiven Stoffen als verschreibungspflichtiges
Medikament (Trautmann 1985), als registrierten Verkauf in bestimmten lizenzierten
Geschäften unter genauen Auflagen betreffende die Höchstmenge,
die verkauft werden darf, die Altersgrenze der Käufer, etc.
Die
Abwägung zwischen diesen verschiedenen Alternativen ist nicht einfach.
Schließlich gibt es nicht direkt mit einander vergleichbare Erfahrungen.
Es gibt keine konkreten Erkenntnisse, wie eine Entkriminalisierung oder
Legalisierung der heute verbotenen psychoaktiven Substanzen sich auswirken
würde. Man verfügt lediglich über Indikatoren, auf denen
man Annahmen entwickeln kann. Auf der anderen Seite weiß man aber,
wie Drogenkonsum unter kriminalisierenden Umständen aussieht, auch
wenn eine eindeutige, exklusive Zuschreibung gewisser Probleme - zum Beispiel
der sogenannten Beschaffungskriminalität - selbstverständlich
nicht möglich ist. Die Periode des 'Long Thirst', der Trockenlegung
in den Vereinigten Staaten in den zwanziger Jahren, hat aber nachdrücklich
gezeigt, zu welchen Problemen eine Kriminalisierungspolitik führen
kann. Auch das Alkoholverbot brachte unter anderem eine Verelendung von
abhängigen Konsumenten, Kriminalität im Zusammenhang mit einer
Schwarzmarktsituation und eine blühende Alkoholmaffia mit sich (Coffey
1975; Brecher 1972, S. 265 ff; ). Unter anderem aus dieser Erfahrung läßt
sich auch für die aktuelle Drogenpolitik die Lehre ziehen, daß
sich mit Prohibition das Ziel einer - auch nur ansatzweise - drogenfreien
oder - bescheidener formuliert - 'drogenarmen' Gesellschaft nicht erreichen
läßt (Trautmann 1993). Schließlich bestätigt die
aktuelle prohibitionistische Drogenpolitik die Erfahrungen mit der amerikanischen
Alkoholprohibition. Auch in unserer Gesellschaft werden illegale psychoaktive
Stoffe nach wie vor konsumiert, vielleicht in geringerem Ausmaß,
als in einer nicht-prohibitionistischen Situation der Fall wäre. Dies
dürfte allerdings auch mit der Tatsache zu tun haben, daß es
für die illegalen Drogen eine stattliche Zahl legaler Drogen als Alternativen
gibt, vom Alkohol bis zu verschreibungspflichtigen Psychopharmaka.
Deutlich
ist auch, daß die prohibitionistische Drogenpolitik zu einer immensen
Verelendung vieler Konsumenten illegaler Drogen geführt hat. In diesem
Zusammenhang sollte die von Liberalisierungsgegnern betonte Sorgepflicht
des Staates, mit der die Beschränkung der individuellen Freiheit gerechtfertigt
wird, diskutiert werden. Prohibition resultiert in einer in sich widersprüchlichen
Drogenpolitik. Sie kreiert über die strafrechtlich sanktionierte Repression
Probleme (Verelendung, Beschaffungskriminalität, etc.), die man wiederum
- unter anderem über die Drogenhilfe - mit sozialen Maßnahmen
lösen will. Die Gegner einer Liberalisierung beschränken sich
in ihrer Argumentation in der Regel auf die negativen Folgen der Liberalisierung
und blenden die negativen Folgen der Kriminalisierung aus: Der Status Quo
wird nicht hinterfragt.
Prohibition
erschwert - und verhindert im Einzelfall - die Entwicklung von kontrolliertem
Konsum (Grund 1993). Wie kontraproduktiv dies ist, zeigt sich am experimentellen
Drogenkonsum unter Jugendlichen. Dieser kann als Element der 'rite de passage'
zwischen Kindheit und Erwachsenenalter aufgefaßt werden, als gesunder,
normaler Aspekt im Generationskonflikt, als Element der Identitätsbildung
(Shedler und Block 1990). Im Rahmen eines repressiven Ansatzes wird Experimentieren
mit Drogen negativ gewertet, als gefährlich, deviant oder kriminell,
wodurch in der Regel die (möglichen) Risiken im Zusammenhang mit Drogenkonsum
vergrößert werden. Drogenkonsum, auch der experimentelle, wird
mit Ausgrenzung beantwortet (Trautmann und Buning 1993). Deviantes und
kriminelles Verhalten, Drogenkarrieren werden dadurch nicht verhindert,
sondern geradezu gefördert.
Das
Ziel einer drogenfreien Gesellschaft erscheint auf diesem Hintergrund wenig
realistisch, die Methode, mit denen man dieses Ziel erreichen will, wenig
adäquat. Prohibition als Mittel, mit dem man die Zielvorstellung einer
drogenfreien Gesellschaft verwirklichen will, wird nicht selten selbst
zum Ziel. Dabei spielt übrigens die Erfolglosigkeit des prohibitionistischen,
repressiven Ansatzes, eine wichtige Rolle: Gelingt es nicht, um mit den
vorhandenen repressiven Mitteln Erfolge im Kampf gegen die Drogen zu verzeichnen,
fordert man brav mehr Repression (zum Beispiel mehr Polizei, mehr Gefängnisse,
härtere Strafen, neue Fahndungsmethoden, etc.), oder - um mit Watzlawick
zu sprechen - mehr desselben, das heißt eine Lösung, die im
Grunde genommen selbst das Problem ist (Watzlawick u.a. 1984). Man übersieht
somit völlig, daß die Probleme, die man mit einer prohibitionistischen
Drogenpolitik bekämpfen will, eine Folge dieser Drogenpolitik sind.
Die
Geschichte der Dogenpolitik zeigt, daß Prohibition häufig die
erste Reaktion einer Gesellschaft auf das Auftauchen eines bisher in dieser
Gesellschaft unbekannten, nicht in ihre Kultur integrierten psychoaktiven
Stoffes ist. In einer prohibitionistischen Politik wird dann ein Mittel
gesehen, mit dem sich die Verbreitung des Konsums dieses neuen Mittels
verhindern läßt. Die Geschichte der Einführung von Kaffee
und Tabak - aber auch von destilliertem Alkohol - in Europa illustriert
das (Austin 1982). Sie demonstriert aber auch, daß der Versuch, mit
Prohibition der Popularisierung dieser Mittel entgegen wirken zu wollen,
zum Scheitern verurteilt ist. Das heißt, Prohibition kann im Grunde
genommen als eine anscheinend notwendige Phase in dem Prozeß der
kulturellen Integration gesehen werden (Fromberg 1993).
Die
Schlußfolgerung, daß prohibitionistische Maßnahmen zum
Scheitern verurteilt sind, gilt auch für Prohibition als Versuch,
in einer Gesellschaft eingebürgerte Mittel zu bannen. Hierfür
kann das klägliche Scheitern des von der somalischen Regierung Anfang
der achtziger Jahre unternommenen Versuchs, den weitverbreiteten Konsum
von Khat zu unterbinden, als Beispiel dienen (Elmi u.a. 1987).
Schlußbemerkung
Die
angesprochenen Erfahrungen mit dem Konsum psychoaktiver Stoffe in verschiedenen
Kulturen legen nahe, daß der gängige repressive Ansatz in der
Drogenpolitik nicht fruchtet. Weiter oben wurde bereits darauf hingewiesen,
daß der strafrechtliche Ansatz nicht nur kein Beitrag zu einer Lösung
des Drogenproblems ist, sondern gerade als eine der wichtigsten Ursachen
dieses Problems gesehen werden muß. Im Grunde genommen kann die Kriminalisierung
der Drogenkonsumenten sogar als Kern des heutigen Drogenproblems angemerkt
werden. Sie steckt hinter dem Gros der Probleme der User, sie ist die Basis,
auf der sich ein Schwarzmarkt entwickelt hat, der seinerseits wieder den
Hintergrund bildet für die bekannten im Zusammenhang mit Heroinkonsum
auftretenden Probleme, wie zum Beispiel Beschaffungskriminalität und
Entwicklung einer Drogenmaffia.
Aus
dem vorhergehenden dürfte auch bereits deutlich sein, daß es
keine einfachen, eindeutigen Lösungen gibt für das Drogenproblem.
Das liegt zu einem Teil daran, daß die heutige Drogenpolitik in ihrer
Zweigleisigkeit - auf der einen Seite von dem Strafrecht sanktioniertes
repressives Eingreifen, auf der anderen Seite Drogenhilfe hauptsächlich
in Form von Beratung und Therapie - im Grunde genommen widersprüchlich
ist. Das Ziel der Drogenhilfe, Voraussetzungen zu schaffen für ein
menschenwürdiges Leben der Klienten, kann prinzipiell nicht in Einklang
gebracht werden mit der Kriminalisierung, denn letztere steht einem menschenwürdigen
Leben der Drogenkonsumenten grundsätzlich im Weg. Von Kritikern der
repressiven Drogenpolitik wird bereits seit langem darauf hingewiesen,
daß Kriminalisierung, sowohl direkt auf der Grundlage des BtMG als
auch indirekt in Form der Bekämpfung der sogenannten Beschaffungskriminalität,
eher Probleme kreiert als löst, und dies übrigens nicht nur für
Drogenkonsumenten (Quensel 1982: 160 ff.).
Drogenhilfe
ist unter diesen - kriminalisierenden - Umständen zum Großteil
dann auch nichts anderes, als ein Versuch die Folgen dieser Kriminalisierung
zu beheben. Das gilt mit Nachdruck für eine Methadonvergabe, aber
auch für psychosoziale Betreuung und Hilfe beim Aufbau einer konkreten
Lebensperspektive (Arbeit, Wohnung, soziale Kontakte, usw.), die als Folge
der Kriminalisierung zur Unmöglichkeit wird. Die Probleme von Drogenkonsumenten
sind zum Großteil Folgen der strafrechtlich sanktionierten Ausgrenzung.
Zu
einem anderen Teil ist das Drogenproblem in seiner Verknüpfung von
individuellen, sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Aspekten zu
komplex, um einen Ansatz, in dem - implizit - die Möglichkeit von
eindeutigen Lösungen dieses Problems unterstellt wird, als sinnvolle
Perspektive akzeptieren zu können. Jede drogenpolitische Maßnahme
hat auf Grund der Komplexität und Widersprüchlichkeit des Problems
nicht nur Vor- sondern auch Nachteile. Realistisches Ziel der Drogenpolitik
kann darum bestenfalls sein, über eine Normalisierung einen weniger
problematischen Umgang mit Drogen zu erreichen (Trautmann 1991).
Damit
bleibt unbestritten, daß Drogenkonsum auch negative, riskante Seiten
hat. Mit Kriminalisierung ist dem aber nicht effektiv entgegen zu wirken,
im Gegenteil. Eine erwägenswerte Alternative ist der Versuch, Voraussetzungen
für die Entwicklung von Konsummustern zu schaffen, die die im Zusammenhang
mit Drogenkonsum - möglicherweise - auftretenden Risikos auf ein Minimum
beschränken. Eine Möglichkeit sind Maßnahmen, die sich
- primär - an der Zielvorstellung 'Schadensbegrenzung' orientieren.
Das gilt nicht nur für den Bereich der Drogenhilfe, das heißt
der 'Behandlung' von Drogenkonsumenten, sondern auch für den Bereich
der Prävention. Prävention, als Versuch, Jugendliche vom Drogenkonsum
abzuhalten, kann in Anbetracht des massenweisen Konsums psychotroper Stoffe
in unserer Gesellschaft wohl schwerlich als Erfolg gewertet werden. Das
gilt nicht nur für illegale sondern - mit Nachdruck - auch für
legale Drogen. Drogenprävention mit dem Ziel, Jugendlichen verantwortungsvollen
Umgang mit psychoaktiven Stoffen nahezubringen, dürfte in dieser Hinsicht
eine realistischere und mehr erfolgversprechende Perspektive sein.
Es
erscheint darum angemessener, als Zielvorstellung von Drogenpolitik nicht
eine - über prohibitionistische Maßnahmen - zu erzwingende Abstinenz,
sondern kontrollierten Umgang mit Drogen zu wählen. Zentrale Begriffe
dieser Drogenpolitik sind selbstverantwortlicher, kontrollierter Umgang
mit Drogen und Schadensbegrenzung. Das heißt, man sollte sich mit
der Frage auseinandersetzen, ob die Tatsache, daß es nicht gelingt,
einige Menschen von ihrem problematischen Konsum abzubringen, den Beschluß
rechtfertigt, allen Menschen die Perspektive des integrierten Konsum zu
verstellen.
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