Werner Stangls Lehrtext.Sammlung
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Wer hilft, dem wird geholfen

 

Die Grundlage der Moral behandeln die Wiener Mathematiker Martin Nowak und Karl Sigmund in einem spieltheoretischen Modell.

 

VON THOMAS KRAMAR
"Überhaupt ist es jetzt wirklich an der Zeit, daß die Ethik ein Mal ernstlich in Verhör genommen werde. Seit mehr als einem halben Jahrhundert liegt sie auf dem bequemen Ruhepolster, welches Kant ihr untergebreitet hatte: dem kategorischen Imperativ der praktischen Vernunft." Dies schrieb Schopenhauer 1838 in seiner akademischen Preisschrift "Über die Grundlage der Moral", in der er das Mitleid, die die Ich-Schranken überschreitende Erkenntnis des inneren Wesen des anderen als "das große Mysterium der Ethik" erklärt.

So metaphysisch gehen Karl Sigmund vom Wiener Institut für Mathematik und sein einstiger Schüler Martin Nowak, mit nur 33 Jahren derzeit der jüngste Professor in Oxford und bald Abteilungsleiter in Princeton, das Problem freilich nicht an. Als - wenn auch mathematische - Biologen können und wollen sie nicht auf die Grundannahme verzichten, daß sich nur Verhaltensweisen durchsetzen, die dem Individuum einen Vorteil in seiner "Fitness", also im wesentlichen in der Anzahl seiner Nachkommen bringen.

Und doch erschüttert ihr in Nature (393, S. 573) erschienener Artikel "Evolution of indirect reciprocity by image scoring" ein Dogma der Evolutionsforscher, die sich mit der Entstehung der Ethik befassen. Das Dogma: Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe von Individuen erfordern enge Partnerschaft oder Verwandtschaft zwischen diesen. Dann nämlich ist "direkte Reziprozität" möglich, in simplen Worten: Ich helfe dir, weil (oder damit) du mir in Zukunft helfen wirst. Oder, wie die Amerikaner sagen: "Scratch my back and I'll scratch yours." Daneben glauben fast alle Evolutionsforscher natürlich auch an die Vorteile der Hilfe unter nahen Verwandten, die sich evolutionär dadurch begründen läßt, daß man, wenn man etwa seinen Bruder rettet, damit circa die Hälfte der eigenen Gene rettet.

Nowak und Sigmund gehen in ihrem Modell davon aus, daß es unwahrscheinlich ist, daß zwei Lebewesen häufiger als einmal miteinander in Wechselwirkung treten - und schließen damit direkte Reziprozität bewußt aus. Also: Man darf nicht erwarten, daß die eigene Hilfsbereitschaft just von dem retourniert wird, dem man schon einmal geholfen hat. 

Altruismus macht beliebt

Wie funktioniert indirekte Reziprozität im spieltheoretischen Modell? Die Individuen beobachten die anderen Mitglieder in der Gruppe und geben ihnen "Image-Punkte". Wenn ich einen dabei beobachte, daß er einem anderen hilft, bekommt er einen Punkt; wenn ich ihn dabei ertappe, daß er Hilfeleistung verweigert, dann wird ihm ein Punkt abgezogen.

Stehe ich dann selbst vor der Entscheidung, ob ich einem anderen helfen soll oder nicht, schaue ich mir seine Image-Punkte an: Hat er viele, dann helfe ich ihm; hat er zu wenige, dann verweigere ich die Kooperation. Das Prinzip ähnelt dem einer Versicherung, funktioniert aber nur, wenn genug Individuen mitmachen. Und die Sache hat einen Haken: Wenn ich einen anderen mit wenig Image-Punkten durch Nicht-helfen "bestrafe", bringt mir das selbst einen Schlechtpunkt.

Nowak und Sigmund haben mehrere Strategien - von freizügiger Hilfe bis zu völligem Egoismus - per Computer durchgespielt und die Entwicklung in den entsprechenden "Gesellschaften" verfolgt. Am Ende jeder "Generation" wird den Spielern abhängig von ihrer Punkteanzahl - evolutionär gesprochen: ihrer Fitness - eine bestimmte Anzahl von Nachkommen zuerkannt. Wer beliebter ist, vermehrt sich mehr; das klingt ja recht menschlich. Interessantes Ergebnis: Es setzt sich meist die Strategie der bedingten Kooperativität durch - und zwar umso eher, je mehr Interaktionen pro Generation möglich sind, also umso sozial aktiver die Gesellschaft ist. Zu hoch dürfen die Ansprüche - also der zur Hilfeleistung vorausgesetzte Punktestand - aber nicht sein.

Was passiert, wenn es - wie in jedem evolutionären System - Mutationen, also zufällige Fehler in der Weitergabe der Strategie an die Nachkommen gibt? Dann entstehen Zyklen. Typisches Szenario: Zunächst setzen sich jene Individuen durch, die nur bedingt (mit Rücksicht auf die Image-Punkte des anderen) helfen. Dann kommt die Zeit der bedingungslosen Helfer, der völligen Altruisten, worauf in der nächsten Phase jene Individuen, die dies ausnützen, zurückkehren.

Interessant dabei ist, erklärt Sigmund, daß die Perioden der Kooperation relativ lang sind, die Phasen des Zusammenbruchs der Kooperation dagegen viel kürzer. "Man kann zeigen, daß Ausbeuter der Hilfsbereitschaft nur dann eine Chance haben, wenn sie es relativ selten probieren. Erst nach einer langen Periode der Kooperativität sind so viele unbedingte Helfer da, daß sie diese erfolgreich ausnützen können. Es ist ähnlich wie im menschlichen Immunsystem: Wenn dieses häufig herausgefordert wird, kann es schnell reagieren."

Kompliziert wird es, wenn man bedenkt, daß jede altruistische oder egoistische Handlung auch beobachtet werden muß. Wenn man einem Bettler zu Mittag am Hauptplatz 50 Schilling schenkt, hat man sicher mehr Augenzeugen - und daher mehr Imagegewinn - , als wenn dieser großzügige Akt bei Nacht in einer verlassenen U-Bahn-Station stattfindet. 

Die Rolle der Sprache

In der menschlichen Realität spielt dabei auch die Kommunikation eine Rolle: Daß der eine wohltätig ist und der andere kaltherzig, wird ja weitererzählt. So, meinen Nowak und Sigmund, habe die Entwicklung der Sprache geholfen, auf indirekter Reziprozität fußende Kooperativität zu etablieren.

Es gibt freilich auch hübsche Beispiele aus dem Tierreich für die indirekte Reziprozität: Der Staffelschwanz, auf englisch hübscher "Arabian babbler", also "Schwätzer" genannt, ein geselliger und redseliger Vogel, scheint es zu genießen, anderen zu helfen. Die Vögel wetteifern geradezu darum, in der Position des Freigiebigen zu sein. Offenbar überwiegen die sozialen Vorteile des beliebten Helferstatus den Aufwand und die Kosten, die die Kooperation mit sich bringt.

Moralisches Verhalten kann sich eben auszahlen. Daß manche menschlichen Moralisten solche utilitaristischen Erklärungen wohl als amoralisch sehen, kann einen Evolutionsbiologen nicht erschüttern. 

Quelle:  Die Presse vom Samstag, 20. Juni 1998
WWW: http://www.diepresse.at/spectrum/wissenschaft-1.html (98-06-22)