Werner Stangls Lehrtext.Sammlung
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 René Descartes - Discours de la méthode pour bien conduire sa raison, et chercher la verité dans les sciences.
Leyden 1637

(Ausführungen über die Methode seine Vernunft gut zu gebrauchen und die Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen.)

Vierter Teil

1. Ich weiß nicht, ob ich Sie mit den ersten Betrachtungen unterhalten soll, die ich hier anstellte; denn sie sind so metaphysisch und liegen dem gewöhnlichen Denken so fern, daß sie vielleicht nicht nach jedermanns Geschmack sein werden. Und doch finde ich mich gewissermaßen gezwungen, davon zu reden, damit man beurteilen kann, ob die Grundlagen, die ich gewählt habe, fest genug sind. Schon vor langer Zeit hatte ich bemerkt, daß man, was das Tun und Lassen betrifft, manchmal Meinungen, von denen man weiß, daß sie sehr ungewiß sind, gerade so folgen müsse, als wären sie unzweifelhaft (wie dies bereits 3. Teil, 3. Absatz) ausgeführt wurde); da ich mich aber damals nur auf die Suche nach der Wahrheit begeben wollte, glaubte ich, ich müsse ganz das Gegenteil tun und all das als völlig falsch verwerfen, wofür ich mir nur den geringsten Zweifel ausdenken könnte, um zu sehen, ob danach nicht irgendeine Überzeugung zurückbliebe, die gänzlich unbezweifelbar wäre. Daher wollte ich, da unsere Sinne uns manchmal täuschen, voraussetzen, daß es nichts Derartiges gäbe, wie sie es uns glauben machen. Und da es Menschen gibt, die sich beim logischen Schließen selbst bei einfachsten geometrischen Fragen täuschen und sich Fehlschlüsse zuschulden kommen lassen, so verwarf ich in dem Gedanken, daß ich ebenso wie jeder andere der Täuschung unterworfen wäre, alle Begründungen als völlig falsch, die ich zuvor für Beweise gehalten hatte. Endlich erwog ich, daß uns genau die gleichen Vorstellungen, die wir im Wachen haben, auch im Schlafe kommen können, ohne daß in diesem Falle eine davon wahr wäre, und entschloß mich daher zu der Fiktion, daß nichts, was mir jemals in den Kopf gekommen, wahrer wäre als die Trugbilder meiner Träume. Alsbald aber fiel mir auf, daß, während ich auf diese Weise zu denken versuchte, alles sei falsch, doch notwendig ich, der es dachte, etwas sei. Und indem ich erkannte, daß diese Wahrheit: "ich denke, also bin ich" so fest und sicher ist, daß die ausgefallensten Unterstellungen der Skeptiker sie nicht zu erschüttern vermöchten, so entschied ich, daß ich sie ohne Bedenken als ersten Grundsatz der Philosophie, die ich suchte, ansetzen könne.

2. Sodann untersuchte ich aufmerksam, was ich denn bin, und beobachtete, daß ich mir einbilden könnte, ich hätte keinen Körper und es gäbe keine Welt noch einen Ort, an dem ich mich befinde, daß ich mir aber darum nicht einbilden könnte, daß ich selbst nicht wäre; ganz im Gegenteil sah ich, daß gerade aus meinem Bewußtsein, an der Wahrheit der anderen Dinge zu zweifeln, ganz augenscheinlich und gewiß folgte, daß ich bin, sobald ich dagegen nur aufgehört hätte zu denken, selbst wenn alles übrige, das ich mir jemals vorgestellt habe, wahr gewesen wäre, ich doch keinen Grund mehr zu der Überzeugung hätte, ich sei gewesen. Daraus erkannte ich, daß ich eine Substanz bin,deren ganzes Wesen oder deren Natur nur darin besteht, zu denken und die zum Sein keines Ortes bedarf, noch von irgendeinem materiellen Dinge abhängt, so daß dieses Ich, d. h. die Seele, durch die ich das bin, was ich bin, völlig verschieden ist vom Körper, ja daß sie sogar leichter zu erkennen ist als er, und daß sie, selbst wenn er nicht wäre, doch nicht aufhörte, alles das zu sein, was sie ist.

3. Darauf erwog ich im allgemeinen, was erforderlich ist, mit ein Urteil wahr und gewiß sei; denn soeben hatte ich ja eines gefunden, von dem ich wußte, daß es diese Eigenschaft besitzt, und meinte daher, ich müsse ebenfalls wissen, worin diese Gewißheit besteht. Nun hatte ich beobachtet, daß in dem Satz: "Ich denke, also bin ich" überhaupt nur dies mir die Gewißheit gibt, die Wahrheit zu sagen, daß ich klar einsehe, daß man, um zu denken, sein muß, und meinte daher, ich könne als allgemeine Regel annehmen, daß die Dinge, die wir ganz klar und deutlich begreifen, alle wahr sind, daß aber nur darin eine gewisse Schwierigkeit liege, richtig zu merken, welche es sind, die wir deutlich begreifen.

4. Als ich mir nun weiter überlegte, daß ich zweifelte, daß also mein Wesen nicht ganz vollkommen wäre, - denn ich sah klar, daß Erkennen eine größere Vollkommenheit ist als Zweifeln - wurde ich auf die Untersuchung geführt, woher mir der Gedanke an ein vollkommeneres Wesen als ich gekommen sei, und erkannte deutlich, daß er von einem Wesen herrühren müsse, das in Wirklichkeit vollkommener ist. Was die Vorstellungen betrifft, die ich von einigen anderen Dingen außer mir hatte, wie vom Himmel, von der Erde, vom Licht, von der Wärme und von tausend anderen, so war ich bei ihnen nicht in Verlegenheit zu wissen, woher sie kämen, denn da ich nichts in ihnen bemerkte, was sie mir vortrefflicher zu machen schien, als ich es bin, konnte ich annehmen, daß sie, sollten sie wahr sein, von meiner Natur abhängen, soweit sie einige Vollkommenheit in sich schließt, und daß ich sie, sollten sie es nicht sein, dem Nichts verdanke, d. h. daß sie nur wegen meiner Mängel in mir sind. Aber das konnte auf die Vorstellung von einem vollkommeneren Wesen als ich nicht zutreffen; denn sie dem Nichts entlehnen, das ist augenscheinlich unmöglich, und da es sich nicht weniger widerspricht, daß das Vollkommenere aus dem weniger Vollkommenen folge und davon abhängig sei, als daß etwas aus nichts hervorgeht, so konnte ich sie nicht von mir selbst haben, so daß nur übrigblieb, daß sie von einem in Wahrheit vollkommeneren Wesen, als ich es bin, in mich gepflanzt worden ist, von einem Wesen, das sogar all die Vollkommenheiten in sich birgt, von denen ich mir eine Vorstellung machen konnte, d. h. um es mit einem Worte zu sagen, von Gott. Hinzu kam, daß ich ja gewisse Vollkommenheiten erkannte, die ich selbst nicht besaß, und daß ich daher nicht das einzige Wesen war, das "existierte" (ich werde hier mit Ihrer Erlaubnis so frei sein, die scholastischen Termini zu benutzen), sondern daß es notwendig noch ein anderes vollkommeneres Wesen geben müsse, von dem ich abhänge, und von dem ich all das empfangen hatte, was ich besaß. Denn wäre ich isoliert und unabhängig von allem anderen gewesen, so daß ich meinen geringen Anteil an der Vollkommenheit aus eigener Kraft besessen hätte, so hätte ich aus demselben Grunde auch den ganzen Überschuß, von dem ich erkannte, daß er mir fehlte, aus eigener Kraft besitzen können und hätte so selbst unendlich, ewig, unveränderlich, allwissend, allmächtig sein und schließlich all die Vollkommenheiten besitzen können, von denen ich einsehen konnte, daß sie in Gott sind. Denn zufolge der Auseinandersetzungen, die ich gerade gegeben habe, brauchte ich, um die Natur Gottes zu erkennen, soweit meine Natur dazu fähig war, mir bei allem, wovon ich eine Vorstellung in mir fand, nur zu überlegen, ob der Besitz dieser Dinge eine Vollkommenheit anzeigt oder nicht, und ich war sicher, daß keine von denen, die eine Unvollkommenheit kenntlich machten, zur Natur Gottes gehörten, wohl aber alle anderen; denn ich sah, daß Zweifel, Unbeständigkeit, Traurigkeit und ähnliches nicht in ihm sein konnten, da ich ja selbst froh gewesen wäre, davon frei zu sein. Sodann hatte ich außerdem Vorstellungen von sinnlich wahrnehmbaren und körperlichen Dingen, denn wenn ich auch unterstellte, ich träumte und alles, was ich sah oder mir bildlich vorstellte, wäre falsch, so konnte ich doch nicht leugnen, daß die Vorstellungen davon wirklich in meinem Bewußtsein vorhanden waren; nun hatte ich aber bereits an mir selbst ganz klar erkannt, daß die denkende Natur von der körperlichen verschieden ist, und zog also daraus und aus der Überlegung, daß jedes Zusammengesetztsein Abhängigkeit beweist und daß Abhängigkeit offenbar ein Mangel ist, den Schluß, daß es für Gott keine Vollkommenheit sein könne, aus diesen zwei Naturen zusammengesetzt zu sein, und daß er es folglich auch nicht ist, daß aber, sollte es Körper auf der Welt geben oder auch erkennende Wesen oder andere Naturen, die nicht ganz vollkommen sind, ihr Sein so von seiner Macht abhängen müsse, daß sie ohne ihn nicht einen Moment existieren könnten.

5. Danach wollte ich noch nach anderen Wahrheiten suchen, nahm mir den Gegenstand der Geometer vor, den ich mir als einen kontinuierlichen Körper vorstellte oder als einen nach Länge, Breite und Höhe bzw. Tiefe ohne bestimmbare Grenzen ausgedehnten Raum, der sich in verschiedene Teile teilen läßt, die verschiedene Figuren und Größen haben können und auf jede Weise bewegt oder von der Stelle versetzt werden können -denn all das setzen die Geometer in ihrem Objekt voraus) - , und durchlief einige ihrer einfachsten Beweise. Dabei bemerkte ich, daß die große Gewißheit, die alle Welt ihnen zuschreibt, sich nur darauf gründet, daß man sie in deutlichen Begriffen denkt, wie es die bereits besprochene Regel vorschreibt, und bemerkte auch, daß es überhaupt nichts in ihnen gibt, was mich der Existenz ihres Objektes versicherte. Denn ich sah z.B. wohl, daß, setzt man voraus, es sei ein Dreieck gegeben, seine drei Winkel gleich zwei Rechten sein müssen; aber ich sah deswegen nichts, was mich versicherte, es gebe ein solches Dreieck auf der Welt. Statt dessen fand ich, wenn ich wiederum meine Vorstellung von einem vollkommenen Wesen prüfte, die Existenz darin mitbegriffen, ganz ebenso oder sogar noch offenkundiger, als es in der Vorstellung eines Dreiecks mitbegriffen ist,daß seine drei Winkel gleich zwei Rechten sind, oder in der einer Kugelfläche, daß alle ihre Teile gleichen Abstand von ihrem Mittelpunkt haben, so daß es folglich mindestens ebenso gewiß ist, daß Gott, das heißt das vollkommenste Wesen, ist oder existiert, wie irgendein geometrischer Beweis es sein kann.

6. Daß es aber viele gibt, die überzeugt sind, es sei schwierig, ihn zu erkennen, und sogar auch zu erkennen, was ihre eigene Seele sei, kommt daher, daß sie ihr Denken niemals über die sinnlich wahrnehmbaren Dinge erheben und daß sie so sehr daran gewöhnt sind, nichts zu durchdenken, ohne sich ein Bild davon zu machen (was eine nur für das Denken körperlicher Dinge eigentümliche Vorstellungsart ist), daß ihnen alles, wovon man sich kein Bild machen kann, als etwas erscheint, wovon sich auch kein Begriff gewinnen läßt. Was darin hinreichend klar zutage tritt, daß selbst die Philosophen es in den Schulen als Grundsatz annehmen, daß es nichts im Verstande gebe, was nichtzuerst in den Sinnen gewesen sei, wo freilich die Vorstellungen von Gott und der Seele sicherlich niemals gewesen sind. Und es scheint mir, daß die, die ihr bildliches Vorstellungsvermögen gebrauchen wollen, um Gott und die Seele zu begreifen, so tun, als wollten sie sich, um Töne zu hören oder Düfte zu riechen, ihrer Augen bedienen, wobei dieser Vergleich noch nicht einmal trifft, insofern als der Gesichtssinn uns ebenso derWirklichkeit seiner Objekte versichert wie der Geruchssinn oder das Gehör, während unser bildliches Vorstellungsvermögen und unsere Sinne uns nur, wenn der Verstand sich ins Mittel legt, über irgend etwas Sicherheit verschaffen können.

7. Sollte es schließlich noch Leute geben, die durch die Gründe, die ich beigebracht habe, von der Existenz Gottes und ihrer Seele nicht hinreichend überzeugt sind, so sollten sie wissen, daß alles andere, dessen sie vielleicht sicherer zu sein glauben - z. B. daß sie einen Körper haben und daß es Sterne gibt, eine Erde und ähnliches -, weniger gewiß ist. Denn zwar besitzt man von diesen Dingen eine große moralische (für die Praxis hinreichende) Gewißheit, an der man, ohne überspannt zu sein, anscheinend nicht zweifeln kann; handelt es sich aber um metaphysische (absolute) Gewißheit, so kann man gleichwohl, ohne unvernünftig zu sein, auch nicht leugnen, daß genügend Anlaß besteht, nicht völlig überzeugt zu sein, wenn man bemerkt hat, daß man sich im Schlafe ebensogut einbilden kann, man hätte einen anderen Körper, man sähe andere Sterne und eine andere Erde, ohne daß es so etwas gäbe. Denn woher weiß man, daß vielmehr die Vorstellungen der Träume falsch sind und nicht die anderen, wo sie doch häufig nicht weniger lebhaft und ausdrucksvoll sind? Mögen sich auch die besten Köpfe daran versuchen, soviel sie wollen, ich glaube nicht, daß sie irgendeinen Grund vorbringen können, der ausreicht, diesen Zweifel zu beseitigen, wenn sie nicht die Existenz Gottes voraussetzen. Denn erstens ist sogar das, was ich gerade als Regel angenommen habe, daß nämlich die Dinge, die wir uns sehr klar und sehr deutlich vorstellen, alle wahr sind, nur gesichert, weil Gott ist oder existiert und weil er ein vollkommenes Wesen ist und alles in uns von ihm herkommt. Woraus folgt, daß unsere Vorstellungen oder Begriffe, die wirkliche Gegenstände sind und von Gott stammen, soweit sie klar und deutlich sind, nur wahr sein können; so daß, wenn wir häufig genug Vorstellungen haben, die eine Unwahrheit enthalten, dies nur die sein können, die etwas Verworrenes und Dunkles an sich haben, weil sie darin am Nichts teilhaben, d. h. weil sie in uns nur deshalb so verworren sind, weil wir nicht ganz vollkommen sind. Und es ist offenkundig, daß es sich nicht weniger widerspricht, daß Unwahrheit oder Unvollkommenheit als solche von Gott kommen, als es sich widerspricht, daß Wahrheit oder Vollkommenheit aus dem Nichts kommen. Wüßten wir aber nicht, daß alles Wahre und Sachhaltige in uns von einem vollkommenen und unendlichen Wesen herstammt, so hätten wir, unsere Vorstellungen möchten so klar und deutlich sein, wie sie wollten, keinen Grund, der uns die Gewißheit gäbe, sie besäßen die Vollkommenheit, wahr zu sein.

8. So ist es denn nun, nachdem uns die Kenntnis Gottes und der Seele so von dieser Regel überzeugt hat, ganz leicht zu erkennen, daß uns die Traumbilder, die wir uns im Schlaf vorstellen, keineswegs veranlassen dürfen, an der Wahrheit der Gedanken zu zweifeln, die wir im Wachen haben. Denn selbst wenn es sich im Schlafe träfe, daß man eine sehr deutliche Idee hätte, z. B. wenn ein Geometer einen neuen Beweis fände, so würde sein Schlaf nicht hindern, daß er wahr ist. Und was den gewöhnlichsten Irrtum unserer Träume angeht, der darin besteht, daß wir uns verschiedene Gegenstände in derselben Weise vorstellen, wie es unsere äußeren Sinne tun, so fällt nicht ins Gewicht, daß dieser Irrtum uns veranlaßt, der Wahrheit solcher Vorstellungen zu mißtrauen, weil sie uns auch häufig genug täuschen können, ohne daß wir schlafen: wie wenn die Gelbsüchtigen alles gelb sehen oder wenn die Sterne oder andere sehr entfernte Körper uns viel kleiner erscheinen, als sie sind. Denn schließlich dürfen wir uns, ob wir nun schlafen oder wachen, immer nur von der Evidenz unserer Vernunft überzeugen lassen. Und man beachte, daß ich sage, von unserer Vernunft und nicht von unserer Einbildungskraft oder unseren Sinnen. Denn obgleich wir die Sonne vielleicht sehr klar sehen, so dürfen wir deswegen nicht urteilen, sie sei nur so groß, wie wir sie sehen, und wir können uns wohl einen Löwenkopf deutlich auf einer Ziege vorstellen, ohne deswegen schließen zu dürfen, daß es auf der Welt eine Chimäre gibt. Denn die Vernunft sagt uns nicht, daß das, was wir so sehen oder bildlich vorstellen, wahr sei. Wohl aber sagt sie uns, daß alle unsere Vorstellungen oder Begriffe irgendeine Grundlage in der Wahrheit haben müssen. Denn es wäre nicht rnöglich, daß Gott, der höchst vollkommen und höchst wahrhaftig ist, sie uns ohne eine solche Grundlage eingepflanzt hätte. Und da unsere Gedankenverbindungen während des Schlafes niemals so einleuchtend und so vollständig sind wie im Wachen, obgleich unsere bildlichen Vorstellungen dann ebenso lebhaft oder lebhafter und ausdrucksvoller sind, so sagt die Vernunft auch, daß unsere Gedanken zwar nicht alle wahr sein können, da wir nicht ganz vollkommen sind, daß aber das, was sie Wahres enthalten, sich unfehlbar eher in denen finden muß, die wir im Wachen haben, als in unseren Träumen.

© 1996 Hans-Heinrich Fortmann


Quelle: http://www.zum.de/schule/Faecher/D/SH/descdisc.htm