Werner Stangls Lehrtext.Sammlung
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Die Presse vom Freitag/Samstag/Sonntag 31.10./1.11./2.11. 1997. Ich heisse nicht Vera Tomsche. Der Name ist ein Pseudonym. Ich bin 30 Jahre alt. Von meinem zwölften Lebensjahr an war dies mein Lebensinhalt: schlank zu sein, mich dünn zu machen. Man nennt das: Bulimie. Bericht einer Betroffenen.
Das ranke Mädchen, das ich war
Von Vera Tomsche Ich heisse nicht Vera Tomsche. Der Name ist ein Pseudonym; doch davon später. Ich bin 30 Jahre alt. Lange Zeit arbeitete ich in einer Werbeagentur in Wien. Dann bin ich in die Vereinigten Staaten übersiedelt, heute lebe ich als freie Journalistin in New York. Vor viereinhalb Jahren, im März 1993, habe ich im "Spectrum" zum erstenmal - ebenfalls unter dem Pseudonym Vera Tomsche - über meinen "Schlankheitswahn" berichtet. Wie ist es mir seither ergangen? Zur Vorgeschichte. Seit meinem zwölften Lebensjahr war dies mein Lebensinhalt und mein Lebensziel: schlank zu sein, mich dünn zu machen ("wie ein Biafrakind", meinten meine besorgten Eltern). Meine Eßstörung hat mit Joghurtdiäten und erfolgreichen Abmagerungskuren begonnen. Ich wollte nichts anderes als fit und dünn sein, was mir gleichbedeutend mit liebens- und achtenswert erschien. Die Vorstellung von einem häßlichen Vollmondgesicht mit einem zufällig dazugepickten, viel zu dicken Hintern! Wie wichtig konnte schon meine ausbleibende Menstruation im Vergleich zu einer perfekten Figur sein! Unzählige Diäten folgten, bis sich nach drei Jahren die nagenden Heißhungerattacken nicht mehr stoppen ließen. Alle Gedanken kreisten nun ums Essen, doch fand ich bald eine höchst wirksame Methode, unerlaubte Kalorien loszuwerden - ich übergab mich heimlich. Anfangs nur nach den Heißhungerattacken, wo ich bis zu 6000 Kalorien in mich reinstopfte. Bald schon verschwand ich nach jeder Mahlzeit auf dem Klo. Jahrelang hielt ich mich deshalb für eine einzigartig "perverse Person" - bis ich erfuhr, daß meine "Perversion" einen Namen hat und eine ernstzunehmende Krankheit ist. "Bulimie: Form eines bewußten gestörten Eßverhaltens, das fast ausschließlich bei jungen Frauen zwischen 15 und 30 Jahren mit meist normalem Körpergewicht auftritt; wird seit 1980 als eigenständiges Krankheitsbild beschrieben. Symptome sind Heißhungerattacken, wobei große Mengen hochkalorischer Nahrungsmittel gegessen werden, und das anschließende Erbrechen, da eine hochgradige Angst vor Gewichtszunahme besteht." So steht es im "Brockhaus" zu lesen, und heute weiß das wohl, beinah hätte ich gesagt: jedes Kind. Bulimie also, auch "Stierhunger" genannt. Es war damals so: Ich war Anfang 20, und wenn ich mit Freunden in einem Restaurant saß, kam der Punkt, daß ich mitten im Gespräch vom Tisch aufsprang und in Richtung Toiletten eilte. Ich würgte den Brei herauf und spülte meine panische Angst, dick zu werden und damit häßlich, nicht mehr begehrenswert! - ich spülte diese Angst weg. Ich kehrte zurück zum Tisch, mit einem besonders lieben Lächeln, und führte das Gespräch dort fort, wo ich bereits nicht mehr hatte folgen können, da sich all meine Konzentration aufs Essen umgeleitet hatte. Nun war ich wieder leer und leicht, glücklich und erleichtert - im doppelten Sinn des Wortes. Ich bestellte mir einen Kaffee und rauchte eine Zigarette, um den schlechten Geschmack im Mund loszuwerden. Ich lächelte charmant und stammelte etwas wie: "Es hat so lange gedauert, da mir mein Lippenstift abgebrochen ist"; "Mein Ohrclip ist mir auf den Boden gefallen". Ich setzte dabei eine ernste Miene auf, gab mich verlegen, ein wenig naiv und vor allem hilflos und schutzbedürftig. Ich weiß, ich war clever und nie um eine Ausrede und eine kleine Lüge verlegen. Darauf konnte ich vertrauen. Meine Bulimie hatte mich eine Maske aufsetzen lassen. Ich war damals, weiß ich heute, vom Stoff Essen so abhängig wie ein schwerer Alkoholiker von seinem Drink. In den Dialog, den Streit meiner zwei Persönlichkeiten verstrickt - Diäten mit wochenlangem Hungern, Joghurtdiäten und kräfteraubende Gymnastikexzesse kontra hemmungslose Freßattacken, wobei ich das Frühstück einer fünfköpfigen Familie verzehrte, um danach alles der städtischen Kanalisation zu übergeben - , erkannte ich die Tragweite meiner Krankheit nicht. Alles, worum meine Gedanken kreisten, waren die Frage der Stoffbeschaffung und, zweitens, die Tricks, meine "Perversion" vor der Umwelt geheimzuhalten. Was ich jahrelang im Glauben an ein Frauenideal praktizierte, das mir Befreiung, Dynamik oder zumindest den Anhauch von Selbstdisziplin versprach, hinderte mich, so sehe ich es jetzt, mich als junge, engagierte Frau zu entwickeln. Mein inszenierter Körperkult, meine körperlichen Zusammenbrüche auf Grund drastischer Mangelernährung kannten nicht jene anmutige Zerbrechlichkeit, für die Prinzessin Diana berühmt wurde. Bei ihr wirkte das geradezu edel. Ich war aber nun einmal nicht Prinzessin Diana. Deren Bulimiegeständnisse hatten etwas so Anrührendes, so Mitleiderweckendes. Ich dagegen kämpfte mit Unverständnis seitens hoffnungslos überforderter Mitmenschen, Depressionen und Magenkrämpfen, das war alles. Dann, während einer Therapie, die ich nach zehn Jahren Bulimie und Magersucht in Angriff genommen hatte, begann ich zu schreiben. Und ich fand, daß die größte Schwierigkeit - außer niederzuschreiben, was man tatsächlich fühlt, und nicht bloß aufzuschreiben, was mir in der Therapie von meiner Psychologin gesagt wurde - darin bestand, den Anfang, besser gesagt: einen tatsächlichen Grund für meine Krankheit zu finden. In dem erwähnten Artikel, den ich vor viereinhalb Jahren für das "Spectrum" schrieb, gelang mir vielleicht - ich kann es nur hoffen - eine Darstellung der Gefühle, die ich verspürte, wenn alles in meinem Kopf nach "Stoff", nach Essen schrie. Es war ein Fragment. Noch konnte ich nicht schildern, was es heißt, den sogenannten Verpflichtungen, den gesellschaftlichen Vorgaben, dem in den Medien so hübsch feilgebotenen Idealbild der Frau nachkommen zu müssen. Doch wie könnte man die Ursachen für eine Fassadenexistenz - zwischen de s t r u k t i v e m P e r f e k t i o n s z w a n g u n d Freßrealität - herausarbeiten? Je länger ich mich in der Therapie mit dem Problem der Eßstörungen befaßte, umso mehr erkannte ich die Schwierigkeit, die Gründe für ein Phänomen dingfest zu machen, das vielleicht mehr als nur eine "Modeerscheinung der Leistungsgesellschaft" ist. Eine Zeitlang habe ich versucht, mich mit der Soziologie dieser Krankheit auseinanderzusetzen. Wären womöglich "kulturgeschichtliche" Gründe zu eruieren? Wie konnte es kommen, daß ungeleugneter Selbstbetrug, das zwanghafte Schönheitsstreben, die Selbsterhöhung auf Kosten anderer (der weniger schlanken Frauen) bei sogenannten aufgeklärten Frauen Furore machen konnten? Warum stieg gerade in den achtziger Jahren die Zahl der auf Bulimie und Magersucht diagnostizierten Frauen so enorm an? Laut einem Bericht im "Peoples Magazine" vom März 1996 sind ein bis vier Prozent der Mädchen in amerikanischen High-Schools magersüchtig oder bulimisch, wohingegen es im Jahr 1976 nur 0,5 bis ein Prozent waren. Und schließt man die Mädchen mit ein, die im Vorfeld der Krankheit stehen, die also zwar mit Diäten experimentieren, jedoch noch kein voll entwickeltes Krankheitsbild aufweisen und demnach (noch) nicht therapiebedürftig sind, steigt die Zahl ums Vielfache. (Mehr als 80 Prozent aller amerikanischen Frauen haben übrigens bereits eine oder mehrere Diäten hinter sich, aber nur 25 Prozent der Männer.) Ich wollte meine eigene Psyche als Mädchen verstehen lernen, wollte verstehen, warum heranwachsende Mädchen glauben, Supermodels wie Cindy Crawford seien übergewichtig, nachgerade mollig, und warum wir im Tempel unseres Körperkults Kate Moss' Skelett anbeten. Ich glaube inzwischen erkannt zu haben, daß sich mein Ich als zwölfjähriges Mädchen und der aktuelle Fitneß- und Körperkult zu einer fatalen Symbiose zusammengetan haben. Man könnte es vielleicht so ausdrücken: Heute sehe ich meine Bulimie nicht mehr so egozentrisch wie noch vor ein paar Jahren. Das hat mir sicher geholfen, meine Heilung - vorsichtiger gesagt: eine Art von Heilung - jeden Tag Schritt für Schritt zu erleben. Zu durchleben.
Es gibt ja nicht bloß einen Grund für das Entstehen der Bulimie. Mangelnde Liebe in der Kindheit, familiäre Konflikte, existentielle ngste, eine nicht zu erfüllende Erwartungshaltung von außen - ob die Ursachen nun in der Kindheitsgeschichte liegen, ob sie lebensgeschichtlich, kulturgeschichtlich, sozio-, vielleicht auch biologisch zu erklären sind: Meine Krankheit hat mir gezeigt, daß sie nicht nur mir allein "gehört". Sie ist kein abgeschirmtes Handicap. "Eßstörungen als Lackmuspapier einer Gesellschaft", wie es die Broschüre des Innsbrucker Vereins "Netzwerk Eßstörungen" definiert. Dies mag einem Gesunden als Binsenweisheit erscheinen, denn diesen Zusammenhang zu sehen ist für ihn, den Gesunden, wohl nichts Neues - für einen Kranken, für eine Frau, die die Bulimie erlebt hat, ist er es schon! Ich hatte ja immer gedacht, mit meiner Sucht - meiner "Schuld"! - ganz allein zu sein. Ich bin nicht mehr so allein. Sobald ich die komplexen Möglichkeiten bei der Entstehung von Bulimie verstehen lerne, ermöglicht mir dies auch den richtigen Umgang mit ihr in der Therapie. Freilich, nicht die Schuldfrage oder -zuweisung erhöht die Chance auf Heilung, sondern mein eigener Wille, in der Gegenwart mit einem in mir gefestigten "Ich" zu leben. Das klingt für Sie pathetisch, ich weiß. Doch es ist nun einmal meine Lebensgeschichte, nichts als die meine - sowie eine Geschichte der Frau in unserem ausgehenden Jahrhundert. An dieser Stelle möchte ich daran erinnern: Auch wenn bekannte Frauenrechtlerinnen eine große Verschwörung im Kosmetik- und Diätgeschäft vermuten, die uns Frauen an der endgültigen Emanzipation hindert - und diese Vermutung im Ansatz auch nachvollziehbar ist - , wir können immerhin noch nein dazu sagen. Jener Narzißmus im proklamierten Schönheitskult mag marktpolitische Regeln und Gesetze haben, denen wir in der Hoffnung auf ein (uns erneuerndes) neues Frauenideal teilweise ungeprüft folgen. Aber: "So what!" Das ist nicht nur der Name einer Wiener Beratungsstelle für Eßstörungen. "So what!" Lege ich nicht den bulimischen Mechanismus ab, mir Unmengen an Fremderfahrungen, Kultanregungen zur vielversprechenden Selbstanalyse einzuziehen, so werde ich weiter randvoll gefüllt bleiben und dennoch niemals satt werden. "So what", habe ich dann einmal gesagt - und durfte dadurch an mir erfahren: Eine Eßstörung ist ein selbstauferlegtes Gefängnis. Vor allem natürlich ist eine Eßstörung ein Mechanismus, der den Namen Bulimie hat, sobald die Symptome das Essen und anschließende Erbrechen sind. Jedoch einzigartig ist dieser Mechanismus nicht. Das Ðbermaß, das mehr dämpft als sättigt, ist kein Einzelphänomen. Die sogenannten Frauenmagazine können niemals interessanter sein als heute, wo sich das jahrelang bewährte Erfolgsrezept an der selbst produzierten Informationsschwemme abwetzt. Jetzt ist der Moment für eine neue Generation Frauen angebrochen, die sich von der gequälten Skepsis vorangegangener Jahre lösen, die für so lange Zeit den Dialog in der feministischen Literatur beherrschte. Viele Jahre hindurch bin ich in der Früh mit dem Gedanken an das Essen aufgewacht. Zweifel, Angst und Selbstzerstörung gehörten ebenso zu meinem Leben wie der Gedanke, daß es eben normal ist, daß man hungern muß, um Frau zu sein. Hunger, Sex und mein Frausein waren drei unvereinbare Elemente. Wie Puzzlestücke aus drei verschiedenen Puzzles. Vom Opfer war so lange die Rede in der sogenannten Frauenfrage, erniedrigt von den inkriminierten Männerphantasien. Erst nach vielen Jahren, nach einer mühevollen Suche nach den Ursachen meiner Eß-Brech-Sucht, konnte ich den Schleier der Selbstzensur lüften, die meine Wahrnehmung so lange verdunkelt hatte. Als ich mich in einer meiner zahlreichen Therapien vom "Opfer" zum Subjekt emanzipierte, legte ich das Korsett ab, in das ich mich von der Gesellschaft mit ihrer Schlankheitspolitik (und vom befangenen Dialog der Frauenliteratur!) hatte zwängen lassen - und die drei Elemente fügten sich zu einem Ganzen. Eine Eßstörung ist heilbar. Die Angst und das Verlorensein im medialen Dschungel hatten mein Denken für so lange Zeit bestimmt; heute jedoch habe ich die Freiheit zur Ironie erlangt. Mein Leben als Autorin, damit verbunden meine Neugier auf fremde Welten, mein Bedürfnis, unmittelbaren Zugang zu den Leuten zu finden - das ist "unerlaubt" groß geworden, als ich begann, meinem Ich ein Terrain zu bieten. Und ich denke, damit bin ich nicht allein. Viele unter uns, viele Frauen finden eine Egoerfüllung außerhalb der von den Babyboomern festgehaltenen Normen. Wir wollen ja Kinder haben, wollen auch heiraten, uns aber eine neue Art von Helden suchen. Abseits vom herkömmlichen Verständnis langweiliger Superfiguren sind die Helden verloren, einsam und vergänglich. Und dessen sind sie sich ebenso bewußt wie der Tatsache, daß das Prinzip der vorsätzlichen Untauglichkeit von Stilen und Menschen sich am Ende als exzentrischer Spaß der vergangenen Funkultur entblößt, aber dies mit unseren wirklichen Sehnsüchten wenig gemeinsam hat. Im Versuch, für eine Welt ebenso durchschnittlicher wie ungeschminkter Protagonisten neue Helden zu suchen, vertrauen wir auf unseren erschöpften Sinn für die Inszenierung. Unsere Helden streben keinen Kultstatus an, der sich ohnehin über kurz oder lang im Geschäft der Medien selbst relativieren würde. Uns wurde in Filmen und in den aufgeblasenen Lebensberatungskolumnen der Magazine präsentiert, wie kapriziös die verherrlichten Ikonen der Popkultur wirken. Ich weiß nicht genau, wie sich die neunziger Jahre einmal deklarieren lassen. Ob sie als Dekade der abgestreiften Schönheitsnormen bezeichnet werden? Mit Sicherheit läßt sich eine Abstumpfung feststellen, die sich unter den Frauen breitmacht, die nur noch gelangweilt in Hochglanzzeitschriften blättern. Wir wollen keine Superfrauen, Klassefrauen oder Karrierefrauen mehr sein, wollen unsere Sexualität - ach ja, wie pathetisch! - als Frauen entdecken und nicht in der mädchenhaften Ausdünstung des ewigen Geschwafels über unsere "Bisexualität" ersticken. Ob sich Professionalität und Zärtlichkeit zusammenbringen, vereinen lassen? Die Frage wird für jede Frau individuell zu beantworten sein. Heiratet man den schnellebigen Körpertrend, mit immer neuen Idealen, Bikini-Diäten oder kalorienarmen Wunderalgen, wird man schnell zur Witwe, das zumindest haben viele Frauen in den letzten Jahren mit Sicherheit gelernt, die einen ohne Bulimie, die anderen, wie ich, trotz und gerade wegen dieser Krankheit. Mehr als 300.000 "Bulimikerinnen" werden allein für Deutschland geschätzt, für Österreich 30.000. Und die Dunkelziffer? Die Zahl der ohnmächtig und desillusioniert auf dem Weg des Hungers Zurückgebliebenen? Man mag mich für sehr naiv halten, aber ich glaube fest an die Kraft und an die Wahrheit einer gefestigten Bastion, zu der unser "Ich" werden kann, wenn wir es zu einem solchen aufbauen. Ich glaube so fest an die Notwendigkeit eines gesunden, gekräftigten Körpers, den wir haben können, wenn wir "ihn" zu einem "wir" - ich und mein Körper - machen, anstatt unentwegt gegen seine natürlichen Grenzen anzukämpfen. Ich habe im Verlauf meiner Therapie sehr viel über diesen so abstrakt erscheinenden Begriff Körper dazugelernt. Seit meiner Therapie konnte ich es in mir erfahren, daß meine Körperwelt eine eigene Logik kennt, ein Bedürfnis nach Entfaltung. Sobald ich gegen eine innere Wahrheit lebe, erinnern mich ganz spezifische Körpersignale, etwa Migräne, an meine Unehrlichkeit mir selbst und meinem Körper gegenüber. In der Vergangenheit waren es die Freßgedanken, die mich vor mir selbst fernhalten wollten. Vor allem aber beabsichtige ich mit diesem Zeitungsartikel, das bestehende Tabu zu durchbrechen, das viele Frauen davon abhält, sich zur Bulimie zu bekennen. Warum ich dennoch unter einem Pseudonym schreibe? Vielleicht aus Schutz für meine Familie in Österreich und für meinen heutigen Lebenspartner, wahrscheinlich auch aus Respekt vor der Macht der Bilder. Wer sagt denn, daß ich selbst gegen die "Tyrannei der Bilder" - wie der "Spiegel" in seiner Nachrede auf Diana formulierte - immun bin, die ich mir wähle? Hat nicht gerade der tragische Fall der Prinzessin von Wales gezeigt, wie deftig der Sog jener Rolle sein kann, die man hübsch verpackt preisgibt? Das öffentliche Bekenntnis als Endstation funktioniert allerhöchstens im synthetischen Raum der Fernsehtalkshows. Die härteste Waffe einer Frau, ihr größter Triumph im Konkurrenzkampf mit ihresgleichen ist das Zurschaustellen des Erfolgs im Kampf gegen die eigene weibliche, oft natürlich-barocke Linie. Auch ich habe jahrelang diesen Kampf gekämpft. Daß ich mir den Triumph "erkotzte", weiß niemand. Wollte ich tatsächlich die exakten Gründe - die Eltern, die Medien, meine Unsicherheit, ich selbst? - für meine Bulimie ergründen, würde ich aber das Kostbarste hergeben müssen, was ich soeben erst gefunden habe: mein Leben jetzt. |
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