Theorien der Adoleszenz

Aus PaedPsychWiki

Wechseln zu: Navigation, Suche

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Anlagetheorien der Adoleszenz

Die erste Theorie, die explizit als "Entwicklungstheorie der Adoleszenz" geführt wurde, geht auf den Begründer einer wissenschaftlich fundierten Psychologie des Jugendalters, Graville Stanley Hall (1846-1924) zurück.

In seiner Biogenetischen Rekapitulationstheorie sah Hall die individuelle Entwicklung im Laufe eines menschlichen Lebens als Abbild der Entwicklung der menschlichen Art durch Evolution.

Er unterscheidet 4 verschiedene Entwicklungsstufen (in Analogie zu den Stufen der Menschheitsgeschichte):

  • frühe Kindheit (bis 4 Jahre): In die frühe Kindheit fällt der Erwerb sensomotorischer Fähigkeiten, die für die Selbsterhaltung unverzichtbar sind.
  • Kindheit (4 bis 8 Jahre): Die Stufe der Kindheit korrespondiert mit der Epoche der Jäger und Sammler.
  • Jugend (8 bis 12 Jahre): In der Zeit der Jugend werden schon vorgelebte Strukturen und Ordnungen übernommen, das entspricht geschichtlich der beginnenden Zivilisation.
  • Adoleszenz (11/13 Jahre bis 22/25 Jahre): Die Stufe der Adoleszenz erstreckt sich vom Beginn der Pubertät bis zum Erlangen des Erwachsenenstatus und ist eine Zeit extremen Erlebens und Verhaltens, die sich nach Ansicht Halls nicht nur in der sprunghaften körperlichen Entwicklung, sondern auch in der psychischen Organisation wiederfindet.


Trotz mancher Kritik blieb dieses Sturm-und-Drang-Konzept Halls über Jahrzehnte ein konstantes Thema der Jugendpsychologie und hat nachhaltigen Einfluss auf spätere Entwicklungskonzeptionen: Längsschnittuntersuchungen (Gesell, 1964), Stufenkonzeption (Kroh, 1951, 1958), Ewert (1983), Petersen (1988). Auch Sigmund Freud sah in der Entwicklung des individuellen Triebes das erneute Durchlaufen früherer Entwicklungsstufen.

[Bearbeiten] Umwelttheorien der Adoleszenz

Hierbei wurde untersucht, in wie weit äußere Einflüsse, wie z. B. Kultur, aber auch Erziehung den Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter beeinflusst.


Kulturantrhropologischer Ansatz

Die Kulturanthropologie steht im stärksten Gegensatz zur biogenetischen Adoleszenztheorie.


Identität

Margaret Mead stellte 1971 in ihrem jugendtheoretischen Konzept den Begriff Identität in den Mittelpunkt. Eine solche entsteht durch Zugehörigkeit zu bestimmten gewachsenen Kulturen mit deren Lebensplänen und Wertsystemen. In vielen sich rasch wandelnden Gesellschaften wird die Identitätssuche oft zum Problem.


Mead unterscheidet 3 historisch entstandene Kulturkategorien:

  • Postfigurative Kultur: Diese ist hierarchisch aufgebaut und durch lange Traditionen bestimmt. Die Erfahrungen der Erwachsenen werden unhinterfragt übernommen. Mit der biologischen Reife ist zugleich der Erwachsenenstatus erreicht.
  • Kofigurative Kultur: Die Formen des Zusammenlebens sind einem raschen Wandel unterworfen, das Wertesystem muss immer neu hinterfragt werden. Neben der Familie tragen auch Cliquen und Schulfreunde zur Sinnfindung und Bildung einer eigenen Persönlichkeit bei. Auch durch die Änderung der Strukturen des Zusammenlebens entsteht Verunsicherung und Konfliktpotential.
  • Präfigurative Kultur: Mead entwickelt ein Modell für die Zukunft, in der Erwachsene trotz zunehmender Desorientiorung und Distanz zwischen den Generationen, ihren heranwachsenden Kindern Werte wie Bindung und Verantwortlichkeit lehren können und Kinder die Elterngeneration unterstützen, mit den sich rasch ändernden Kommunikationsformen umgehen zu lernen.


Kritik

Als einen großen Schwachpunkt in Meads Theorie sieht Griese (1977) die Negierung der subkulturellen Unterschiede innerhalb der Jugendgeneration. Auch auf die verschiedenartige Entstehung von Generationskonflikten geht Mead nicht ein.


Lerntheoretische Ansätze

Um zu durchleuchten, wie das soziale Umfeld die Entwicklung der Adoleszenz beeinflusst, betrachten wir speziell 2 Ansätze:

  • Theorie der sozialisierten Angst

Davis (1944) war der Ansicht, dass die Regeln einer Gesellschaft erlernt werden, indem bei Nichteinhaltung derselben Bestrafung von außen droht, welche vermieden werden will. Da die Erwartung der Gesellschaft gegenüber den Heranwachsenden unklar ist, entsteht eine andauernde emotionale Beeinträchtigung durch mangelnde Gefühlssicherheit.

  • Drive theory adoleszenten Verhaltens

McCandless (1970) glaubt, dass bestimmte Regeln gelernt werden, um eine innere Stresssituation zu minimieren. Triebreduziertes Verhalten werde belohnt, triebangespanntes Verhalten werde bestraft und daher vermieden. In den meisten Kulturen werden Verhaltensformen je nach Geschlecht unterschiedlich akzeptiert. Diese Tatsache führt bei den Jugendlichen wegen mangelnder Gefühlssicherheit zusätzlich zu Stress und emotionaler Belastung.


[Bearbeiten] Interaktionstheorien der Adoleszenz

Diese Theorien betonen grundsätzlich den Aspekt der Anlage-Umwelt-Dynamik, wobei es unterschiedliche Gewichtung der Anteile von Anlage und Umwelt gibt.


Lerner und Spanier (1980) unterscheiden 3 Typen der Interaktion:

  • Schwache Interaktionstheorien

Diese sehen hauptsächlich die Anlage als bestimmendes Element für den Entwicklungsprozess. Die Umwelt kann diesen zwar beschleunigen oder verzögern, aber nicht verändern. Vertreter dieser Gruppe sind Sigmund und Anna Freud, sowie Erikson.

  • Moderate Interaktionstheorien

Anlage und Umwelt sind unabhängige, aber gleichermaßen notwendige Komponenten für den Entwicklungsprozess, der durch Interaktion entsteht. Ein Prototyp dafür wäre die Theorie der kognitiven Entwicklung von Piaget.

  • Starke Interaktionstheorien

Der Begriff dynamischer Interaktionismus wird hier geprägt für einen Prozess, der eine Veränderung des gesamten Anlage-Umwelt-Systems durch wechselseitige Abhängigkeit bewirkt. Diesem Typus entspricht z. B. das Modell des developmental contextualism (siehe Dynamischer Interaktionismus)


Psychodynamischer Ansatz

Anna Freud richtet ihr Hauptaugenmerk auf die Psychodynamik der Adoleszenz (1958, 1969) In diesem Entwicklungsabschnitt entstehen notwendiger Weise Konflikte und Spannungen, bedingt durch die sexuelle Reifung. Der verstärkte Sexualtrieb führt zu einer Steigerung von Neugierde, Aggressivität und Egozentrizität, der Heranwachsende pendelt zwischen emotionalen Extremen, wie exzessivem Unabhängigkeitsstreben und extremer Abhängigkeit. Das Verhältnis zwischen ES, ICH und ÜBER-ICH gerät in dieser Periode stark aus dem Gleichgewicht. Erhöhte Triebimpulse des ES ringen mit den Möglichkeiten einer Triebabwehr durch das ICH. Das ÜBER-ICH als Instanz der moralischen Standards von Personen, mit denen sich der Jugendliche identifizieren kann, gerät in Konflikt mit dem ICH, das gegen die ES-Impulse ankämpft.

Der Jugendliche ist erhöhten Ängsten ausgesetzt, die grob auf zwei Arten bewältigt werden können:

  • Abwehrmechanismen

Bereits aus der Kindheit stammen Sublimation, Verschiebung und Identifikation. Durch Sublimation werden sexuelle Impulse in kognitiven oder künstlerischen Aktivitäten ausgelebt. Durch Verschiebung werden sexuelle Impulse auf andere Dinge oder Personen verlagert. Durch Identifikation mit den Eltern wird libidinöse Energie auf umgebende Personen gerichtet, wodurch die emotionale Ablösung von den Eltern erleichtert wird.

Neu hinzu kommen nun Intellektualisierung und Askese. In der Intellektualisierung setzt der Jugendliche bereits gelerntes abstraktes Denken und logisches Argumentieren ein, um die eigenen Wunschvorstellungen und das eigene Verhalten zu rechtfertigen. Askese kontrolliert die sexuellen Triebe durch Verleugnung der aufkeimenden Wünsche.

  • Bewältigung neuer Triebkonflikte

Durch die fortgeschrittene Entwicklung in der Adoleszenz soll ein gestärktes Ich für die Ausbalancierung der triebhaften Energien sorgen. Gelingt dies nicht, führt es entweder zu einem Rückfall auf frühere Entwicklungsstufen oder zu einem Übermaß an Abwehr, welche auch die weitere Entwicklung stark beeinträchtigen kann.


Theoretische Weiterentwicklung: Copingkonzepte

Die Forschung orientiert sich heute großteils an 2 Bewältigungskonzepten:

  • Neoanalytische Ansätze

Diese legen ein stärkeres Augenmerk auf die Funktion des Ich und auf das soziale Umfeld. Norma Haan (1977) unterscheidet zwischen Bewältigungs- und Abwehrmechanismen der Ich-Prozesse, die verschiedene Funktionen erfüllen.

Coping(=Bewältigungsstrategie) steht für flexible, konstruktive Auseinandersetzung, ohne emotional einzuschränken, Abwehr hingegen verhindert die eigentliche Bearbeitung des Problems durch Angstkontrolle..

  • Kognitionspsychologische Ansätze

Konzepte des Coping aus der Stressbewältigungsforschung (Lazarus, 1986) werden hauptsächlich in Ausnahmesituationen eingesetzt, in denen der Routinemechanismus versagt.


Der Copingprozess gliedert sich in 3 Teile, die wiederholt in verschiedener Abfolge durchlaufen werden können:

  • primary appraisal: Abschätzung der Situation auf kognitiver und affektiver Basis
  • secondary appraisal: Abschätzen der zur Bewältigung geeigneten verfügbaren Möglichkeiten
  • tertiary appraisal: erfolgt in der Regel nach Fehlschlägen, bzw. neuer Information und führt zur Abschätzung neuer Lösungsmöglichkeiten.


Psychosozialer Ansatz: Erik H. Erikson Die psychosoziale Entwicklungstheorie von Erikson kann als eine prominente Erweiterung der Theorie von Anna Freud angesehen werden. Sie verbindet die Idee der Entwicklung im Lebenszyklus mit dem Aufbau von Ich-Identität, welcher daraus resultiert, dass Jugendliche durch Einbettung in eine soziale Ordnung die Bewältigung der Anforderungen lernen.


Aufbau von Selbstkonsistenz

Die Entwicklung des Ich und die Identitätsentwicklung gehen für Erikson Hand in Hand. Durch dieses organisierte System von Motiven, Überzeugungen und Bewältigungsleistungen kann durch die Bewältigung von Krisen die Persönlichkeit reifen. Die Ausbildung von Ich-Identität bedeutet das Entwickeln einer Selbstsicherheit, indem man sich der Individualität der eigenen Person gewiss wird. Dieser Prozess der Persönlichkeitsentwicklung findet über die gesamte Lebenszeit statt und gliedert sich in acht aufeinanderfolgende Stadien.


Integrationsleistungen

Als Hauptaufgabe der Adoleszenz sieht Erikson die Integration psychosexueller und psychosozialer Veränderungen. Der Jugendliche muss lernen, sich in der Welt der Erwachsenen zu orientieren und braucht dazu die Entwicklung von Ich-Identität und Selbstsicherheit


Moratorium

Erikson gesteht den Jugendlichen zur Entwicklung einer Ich-Identität einen Aufschub erwachsener Verpflichtungen zu. Adoleszenz ist eine Übergangsperiode, in der auch die Gesellschaft Nachsicht übt. Identifikationsverhalten Es spielt eine bedeutende Rolle für den Entwicklungsprozess, ob und in welcher Form ein Jugendlicher zu Werten und gesellschaftlich geachtetem Rollenverhalten kommt. In der frühen und mittleren Phase der Adoleszenz entstehen Konflikte aus dem Aufbrechen bestehender Identifikationen, gegen Ende der Adoleszenz sollte das Erlangen einer stabilen Persönlichkeitsstruktur erwartet werden können.


Dynamischer Interaktionismus

Dabei wird die Interaktion als Prozess verstanden, dessen Dynamik eine Veränderung des gesamten Anlage-Umwelt-Systems hervorruft. Lerner entwickelte auf dieser Basis das Modell des Developmental Contextualism. Dieses Modell eignet sich speziell für die frühe Adoleszenz, da hier unterschiedliche Ebenen (z. B. inner-biologische, individual-psychologische, soziokulturelle Ebenen) das Spektrum der Veränderungen beeinflussen.


Modell der moderierten Effekte

Die Konzeption des Developmental Contextualism geht aus von einem Modell der vermittelten Effekte. Moderierende Effekte verstärken oder begrenzen die Wirkung von hormonellen und physischen Veränderungen auf das Verhalten des Jugendlichen, indem sie mit direkten Effekten interagieren. Das Modell verbindet die personzentrierte Perspektive mit der gesellschaftlichen Perspektive (Richards & Petersen, 1987).


Produzent seiner Entwicklung

Unter der Annahme, dass jedes Element innerhalb eines Systems zugleich Produkt und Produzent des jeweils anderen ist, macht dieses Modell deutlich, in welcher Weise der Heranwachsende Produzent seiner eigenen Entwicklung sein kann. Lerner unterscheidet 3 Arten, in denen diese Funktion zur Geltung kommt:

  • the adolescent as stimulus

Beispielsweise können körperliche Veränderungen als Stimulus für andere und das daraus resultierende positive Feedback wieder als Moderator für das eigene Verhalten gesehen werden.

  • the adolescent as processor

Auf Grund der sich verändernden kognitiven und emotionalen Struktur ist der Jugendliche nun in der Lage, Einfluss auf die Wirkung bestimmter Erfahrungen zu nehmen und ihre Verarbeitung zu kontrollieren,

  • the adolescent as agent, sharper and selector

Jugendliche handeln als Produzenten ihrer Entwicklung, indem sie sich zusätzliche Entwicklungsnischen schaffen, die für zukünftige Rollen bedeutsam werden, z.B. selbstständiges Suchen nach außerfamiliären Interaktionspartnern. So tragen sie aktiv zu ihrer Integration in eine sich verändernde Welt bei.

[Bearbeiten] Siehe auch

Adoleszenz – Konstruktion, Wandel und Theorien

Jugend – zur Konstruktion einer Lebensphase


[Bearbeiten] Literatur

Oerter, Rolf & Montada, Leo (Hrsg.) (2002). Entwicklungspsychologie. Weinheim: Beltz.

http://de.wikipedia.org/

Persönliche Werkzeuge