Theoriefamilien der Entwicklungspsychologie

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Die verschiedenen theoretischen Zugänge zur Entwicklungspsychologie unterscheiden sich hinsichtlich der Bedeutung des Subjekts im Entwicklungsprozess. Die einen Theorien sprechen dem Subjekt eine aktive, gestalterische Rolle im Entwicklungsprozess zu, andere gehen davon aus, dass der Entwicklungsprozess ausschließlich von Umweltfaktoren abhängig ist. Durch diese Unterscheidung lassen sich die theoretischen Zugänge in vier Klassen unterteilen.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Exogenistische Theorien

Exogenistische Theorien gehen davon aus, dass der Mensch alleinig durch seine Umwelt formbar ist.

Der Mensch und seine Entwicklung werden als durch externe Reize kontrollierbar angesehen, deren Manipulation jedes gewünschte Ereignis bringt (Gewirtz zit. n. Montada 2002, S. 5).

Das bedeutet, dass ein Kind beliebig erziehbar ist. Die Entwicklung des Kindes ist allein von den Wünschen, Zielen und dem Handeln des Erziehers abhängig.

[Bearbeiten] Endogenistische Theorien

Endogenistische Theorien verorten die Entwicklung eines Menschen im genetischen Bauplan eines Menschen. Diverse Fähigkeiten sind bereits bei der Geburt eines Kindes vorhanden, sie müssen lediglich ausreifen, wobei bestimmte Lebensphasen für die Reifung bestimmter Fähigkeiten besonders günstig oder ungünstig sind. So ist zum Beispiel ein genetisches Grundgerüst für Sprachentwicklung in je-dem Kind verortet. Im Kleinkindalter erfolgt die Ausreifung der Sprache besonders schnell und einfach. Im späteren Alter können eventuelle Sprachdefizite nur mehr sehr schwer oder gar nicht mehr aufgeholt werden.

Endogenistische Theorien führen Entwicklung auf die Entfaltung eines angelegten Plans des Werdens zurück. Anlagen und Reifung sind die Erklärung für Veränderungen. Das genetische Entwicklungsprogramm wird nur in bestimmten sensiblen Perioden als offen für jeweils spezifische äußere Einflüsse angesehen (Montada 2002, S. 5).

[Bearbeiten] Selbstgestaltungstheorien

Bei den Selbstgestaltungstheorien wird dem Subjekt eine aktive, gestalterische Rolle zugesprochen. Das Subjekt handelt nach eigenen Zielen und Wertvorstellungen, so dass es sich seine passende Umwelt sucht und gestaltet.

Der Mensch reagiert nicht passiv auf Gegebenheiten und Einwirkungen von außen, sondern handelt ziel- und zukunftsorientiert und gestaltet damit seine eigene Entwicklung mit (Montada 2002, S. 6).

a. Bedingungen des Entwicklungsprozesses

Entwicklung verläuft nicht wie eine Einbahnstraße. Von Anfang an ist der Entwicklungsprozess geprägt durch einerseits persönliche Merkmale physischer und psychischer Art, wie Vorlieben, Interessen, Ängste und körperlichen und psychischen Behinderungen, oder positiv ausgedrückt, Potenzialen, andererseits hat das Kind bzw. der Mensch immer wieder Wahlmöglichkeiten, welche die Richtung des weitern Entwicklungsprozesses mitgestalten. Diese Wahlmöglichkeiten unterscheiden sich aber von Kind zu Kind, da jedes Kind in eine andere soziale, ökonomische und kulturelle Umwelt mit bestimmten Bedingungen hineingeboren wird. Innerhalb des Settings wird jedoch das Kind mit Wahl- und Gestaltungsmöglichkeiten konfrontiert auf die es reagiert und die es sich sogar selbst verschafft. Zum Beispiel sucht sich das Kind bestimmte Spielkameraden, Hobbys, gestaltet bei seiner schulischen Entwicklung mit usw.

Ein Entwicklungsprozess ist somit nicht gradlinig, sondern hat viele Verzweigungen, und kann daher niemals exakt vorhersehbar sein.

[Bearbeiten] Interaktionistische Theorien

Bei interaktionistischen Theorien wird davon ausgegangen, dass sowohl das Subjekt als auch seine Umwelt Einfluss auf dessen Entwicklung nimmt. Beide, Subjekt und Umwelt, bedingen und verändern sich gegenseitig (vgl. Montada 2002, S. 6).

Der Mensch und seine Umwelt bilden ein Gesamtsystem, in dem die Aktivitäten und die Veränderungen beider Systemteile miteinander verschränkt sind. Die Veränderung eines Teils führen zu Veränderungen auch anderer Teile und/oder des Gesamtsystems und wirken wieder zurück, was Transaktion genannt wird (Ford & Lerner zit. n. Montada 2002, S. 6).

a. Symbolischer Interaktionismus

Der Symbolische Interaktionismus, begründet durch den Soziologen Georg Herbert Mead, geht davon aus, dass der Mensch aufgrund von Bedeutungen, die er seiner materiellen und immateriellen Umwelt zuschreibt, handelt. Dabei ist wesentlich, dass der Mensch auch sich selbst Bedeutung zuschreibt, er baut sich ein konkretes Selbstbild mit bestimmten Einstellungen und Werten auf, das jedoch nicht unabhängig von seiner Umwelt ist. Exogene Erwartungen (soziale Rollen) werden ebenso verinnerlicht wie eigene Interessen und Ziele.

Dies ist insofern wichtig, da der Mensch immer versucht seinem Selbstbild zu entsprechen und seine Handlungen nach diesem ausrichtet. Um dies bewerkstelligen zu können bedarf es Interaktionen mit anderen Menschen, da sie als Spiegel des eigenen Selbst dienen. Nur durch die (Re-) Aktionen Anderer kann der Mensch sich ein Bild von sich selbst machen. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Selbstbild ein starres Konstrukt ist. Das Selbstbild verändert sich mit den Erfahrungen seines Trägers.

b. Systemisches Denken und der Begriff der Passung

Unter Passung versteht Brandtstädter die erfolgreiche Meisterung bestimmter Lebensaufgaben, wie zum Beispiel einen Beruf zu erlernen oder einen Lebenspartner zu finden, werden diese Herausforderungen nicht bestanden so spricht Brandtstädter von Passungsproblemen, welche zu Selbstwertprobleme, Beziehungsprobleme, psychischen Erkrankungen und deviantes Verhalten führen können (vgl. Brandtstädter zit. n. Montada 2002, S. 7).

Die Entwicklungsprobleme sieht er als Diskrepanz bzw. fehlende Passung zwischen

• Den Entwicklungszielen des Individuums selbst,

• seinen Entwicklungspotentialen (…),

• den Entwicklungsanforderungen im familiären, schulischen, subkulturellen Umfeld des Individuums (…),

• den Entwicklungsangeboten (…) in der Umwelt des Individuums (Brandstädter zit. n. Montada 2002, S. 7).


[Bearbeiten] Literatur

Montada, Leo (2002). Fragen, Konzepte, Perspektiven (S. 3-53). In Rolf Oerter & Leo Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychologie. Weinheim: Beltz.

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