Identität

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Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Überblick

Im psychologischen Sinn ist Identität (vgl. Erikson, 1968) die einzigartige Persönlichkeitsstruktur, verbunden mit dem Bild, das andere von dieser Persönlichkeitsstruktur haben. Im Zusammenhang mit der Entwicklung im Jugendalter ist zusätzlich das eigene Verständnis für die Identität von Bedeutung (vgl. Montada 2002, S.291).

Ein weiterer, in diesem Zusammenhang wesentlicher Begriff, ist das Selbst, welcher auf James (1890) zurückgeht und zwischen dem "I (Ich)" und "Me (Mich)" unterscheidet. Das Ich hat die Aufgabe, klare Erkenntnisse über das Mich zu gewinnen. Neben vielen anderen Autoren unterscheidet Burns (1982) zwischen dem Selbst, wie ich bin, dem Selbst, das ich sein möchte und dem Selbst, wie andere mich sehen.

[Bearbeiten] Eine Konzeption des Identitätsbegriffes

Eine Zusammenfassung der Konzeption des Identitätsbegriffes nach Erikson (1968) von Blasi (1988)

Die Identität ist eine Antwort auf die Frage "Wer bin ich?", wobei die Antwort darauf durch die Einschätzung der eigenen Person, der eigenen Kultur und den gesellschaftlichen Erwartungen erreicht wird. Durch kritisches Hinterfragen dieser Erwartungen wird die produktive Integration in die Gesellschaft ermöglicht und vermittelt subjektiv das Gefühl von Loyalität. Ein weiteres Modell mit den drei wesentlichen Variablen wie dem Inhalt der Verpflichtungen, der Stärke dieser Verpflichtungen und des Umfangs der Bemühungen die eingesetzt werden, um diesen Verpflichtungen nachzukommen, stellte Bosma (1985) vor.

Die Selbsterkenntnis und die Selbstgestaltung sind die zwei wesentlichen Prozesse, die die Identitätsentwicklung vorantreiben.

[Bearbeiten] Identitätsentwicklung

Früher verband man die Phase der Adoleszenz mit der Zeit des Sturms & Drangs (vgl. Bühler, 1928; Hall, 1904; Spranger, 1926). Neuere Forschungsergebnisse (vgl. Offer et al., 1988) konnten dies nicht bestätigen, zeigten jedoch deutliche Geschlechtsunterschiede in Bezug auf das Selbstbild.

Für die Erfassung von Entwicklungsverläufen bediente man sich großer Gruppen Jugendlicher und betrachtete die Selbsteinschätzung in Quer- und Längsschnittstudien.

Mullis et al. (1992): Cooper-Smith-Inventar, N=270, statistisch signifikanter durchschnittlicher Anstieg der Werte (kein Unterschied bei Querschnitt)

Fend (2000): Konstanzer Untersuchung "Entwicklung im Jugendalter", N~2000, zunehmende Stabilitätswerte, Längsschnitt

Betrachtet man die Stabilität der Urteile, so konnte eine ausgeprägte Kontinuität im Selbstkonzept der Jugendlichen gezeigt werden, welche im Gegensatz zur früheren Annahme, die Adoleszenz sei eine Phase des Tumults, steht. Der Anstieg der absoluten Höhe der Selbsteinschätzung im Längsschnitt kann mit der Erhöhung der Selbstaufmerksamkeit durch die Untersuchungen zusammenhängen. Im Querschnitt konnte kein oder nur ein geringer Anstieg des Selbstwertes mit zunehmendem Alter festgestellt werden.

[Bearbeiten] Struktur der Identität

[Bearbeiten] Wachsende Komplexität der Identität

Die Selbstbeschreibungen von Jugendlichen werden mit der Zeit differenzierter und zunehmend organisierter (vgl. Pinquart und Silbereisen, 2000), welches sich anhand folgender wesentlicher Merkmale manifestiert:

  • stärkere Trennung von Real- und Idealbild mit zunehmendem Alter,
  • zunehmende Differenzierung zwischen authentischem und vorgetäuschtem Selbst,
  • zunehmende Betrachtung des Selbst aus der Sichtweise anderer,
  • Einbeziehung der Zeitdimensionen Vergangenheit und Zukunft.

[Bearbeiten] Die vier Formen des Identitätsstatus nach Marcia

Marcia (1966) entwickelte ein Fragebogenverfahren zur Erfassung des aktuellen Identitätsstatus und unterscheidet 4 Identitätsformen:

  • diffuse Identität - keine Festlegung für Beruf & Werte,
  • Moratorium - Auseinandersetzung mit beruflichen oder sonstigen Wertfragen,
  • übernommene Identität - Festlegung auf Beruf oder Werte, von Eltern vorgegeben,
  • erarbeitete Identität - Festlegung selbst ausgesucht.

Waterman (1982) unterscheidet: progressive Verläufe, die über das Moratorium die erarbeitete Identität erreichen; regressive Verläufe, die bei einer diffusen Identität enden und stagnierende Verläufe.

[Bearbeiten] Untersuchungsbeispiele zur Identität als Struktur

In jüngeren Jahren überwiegt die diffuse Identität. Mit zunehmendem Alter beobachtet man einen Anstieg des prozentualen Anteils an erarbeiteter Identität. Archer (1982) zeigte, dass in der 12. Klasse der Anteil Moratorium / erarbeitete Identität 19% und der Anteil diffuse / übernommene Identität 81% betrug.

In Zusammenhang mit Identitätsformung und Bewältigungskonzepten folgte von Neuenschwander (1996) eine stringentere Prüfung des Marcia-Ansatzes. Analog zu Marcia werden 4 Identitätsphasen unterschieden:

  • die fremdbestimmte,
  • die diffuse,
  • die suchende
  • und die integrierte Identität.

Neuenschwander zeigte in kombinierten Längs- und Querschnittsuntersuchungen an 4201 schweizer Jugendlichen, dass kritische Lebensereignisse zu einer Selbstwertsteigerung und damit auch zu einer erhöhten Kontrollüberzeugung führen.

Häufig vorhanden bei jungen Menschen sind Formen der diffusen Identität. Diffus bedeutet, es können keine genauen Grenzen festgelegt werden, vielleicht ist hier der umgangssprachliche Begriff „schwammig“ zutreffend. Besagten Menschen fehlt es an einer festen Werteorientierung, an der Bereitschaft Verantwortung zu tragen und demnach an innerer sowie äußerer Stabilität. Es werden vier Formen der diffusen Identität aufgeführt, die alle von einer gewissen Orientierungslosigkeit und Instabilität der Betroffenen gekennzeichnet sind. Hinweisen möchte ich auf die kulturell adaptive Diffusion, die gut zum aktuellen Zeitgeschehen passt.

Unverbindlichkeit, Flexibilität und Offenheit, beruflich wie privat, sind hier charakteristisch. Hier unterteilt man in: Traditionalen Typ, dessen Identitätserbe eine leere Hülse darstellt, in der er/sie Vorgelebtes, ohne Hinterfragen oder Wertschätzen, übernimmt. Surfer, eher der smarte Typ, er/sie passt sich schnell an gegebene Situationen an - hat also keine feste Überzeugung oder Haltung entsprechend derer er/sie agiert. Die Patchworkidentität bezeichnet eine Identitätsform, die aus als sinnvoll erachteten Fragmenten besteht. Sie wächst nicht von der Mitte aus und wird somit nicht als ganzheitlich betrachtet. Isolierte sind überwiegend orientierungslos und leicht zu beeinflussen. Sie hängen in der Luft und warten auf den „ rettenden Anker“, da sie auf Grund ihrer Instabilität nicht in der Lage sind, sich selbst zu helfen. Isolierte sehnen sich nach Normalität.

[Bearbeiten] Identitätsbildung

Im Zentrum der Identitätsbildung steht die suchende Persönlichkeit. Erst die Fähigkeit zur Selbstreflexion setzt das Ringen um Identität in Gang. Oft befinden sich die betreffenden Personen in einem emotionalen Zwiespalt zwischen – wie bin ich – wie will ich, dass ich bin. - wie soll ich sein – was erwarte ich von mir – was erwarten andere von mir. Falls man die Anforderungen, die man selbst an sich stellt oder andere an einen stellen, nicht erfüllt werden, reagiert man mit Enttäuschung und Unzufriedenheit. Vergleicht man sich mit anderen, überkommt einen Scham, Verlegenheit und Niedergeschlagenheit. Im Jugendalter spielt vor allem die Diskrepanz zwischen dem Realen Selbst und dem Idealbild eine große Rolle.

Um die Entwicklung der Identität nach außen sichtbar zur machen gibt es zahlreiche Symbole. Vor allem über die Kleidung wird unter Jugendlichen rege nonverbal kommuniziert. Auch das Make-up, Tätowierungen und der Körperschmuck sowie die Zugehörigkeit zu einer Clique spielen eine tragende Rolle. Dieses Auftreten spiegelt oft das Vorbild oder Idealbild wider, und stellt eine Verzerrung der eigenen Realität dar.

Gerade im Jugendalter sind die Bemühungen um Identitäsformung besonders stark. Ansehen und Aufmerksamkeit in allen sozialen Bereichen spielen für junge Menschen eine große Rolle. Erfolg oder Misserfolg auf dieser Ebene tragen wesentlich zum Verhalten und zur inneren und äußeren Stabilität von Jugendlichen bei.

Untersuchungen haben ergeben, dass es zwei Stufen des Identitätsverständnisses gibt. Bei der autonomen Identität werden, durch konsequentes Handeln, feste Lebensziele und Wertevorstellungen verfolgt. Die Person vermeidet Konflikte, indem ihr Vorgehen eher geradlinig verläuft und somit keine unvorhergesehenen Abschweifungen zugelassen werden. Die wechselseitige Identität ist geprägt von Widersprüchen unvereinbarer Identitäts- und Lebensentwürfe. Dies tritt häufig im frühen Erwachsenenalter auf, wenn man in der Situation ist, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Diese Stufe der Identität ist durch andere mitdefiniert.

[Bearbeiten] Suizid im Jugendalter

Ein tragisches Kapitel ist der Suizid im Jugendalter. Davon am hauptsächlich betroffen sind Jugendliche im Alter von 15- 35 Jahren. Die häufigsten Motive sind soziale Konflikte mit den Eltern, Partnerprobleme und mangelnde Ansprache/ Beachtung. Die suizidale Entwicklung wird in drei Stadien eingeteilt:

  • Am Anfang steht die Erwägung, sie kommt häufig vor, muss aber nicht weiter führen. Sie wird beeinflusst von der Umwelt und ahmt bekanntes nach.
  • Das zweite Stadium ist das Schwanken zwischen Leben und Sterben wollen. Es ist gekennzeichnet von Unschlüssigkeit. Oft wird eine suizidale Absicht in dieser Phase angekündigt, was unbedingt als Hilferuf verstanden werden muss.
  • Kommt es tatsächlich zum Stadium der Entscheidung, ist die Person eher gefasst und bereitet ihren Suizid ruhig vor.

Die Tendenz zur Selbsttötung resultiert aus einer Identitätsstörung. Die Distanz zwischen „wie man ist“ und „ wie man sein möchte“ erscheint zu groß, um sie anderweitig zu bewältigen. Die Betroffenen geben sich selbst die Schuld für ihr „Versagen“ und sehen nur noch in diesem einen Ausweg die Möglichkeit zur Flucht.

[Bearbeiten] Literatur

Oerter, Rolf & Dreher, Eva (2002). Jugendalter (S. 258-315). In Rolf Oerter & Leo Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychloie. Weinheim: Beltz.

http://de.wikipedia.org/wiki/Identit%C3%A4t

http://de.wikipedia.org/wiki/Selbst

http://de.wikipedia.org/wiki/Selbstkonzept

http://de.wikipedia.org/wiki/Selbsterkenntnis

http://de.wikipedia.org/wiki/Selbstbild

http://de.wikipedia.org/wiki/Selbstwert

Lexikon: Identität

Persönliche Werkzeuge