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Sozialpsychologische Aspekte des Verhaltens

Die Sozialpsychologie befaßt sich mit den psychologischen Aspekten des Zusammenlebens von Menschen, im Gegensatz zur isolierten Betrachtung des Individuums.

Attribution

Der Prozeß, durch den wir uns die Ursachen des Verhaltens anderer Menschen erklären, heißt Attribution. Der Attribution liegt ein Vorgang zugrunde, der implizite Psychologie genannt wird: unbewußt sammeln wir ständig Daten über das Verhalten anderer, interpretieren diese und konstruieren daraus Theorien. Die Methoden wie auch die Theorien sind privat und implizit und können oftmals selbst vom Betroffenen nicht erklärt werden. Tatsächlich werden die Theorien auch oftmals wie Fakten behandelt. Logischerweise tendieren Menschen dann dazu, die Theorien nicht umzuwerfen, selbst wenn sie mit Daten konfrontiert werden, die ihnen widersprechen.

Die wichtigste Unterscheidung zwischen verschiedenen Begründungen für das Verhalten einer Person A ist jene zwischen dispositiven und situativen Faktoren. Situative Faktoren sind Reize aus der jeweiligen aktuellen Umgebung von A, während dispositive Faktoren Persönlichkeitsmerkmale von A sind. Unsere Lebenserfahrung lehrt uns, welchen Einfluß welche situativen Faktoren üblicherweise auf das Handeln haben oder haben können und was für Arten von dispositiven Faktoren vorkommen. Direkte Bekanntschaft mit einer bestimmten Person läßt uns auch deren individuellen dispositiven Faktoren einschätzen. Oftmals schließen wir dabei aus einer einzigen Beobachtung, die z.B. auf Geiz oder auf Aggressivität hindeutet.

Ob wir ein Verhalten eher mit situativen oder eher mit dispositiven Faktoren erklären, hängt an drei Eigenschaften dieses Verhaltens: Konsens, Konsistenz und Eigentümlichkeit:

Menschen machen bei der Attribution eine Reihe von systematischen Fehlern:

Kontrolle, Kontrollüberzeugung und Kontrollverlust

Kontrolle zu haben, bedeutet, daß es einen erkenn- und vorhersagbaren Zusammenhang zwischen dem eigenen Handeln und den darauf folgenden Konsequenzen gibt, wobei Kontrolle letztlich die Differenz zwischen zwei Wahrscheinlichkeiten ist: einerseits der Wahrscheinlichkeit, daß ein erwünschtes Ergebnis ohne eigenes Zutun eintritt, andererseits der Wahrscheinlichkeit, daß dieses Ereignis durch eigenes Handeln herbeigeführt werden kann. Je größer diese Differenz, desto mehr Kontrolle bzw. Einfluß hat ein Mensch. Umgekehrt liegt ein Kontrollverlust dann vor, wenn die Differenz dieser beiden Wahrscheinlichkeiten gegen Null geht, denn in diesem Fall macht es für das Ergebnis keinen Unterschied, ob man überhaupt etwas tut oder nicht, d. h., man ist dem Geschehen ausgeliefert.

Unter sozialer Kontrolle im speziellen versteht man Maßnahmen der Prüfung und Überwachung gegenüber Einzelnen von seiten ihrer Primär- und Sekundärgruppen, um normentsprechendes Verhalten zu garantieren bzw. normabweichendes Verhalten mit Sanktionen zu belegen.

Kontrollüberzeugung ist eine wichtige Basis für Optimismus und steigert das allgemeine Wohlbefinden. Je mehr Kontrolle ein Mensch hat, desto zufriedener, gesünder und streßfreier ist er im Durchschnitt, wenig Kontrolle zu besitzen und somit Kontrollverlust, kann zur Angst führen.Handlungserfolg setzt für viele Menschen Kontrolle voraus, Handlungsinitiative und Durchhaltewille benötigt Kontrollüberzeugung.

Kontrollverlust bezeichnet in der Psychologie den Verlust der bewußten Steuerung bzw. Beherrschung des Denkens und Handelns, wobei das Fehlen von subjektiver Kontrolle Erfahrungen der Enttäuschung, Hilflosigkeit und Angst hervorbringt. Ein Kontrollverlust kann dabei subjektiv anders empfunden werden als er objektiv betrachtet ist. Auch für psychisch stabile Menschen bedeutet es extremen Streß, wenn ihnen plötzlich die Kontrolle über ihr Schicksal aus der Hand genommen wird. Vom einen Moment auf den anderen liegt der weitere Verlauf ihres Lebens nicht mehr in den eigenen Händen, sondern wird durch höhere Mächte oder die Entscheidungen Dritter bestimmt. Ein solcher Kontrollverlust löst zunächst Angst, Wut und Widerstand aus, und wenn es nicht gelingt, die Kontrolle zurückzugewinnen, schlägt die Frustration in Hilflosigkeit und Resignation um. Beispiele für Kontrollverluste sind etwa Gefängnisstrafen, Raubüberfälle oder Geiselnahmen. In manchen Fällen ist der Verlust von Kontrolle dabei ein starker Angstauslöser, wobei Menschen mit klinischen Angststörungen häufig eben nicht akzeptieren können, daß es im Leben immer ein Restrisiko gibt und maximale Sicherheit nicht möglich ist. Eine Strategie kann für diese Menschen sein, daß sie die Aufmerksamkeit wieder weiten, möglichst viele Informationen sammeln, die ausgleichend sind und nicht nur permanent zu fragen, wie gefährlich etwas ist, sondern auch zu registrieren, was dafür spricht, daß nichts passieren kann.

Erlernte Hilflosigkeit

Das Konstrukt der gelernten oder erlernten Hilflosigkeit bezeichnet das generelle Ausbleiben von Reaktionen eines Organismus infolge der Verabreichung von aversiven Reizen, die nicht kontingent und damit unkontrollierbar waren. Der Begriff wurde von Martin E. P. Seligman und Steven F. Maier geprägt. Nach Seligman werden Depressionen durch Gefühle der Hilflosigkeit mitbedingt, die auf unkontrollierbare, aversive Ereignisse folgen. Entscheidend für die erlebte Kontrollierbarkeit von Ereignissen sind die Ursachen, auf die die ein Mensch ein Ereignis zurückführt. Nach Seligman führen Attributionen aversiver Ereignisse auf internale, globale und stabile Faktoren zu Gefühlen der Hilflosigkeit, die wiederum zu Depressionen führen. Allen Angststörungen ist gemein, daß die Personen ihre Angst nicht oder sehr schlecht kontrollieren können, was zu Hilflosigkeits- und im Verlauf der Störung auch zu Hoffnungslosigkeitserfahrungen führt.

Heuristiken im sozialen Schließen

Wir benutzen zum Ziehen von Schlüssen bei sozialen Interaktionen Heuristiken, die gelegentlich zu Schlußfehlern führen.

Haltungen

Eine Haltung zu einem Thema T setzt sich aus drei Komponenten zusammen: Der affektiven Komponente, die die Gefühle beschreibt, die in Zusammenhang mit T auftauchen, der Verhaltenskomponente, die die Handlungen beschreibt, zu denen wir im Zusammenhang mit T neigen und schließlich die kognitive Komponente, die aus den Annahmen besteht, die wir über T haben.

Die affektive Komponente bildet sich durch Konditionierung; entweder direkte Konditionierung mittels positiver oder negativer Erlebnisse in Zusammenhang mit T oder sekundäre Konditionierung durch unterschwelliges Wahrnehmen und Übernehmen der affektiven Haltung anderer Personen (insbesondere von Autoritätspersonen). Die affektive Komponente widersteht Änderungen stärker als die anderen beiden. Ein Auseinanderklaffen zwischen einer alten negativen affektiven Haltung und einer nicht mehr negativen kognitiven Haltung zu einem Thema erzeugt oft Schuldgefühle.

Die kognitive Komponente wird meist von anderen übernommen, nur selten selbst gebildet - und auch dann nur zu einfachen Themen vollständig. Im allgemeinen geschieht die Übernahme durch Nachahmung von Vorbildern oder anderen Autoritäten.

Man sollte erwarten, daß affektive und kognitive Komponente unser Verhalten weitgehend bestimmen. Dies ist aber oft nicht der Fall. Folgende Gründe stehen dagegen:

Es sind aber nicht nur unsere Haltungen Grund für unsere Handlungen, sondern auch umgekehrt ändern Handlungen die Haltungen. Wenn Haltungen und Handlungen auseinanderklaffen, empfindet man eine kognitive Dissonanz. Um diese zu reduzieren, gibt es drei Möglichkeiten: Senkung der Wichtigkeit eines dissonanten Elements, Zufügen konsonanter Elemente oder Beseitigung eines dissonanten Elements.

So kann ein Student, der sich für sehr intelligent hält, aber dauernd schlechte Noten bekommt, diese Dissonanz beseitigen, indem er sich sagt, Noten seien ohnehin unwichtig und hätten wenig mit Intelligenz zu tun (Senkung der Wichtigkeit), beschließen, daß äußere Umstände verantwortlich sind, z.B. ungerechte Notenvergabe oder zu große Belastung durch den Nebenjob (konsonante Elemente zufügen) oder er kann bessere Noten bekommen oder seine Meinung über seine Intelligenz revidieren (dissonantes Element beseitigen). Bis auf das Bessere-Noten-Bekommen sind dies alles Beispiele für Haltungsänderungen aufgrund von Handlungen.

Auch andere Situationen führen zu Haltungsänderungen. Allgemein passen wir unsere Haltungen und deren Gewichtung so an, daß sie wenig Diskrepanz mit der Situation ergeben, in der wir sind. So halten wir etwas für besser und mehr wert, wenn wir mehr dafür bezahlt haben oder mehr Mühe aufgewendet haben, um es zu erlangen. Oder wir legen uns künstlich ein positives Urteil über eine Sache zu, mit der wir gezwungenermaßen verbunden sind, um unsere Selbstachtung zu wahren. Oder wir erhöhen die positive Beurteilung von A, nachdem wir uns in einer Konfliktsituation zwischen A und B für A entschieden haben.

Eine besonders wichtige Klasse von Haltungen sind Vorurteile. Sie entstehen vor allem durch die zu großzügige Anwendung von Stereotypen in Verbindung mit selektiver Wahrnehmung, die durch ein bereits vorhandenes Vorurteil noch verstärkt wird: Es wird nur noch das wahrgenommen, was in das Vorurteil paßt. Anderes wird ignoriert oder uminterpretiert. Vorurteile sind kaum zu vermeiden, dürfen jedoch nie zu ausgeprägt werden, damit sie nicht negative Auswirkungen entfalten.

Eine wichtige Klasse solcher Auswirkungen ist die selbsterfüllende Prophezeihung: Eine falsche oder zumindest voreilige Einschätzung einer Situation erzeugt ein Verhalten, daß dazu führt, daß die Einschätzung richtig wird. Selbsterfüllende Prophezeihungen sind mächtige soziale Faktoren und können im positiven wie im negativen wirken. Hier ein eindrucksvolles Beispiel für eine positive Wirkung:

Männlichen Versuchspersonen, die mit weiblichen Versuchspersonen zu telefonieren hatten, wurde vor Beginn des Telefonats ein Photo der angeblichen Gesprächstpartnerin gezeigt. Unabhängig von der tatsächlichen Partnerin bekamen manche Männer ein Bild einer attraktiven Frau, andere ein Bild einer unattraktiven Frau gezeigt. Die Gespräche wurden aufgezeichnet und die weibliche Stimme später weiteren Versuchspersonen vorgespielt. Diese empfanden die Stimme als freundlicher, sympathischer und geselliger, wenn es sich um ein Gespräch handelte, vor dem ein attraktives Photo gezeigt worden war, als bei Gesprächen, vor denen ein unattraktives Photo gezeigt worden war. Die ungerechtfertigte Prophezeihung des männlichen Telefonierers, eine attraktive oder unattraktive Partnerin zu haben, hatte sich ohne Wissen dieser Partnerin selbst erfüllt!

Offensichtlich ist eine Vermeidung von negativen und ggf. der gezielte Einsatz von positiven selbsterfüllenden Prophezeihungen ein wichtiges Augenmerk für softwaretechnische Arbeitsgruppen.

Soziale Einflüsse

Unser Verhalten wird natürlich auch direkt von anderen beeinflußt, oftmals in unbewußter oder unerwünschter Weise.

Konformität ist ein Wesenszug des Menschen, der das Zusammenleben enorm erleichtert. Konformität ist der Wunsch, nicht aus dem normalen Rahmen herauszufallen. Selbst Menschen, die scheinbar sehr wenig konform sind, z.B. Punks, sind in Wirklichkeit in den allermeisten Verhaltensbereichen konform. Und selbst in den Bereichen ihrer Nonkonformität stellt sich oftmals wieder Konformität auf einer anderen Ebene ein. So bilden z.B. die Punks eine Gruppe, die wiederum ihre eigenen Konformitätsregeln hat; ein Punk mit einer netten, immer gutgekämmten Allerweltsfrisur ist nur schwer vorstellbar. Es ist tendenziell schwer, sich einer Meinung, die von mehreren anderen geäußert wurde, nicht anzuschließen, selbst, wenn man relativ fest glaubt, daß sie falsch ist.

Soziale Förderung: Wenn jemand anderes an den eigenen Taten teilnimmt, z.B. einfach zuschaut, steigt unsere Anregung. Wir geben uns dann mehr Mühe. Bei einfachen Arbeiten führt das zu höherer Leistung, bei komplexen Arbeiten jedoch eventuell zu einem effektiven Absinken der Leistung, trotz des Bemühens.

Soziales Faulenzen: Auch der gegenteilige Effekt sozialer Anteilnahme ist möglich. Als Mitglied einer Gruppe bin ich weniger motiviert, Leistung zu erbringen, als als Einzelperson, zumindest dann, wenn meine Leistung nicht als Einzelleistung aus der Gruppenleistung zu identifizieren ist.

Reziprozität: Menschen mit intaktem Sozialverhalten haben einen starken Wunsch, einen Gefallen, der ihnen angetan wurde, zurückzugeben. Vor-Engagement: Wenn man einmal einer Sache zugestimmt hat, sich für etwas engagiert hat oder einer Person entgegengekommen ist, wird es schwierig, sich bei einer nachgefragten Verstärkung dieser Zustimmung, des Engagements oder des Entgegenkommens dann zurückzuziehen. In der sozialen Interaktion ist dieser Effekt bekannt unter dem Satz "Es ist schwer, Nein zu sagen, wenn man einmal Ja gesagt hat".


© Linz 1996 Werner Stangl.