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Wie behalte ich mir die Freude am Lernen? *)

Dieser Text wurde zwar für das Lernen in der Schule geschrieben, doch sind die Grundgedanken dieses Textes auch für das Lernen an der Universiät und im Bereich der Erwachsenenbildung bedenkenswert.

1. Lernen ist viel mehr als das Speichern von Faktenwissen

Diese Feststellung führt uns zur ersten Grundfrage, nämlich: Was verstehen wir überhaupt unter lernen? Ist es nur das Speichern von Wissensinhalten, wo wir doch in Kenntnis sind darüber, daß sich dieses Wissen in nur wenigen Jahren völlig überholt und das menschliche Faktenwissen immer umfangreicher wird, oder ist lernen auch erkennen, begreifen, erleben, einfach auch tun, kurz ein ganzheitlicher, umfassender, permanenter und lebenslanger Prozeß, der alle Sinnesbereiche mit einschließt?
Wir lernen mit Seele und Geist und wissen beispielsweise, daß wir nur etwa 10 % von dem behalten, was wir lesen, jedoch 90 % von dem, was wir tun. Außerdem: Man erkennt die Welt nicht, indem man sie auswendig lernt.

2. Die Freude am Lernen ist grundgelegt.

Jedes Kind will von sich heraus lernen; Lernen im umfassenden Sinn ist ein selbsttätiger, automatischer und lustvoller Prozeß. Ein Kind mit sechs Jahren z. B. ist gierig darauf, lernen zu dürfen und auch zu zeigen, was es kann. Wenn man es eben läßt, zu seiner Zeit und wenn wir als Erwachsene es nicht vorzeitig zu irgendwelchen Leistungen drängen. Menschen sind unterschiedlich, von ihrer Herkunft, Anlage und Entwicklungsgeschwindigkeit her. Ich stelle daher die zweite Grundfrage: Warum müssen wir das Lernen lernen? Weil wir es nicht erwarten wollen, bis die Kinder ihrer Eigenheit gemäß so weit sind, weil wir unsere Leistungsvorstellung unseren Kindern (vorzeitig) überstülpen, weil wir das Lernen immer noch als einen in Noten meßbaren Vorgang betrachten, der uns Erwachsenen Prestige bedeutet. Und, das führt mich zu meiner dritten These

3. In der Schule geht viel zu oft die Freude am Lernen verloren.

Ja, was verstehen wir in der Schule unter lernen?
Lernen wird in der Schule - als Gemeinschaft und Lebensraum verstanden -
- miteinander zu sprechen, uns mitzuteilen und uns zuzuhören?
- miteinander zu arbeiten, zu kooperieren und Konflikte auszutragen?
Dies alles in einer Zeit der zunehmenden Vereinzelung. Insgesamt: mit Menschen umzugehen? Lernen wir, auch sinnliche Erfahrungen machen zu können, als ganze Menschen und nicht in von Leben abgetrennten Gegenständen? Lernen wir verstehen zu können, Methoden anzuwenden, anstatt Wissen zu speichern? Lernen wir Fehler machen zu dürfen? Um ein lateinisches Zitat zu strapazieren: "Errando discimus" - durch irren lernen wir? Lernen und erfahren wir so beständige Ermutigung und Bestärkung in unseren Fähigkeiten? Lernen wir, mit Wissen(schaft) umzugehen, ich meine hier um mit Hartmut von Hentig zu sprechen, Wissenschaft als gewisseste und neueste Form von Wissen und vieles mehr? Wenn wir aus neuesten Untersuchungen wissen, daß die Freude an der Schule nach der Volksschule beständig abnimmt, daß ein erheblicher Prozentsatz von Schülern den Stoff schlicht und einfach auswendig lernt, daß die Noten sich in der Sekundarstufe kontinuierlich verschlechtern (während die Arbeitszeit der Schüler kontinuierlich ansteigt) und daß vor allem Schüler der Oberstufe in viel zu hohem Maß Passivität und Resignation zeigen, so muß an dieser Stelle ganz klar gesagt werden, daß die Verantwortung, daß Lernen im umfassenden Sinne gelingen kann, auch ganz wesentlich die Schule und die Lehrer trifft. Unser Schulsystem wird in Zukunft insgesamt viel stärker Möglichkeiten schaffen müssen, daß Lernen im umfassenden Sinn gelingen kann. Vor allem: Die Mißerfolgsorientierung und Demotivation der Schüler sind viel zu stark. Zu überdenken ist vor allem unsere Art zu beurteilen und die Sitzenbleiber-Praxis. Das führt mich zu meinem nächsten Punkt.

4. Lernen ist zutiefst emotional beeinflußt.

Lernen hat mit Beziehungen zu tun, vor allem auch mit der Beziehung zwischen Lehrern und Schülern. Wir wissen aus der Kommunikationspsychologie, daß der Beziehungsaspekt der Sachebene immer übergeordnet ist, das heißt, wenn es nicht gelingt, sich in positiver und annehmenderweise auf einander zu beziehen, dann wird es sehr schwer, sachlich etwas zu transportieren. Es ist vor allem die Verantwortung der Lehrer, den Lebensraum Schule beziehungsvoll zu gestalten und Lernprozesse so in Gang zu setzen, daß Schüler eigenverant-wortlich in der Lage sind, das Verlangte zu bewältigen. Das Ausmaß des Nachhilfeunwesens, von dem Lehrer zum Teil nicht einmal wissen, ist gelinde gesagt betrüblich. Ein Lehrer sollte ferner als pädagogischer Experte nach meinem Dafürhalten gut über lern- und kommunika-tionspsychologische Grundsätze Bescheid wissen und sich auch in seiner Rolle hinterfragen lassen.

5. Lernrezepte ohne Motivationsarbeit sind sinnlos.

Schüler müssen wenigstens ansatzweise wissen wozu und wofür sie das oder jenes lernen sollen. Ein plumpes Speichern von Wissen ist sinnlos und wird auch bald nach der Schule wieder vergessen. Motivation kommt aus dem Lateinischen und hat mit Beweggrund, Antrieb zu tun. Wir Erwachsenen handeln nie ohne Motiv und wir meiden - wenn wir es können - Tätigkeiten, die uns sinnlos erscheinen. Wenn wir als Erwachsene fragen, will dieser Schüler nicht oder kann er nicht, dann lautet für mich die Antwort als Psychologe stets: Er kann jetzt nicht, weil er eben nicht will, heißt: er ist nicht ausreichend motiviert.
Für uns als Eltern heißt das: Geben wir unseren Kindern eine Chance, selbstverantwortlich tätig werden zu können und beziehen wird die Kinder so gut es geht in Entscheidungen über die Schullaufbahn ein. Nicht wir gehen in die Schule, sondern unser Kind. Setzen wir so oft es geht, konsequente Anreize für das Wollen und lassen wir das ewige Bestrafungsdenken. Hüten wir uns vor allzu hohen Erwartungen, die unsere Kinder jetzt nicht erfüllen können. Unsere Kinder sind so wie sie sind und nicht so, wie wir sie gerne hätten.
Sorgen wir als jene, die einen Erfahrungsvorsprung haben, für gute Rahmenbedingungen hin-sichtlich der Lernorganisation. Es gibt viele wertvolle Tips aus der Lernpsychologie, wie z.B. eine gute und abwechslungsreiche Lerneinteilung in kleinen Portionen, nicht ein Stoffgebiet bis zum Umfallen büffeln etc. oder Thema Lernhemmungen: Wenn ich nach dem Vokabellernen z.B. einen aufwühlenden Film ansehe, kann unter Umständen alles wieder weg sein. Wissen sollten wir auch, daß Lernen wiederholen heißt, dafür brauche ich einige Tage Zeit. Im Langzeitgedächtnis verankertes Wissen ist auch in Streßsituationen leichter abrufbar. Begreifen hat mit angreifen zu tun, versuchen wir Wissensgebiete so plastisch und anschaulich wie möglich zu gestalten. Last but not least: Schaffen wir gute geistige und körperliche Voraussetzungen, wenn wir lernen wollen, sonst ist es schade um die Zeit.
Kinder und Jugendliche brauchen Freiräume z.B. zum Spielen oder ganz einfach für sich selbst. Lassen wir unsere Kinder leben und erleben und engen wir sie nicht ständig durch unseren Ehrgeiz, der in der Schule symptomatisch wird, ein. Lernen kann in der Schule stattfinden, lernen dürfen wir aber vor allem durch das Leben selbst und leben heißt für mich, sich auf andere zu beziehen.


*) © Dr. Josef Zollneritsch: Wie behalte ich mir die Freude am Lernen?
In: "Schule". Zeitschrift des Landeschulrates für Steiermark.
©opyright Werner Stangl, Linz 1997.
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