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 Hans-Dieter Haller

Zum Problem des Teilnehmerschwunds in akademischen Lehrveranstaltungen

Ausgangssituation:

Das Phänomen ist bekannt, man spricht aber nicht darüber: Lehrveranstaltungen beginnen mit einer Teilnehmerzahl, die während der weiteren Termine nicht gehalten werden kann und z.T. drastisch absinkt. Oft ist es in solchen Fällen dann aber doch so, daß zum Ende des Semesters die Zahl der anwesenden Studierenden in einer solchen Lehrveranstaltung wieder deutlich ansteigt, ohne freilich die ursprüngliche Höhe wieder zu erreichen. Sollte das hingenommen werden, sollte das als Problem der Studierenden verstanden werden, sollte das als eigenes Versagen der Lehrenden interpretiert werden? Niemand unter den Beteiligten weiß genauer, woran das liegt; man erhält keine Rückmeldung.

Bis Ende der 60er Jahre waren in akademischen Lehrveranstaltungen vom Seminartypus Anwesenheitslisten üblich; bei Vorlesungen mußten An- und Abtestate für das Studienbuch geholt werden (wobei es vorkommen konnte, daß ein Professor mißtrauisch wurde angesichts eines unbekannten Gesichtes, eine Frage zum Stoff der Vorlesung stellte und das Abtestat verweigerte, weil ihm die Antwort zeigte, daß der/die Betreffende kaum in der Vorlesung gewesen sein konnte). Solche Kontrollen werden heute als zu restriktiv und für Erwachsene unwürdig empfunden.

In Vorlesungen dürften sich solche Schwundquoten wenig auswirken, obgleich auch hier schon Unsicherheit und Verärgerung bei den Lehrenden entstehen dürfte. In Seminarveranstaltungen und Übungen kommt oft eine negative Auswirkung auf den Arbeitsablauf für alle Beteiligten hinzu; so z.B., wenn verabredete Termine für Referate nicht eingehalten werden, weil die Referenten/Referentinnen zu der Schwundquote gehören... .

Literatur mit Forschungsergebnissen ist hierzu nicht bekannt. Eine Literaturrecherche in der CD des Fachinformationssystems Bildung ergab zwar 38 Einträge für den Zeitraum 1980 bis 1994, diese waren aber nahezu ausschließlich auf Veranstaltungen von Volkshochschulen und Umschulungsmaßnahmen der Bundesanstalt für Arbeit bezogen; der einzige hochschulbezogene Eintrag befaßte sich mit den Schwundquoten bei der Feruniversität Hagen. Nähern wir uns also dem Phänomen Teilnehmerschwund mit eigenen Überlegungen. Mögliche Gründe sind vielfältig denkbar, sicherlich werden sich einige der nachfolgend genannten denkbaren Gründe überlagern.

Teilnehmerschwund.htmMögliche Gründe und daraus zu ziehende Konsequenzen::

1. "Natürliche" Schwundquoten

Zunächst einmal ist davon auszugehen, daß es immer eine gewisse "natürliche" Schwundquote geben kann, die sich aus Krankheiten, zwingenden anderen Terminbelastungen u.ä. ergibt. Geht man einmal davon aus, daß ein Studierender/eine Studierende pro Semester 3 Sitzungen einer Lehrveranstaltung aus solchen akzeptablen Gründen versäumt, so bedeutet dies bei 12 Sitzungsterminen eime Absenz von 25 %. Natürlich liegt es innerhalb eines Ermessensspielraumes, ob man z.B. mit einer starken Erkältung eine Lehrveranstaltung besucht oder nicht. Dieser Ermessenspielraum wird mit Sicherheit zu Beginn und zum Ende des Semesters von den Studierenden selbst enger gehalten als während des Semesters. Dreimaliges Fehlen (das früher bei der Praxis von Anwesenheitslisten toleriert wurde) gehört gewissermaßen zum selbstverantworteten Freiraum der Studierenden, den "man sich gönnen kann". Wenn dieser vor allem während des Semesters realisiert wird, stellen sich leicht Nichtanwesenheitsquoten von 30-35 % ein.

Konsequenz: Eigentlich keine

2. Schwund der "Zaungäste"

Die Teilnehrmerzahl zu Beginn einer Lehrveranstaltung ist möglicherweise deshalb hoch, weil viele Studierende zu Beginn einss Semesters zunächst einmal in die Lehrveranstaltungen "hineinschnuppern", um dann erst eine konkrete Entscheidung zu treffen, welche Lehranstaltung sie ernsthaft besuchen wollen. Dieses Verhalten muß als legitim bezeichnet werden; es gehört zum akademischen Habitus, sich durch Inaugenscheinnahme davon zu überzeugen, ob eine Lehrveranstaltung für einen selbst in Frage kommt (so jedenfalls eine Wahlmöglichkeit eingeräumt ist).

Konsequenz: In der ersten Semesterwoche kann man als Lehrender/Lehrende die Lehrveranstaltungskonzeption vorstellen und trifft erst danach konkrete Absprachen mit den Studierenden, die weiter mitarbeiten wollen.

3. Andere Lernmöglichkeiten sind vorhandenen und attraktiver

Es kann sein, daß Studierende den Lehrstoff lieber an Hand von Lehrbüchern oder vorhandenen Mitschriften früherer Lehrveranstaltungen zu diesem Thema bearbeiten. Dies wird besonders dann gefördert, wenn die betreffende Lehrveranstaltung sich sehr eng an solche Darstellungen hält. Zu Beginn und zu Ende des Semesters sind solche Studierenden dann aber doch anwesend, um sozusagen die Aufgabenstellung und das Anspruchsniveau kennenzukernen.

Konsequenz: Die eigene Lehrveranstaltung originärer gestalten.

4. Übervoller "Speiseplan" bei Studierenden

Manche Studierende haben Schwierigkeiten damit, eine realistische Zeitplanung und dementsprechend auch eine durchführbare Veranstaltungsplanung aufzustellen. Immer wieder übernehmen sie sich bei den ins Auge gefaßten Lehrveranstaltungsswünschen und müssen dann im Verlauf eines Semesters bald erkennen, daß sie zu viele Veranstaltungen eingeplant hatten. Heutzutage ist sowieso der Druck für die Studierenden, ein bestimmtes Pflichtpensum zu erfüllen, sehr viel größer als noch vor 30 und mehr Jahren: z.B. müssen im Magisterstudiengang 160 SWS absolviert sein (folgt man den Regelstudienzeiten, so sind dieses pro Semester 20 SWS Pflichtpensum).

Konsequenz: Studienberatung

5. In anderen Lehrveranstaltungen werden "härtere" Forderungen gestellt

Üblicherweise wissen Dozenten/Dozentinnen nicht sehr viel darüber, wie in den Lehrveranstaltungen ihrer Kolleginnen/Kollegen gearbeitet wird. Wenn in anderen Lehrveanstaltungen durch härtere Leistungsanforderungen die Studierenden stärker gefordert sind, suchen sie "Ventile", d.h. Lehrveranstaltungen, die sie einfacher und zeitsparend erledigen können oder auf die sie dann notgedrungen im Verlauf des Semesters ganz verzichten.

Konsequenz: Bessere Absprachen innerhalb der Fächer im Hinblick auf mehr Vergleichbarkeit bei den Anforderungen.

6. Probe zum Wechsel/zum Abbruch

Die Zahlen der Studienfach- bzw. Studiengangwechsler und der Abbrecher sind in einigen Fächern bzw. Studiengängen nach wie vor sehr hoch. Es gibt Fächer bzw. Studiengänge, die ca. 50 % Abbrecher aufweisen, in der Hauptsache während der ersten vier bis fünf Studiensemester. Die Gründe dafür sind sehr vielfältig. Der Zeitraum, in dem sich dieses bei den betreffenden Studierenden artikuliert, wird in der Literatur über Studienabbrüche auf in der Regel etwe ein Jahr beziffert, d.h. von dem ersten Auftreten einer Überlegung, man studiere das falsche Fach oder sei überhaupt nicht geeignet für ein Studium, bis zur tatsächlichen Abbruchentscheidung vergeht in der Regel ein Jahr. Die während dieses Jahres besuchten Lehrveranstaltungen sind dann sicherlich nicht besonders intensiv besucht worden. Das Fernbleiben von einzelnen Lehrveranstaltungen kann deshalb auch als Beginn der "inneren Abmeldung" von diesem Fach interpretiert werden.

Konsequenz: Studienberatung

7. Andere Engagements

Für viele Studierende hat das Studium nicht den Charakter einer Alleinbeschäftigung. Insbesondere ist bekannt, daß -sei es um überhaupt das Studium finanzieren zu können, sei es, um einen besseren als den minimalen Standard zu haben- viele Studierende "jobben". Oft sind es auch Phasen im Studium, in denen weniger intensiv studiert wird, weil andere Dinge des Lebens als attraktiver angesehen werden (z.B. eine beginnende Partnerschaft) oder sich auch externe Zwänge einstellen (z.B. Betreuung kranker Eltern, eigenes Kind).

Konsequenz: Über Lehrveranstaltungen nicht korrigierbar, in Teilen durch Studienberatung (Beurlaubung).

8. Desinteresse und Frustration

Natürlich sind nicht alle Lehrveranstaltungen von ausgesuchter Qualität. Das Fernbleiben ist also auch eine Abstimmung oder Rückmeldung "mit den Füßen". Das kann daran liegen, daß die Betreffenden enttäuscht sind gegenüber dem Lehrstoff (oft ist es die Feststellung von Studierenden, in einer Lehrveranstaltung sei besonders praxisfremdes Wissen bedeutsam) oder ihnen die Art der Lehrtätigkeit nicht gefällt. Das stellt man am ehesten fest, wenn man sich fortlaufende Gespräche mit den Studierenden über ihre Eindrücke zu einer Lehrveranstaltung zur Gewohnheit macht. Es hat weniger Zweck, wenn man nach dem Fernbleiben eine Veranstaltungsevaluierung durchführt, denn dann sind die Frustrierten nicht mehr da und können ihr Urteil nicht mehr abgeben.

Konsequenz: Gespräche mit den Studierenden, bessere Lehrqualität, Praxis- und Anwendungsbezug


Quelle: http://www.gwdg.de/~hhaller/hsd4.htm