Das Lernen unterstützen mit Lernpostern



Phänomenologie oder Phänomenalismus

(von griech. phainomenon, Erscheinung, Erscheinendes).

Gemeinsam ist phänomenalistischen Auffassungen die Voraussetzung, eine wenigstens begriffliche Unterscheidung zwischen Erscheinung und Ding an sich sei sinnvoll. Erscheinungen (Sinnesdaten, Sinneseindrücke) bilden dem P. zufolge den primären (oder sogar einzigen) Gegenstand der Wahrnehmung und das Fundament der Erfahrungserkenntnis. Die Frage, ob ein Ding an sich (etwa als materieller Gegenstand) wirklich existiert, kann dann noch in unterschiedlicher Weise beantwortet werden: (a) Es gibt neben den Erscheinungen auch Dinge an sich; allerdings können wir diese allenfalls mittelbar erkennen (indem wir von den Erscheinungen auf sie zurückschließen); (b) die Frage, ob es neben den Erscheinungen wirklich Dinge an sich gibt, ist unentscheidbar; (c) es gibt überhaupt nur Erscheinungen.

Ein Phänomenalismus wird durch eine gewisse Beschreibung von Sinnestäuschungen nahegelegt. Wir glauben oft etwas wahrzunehmen, was es jedoch so nicht oder überhaupt nicht gibt. Einen in Wasser getauchten geraden Stab sehen wir geknickt, obwohl es einen geknickten Stab in diesem Fall nicht gibt. Von dieser Beschreibung ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der Auffassung, daß wir - wenn wir uns beim Sehen täuschen - nicht (materielle) Gegenstände sehen, sondern daß uns nur Sinnesdaten gegeben sind. Da zudem täuschende und zuverlässige Sinneserfahrungen für uns qualitativ ununterscheidbar zu sein scheinen, liegt es nahe, allgemein davon auszugehen, daß wir unmittelbar nur Sinnesdaten wahrnehmen, von denen wir allenfalls (problematische) Rückschlüsse auf die Existenz und die Eigenschaften materieller Gegenstände machen können. Es scheint sicherer und einfacher, nicht nur bei täuschenden, sondern bei allen Wahrnehmungen davon auszugehen, daß uns unmittelbar bloß Erscheinungen zugänglich sind. (Manche Phänomenalisten gingen weiter und erklärten die Annahme materieller Dinge für überflüssig.)

Auf den Gedanken, Erscheinungen oder Sinnesdaten bildeten das Fundament des empirischen Wissens, kann man durch die folgende Betrachtung kommen: Aussagen über Phänomenales haftet eine besondere Sicherheit an. Während Behauptungen über materielle Gegenstände niemals vollkommen sicher sein können, kann man mir doch nicht streitig machen, daß mir etwas so oder so erscheint. Vor dem Hintergrund dieser Überlegung liegt es nahe, das Gebäude des Erfahrungswissens auf der sicheren Grundlage solcher minimalen Gewißheiten zu errichten. Da sich der Phänomenalismus durch verhältnismäßig naheliegende Betrachtungen empfiehlt, verwundert es nicht, daß er sich in der Geschichte der Philos. weiter Verbreitung erfreut.

Im 19. und 20. Jh. wurde ein Ðkonstruktionalistischer Phänomenalismusð entwickelt. B. Russell war bestrebt, die gesamte geistige und körperliche Wirklichkeit aus Sinnesdaten logisch zu konstruieren. Mit größerer Präzision konstruierten R. Carnap und N. Goodman phänomenalistische Systeme. Bei ihnen steht jedoch noch deutlicher als bei Russell das Konstruktionsinteresse im Vordergrund; die Wahl einer phänomenalistischen Basis ist demgegenüber zweitrangig und wird in ihrer Relativität kenntlich gemacht.

Die zahlreichen Spielarten des Phänomenalismus sind mit einer Reihe von Einwänden konfrontiert worden. Man hat in Zweifel gezogen, ob die vorausgesetzte Unterscheidung von Erscheinung und Ding an sich wirklich klar ist, und gefragt, ob der Phänomenalismus nicht Erscheinungen in unzulässiger Weise vergegenständlicht. Ferner ist bestritten worden, daß der Phänomenalismus eine zureichende Analyse der Wahrnehmung, insbesondere der Trugwahrnehmung liefert. Schließlich ist die Auffassung der Erscheinungen als privater Gegenstände im Geist fragwürdig, da unter dieser Annahme unerklärlich wird, wie man über Empfindungen sprechen kann.

Literatur
J. L. Austin: Sinn und Sinneserfahrung, 1975.
H. Barth: Philos. der Erscheinung, 2 Bde., 1947/59.
R. Carnap: Der logische Aufbau der Welt, 1928.
N. Goodman: The Structure of Appearance, 1951.
H. Kleinpeter: Der Phänomenalismus, 1913.
B. Russell: Unser Wissen von der Außenwelt, 1926 (Orig. 1914).


Phänomen

(engl. phenomenon oder appearance; franz. phénomène; griech. phainomenon, das Erscheinende), etwas, das sich zeigt; Erscheinung.

1. Platon unterscheidet zwischen Phänomen (Erscheinung) und Idee. Ein Pferd z. B. gehört zu den Phänomenen, während die Idee des Pferdes in dem besteht, was alle konkreten (und möglichen) Pferde als Pferde auszeichnet, ihrem gemeinsamen Wesen.
Die Idee ist ewige Einheit, immer dieselbe und unveränderlich; die Phänomene dagegen sind mannigfaltig, verstreut in Zeit und Raum, verschieden und dauernder Veränderung unterworfen. Nur dem Anschein nach liegt daher in den Phänomenen Wirklichkeit; die eigentliche Wirklichkeit ist die Idee. Sie läßt sich mit Hilfe der Vernunft schauen, während die Phänomene an das unsichere Zeugnis der Sinne gebunden sind. Im Platonismus rückt das Phänomen in eine Nähe zum bloß Scheinhaften; allerdings steht und fällt diese Deutung mit der Lehre von den dahinterstehenden ewigen Ideen als der eigentlichen Wirklichkeit. Wird sie aufgegeben, erhält das Phänomen zwangsläufig einen anderen Status.

2. Für den naiven Realismus gibt es zwischen den wahrnehmbaren Phänomenen und der Wirklichkeit, wie sie an sich ist, keinen Unterschied. Beides ist unmittelbar identisch.

3. Der kritische Realismus definiert dagegen die Phänomene als Bewußtseinszustände, die durch die Wahrnehmung und in ihr gegeben sind. Sie spiegeln die dahinterstehende Wirklichkeit nicht unmittelbar wider. Aber sie sind Zeichen dafür: Aus der Art, in der die Phänomene auftreten, läßt sich die Wirklichkeit erschließen.

4. Eben dies bestreitet Kant. Phänomen ist für ihn "Erscheinung", Gegenstand der Erfahrung, das Ding, wie es sich dem Wahrnehmenden zeigt. Wie es als "Ding an sich", d.h. unabhängig von aller Wahrnehmung, beschaffen ist und welches Verhältnis es zwischen dem Ding an sich und dem Ding als Erscheinung gibt, darüber kann nichts gewußt werden.

5. Noch einen Schritt weiter geht der Phänomenalismus. Er verneint sogar die Existenz des Dings an sich. Die Wirklichkeit besteht in nichts anderem als den wahrgenommenen (oder wahrnehmbaren) Phänomenen selber.

6. Die Phänomenologie des 20. Jh. klammert die Frage, ob es über die Phänomene hinaus etwas gibt, ein. Zugleich wird der Begriff Phänomen ausgeweitet und umfaßt nun alles, was einem Bewußtsein direkt gegeben sein kann.

H. Barth: Philos. der Erscheinung, 2 Bde., 1947/59.
J. Mittelstraß: Die Rettung der Phänomene, 1963.
H. R. Schweizer/A. Wildermuth: Die Entdeckung der Phänomene, 1981.
Philosophielexikon/Rowohlt-Systhema
 


Wesensschau

Grundbegriff der Husserlschen Phänomenologie.
Nach Husserl ist es bei jedem individuellen Gegenstand möglich, seine zufälligen und seine wesentlichen Eigenschaften voneinander zu unterscheiden. Die wesentlichen Eigenschaften gelten mit Notwendigkeit für alle Gegenstände der entsprechenden Klasse. Das Wesen (eidos) des individuellen Gegenstands ist nach Husserl ein eigener idealer Gegenstand, den man in der Wesensschau erfahren kann (auch eidetische Deskription, eidetische Reduktion, eidetischeVariation oder Ideation genannt). Dazu muß der Gegenstand in der Phantasie vorgestellt und verändert werden. So vermag man zu sehen, welche Eigenschaften ihm notwendig zukommen und welche sich wegdenken lassen, ohne daß der Gegenstand dabei sein Wesen, d. h. seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse, verliert. Auf diese Weise läßt sich eine direkte Erfahrung des Wesens gewinnen.

Literatur: Philosophielexikon/Rowohlt-Systhema

 
Phänomenologie zwischen Deutschland und Frankreich*)

Iris Därmann & Antje Kapust

Wer sich heute mit der phänomenologischen Philosophie befaßt, kann sich nicht ersparen, eine vielleicht wenig originelle, aber unerläßliche Arbeit der Lektüre aufzunehmen, die die Stationen und umweglichen Wege eines epochemachenden Denkens durchläuft, das sich mit der Aufforderung verbindet, nicht nur "zu den Sachen selbst" zurückzukehren, sondern ihnen diesseits aller theoretischen Konstruktionen oder metaphysischen Spekulationen das erste und das letzte Wort zu lassen. Der Traum von einer phänomenologischen Untersuchung, deren Autor hinter der Darstellung so weit verschwindet, daß diese gewissermaßen nichts anderes als eine von der Sache selbst diktierte Darstellung zu sein hätte, benennt ein Innehalten und ein Ansichhalten, eine Form der Enthaltung seitens des Schreibenden - Husserl nannte sie die "Epoché" - bei der die zu erforschenden Dinge sich niemals direkt und frontal unter der Frage "Was ist?" zu erkennen geben, sondern sich im Zuge eines Verfahrens der Reduktion in dem Maße in "Phänomene" verwandeln, in dem sie nach der Art und Weise ihres Erscheines wie Nichterscheinens, ihrer Gegebenheit wie Nichtgegebenheit (Wie ist?) thematisiert und problematisiert werden.

Ein Maler oder Schriftsteller, der weniger sich selbst darstellt, als vielmehr, wie etwa Cézanne oder Flaubert, detailgetreu und detailgenau den Dingen zu einem unaufkündbaren Ausdruck verhilft, der bildet sie niemals einfach nur ab; seine ganz und gar in den Dienst an der Sache gestellte Darstellung zeigt vielmehr die Dinge in dem Augenblick, da sie ins Unabsehbare, ins Uneinsehbare, ins Unsichtbare oder ins Undarstellbare hinabgleiten. Man kann die Folgen dieses ebenso schlichten wie subversiven Blickwechsel mit der Levinas'schen Formel angeben: "Anders wahrnehmen, ist Anderes wahrnehmen."

Nicht zuletzt auf Grund ihrer unbestechlichen Treue zu den zu erforschenden Gegenständen ist die Phänomenologie eine philosophische Wissenschaft der Verfremdung, Verrätselung, Verzauberung, Verdächtigung und Verunheimlichung, dank der das selbstverständliche, vertraute und geltende Sein der Dinge erschüttert zu werden vermag. Dieser wesentliche Zug zu den Dingen bewahrt die phänomenologische Philosophie vor dem Schicksal einer bloß immanenten Interpretation, kommentierenden Auslegung, eines Systemzwanges oder einer historisch-philologisch orientierten Nachlaßverwaltung ihres umfangreichen textuellen Archivs.

Wie die Freudsche Psychoanalyse muß die Phänomenologie Husserls als eine Diskursivitätsbegründung im Sinne Foucaults begriffen werden. Eine bestimmte Diskusivität zu stiften, heißt für Foucault, die Bildungsgesetze für andere Texte einzuräumen, für Texte, die jener Diskusivität zugehören, durch die sie begründet worden sind, und die doch ganz anders sind als das sie begründende Werk. Die durch Husserl um 1900 gestiftete Diskursivität stellt selbst alle Mittel und Möglichkeiten bereit, sie zu überschreiten, so daß der unter einer spezifischen Sachfrage erfolgende Rückgang auf das begründende Werk dieses selbst verändert. Wer im Zeichen der Phänomenologie an bestimmten Phänomenen arbeitet, leistet nicht nur Arbeit mit Hilfe der Phänomenologie, sondern immer auch Arbeit an der Phänomenologie und ihren Grenzen. In diesem von Husserl selbst vorgeschlagenen Sinn einer "Arbeitsphilosophie" gibt es keine klassische und keine klassifizierende Lektüre der Phänomenologie. Heidegger war von einer solchen Lesart jedenfalls ebenso weit entfernt, wie - unter jeweils anderen Gesichtspunkten - die Texte Merleau-Pontys, Lacans, Levinas', Lyotards, Derridas und Waldenfels'.

Französische Phänomenologie, Existenzialismus, Strukturalismus und Dekonstruktion antworten auf ihre Weise auf die von der Phänomenologie freigelegte Herausforderung, die zur Radikalisierung und Erweiterung der Vernunft zwingt. Während die klassische Vernunft eine umfassende Ordnung darstellt, in der jedes Seiende nach einem vorgegebenen und unwandelbaren Maßstab eingeordnet ist, zerbricht in der Neuzeit diese totalisierende Geste und zerfällt in einen Plural von Rationalitäten, der Raum für Kontingentes, Unbestimmtes und Heterogenes eröffnet. Doch was bedeutet Subjektsein, Wissen, Handeln oder Verantwortung angesichts dieser aufklaffenden Legitimationslücken?

Der französische Phänomenologe M. Merleau-Ponty nähert sich diesem Problem mit einer Philosophie der (Inter-)Leiblichkeit als einer dritten Dimension jenseits des klassischen Erbes von Empirismus und Rationalismus. Sie entbindet die Phänomene aus ihrer objektivistisch-naturalistischen und subjektivistisch-kritizistischen Reduktion und restituiert ihren Überschuß an Andersheit und Fremdheit. Mit diesem Stichwort motiviert Merleau-Ponty den Strukturalismus und einen 'Humanismus des anderen Menschen' in verschiedener Auslegung.

Während der Strukturalismus von C. Lévi-Strauss den Weg für eine grundlegende Revision des europäischen Okulozentrismus bahnt, der den Fremden mit der Brille der logozentrischen und eurozentrischen Ordnung des westlichen Abendlandes betrachtet und ihn in dieser Perspektive seiner genuinen Fremdheit beraubt, entfaltet Levinas eine Kritik der abendländischen Ontologien gerade aus der Transzendenz des Anderen heraus. Die Erschütterungen dieses Jahrhunderts hinterließen Spuren in einem Denken, das eine Ethik als erste Philosophie (prima philosophia) entwickelt, die nicht wie in der klassischen Vernunftlehre Rechtfertigung des "Bösen" ist, sondern in der das Mensch-Sein bedeutet, für den Anderen eine Verantwortung zu haben, die meiner Entscheidung vorursprünglich vorausgeht.

Die Krise der abendländischen Kultur und Zivilisation wird nicht wie bei Husserl durch eine Archäologie der Vernunft umkreist, sondern in den Formen totalitärer Vernunftentfaltung hinterfragt, die den Anderen in die eigene Ordnung eingliedert, sei diese der Kosmos, das Cogito, der Weltgeist, eine Menschengattung, ein rationalistisches System oder ein Heilssystem. Die Vorarbeit konnte ein französischer Existentialismus leisten, der das Ich in seine unvergleichliche Singularität zurückversetzte.

Der bei E. Levinas entwickelte 'Humanismus des anderen Menschen' findet eine Erweiterung bei den Denkern der zweiten Generation wie M. Foucault und J. Derrida. Angesichts der Infragestellung der eigenen "Macht" und der daraus resultierenden Legitimationslücken beleuchtet Foucault den totalitären Ausgriff und die genealogische Verfertigung des neuzeitlichen Subjekts, das das ursprünglich unendliche Projekt der alten Vernunft nun mit endlichen Mitteln auszuführen sucht. Er zeigt die Momente von Macht und Gewalt in diversen Praktiken und Disziplinen auf. Auch Derrida radikalisiert die Frage der Vernunft durch Dekonstruktionsbewegungen, die jene der Metaphysik zugrundeliegenden Strategien, hierarchischen Oppositionsbildungen und Ausschlußverfahren ebenso bloßlegen, wie sie ihre Logik in der Absicht destabilisieren, eine Ethik jenseits der "Technik als Kalkulierbarkeit" anzuschreiben, die in letzter Instanz ebenfalls von einer "Sorge um die Verantwortlichkeit" getragen wird.

Wenn sich jedoch die Fragen an die Vernunft nicht selbst systematisieren lassen, öffnet sich unter den alten pyramidalen Vernunftordnungen ein Abgrund: Die Realisierung der Vernunft vollzieht sich selektiv und exklusiv und zwingt zu einem "anderen" Denken von Rationalität, Subjekt und Ordnung. Steht dann nicht ein unumgänglicher Anspruch in Frage, auf den ich zu antworten habe?


Quelle: Iris Därmann & Antje Kapust: Phänomenologie zwischen Deutschland und Frankreich
WWW: http://www.ruhr-uni-bochum.de/www-public/pullilbe/gktext1.htm (98-01-16)