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Zur Geschichte der Hermeneutik

1. Aufgrund der Überzeugung, daß die Bibel und die klassischen antiken Texte einen besonderen Wahrheitsgehalt haben, zu dem es vorzudringen gilt, stellt sich die Hermeneutik um das Jahr 1500 zur Aufgabe, Methodenregeln für die korrekte Auslegung theologischer und klassisch-humanistischer Texte anzugeben.

2. Bei Schleiermacher wird das Gebiet der Hermeneutik erweitert und umfaßt nun alle Texte oder Geistesprodukte - und nicht nur besonders ausgewählte, Ðklassischeð, Ðautoritativeð oder Ðheiligeð Schriften. Mit dieser Erweiterung verliert die Hermeneutik ihre traditionelle Beziehung zu Texten als Wahrheitsvermittler. Statt dessen werden diese als der Ausdruck der Psyche, des Lebens und der geschichtlichen Epoche des Verfassers aufgefaßt, und das Verstehen wird gleichgesetzt mit einem Wiedererleben und Einleben in das Bewußtsein, das Leben und die geschichtliche Epoche, der die Texte entstammen. Die Hermeneutik wird zu einer allgemeinen Kunstlehre, Mißverständnisse zu vermeiden beim Versuch, sich in das Leben einzufühlen, das hinter einem gegebenen Geistesprodukt steht. Bei Schleiermacher ist diese Theorie des "Einlebens" mit einer allgemeinen metaphysischen Theorie verbunden, nach der Verfasser und Leser beide Ausdruck ein und desselben überindividuellen Lebens (des Geistes) sind, welches sich durch die Weltgeschichte entwickelt. Dieses Leben garantiert letzten Endes die Möglichkeit und Sinnfülle des Verstehens.

3. In der letzten Hälfte des 19. Jh. wird diese metaphysische Theorie des überindividuellen Lebens wieder aufgegeben, und die Hermeneutik wird im Historismus (oder Historizismus) schlechthin als eine Kunstlehre aufgefaßt, die die richtige Rekonstruktion der psychologischen Zustände anderer in objektiv vorliegenden Texten (Quellen) sichern soll.

4. Zentral wird der Begriff der Hermeneutik bei Wilhelm Dilthey, der zwischen Ðerklärenð und Ðverstehenð unterscheidet. Während die Naturwissenschaften bestrebt sind, die Ðpositivð erkennbaren Gegebenheiten der Welt von außen zu erklären, ist es Aufgabe der Geisteswissenschaften, die "Erscheinungen" der Welt von innen zu verstehen. Diltheys Bestreben, eine universelle Methodik der auf "geschichtlichen Seelenvorgängen" beruhenden Geisteswissenschaften zu entwickeln und diese abzugrenzen von den Gegenständen und Arbeitsweisen der Naturwissenschaften, hat einen nachhaltigen Einfluß ausgeübt, besonders auf die Literaturwissenschaft, die sich u. a. mit der Auslegung von Texten beschäftigt.

5. Bei Heidegger und später bei Gadamer erhält der Begriff Hermeneutik eine noch unfassendere Bedeutung, indem sie behaupten, daß nicht nur unser Wissen über Texte und geistige Produkte, sondern alles Wissen auf einem Verstehen beruht, das in einer Auslegung unseres Wissens erläutert (oder artikuliert) wird. Die Philos. muß bei diesem Verstehen ihren Ausgangspunkt nehmen und wird damit zu einer Hermeneutik Mit dieser Erweiterung des H.-Begriffs entsteht erneut eine Beziehung zum Wahrheitsbegriff. Die auslegende Verstehensaneignung wird zu einer Aneignung der Wahrheit dessen, auf das wir uns verstehen, und nur weil wir auf diese Weise Ðbereits in Wahrheit sindð, können wir überhaupt irren. Die hermeneutische Philosophie wird zu einer Lehre von der Historizität des Menschen, d. h. zu der Lehre, daß sich der Mensch als ein In-der-Welt-Sein Ðimmer schonð in Verstehenssituationen befindet, die er in einem geschichtlichen Verstehensprozeß auslegen und korrigieren muß.

6. P. Ricoeur führt die hermeneutische Philos. mit ihrer Betonung des sprachlichen und geschichtlichen Charakters des menschlichen In-der-Welt-Seins weiter. Aber er geht dabei wesentlich über Gadamer hinaus. Um sich selbst und seine eigenen Erzeugnisse zu verstehen, muß der Mensch sich von sich selbst distanzieren; er muß sich Ðobjektivierenð mit Hilfe kultureller Symbole und sozialer Institutionen. Ein solches vermitteltes Verständnis nennt Ricoeur Auslegung. In diesem Zusammenhang betont er- im Unterschied zu Heidegger und Gadamer - die Beziehung zwischen der hermeneutischen Philosophie und dem linguistischen Strukturalismus sowie der Psychoanalyse.

Literatur
K.-O. Apel: Die Erklären-Verstehen-Kontroverse in transzendental-pragmatischer Sicht, 1979.
E. Betti: Die Hermeneutik als allgemeine Methodik der Geisteswissenschaften, 2 1972.
R. Bubner/K. Camer/R. Wiehl (Hg.): Hermeneutik und Dialektik, I-II, 1970.
W. Dilthey: Gesammelte Schriften, I-XII, 1914-36, fortgeführt 1962ff. (bisher 18 Bde.). J. G. Droysen: Historik, I-III, 1937.
M. Fuhrmann/H. R. Jauss/W. Pannenberg (Hg.): Text und Applikation, 1971.
H.-G. Gadamer: Wahrheit und Methode, 1960.
H.-G. Gadamer: /G. Boehm: Seminar: Philos. H., 21979.
Philosophielexikon/Rowohlt-Systhema


©opyright Werner Stangl, Linz 1997.
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