Reziproke Effekte zwischen wahrgenommenem Lehrerverhalten, intrinsischer Motivation und der Schülerleistung im Fach Rechnungswesen

Die Analyse reziproker Effekte zwischen Merkmalen der Lernumgebung (z.B. der wahrgenommenen Autonomieunterstützung) und Schülermerkmalen (z.B. der intrinsischen Lernmotivation) stellt ein hoch aktuelles Forschungsanliegen dar. Allerdings haben bisher nur wenige Studien die Wechselwirkungsbeziehungen zwischen der Unterstützung der psychologischen Grundbedürfnisse (Deci & Ryan, 1985) von Schüler/inne/n einerseits und deren (Lern)verhalten, deren emotionalen Befinden sowie deren schulischer Leistung andererseits untersucht (bspw. Skinner & Belmont, 1993; Jang, Kim & Reeve, 2012). Des Weiteren existieren keine Längsschnittstudien, die – umgekehrt – den Einfluss von (intrinsischer) Schülermotivation auf das Lehrerverhalten (z.B. Unterstützung der psychologischen Grundbedürfnisse, Pelletier, SéguinLévesque & Legault, 2002) untersuchen. In der berufs- und wirtschaftspädagogischen (BWP)-Forschung dominierte bisher überhaupt lediglich die Untersuchung des Einflusses motivationsrelevanter Merkmale der Lernumgebung auf die Lernmotivation. Hier sind v.a. die Kieler (z.B. Prenzel, Kramer & Drechsel, 2001), die Dortmunder (z.B. Hardt, Zaib, Kleinbeck & MetzGöckel, 1998), die Bamberger (z.B. Seifried, 2004; Sembill, 2004) sowie die Münchener (Lewalter, Krapp & Wild, 2000) Forschergruppe zu nennen.
Dieses Forschungsdesiderat soll die vorliegende Studie schließen, indem die vom „Motivation Mediation Model“ (Jang, Reeve, Ryan & Kim, 2009) angenommenen kausalen Effekte im Längsschnitt an 358 Schüler/inne/n der berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (Alter: MT1=15.4, SDT1=0.74, 76 % weiblich) geprüft werden. Zu zwei Messzeitpunkten (T1: 9. Schulstufe, T2: 10. Schulstufe) wurde das wahrgenommene Lehrerverhalten, die motivationale Lernregulation sowie die Rechnungswesenkompetenz der Schüler/innen gemessen. Die eingesetzten Messinstrumente führten zu zufriedenstellender Reliabilität und Messinvarianz über die Zeit. Die Ergebnisse zeigen: (1) Der signifikante Zusammenhang zwischen intrinsischer Lernregulation und der Rechnungswesenkompetenz innerhalb T1 verschwindet in T2. (2) Die Effekte zwischen T1 und T2 deuten darauf hin, dass das wahrgenommene Lehrerverhalten und die Lernregulation der Schüler/innen relativ variabel sind und daher eher als state- denn als trait-Variablen zu interpretieren sind, während die Rechnungswesenkompetenz erwartungsgemäß eher ein stabiles Konstrukt ist. (3) Die Analyse der Wechselwirkungseffekte zeigt, dass das wahrgenommene Lehrerverhalten zu T1 kausal auf die intrinsische Lernregulation der Schüler/innen zu T2 wirkt, jedoch letztere wie erwähnt nicht mit der Rechnungswesenkompetenz zu T2 korreliert, weshalb das Mediationsmodell nicht bestätigt werden kann. Darüber hinaus ist die Rechnungswesenkompetenz zu T2 weder vom wahrgenommen Lehrerverhalten zu T1, noch von der intrinsischen Lernregulation zu T1 beeinflusst. (4) Umgekehrt sagt die intrinsische Lernregulation zu T1 das wahrgenommene Lehrerverhalten zu T2 kausal vorher. Auch die Rechnungswesenkompetenz zu T1 beeinflusst die intrinsische Lernregulation zu T2 kausal – wenn auch nur marginal – und wirkt über den Mediator „intrinsische Lernregulation“ auch auf das Lehrerverhalten zu T2.
Die Befunde werden vor dem Hintergrund der Fachdidaktik des Rechnungswesens diskutiert. Um zu zeigen, ob die gefundenen Effekte auch dann vorliegen, wenn das Lehrerverhalten objektiv erfasst wird, sind weitere Forschungsbemühungen notwendig.

Kontakt:

Christoph Helm
Institut für Pädagogik und Psychologie
Johannes Kepler Universität Linz
Altenberger Straße 69
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