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Das erste pädagogisch-psychologische e-zine im internet | Seit 1996 | ISSN 1561-2503
12. Jahrgang 2007 [v1.0 - 07-04-04]

Garantiert erfolgreich Lernen Grüning Cover

Grüning, Christian (2006).
Garantiert erfolgreich lernen. Wie Sie Ihre Lese- und Lernf 0higkeit steigern.
München: Verlag Grüning.
170 Seiten.
ISBN 3-89634-597-4
EUR 16,80

Dieses Buch ist die Neuauflage eines im Jahre 2005 erschienenen Ratgebers, der schon im Untertitel verrät, wie er dieses erfolgreichere Lernen erreichen möchte, nämlich durch eine Steigerung der Lese- und Lernfähigkeit.

Der Autor ist wie viele Autoren vergleichbarer Ratgeber ein fachfremder Quereinsteiger, der sich während seines Studiums wohl auf Grund eigener Lernerfahrungen und -probleme mit diesem Thema beschäftigt hat. Diese Beschäftigung führte ihn über verschiedene berufliche Stationen schließlich zur Gründung einer eigenen Fortbildungsakademie, in der er Seminare in den Bereichen Wissensmanagement, Mind Mapping, Gedächtnistraining, Speed Reading, Zeitmanagement, Mediation und Neurolinguistisches Programmieren (NLP) abhält. Aus dieser Zusammenstellung ergeben sich auch die Inhalte dieser Publikation, die als Grundlage der Seminare der Akadamie dient bzw. über diese vermarktet wird.

Das Buch liefert daher in wesentlichen Teilen Tipps und Erklärungen zu Speed Reading, Mind Mapping sowie Zeitmanagement und Gedächtnisstrategien, und bietet Anleitungen zur Verbesserung von Konzentration, Erhöhung der Motivation bzw. zum Stressmanagement, wodurch man schneller und mit besserem Verständnis lernen können sollte. Die im Titel abgegebene „Garantie“ sollte hier nur als Marketingargument betrachtet werden, was wohl zum Handwerk einschlägiger Anbieter von Lerntechnikseminaren gehören dürfte.

Die einleitend genannten Themenbereiche markieren schließlich auch den Aufbau des Buches, wobei meist ausgehend von einem konkret und anschaulich beschriebenen Lernproblem eine mehr oder minder wissenschaftlich begründete Analyse der Ursachen erfolgt, aus der dann einzelne konkrete Handlungsanweisungen abgeleitet werden. Die Klammer für die dargelegten Problembereiche stellt der immer wieder angesprochene „Lernzyklus nach Grüning“ dar, der in einem Strukturdiagramm (siehe Abbildung) eine Verbindung zum Wissensmanagement in Großunternehmen herstellen soll.

 Speed Reading Motivation Stressmanagement KonzentrationNach Aussage des Klappentextes enthält das doch eher schmale Buch nicht nur alle wichtigen Lerntechniken, sondern es „greift diese nicht einfach nur auf. Es wird aufgezeigt, wie ALLES beim Lernen zusammenhängt“.  Und weiter heißt es: „ Nach der Arbeit mit diesem Buch werden Sie schneller und - viel wichtiger - mit besserem Verständnis und einer besseren Erinnerung lesen (Speed Reading). Es wird Ihnen leicht fallen, selbst komplexe Informationen gehirn-gerecht aufzubereiten und mühelos in Ihr derzeitiges Wissen einzubinden (Mind Mapping). Derart "konstruiertes" Wissen werden Sie leicht wieder "rekonstruieren" können und im entscheidenden Moment zur Verfügung haben (Gedächtnis-Strategien & Mnemotechnik). Unterstützt wird dieser Prozess durch das richtige Zeitmanagement. Sie lernen, Ihre Konzentration zu verbessern und eine starke Motivation für die wichtigen Aufgaben zu entwickeln. Und das alles ohne Stress. Klingt unglaubwürdig? Dann lassen Sie sich überraschen.“

Das Buch bietet für den Fachmann dann erwartungsgemäß keine wirkliche Überraschung, zeichnet sich aber durch eine sprachlich lockere und angenehme Darstellung aus, wobei diese an manchen Stellen durch die Begeisterung des Autors über seine „Erkenntnisse“ geradezu mit missionarischem Eifer daherkommt. Diese zwischen den Zeilen vermittelte emotionale Grundhaltung des Autors kann dem naiven Leser, der mit seinen Lernproblemen kämpft, durchaus den Eindruck vermitteln, hier endlich einen Schlüssel für das Rätsel seiner Lernprobleme gefunden zu haben.

Aus wissenschaftlicher, insbesondere fachpsychologischer Sicht stellt sich die Bewertung durchaus nüchterner dar. Zum einen enthält das Buch zwar zahlreiche wissenschaftlich belegte Einzelfakten, die schon seit Jahrzehnten, in Einzelfällen bis über hundert Jahre (Vergessenskurve, Mnemotechniken) bekannt sind und natürlich von ihrer Richtigkeit und Bedeutsamkeit für das erfolgreiche Lernen seither nichts verloren haben, zum anderen finden sich vor allem auf dem Hintergrund der neueren und aktuell auch boomenden neuropsychologischen Gehirnforschung überzogene Interpretationen von Erkenntnissen, die einer genaueren Betrachtung nicht Stand halten. Vieles ist in der Interpretation einfach laienhaft, wenn etwa von „Widerständen des limbischen Gehirns“ (S. 118) gesprochen wird, wenn eine neue Lerntechnik „droht“ (S. 21), was von einem heuristischen Standpunkt aus betrachtet noch angehen mag, im Hinblick auf die Relevanz zur Verbesserung des individuellen Lernens aber eher hinderlich ist. Exemplarisch sollen zunächst einige der angepriesenen Lerntechniken kritisch untersucht werden.

So sehr etwa die Ausführungen zum Speed Reading auf einige bekannte Lesefehler beim Lernen verweisen und durchaus sinnvolle Anregungen und Übungen zur systematischen Verbesserung der Lesegeschwindigkeit liefern, ist deren Begründung in der Funktionsweise des Gehirns (Lateralisierung, S. 24ff) eine auch von anderen Autoren (z.B. Vester, Birkenbihl) leider auftretende überzogene Interpretation von heute eher fragwürdigen Ergebnissen älterer Gehirnforschung. Das hängt teilweise mit einer von Berichterstattern vorgenommenen Ontologisierung von ursprünglich nur zur besseren Erklärung benutzter metaphorischen Vergleichen zusammen, die letztlich aber falsch sind bzw. ein falsches Bild von den tatsächlichen Prozessen im Gehirn liefern. Falsch ist übrigens auch die Schreibweise des „Corpus callossum“ sowie das Geschlecht der Hirnhälften ;-) (S. 24). Auch wenn durch das vom Autor mehrmals im Buch propagierte Training ("3-2-1-Übung", S. 50ff) zwar eine Verbesserung der Leseleistung bei manchen Menschen herbeizuführen sein dürfte, so ist dieses in der dargestellten Form weder verallgemeinerbar bzw. durch ihren Eingriff in üblicher Weise verfestigte Lesegewohnheiten in einigen Fällen auch gefährlich und könnten schließlich in der Folge zu einer Verschlechterung der Leseleistung führen.

Die vom Autor als Struktur-Karten (S. 82ff) beschriebene Aufbereitungstechnik von Lerninhalten ist die seit längerer Zeit von Tony (?) Buzan unter dem Begriff Mind Mapping verbreitete und vor allem vermarktete Methode, welche durch die dazu notwendige aktive Bearbeitung eines Textes oder anderen Lerninhaltes in der Regel dazu führt, dass diese besser behalten werden. Auch in diesem Fall ist die hirnphysiologische Begründung des Erfolges dieser Methode nicht nur eine überzogene Interpretation von einschlägigen Forschungsergebnissen, sondern in vielen Fällen auch falsch (Einbindung beider Gehirnhälften, Gehirn arbeite radial „sprühend“, Alpha-Wellen als idealer Hintergrund für das Lernen usw.). Der Effekt ist hier schlicht auf den aktiven, daher meist auch sinnhafteren und umfangreicheren Umgang mit einem Lernmaterial zurückzuführen, der schon allein dadurch einer wohl eher langweiligen, rein repetitiven, linearen Wiederholung etwa durch Lesen und/oder Textmarkierung auch dadurch überlegen ist, dass der Lernstoff rein quantitativ reduziert wird.

Widersprüchlich ist auch die aus dem NLP-Umfeld abgeleitete Bedeutung der Augenbewegungen bzw. Synästhesien bei unterschiedlichen Lernkanälen bzw. Lerntypen (S. 94ff), die heute eindeutig als empirisch widerlegt gelten kann, nichtsdestoweniger noch immer in Form von Teilnehmerkonditionierung in einschlägigen Seminaren unter die Leute gebracht wird. Das erstaunt insofern, als der Autor zu Recht darauf hinweist, dass die von anderen „Lernexperten“ verbreiteten Prozentzahlen hinsichtlich der Lerneffizienz bei der Verbindung unterschiedlicher Lernkanäle unsinnig sind (S. 97).

Schließlich beruhen die im Buch verstreut empfohlenen Mnemotechniken teilweise auf seit Jahrhunderten bekannten Methoden, die einzeln zwar recht gut geeignet sind, gedächtnismäßige Höchstleistungen zu erzielen, die aber in ihrer Anwendung bis auf wenige spezielle Fälle kaum alltagstauglich sind, insbesondere wenn es um für Bildungsinstitutionen übliche und daher umfängliche Lernstoffe geht.

Mehr oder minder bekannt bzw. trivial sind die Darstellungen zur Zeitorganisation, Pausengestaltung oder zur Motivation. Dass Erfolgserlebnisse das Lernen fördern bedarf wohl keiner nähere Begründung, schwieriger wird es allerdings schon, diese Motivation nicht nur auf das Lernen von Techniken zur Verbesserung der eigenen Lerntechnik zu richten, sondern auf konkrete andere Lernstoffe. Trivialerweise ist die lebenspraktische Grundlage allen erfolgreichen Lernens das Erleben eines Mangels, den man beheben möchte bzw. muss. Daher ist die Schaffung eines solchen Bewusstseins beim Leser wohl schon “die halbe Miete“. Ein Leser wird daher in diesem Buch zwar in anregender Weise vieles darüber erfahren und wohl auch lernen, warum er anscheinend bisher vermeintlich so wenig erfolgreich beim Lernen gewesen ist, was übrigens auf Grund der alltäglichen Beobachtung von Menschen in ihrer erfolgreichen Daseinsbewältigung doch eher seltsam anmutet. Allerdings ist es aus eigener Lehr- und Lernerfahrung auch bekannt, dass solche inhaltlich spezifischen Erkenntnisse nicht so einfach und vor allem nicht in kurzer Zeit generalisierbar sind. Schließlich beruht darauf auch die faktische Differenz zwischen Belehren und Lernen-Wollen, von dessen Existenz jeder Lehrende ein Lied zu singen weiß. Konsequenterweise ist das Kapitel Abrufen / Anwenden (S. 165) nur eine halbe Seite lang. Ein gründliches Studium des Buches wird dem interessierten Laien daher wohl einiges nachhaltige Wissen zum Thema „Erfolgreiches Lernens und wie es funktionieren könnte“ vermitteln, wodurch die durch das Buch propagierte Methode zumindest bei einigen Lesern selbstbezüglich erfolgreich sein dürfte.

Insgesamt betrachtet finden sich in diesem Ratgeber viele richtige Darstellungen und Analysen von Sachverhalten im Zusammenhang mit Lernen, die für einen Leser neu und überraschend sein dürften. Auch mag die eine oder andere empfohlene Technik bei konsequenter und auch anhaltender Anwendung zu einer Verbesserung der Lernleistung führen, allerdings weiß man aus der Praxis, dass Menschen auf Grund ihrer individuellen Lerngeschichte sehr unterschiedliche „Problemzonen“ aufweisen, die meist nur durch eine sorgfältige Analyse erkannt und bearbeitet werden können. Diesen mit allgemeinen Ratschlägen zu kommen ist hier manchmal kontraproduktiv. Jedoch mag der bekannte Hawthorne-Effekt ein Übriges dazu beitragen, dass sich nach der Lektüre zumindest ein Zufriedenheitserlebnis einstellt, was man nicht allen vergleichbaren Ratgeberbüchern nachsagen kann und vielleicht auch auf dem zweimaligen, gewinnenden Lächeln des Autors auf dem Buchcover beruht. Versöhnlich für den Fachmann ist schließlich die schon eingangs zu findende Kritik an anderen Lernratgebern, die der Autor seinen eigenen Ausführungen auf Seite 10 voranstellt: „Den kreativen Sprung weg von der Theorie hin zur Praxis muss man jedoch selbst vollziehen“. Dem ist wenig hinzuzufügen. (W.S.)

Weitere Informationen zum Buch und zum Autor sind unter dem URL http://www.akademie-gruening.de/ auch im Internet zugänglich, wo auch einige Übungen downloadbar sind.
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