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Das erste pädagogisch-psychologische e-zine im internet | Seit 1996 | ISSN 1561-2503
12. Jahrgang 2007 [v1.0 - 07-04-04]

Döring, Nicola (2003).
Sozialpsychologie des Internet. Die Sozialpsychologie des Internet. Die Bedeutung des Internet f"r Kommunikationsprozesse, Identit 0ten, soziale Beziehungen und Gruppen.
(Internet und Psychologie - Neue Medien in der Psychologie, Band 2)
Zweite, vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage.
Göttingen: Hogrefe.
ISBN 3-8017-1466-7
662 Seiten.

Es zählt zu den befriedigenden Erfahrungen eines Rezensenten, wenn er anlässlich der Erstauflage eine Werkes von einem Standardwerk sprach und er sich bei der Zweitauflage in seinem Urteil bestätigt fühlen kann.

Seit der ersten Auflage ist das Internet bei vielen Menschen mit seinen Kommunikationsformen noch intensiver in den beruflichen und privaten Alltag eingedrungen, sodass die zweite, vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage des Buches notwendigerweise "auf die Veralltäglichung des Mediums" reagiert. Nach wie vor bieten die ersten Kapitel eine komprimierte Darstellung der Entwicklung und Bedeutung des Internet und eine ausführliche Beschreibung der verschiedenen Präsentations- und Kommunikationsformen. Eine Komprimierung findet sich teilweise auch im Umfang und Stil der Darstellung, die auch durch die Fülle an neuen Entwicklungen (Weblogs, neue Formen der Datenauswertung) notwendig war. Auch Kuriosa wie die "Teledildonik" werden gestreift ;-) Die sozialen Aspekte im Zusammenhang mit der Nutzung des Internet werden wieder umfassend an der bisherigen theoretischen und forschenden Aufarbeitung dieses Feldes thematisiert, wobei die Darstellung der Methoden und Ergebnisse der online-Forschung deutlich mehr Gewicht bekommen.

Mehr Raum erhält auch die Auseinandersetzung mit den Ergebnissen anderer Teildisziplinen der Psychologie (z.B. allgemeine, differenzielle und Entwicklungspsychologie, klinische, pädagogische und Organisationspsychologie), aber auch die Analysen von Soziologie, Politik-, Wirtschafts-, Kommunikations-, Medien- und Sprachwissenschaften werden verarbeitet. Auch wenn eine umfassende Medienpsychologie des Internet - soferne eine solche überhaupt möglich und sinnvoll sein kann - sich bisher nur in Umrissen abzeichnet, werden doch die Aufgaben einer solchen herausgearbeitet, insbesondere in den für die LeserInnen praktischen Zusammenfassungen der einzelnen Kapitel und in den immer wieder eingestreuten kritischen Kommentaren und Hinweisen auf den möglichen Praxisbezug der referierten Forschungsliteratur. Diese didaktisch wohl gesetzten Zwischenabschnitte verleiten die LeserInnen immer wieder zum Innehalten und zur Eigenreflexion.

Identität, soziale Beziehung und Gruppe bilden jene drei sozialpsychologischen Kernkonstrukte, die nachhaltig von der Virtualisierung betroffen sind. Sie stehen daher im Zentrum der Darstellung und Diskussion. Eigene Interview-Studien und Fragebogen-Untersuchungen sowie umfangreiche teilnehmende und nicht-teilnehmende Feldbeobachtungen deutsch- und englischsprachiger Mailinglisten, Newsgroups, WWW-Sites, Chat-Channels und MUDs sowie diverser netzbezogener "Real-Life"-Szenarien bilden wie schon im ersten Band die Basis für eine kritische Würdigung der Einzelbefunde.

"Drohen uns somit Identitätstäuschungen, Pseudobeziehungen und Gemeinschaftszerfall?" fragt die Autorin im Vorwort. Während im ersten Band in vielen Abschnitten auf Grund der persönlichen Kenntnisse und Erfahrungen mit dem Medium eine zwar wissenschaftlich "gebremste" Begeisterung zu spüren war, dominiert in der Zweitauflage der eher nüchterne Blick der theoretischen Einordnung und die vorsichtige Perspektive auf mögliche (Fehl)Entwicklungen. Insbesondere werden die Popularisierung und Kommerzialisierung des Mediums beleuchtet und so auf die sozio-kulturellen Differenzen und Konfliktpotenziale hingewiesen. Einen wesentlich breiteren Raum nimmt daher in der 2. Auflage die Internet-Forschung, insbesondere die sozialpsychologische online-Forschung ein, die nach Meinung der Autorin dazu beitragen kann, neben dem vertieften Verständnis der Beziehungen auch einen möglichen Gestaltungsbedarf herauszuarbeiten und die Wirksamkeit von sozio-technischen Interventionen zu prüfen.

Phasen des Diskurses zu Online-Gemeinschaften (S. 503)

Ausführlich werden abermals auch die kritischen Seiten des Internet beleuchtet, etwa die Probleme der Pornografie und die Darstellung diskriminierenden oder rassistischen Gedankenguts, wobei die Autorin auch die wechselnden Einschätzungen und Bewertungen dieser "apokalyptischen Reiter" der Rechnernetze kritisch beleuchtet.

Interessanterweise zeigt sich mit dem Älterwerden des Internet, daß in den neuen Technologien die bekannten und vertrauten Probleme der alten Medien wieder auftauchen, wobei die Auseinandersetzung damit auch zu einem veränderten Verständnis der etablierten Medien führen kann. Die Autorin konstatiert, dass ausgerechnet "die oft als "kalt" und "entmenschlicht" etikettierte Computertechnik einen Boom intimer, hochemotionalisierter zwischenmenschlicher online-Kommunikation hervorgebracht hat". Die in diesem Zusammenhang oft bemühte "Virtualität" von Beziehungen ist vermutlich nichts anderes als ihre Verschärfung gegenüber einer oft kulturell verschleiernden Realität. Um der Verbindung von Sozialem und Technischen gerecht zu werden, schlägt Döring eine medienökologische Perspektive vor, die sich auf die Wechselwirkung von Mensch und Medienumwelt konzentriert, aber auch die übrigen Umwelten nicht aus dem Blick verliert. Schließlich empfiehlt die Autorin der Mainstream-Sozialpsychologie, der dominierenden kognitiv-experimentellen Perspektive (cold perspective) eine hot perspective an die Seite zu stellen, welche Emotionen und Motivation expliziter in die Analyse miteinbezieht.

Zahlreiche Bildschirmabbildungen, Grafiken und vor allem die trefflichen Cartoons Randy Glasbergens (http://www.glasbergen.com/) dienen der Veranschaulichung und nicht bloß zur Auflockerung des Textes, denn in den Karikaturen spiegeln sich in verknappter Form viele Ängste und Hoffnungen von netizens und Internetskeptikern wider. Die Tendenz des Internet vom textorientierten Medium zum eher bildhaften, die in den letzten Jahren zu beobachten war, spiegelt sich also auch in dieser wissenschaftlichen Darstellung.  

Besonderen Zuwachs erhielt das Literaturverzeichnis, das statt 27 nun 66 Seiten der einschlägigen deutsch- und englischsprachigen Fachliteratur umfasst. Ein umfangreicher Service-Anhang verweist auf Organisationen, Foren, Portale und Fachzeitschriften, die sich mit sozialwissenschaftlicher online-Forschung befassen. Wie schon bei der Erstauflage erleichtert ein ausdifferenzierter Index die Benutzung des Buches als Lehr- und Nachschlagewerk. (W.S.)

Weitere Veröffentlichungen von Nicola Döring sind unter dem URL http://www.nicola-doering.de/publications.htm auch im Internet zugänglich, wo Probeseiten und das Vorwort der Zweitauflage abzurufen sind.

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